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Kae Tempest
Queere Institution in den Bereichen Rap, Lyrik und Spoken Word
Seit zwei Jahren führt Kae Tempest einen neuen Vornamen und ein neues Pronomen, doch künstlerisch betrachtet hat sich im besten Sinne nicht viel geändert. Jetzt ist das Album "The Line Is A Curve" erschienen.

Kae Tempest outete sich im Sommer 2020 als nichtbinär (Bild: Wolfgang Tillmans)
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8. April 2022, 01:55h - 4 Min.
"Solange ich kreativ bin, sehne ich mich nach dem Rampenlicht – und fühle mich hoffnungslos unwohl darin", schreibt Kae Tempest in seinem*ihrem Ankündigungstext zu "The Line Is A Curve". In der Vergangenheit habe er*sie alles darangesetzt, als Person hinter dem eigenen künstlerischen Werk zu verschwinden – was in einer derartig klatsch- und personenzentrierten Mediengesellschaft wie der unseren am Ende immer nur ein ebenso naiver wie zugleich verständlicher Wunsch sein kann, der weit von der Realität entfernt bleibt. So versuchte Tempest sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, etwa indem er*sie in Musikvideos oder auf Albumcovers nicht frontal zu sehen war – doch das Unbehagen mit der eigenen Identität und dem Körper blieb weiter bestehen.
Im Jahr 2022 ist nun vieles anders: Die Scham der Vergangenheit ist einem neuen Selbstbewusstsein gewichen. In den Musikvideos zum neuen Album ist Kae Tempest in Close-Up-Einstellungen zu sehen. Die emotionalen Schutzmauern vergangener Tage sind gefallen; "Kapitulation als Ausweg" nennt Tempest diesen Veränderungsprozess. Die vom renommierten Portrait-Fotografen Wolfgang Tillmans fotografierten Promobilder zeugen davon und zeigen eine verletzliche und zugleich in sich ruhende Person, die das Shooting sichtlich zu genießen scheint.
Ganz zentral hängt dies nach eigener Darstellung mit dem Coming-out als nichtbinär vor zwei Jahren zusammen. Seitdem ist sein*ihr selbstgewähltes Pronomen im Englischen they, für das im Deutschen jedoch bisher keine äquivalente Entsprechung gibt.
Verbundenheit als übergeordnetes Thema

Das Album "The Line Is A Curve" ist seit 8. April 2022 im Handel erhältlich
Das übergeordnete Thema des neuen Albums ist Verbundenheit – in ihrer ganzen Vielfältigkeit und Komplexität. Damit knüpft Tempest an sein*ihr 2020 veröffentlichtes Buch "Verbundensein" (Amazon-Affiliate-Link ) (engl: "On Connection") an und deutet zugleich darauf hin, dass sich Musik, Lyrik, Prosa und Essays bei Tempest künstlerisch nie auseinanderdividieren lassen, sondern eben verbunden sind.
Doch lässt sich der Begriff auch noch auf ganz andere thematische Aspekte beziehen: eine Verbundenheit zwischen Werk und Künstlerin, zwischen Geist und Körper. Darin symbolisiert sich eine Beziehung, in der das eine nicht mehr ein lästiges Anhängsel des anderen ist, das es nach Möglichkeit zu eliminieren oder zumindest zu verstecken gilt, sondern das im Gegenteil dessen Grundvoraussetzung darstellt.
Die zentrale Stellung von Verbundenheit lässt sich nicht zuletzt aber auch daran feststellen, dass viele Weggefährt*innen der Vergangenheit den künstlerischen Prozess des neuen Albums begleitet und maßgeblich mitgestaltet haben – darunter auch befreundete Künstler*innen wie der Drummer Kwake Bass oder Gitarrist Luke Eastop, die Tempests künstlerischen Werdegang seit den Anfängen in der Hausbesetzerszene in New Cross und Peckham der späten 1990er und frühen 2000er Jahre begleitet haben. Auch darin sieht Tempest eine Form des Verbundenseins, wenn er*sie sagt: "Ich bin nur hier, weil ich vorher dort war. Und ich bin immer noch dort, obwohl ich hier bin." Die Linie verläuft nie linear, sondern unstet und kurvig – "The Line Is A Curve".
Eine gute Reise
Musikalisch schließt das neue Album nahtlos an das 2019 erschienene "The Book of Traps and Lessons" an. Die Grundlage von Tempests Sound ist nach wie vor ein elektronisches Klanggerüst, das durch analoge Instrumente ergänzt wird. Den rhythmischen Kitt liefert neben den elektronischen Beats ihres Kreativpartners Dan Carey und den Schlagzeugspuren von Kwake Bass Tempests Stimme selbst, die mal eindringlich und fordernd – wie im Opener "Priority Boredom" – dann aber wieder in sich ruhend und beinahe andächtig wie in dem Duett mit Lianna La Havas gesungenen "No Prizes" auf die Hörer*innen einwirkt.
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Dringend empfohlene Anspieltipps dieses rundherum gelungenen Albums sind darüber hinaus das bereits vorab ausgekoppelte "I Saw Light" sowie das mit verhallten Gitarren beinahe psychedelisch gehaltene "These Are The Days".
Es heißt: Jedes von 10.000 Menschen gelesene Buch ergebe am Ende 10.000 verschiedene Bücher. An diesen Gedanken schließt auch Tempest an, wenn er*sie am Ende des Ankündigungstextes zu "The Line Is A Curve" schreibt, dass er*sie mit dem Abschluss der Produktion und der nun bevorstehenden Veröffentlichung des Albums zugleich die Kontrolle über die darauf festgehaltene Musik abgebe und es fortan jenen gehöre, die es entdecken. "Alles, was ich mit diesem Album noch tun kann, ist, ihm eine gute Reise zu wünschen." Ja, die hat es auch wahrlich verdient.
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Links zum Thema:
» Das Album „The Line Is A Curve“ bei amazon.de
» Homepage von Kae Tempest
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