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Sachbuch

Wie das Trauma Aids schwule Generationen miteinander verbindet

Mit seinem neuen Essay "Aids als kollektives Trauma" erweist sich Patrick Henze-Lindhorst als genauer Beobachter schwuler Geschichte, der bis in die Gegenwart reichende Ängste zu erklären versucht.


Gedenken an die Opfer von Aids: "Denkraum: Namen und Steine" in Berlin (Bild: Deutsche AIDS-Stiftung)

In seinem neu in der "in*sight/out*write"-Reihe des Querverlags erschienen Essay stellt Patrick Henze-Lindhorst die These auf, dass Aids weit über seine unmittelbar physischen Folgen hinaus ein "kollektives Trauma" für schwule Männer dargestellt habe und noch immer darstelle – bis heute. Doch wie begründet er die Traumata jener, die sich nie infiziert haben?

Ihren Ausgangspunkt nehmen Henze-Lindhorsts Überlegungen auf einer Tagung zum Thema Aids in der Akademie Waldschlösschen im Sommer 2019. Dort wohnt der Autor einem Vortrag bei, in dem Christoph Mayr – seinerseits Autor und Arzt – den Fall eines seiner Patienten Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre schildert: Bereits stark durch Aids geschwächt, reist der Patient zu Weihnachten zu seiner Familie in die erzkatholische Provinz – im Wissen darum, dass dies sein letztes Weihnachten sein wird. Die letzten ihm zur Verfügung stehenden Kräfte verwendet er dort darauf, seine Erkrankung der Familie gegenüber zu verheimlichen. Wenige Tage später stirbt er. Der Bruder des Verstorbenen ruft daraufhin bei Mayr – dem behandelnden Arzt – an, mit der eindringlichen Bitte, auf dem Leichenschau-Schein "die wahre Todesursache" zu verschleiern.

Eine intragenerationale Verbundenheit

Diese geradezu verstörenden Schilderungen sorgen sowohl bei Henze-Lindhorst selbst als auch bei anderen Konferenz-Teilnehmern seiner Generation für eine große, auch unmittelbar persönliche Betroffenheit. Manche von ihnen brechen unvermittelt in Tränen aus, andere müssen sich zeitweilig zurückziehen, um die Schilderungen zu verarbeiten. In den folgenden Monaten geht der Autor in Gesprächen mit schwulen Freunden der Frage nach, ob diese starke emotionale Reaktion Ausdruck der Tatsache gewesen sei, dass das Publikum ausschließlich aus schwulen Männern bestanden habe: "Ich stellte die Frage, ob sich in einem Raum mit gemischter Zusammensetzung oder etwa mit heterosexuellen Teilnehmer:innen eine grundsätzlich andere Szene abgespielt hätte."

Diese Frage bejaht Henze-Lindhorst in der Folge. Dies begründet er damit, dass geteiltes Leid wie Ausgrenzungs- oder schmerzhafte Coming-out-Erfahrungen zu einer besonderen, auch intragenerationalen Verbundenheit zwischen Schwulen fühle. Zugleich bereitet ihm das Postulat eines wie auch immer gearteten "schwulen Kollektivs" Bauchschmerzen: Zu heterogen sei diese Gruppe, zu differenziert ihre Lebenswelten, als dass man sie derartig unterschiedslos zu einem homogenen Kollektiv erklären könne.

Diesen berechtigten Einwand betrachtet er jedoch als ein Spannungsverhältnis, das sich nicht umstandslos auflösen lasse – und das ihn aufgrund der umrissenen, geteilten Leiderfahrungen auch nicht daran hindert, seine Ideen und Thesen bezüglich eines "kollektiven Traumas" auszuführen.

Schwebezustand zwischen Leben und Tod


"Aids als kollektives Trauma" ist in der Reihe "in*sight/out*write" des Querverlags erschienen, die "Visionen entwerfen und Utopien wagen" will

Mit diesem Terminus bezieht Henze-Lindhorst sich dabei unter anderem auf den Psychoanalytiker Martin Dannecker, der seinerseits bereits seit den frühen 1970er Jahren zu männlicher Homosexualität und Schwulenhass forscht. Ähnlich wie Dannecker in seiner Habilitationsschrift "Homosexuelle Männer und Aids" aus dem Jahr 1990 geht Henze-Lindhorst davon aus, dass das durch Aids hervorgerufene kollektive Trauma der Schwulen zum einen mit dem "Sterben so vieler homosexueller Männer an Aids", zum anderen mit der "gewaltschwangeren Metapher Aids" zu tun habe.

Neben jenen, die durch die eigene HIV-Diagnose und dem damit verbundenen Wissen um das baldige Sterben schwer traumatisiert wurden, habe Aids auch zur Traumatisierung jener beigetragen, die zum Teil wochenlang auf ihr eigenes Testergebnis gewartet und damit in einem gefühlten Schwebezustand zwischen Leben und Tod verharrt hätten. Die kumulative Verlusterfahrung enger Freunde und Wegbegleiter aus der schwulen Community und das gesellschaftliche Narrativ von der "Schwulenseuche" habe diese Traumata verstärkt.

Ebenso wie innerhalb von Familien unverarbeitete Kriegstraumata an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werde, habe sich auch innerhalb schwuler Communitys das Trauma Aids intragenerational verbreitet. Dennoch macht Henze-Lindhorst an dieser Stelle eine wichtige Differenzierung: Während bei jenen, die die Zeit des massenhaften Sterbens unmittelbar miterlebt haben, im Zuge konkreter Schilderungen die Erinnerungen an die erlebten Ereignisse stets aufs Neue wieder lebendig werden, bleiben sie für die Generation jener, die erst nach den 2000er Jahren im Zeitalter fortschreitender medizinischer Entwicklung in Kontakt mit der schwulen Community kamen, immer ein Stück weit äußerlich.

Ein genauer Beobachter schwuler Geschichte

Mit dem vorliegenden Essay erweist Patrick Henze-Lindhorst sich einmal mehr als genauer Beobachter schwuler Geschichte, die er bereits in zahlreichen Publikationen verhandelt hat – etwa in der ebenfalls im Querverlag erschienenen Promotionsschrift "Schwule Emanzipation und ihre Konflikte" oder dem unter seinem Pseudonym Patsy l'Amour LaLove herausgegebenen Sammelband "Selbsthass und Emanzipation".

"Aids als kollektives Trauma" (Amazon-Affiliate-Link ) weist dabei das Potenzial auf, die Diskurse rund um die bis in die Gegenwart reichenden psychosozialen Folgen der Aids-Epidemie produktiv zu beeinflussen. Denn auch in einer Zeit, in der HIV bei entsprechender medizinischer Behandlung in der Regel keinerlei Auswirkungen mehr auf die Gesundheit von Infizierten hat, ist die einst tödliche Gefahr des Virus nicht gebannt – sie lebt in unseren Köpfen weiter.

Infos zum Buch

Patrick Henze-Lindhorst: Aids als kollektives Trauma. Über eine Verbundenheit schwuler Generationen. Band 7 der Reihe in*sight/out*write. 64 Seiten. Querverlag. Berlin 2022. Taschenbuch: 8 € (ISBN 978-3-89656-316-3)

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#1 AnonymAnonym
  • 10.04.2022, 07:15h
  • Auch heute noch abschreckend wirken kann z.B. auch das Verhalten mancher Berater bei den Aids-Hilfen. Nach einem Risikokontakt musste ich erst in einem langen Gespräch ausführlichst alle Details des Sexkontaktes preisgeben, was mir äußerst unangenehm war, bevor mir zugesagt wurde, dass ich jetzt einen Test machen könnte. Ich hätte mir gewünscht, einfach sagen zu können "Hallo, ich hatte einen Risikokontakt und würde mich gern testen lassen", statt mich erst einer solch demütigenden Detailbefragung unterziehen zu müssen.

    Auch so etwas kann traumatisieren und dazu führen, dass man sich beim eventuellen nächsten Mal sehr gut überlegt, ob man sich sowas nochmal antun möchte. Das könnte Menschen dazu treiben, sich aus Scham nicht testen zu lassen - auch nicht bei einer Einrichtung wie der Aids-Hilfe, die eigentlich genau dafür da ist.
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#2 BerlinerAnonym