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"Mich haben alle als Schwulette bezeichnet"

Emokultur und Schwulenhass

Emo als "das neue schwul": Kaum eine Jugendsubkultur erregte in den 2000er Jahren so viel Aufmerksamkeit und Hass wie die Emoszene – trotz vergleichsweise wenig Anhänger*innen. Warum polarisierte sie derartig? Eine Spurensuche.


Für queere Jugendliche war die Emoszene ein Safe Space (Bild: David Erickson / flickr)

Die Jugend ist eine Zeit höchst fragiler Identitäten – das wissen wohl die meisten, die diese Phase bereits durchlebt haben. Der Abnabelungsprozess vom eigenen Elternhaus ist oftmals schmerzhaft und krisenhaft und zugleich unabwendbar auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Sogenannte Peergroups und Jugendsubkulturen füllen meist das entstandene Vakuum und werden zu dem, was (im besten Falle) früher einmal das Elternhaus gewesen war: ein Ort der Geborgenheit, an dem man sich selbst ausprobieren und Bestätigung erfahren kann.

Zugleich besteht im weiten Feld der sich zunehmend ausdifferenzierenden Szenelandschaft auch immer das Potenzial neu entstehender Rivalitäten. Nämlich dann, wenn in der jeweils anderen Szene ein charakteristisches Element gesehen oder auch nur vermutet wird, das für die eigene Identität als potenziell bedrohlich wahrgenommen wird. Vor allem männlich-homosozial dominierte Szenen ziehen ihr Selbstbewusstsein immer noch allzu oft aus der Verächtlichmachung alles Weiblichen – insbesondere dann, wenn diese Weiblichkeit von Jungs – oder jenen, die dafür gehalten werden – repräsentiert wird und die traditionell binäre Geschlechterordnung damit ins Wanken gerät.

Der Sozialpsychologe Rolf Pohl spricht daher auch von "Weiblichkeitsabwehr", die ihm zufolge konstitutiv für die männliche Adoleszenz sei. Innerhalb dieser machistischen Kultur würden Szenen, die die traditionelle, heteronormative Zweigeschlechtlichkeit unterwandern und ihr eigene, subversive Identitätsmodelle gegenüberstellen, als grundlegende Gefahr wahrgenommen.

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Emo und der Fake-Vorwurf

Diese geschlechtsspezifische Fragilität kann zugleich auch als wesentliche Ursache dafür angesehen werden, warum sich die Mitte der 2000er Jahre herausgebildete Emoszene einem vorher nie dagewesenen Hass ausgesetzt sah. Denn die Emos setzten konsequent das fort, was ab den 1970er Jahren bereits durch Subkulturen wie Glam, Punk und New Wave in die Wege geleitet wurde: die Abkehr von traditionell-geschlechtlichen Rollenmustern und die zunehmende Akzeptanz von sexueller Devianz.

Diese Andersartigkeit wurde durch die Emos bereits rein äußerlich auf die Spitze getrieben: Gegenüber den weiten Baggys der in jener Zeit ebenfalls enorm populären Hip-Hop-Kultur wurden enge Röhrenjeans bevorzugt, die die nicht selten dünnen, muskelarmen und dadurch wenig definierten Körper der Heranwachsenden auf geradezu provokative Weise zur Schau stellten. Nagellack trugen nicht nur die Mädchen, sondern auch die Jungs. Und durch die eklektizistische Kombination von Elementen wie Nietengürteln und kindlichen Haarspangen wurde das breite Emotionsspektrum zwischen Härte auf der einen und infantiler Sensibilität auf der anderen Seite symbolisch dargestellt – und damit zugleich die emotionale Einfältigkeit anderer Subkulturen konterkariert.


Schwarze Kleidung und lange Haare waren typisch für männliche Emos (Bild: Bladysek / wikipedia)

Durch die offensive Aneignung von Stilelementen anderer Subkulturen wie Punk, Rockabilly oder den Mods sahen sich die Emos jedoch dem Vorwurf ausgesetzt, keine echte, "authentische" Bewegung und damit letzten Endes nur "fake" zu sein. Auch darin kann der Versuch gesehen werden, die geschlechtsspezifische und sexuelle Offenheit der Emos, die in der Mode ihren Ausdruck fand, als "nicht natürlich gewachsen" zu diffamieren – ein Vorwurf, der in aller Regel auch in der Homophobie seinen Ausdruck findet, wenn Homosexualität als "unnatürlich" gebrandmarkt wird.

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Die Universalität des Emohasses

Tatsächlich war der von außen artikulierte "Vorwurf", eine homophile Subkultur zu sein, keineswegs aus der Luft gegriffen. So weisen die Ergebnisse zahlreicher geführter Interviews aus jener Zeit darauf hin, dass die Emoszene tatsächlich eine Art Safe Space für jene Jugendlichen darstellte, die aufgrund geschlechtsspezifischer Normabweichungen aus anderen Jugendkulturen verstoßen oder dort von vorne herein gar nicht erst akzeptiert wurden.

Gerade daraus aber resultierte der spezifische Hass auf die Emokultur, der in den in den 2000er Jahren so wie das Phänomen "Emo" selbst universal war: So gab es etwa Berichte über orchestrierte Hetzjagden aus Mexiko, als dort unter dem Motto "Unterstütze dein Vaterland, töte einen Emo" gezielt zu Übergriffen auf Emos aufgerufen wurde. Auch die Emoszenen in Chile oder der Türkei waren nachweislich zum Teil massiven Repressalien ausgesetzt. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die globale Hasskultur Anfang 2012, als innerhalb weniger Wochen 90 bis 100 Jugendliche aus dem Irak, die mit der Emoszene assoziiert wurden, von islamistischen Milizen hingerichtet wurden. Die meisten von ihnen wurden gesteinigt; andere wurden von Dächern gestoßen, so wie es in der konservativ-islamischen Rechtsauslegungen als Strafe für Homosexualität vorgesehen ist.

Der US-amerikanisch-mexikanische Journalist Daniel Hernandez war diesbezüglich der Überzeugung, dass der Grat des Hasses gegenüber den Emos analog steigt mit dem Maß an vorherrschender Machokultur: Je patriarchaler die Gesellschaft, desto brutaler die Übergriffe.

"Emo ist das neue schwul"

Wie sehr die Emoszene dabei von ihren (in aller Regel männlichen) Feinden mit Homosexualität assoziiert wurde, verdeutlicht nicht zuletzt der Begriff der "Emosexualität", der sich insbesondere in der virtuellen Welt eine Zeit lang großer Beliebtheit erfreute und synonym zum Begriff "schwul" verwendet wurde.

Ein bekennender Emogegner erklärte diesbezüglich in einem Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Ellen Nordmann: "Emo ist das neue schwul". Diese Analogie wollte er dabei nicht als Homophobie im eigentlichen Sinne verstanden wissen; die Verbindungslinie bestand ihm zufolge viel mehr darin, dass beide – also Schwule und Emos – "irgendwie verweichlicht und scheiße" seien.

Bezeichnend ist, dass dieser Jugendliche in dem Gespräch mit Nordmann angab, selbst kaum Berührungspunkte mit der Emoszene zu haben. Seine Antipathie resultierte überwiegend aus medial vermittelten Inhalten – dabei insbesondere aus dem Internet, wo er in sogenannten Anti-Emo-Foren durch Gleichgesinnte Bestätigung für seinen Hass erfuhr. Somit bot die Emoszene nicht nur all jenen Sicherheit und Halt, die sich aufgrund ihrer wie auch immer gearteten Andersartigkeit innerhalb der Szene bewegten, sondern paradoxerweise zugleich auch jenen, die mittels der Ablehnung der Szene selbst soziale Bestätigung erfuhren.

Der Triumph der Normalität

Aus heutiger Perspektive kann die Hochphase der Emokultur als relativ kurzes Zeitfenster betrachtet werden. Die Popularität der Szene begann dabei etwa 2006 und verebbte in den Jahren 2012/13. Über das Ende der Szene kann nur spekuliert werden: Zwar liegt der – manchmal auch nur temporäre – Niedergang spezifischer Szenen im Wesen der Sache selbst, da diese immer wieder Konkurrenz erfahren durch das Aufkommen neuer, andersartiger Szenen und dadurch früher oder später verdrängt werden.

Doch weisen die Berichte von und Interviews mit Emos aus jener Zeit – die etwa in dem auch heute noch sehr lesenswerten Sammelband "emo. Portrait einer Szene" (Amazon-Affiliate-Link ) aus dem Jahr 2009 nachzulesen sind – zugleich darauf hin, dass nicht wenige von ihnen den praktizierten Style und die Zugehörigkeit zur Szene deshalb aufgaben, weil die Gegenwehr und der erfahrene Hass schlicht zu stark geworden waren. In einem der Beiträge jenes besagten Sammelbandes erklärte ein Ex-Emo in Bezug auf die Nachfrage von Lili Rebstock, warum er seinen über längere Zeit praktizierten Stil schließlich aufgegeben habe: "Mich haben alle als Schwulette bezeichnet."

Ebenso wie auf effeminierten und tuntigen Schwulen oder butchigen Lesben lastete also auch auf den Emos ein enormer gesellschaftlicher Normalitätsdruck, der offenbar nicht selten dahingehend einseitig aufgelöst wurde, indem man sich diesem Anpassungsdruck schließlich beugte. Und die Normalität damit triumphieren ließ.

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-w-

#1 thorium222
  • 09.04.2022, 14:41hMr
  • Sehr guter und wichtiger Artikel. Ich sehe das im Zusammenhang mit toxischen Männlichkeitskulturen wie in Russland, deren Förderung letztlich der Kriegsvorbereitung dient.
    Aus diesem Grund sollte die Welt viel genauer hinschauen und es viel mehr thematisieren, dass China neuerdings die Darstellung "verweiblichter" oder femininer Männer verfolgt und untersagt.
    Neuer Krieg, ick hör dir trapsen.
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#2 DestroyaAnonym
  • 09.04.2022, 17:36h
  • Antwort auf #1 von thorium222
  • Verweichlicht ist doch an sich Russland, dass sich als angebliches Opfer böser Nazis darstellt und behauptet, sie hätten ja keine Wahl, als diesem bösen Unterdrücker nun den Krieg zu erklären. Eine verweichlichtere Begründung für einen Krieg, lässt sich nicht finden.

    Die neue Dominanz ist nicht Männlich oder Weiblich, sie ist Mut, Wiederstand, der Griff zu den Waffen, egal wer man ist. Das ist das, was man in der Ukraine jetzt sehen kann.

    De facto ist Putin ein lächelricher Kriegsherr, wenn er für seinen Feldzug Unterdrückung als Begründung braucht.
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#3 RidiculousAnonym
  • 09.04.2022, 21:08h
  • Antwort auf #2 von Destroya
  • Lächerlich ist eine gute Umschreibung. Die Flitzpiepe, die sich ständig in möglichst "männlichen" Posen fotografieren lässt (das Bild auf dem. Pferd xD) und soviel Ausstrahlung hat, wie ein Sack gammliger Kartoffeln. Wenn man es schon nötig hat, sich so zu profilieren, sagt das viel aus.
    Und diese absurde Anschuldigung, Dobby, der Hauself (Harry Potter) sei von Putin inspiriert. Dieser Mann ist lächerlich, seine LGBTIQ Feindlichkeit ist lächerlich und sein Krieg (seine "Begründung") ist lächerlich. Er ist ein grausammer, dämlicher, lächerlicher Mensch und er ruiniert sein angeblich so starkes Regime zum Glück selbst. Sobald gewisse Parteien, die zuvor von der Vetternwirtschaft profitierten, ihr Luxusshoppingerlebnis aufgeben müssen, wird der Wind etwas anders wehen und das wird er auch jetzt schon anfangen spüren.
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