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Sachbuch
Ausgerechnet der Querverlag biedert sich bei den TERFs an
Mehr als ein fehlgeschlagener Vermittlungsversuch: In seinem Buch "Transaktivismus gegen Radikalfeminismus – Gedanken zu einer Front im digitalen Kulturkampf" unternimmt Till Randolf Amelung ein gefährliches Framing.
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10. April 2022, 12:36h 7 Min.
Wer sich viel in politischen Online-Sphären aufhält, der kommt inzwischen nicht mehr an dem Begriff "TERF" vorbei. "Trans exclusive radical feminists" sind die (angeblichen) Feminist*innen, welche vom Ausschluss von trans Menschen aus der Gesellschaft bis zum kompletten Verbot von Transitionen eine Vielzahl von transfeindlichen Positionen einnehmen und dafür oft von trans Aktivist*innen kritisiert werden. Dass Kritik an Positionen, welche die eigene Existenz in Frage stellen, nicht immer nett und sanft vorgetragen wird, versteht sich von selbst. Außenstehenden fehlt häufig der Einblick in die Argumentationen sowohl von Terfs als auch von trans Aktivist*innen.
Hier soll ein neu erschienenes Buch aus dem lesbisch-schwulen Querverlag Aushilfe leisten: "Transaktivismus gegen Radikalfeminismus – Gedanken zu einer Front im digitalen Kulturkampf" von Till Randolf Amelung. Der Autor, selbst trans Mann, positioniert sich als Versteher beider "Seiten" – er nähert sich aus einer historischen, augenscheinlich gründlich recherchierten Perspektive, unterfüttert mit Anekdoten eigener Erlebnisse in der Community. Amelung gibt sich als Vermittler, der einen Einblick in die Dialoge geben möchte, die zwischen Terfs – bei ihm "Radikalfeministinnen" – und trans Aktivist*innen stattfinden. Eine Position also, über die man sich als außenstehende Person bestimmt freut, basierend auf Vernunft, nicht aktivistischer Hitzköpfigkeit.
Amelung ist nicht so neutral, wie er vorgibt
Leider wird schnell klar, dass Amelung nicht so neutral ist, wie er vorgibt zu sein. Allein das bereits im Titel enthaltene Framing "Transaktivismus gegen Radikalfeminismus" zeichnet zwei gleichwertige Positionen, die nebeneinanderstehen und "ausdiskutiert" werden müssen. Amelung plädiert für einen "fairen und wertschätzenden Dialog" anstatt von "aggressiven Twitter-Mobs". Er scheint davon auszugehen, dass man schon eine gemeinsame, für alle funktionierende "Lösung" erreichen würde, wenn trans Aktivist*innen und Terfs sich einfach mal an einen runden Tisch setzen könnten. Dieses Framing ist gefährlich. Es impliziert, dass die Existenz von trans Menschen ein Diskursobjekt darstellt, sowie dass "beide Seiten" gewissermaßen "gleich schlimm" sind, gleichermaßen "übertriebene" Forderungen stellen.
Bei einem tieferen Eintauchen in das Buch fällt jedoch schnell auf, dass es sich nicht nur um eine Gleichstellung handelt, sondern Terfs bzw. "Radialfeministinnen" grundsätzlich einen Vertrauensvorschuss erhalten, während von trans Aktivist*innen immer nur die zitiert werden, von denen Amelung annimmt, dass sie sein mit der Materie nicht vertrautes Publikum wohl am meisten schockieren werden.
Wiederkauen von rechtskonservativen Thesen

Der Band "Transaktivismus gegen Radikalfeminismus" ist in der Reihe "in*sight/out*write" des Querverlags erschienen, die "Visionen entwerfen und Utopien wagen" will
Frustrierend ist der Fakt, dass die Argumente, die Amelung hier als eigene Überlegungen wiedergibt, keineswegs selbstständige Ideen darstellen, sondern seit Jahren auf der rechtskonservativen Seite des US-amerikanischen Kulturkampfes zirkulieren. Alle im Buch aufgebrachten Punkte sind nicht neu: Die Kritik an Online-Plattformen wie Tumblr, Twitter und Instagram. Die Aussage, junge Menschen würden auf diesen Plattformen zum Trans-Sein "verleitet". Der Gedanke, dass trans Identität für junge Menschen einfach das neue, hippe Ding ist, vergleichbar mit Subkulturen wie Gothic, Punk oder Emo. Das sind keinesfalls neutrale Positionen, auch wenn Amelung sie so geschickt verpackt, dass es schwer ist, ihn tatsächlich mal an einer Stelle festzunageln.
Für sich genommen scheint ja zum Beispiel die Aussage, Kinder und Jugendliche sollten sich besser auf moderierten Internetplattformen aufhalten, sehr vernünftig zu sein. Doch angesichts der momentanen legislativen Entwicklung in den USA ist zu sehen, wie der eigenartige Hass, den Konservative gegen das Online-Leben junger Menschen hegen, ein Klima schürt, in dem Gesetze verabschiedet werden, die LGBTI-Inhalte nicht nur von Websites, sondern auch aus der Schulbücherei und dem Unterricht entfernen.
Ebenfalls nicht neu ist in diesem Kontext die Fehldarstellung von Queer Theory – dies gipfelt bei Amelung in der Aussage, Ideen der Queer Theory würden nur dazu dienen, sich als trans Mensch persönlich nicht gekränkt zu fühlen und Minderwertigkeitsgefühle ob des eigenen Körpers loszuwerden. Niemand würde auf die Idee kommen, anderen geisteswissenschaftlichen Denkansätzen, wie zum Beispiel der Dramentheorie, zu unterstellen, sie existierten nur, damit ihre Anhänger sich weniger schlecht fühlen. Spätestens bei Amelungs Verteidigung von Alice Schwarzer ist klar, dass er keineswegs eine neutrale Position innehält, was sich auch klar durch das im Buch benutzte Vokabular enthüllt.
Besorgte "Radikalfeministinnen" vs. aggressive trans Aktivist*innen
"Radikalfeministinnen" haben "Sorgen" und "äußern Vorbehalte", trans Menschen hingegen stellen "radikale Forderungen"; es wird gesprochen von "Transsexualität" und "klassisch Transsexuellen" im Gegensatz zu "allerhand neuen Geschlechtern" und "Menschen, die sie als nicht binär bezeichnen". Amelung verfolgt ein sehr bestimmtes Bild von Trans-Identität – er verteidigt nur die trans Menschen, welche die binäre Zweigeschlechtlichkeit nicht in Frage stellen und bloß nicht zu laut, zu aktivistisch werden.
Auf eine der vorgebrachten, bereits aus rechtskonservativen Kreisen bekannte Argumentationsstruktur möchte ich näher eingehen – alle zu erfassen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Amelung wiederholt unter anderem den Gedanken, dass "als Mädchen geborene" Menschen sehr viele Probleme in der Pubertät hätten und deswegen lieber "zu Jungen werden würden". Wer wieder daran schuld sein soll: die sozialen Medien, besonders Instagram. Die Einführung der App bringt Amelung mit einem Anstieg der Coming-out von trans Jungen in Verbindung und fordert, dass das ja mal "sorgfältig geprüft werden müsste".

Till Randolf Amelung (Bild: Joanna Nottebrock)
Er nimmt sich hier aus der Verantwortung, stellt nur eine These auf, deren Begründung er anderen überlassen möchte, in der Hoffnung, dass nur die Aussage bei seinem Publikum hängen bleibt, nicht aber, dass sie gar keine Basis besitzt. Auch beweist er hier den Unwillen, jungen Menschen zuzugestehen, ihren eigenen Weg zu finden und zu wissen, was für sie selbst richtig ist. In der Darstellung Amelungs – die sich von denen reaktionärer Kräfte nicht unterscheidet – werden mit ihrem Körper unglückliche, junge "als Mädchen Geborene" auf Instagram und Tumblr dazu verführt, eine Transition zu beginnen. Amelung berichtet von "einigen Lesben", die "besorgt" sein, dass diese jungen Menschen dann "irreversible medizinische Schritte" einleiten, bevor sie ihre wahre Identität – nämlich die als Lesbe – anerkennen.
Argumente von Anti-Transrechtler*innen wiederholt
Es ist beinahe beeindruckend, mit welcher Schamlosigkeit Amelung hier die Argumente von Anti-Transrechtler*innen wiederholt – alles unter dem Mantel der scheinbar vorsichtigen Nachfragen. Es wird nicht klar formuliert, um welche medizinischen Schritte es sich genau handelt – Pubertätsblocker sind komplett reversibel, einige Effekte von Hormonersatztherapie sind ebenfalls reversibel. Weiterhin lässt Amelung bequemerweise auch weg, dass geschlechtsangleichende Operationen prinzipiell eine sehr niedrige "Regret Rate" haben, also eine niedrige Anzahl derer, die eine solche Operation bereuen.
Generell sind die Raten von Menschen, die ihre Transition abgebrochen haben – man spricht hier von "Detransition" – sehr niedrig. Bei trans Männern liegt sie bei gerade einmal vier Prozent, laut der US Transgender Survey (2015). Die gleiche Studie macht auch deutlich, dass überhaupt nur 0,4 Prozent aller Befragten trans Menschen detransitionieren, weil sie feststellen, dass eine Transition falsch für sie ist. Der häufigste genannte Grund war Druck durch ein Elternteil.
Für den Gedanken, dass also massenhaft junge trans Männer später ihre Transition bereuen werden, gibt es keine Grundlage. Überhaupt ist es in Deutschland als junger Mensch generell schwierig, "schnell" medizinische Schritte zu gehen – weswegen sich Amelung praktischerweise nur auf bestimmte Staaten in den USA bezieht und für Deutschland einen Einzelfall nacherzählt. Kritik an der Therapie, die auch erwachsene trans Menschen absolvieren müssen, um an Hormone und medizinische Maßnahmen zu gelangen, bezeichnet er als "aktivistische Stimmungsmache". Dass cis Menschen keine langen und oft erniedrigenden Therapien durchlaufen müssen, um die teilweise gleichen medizinischen Maßnahmen zu erhalten, lässt er außen vor.
Angesichts dieser gleichbleibenden Argumentationsstrukturen, die Konservative wie Amelung immer wieder als neu verpacken, um sich selbst als "neutral" zu positionieren und besserwisserische Lösungen für den "Kulturkampf" anzubieten, bleibt angesichts der Lektüre von "Transaktivismus gegen Radikalfeminismus" hauptsächlich ein Gefühl zurück: Müdigkeit.
Till Randolf Amelung: Transaktivismus gegen Radikalfeminismus. Gedanken zu einer Front im digitalen Kulturkampf. Band 8 der Reihe in*sight/out*write. 64 Seiten. Querverlag. Berlin 2022. Taschenbuch: 8 € (ISBN 978-3-89656-317-0=
Links zum Thema:
» Auszug aus Amelungs Buch als PDF
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