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Jährlicher Preis

Grimmaer OB für "Gender"-Verbot als "Sprachwahrer" ausgezeichnet

Mit seinem Verbot von Genderstern und Co. schaffte es der Grimmaer Oberbürgermeister Matthias Berger noch vor Didi Hallervorden zum erstplatzierten "Sprachwahrer" 2021.


Diese Stadt ist genderfrei: Grimma im sächsischen Landkreis Leipzig (Bild: Kora27 / wikipedia)

Die rechtskonservative Zeitschrift "Deutsche Sprachwelt" sorgt sich um die deutsche Sprache. Darum vergibt die vom Verein für Sprachpflege e.V. in der Rechtschreibung von vor 1996 herausgegebenen Zeitschrift jedes Jahr den Preis "Sprachwahrer des Jahres".

Früher wurde die Ehrung meist für besondere rhetorische Leistungen oder Kampagnen für die Durchsetzung des Deutschen in der EU, im Radio oder beim Eurovision Song Contest vergeben. Doch inzwischen scheint es nur noch ein Thema zu geben: "Gendern", also die geschlechtergerechte Sprache.

Nun wurde der Grimmaer Oberbürgermeister Matthias Berger zum Top-Sprachwahrer des Jahres 2021 gewählt. Mit seinen Maßnahmen gegen geschlechtergerechte Sprache in Grimma (28.000 Einwohner*innen) und im Landkreis Leipzig setzte er sich gegen den Komiker Didi Hallervorden (queer.de berichtete) und die Literaturkritikerin Elke Heidenreich durch, die mit ihren "Gendern"-Kommentaren im an vergleichbaren Äußerungen wahrlich nicht armen Jahr 2021 den zweiten und dritten Platz belegten.

Grimma ohne Genderstern

Oberbürgermeister Matthias Berger wende sich, heißt es würdigend vonseiten der Zeitschrift, "gegen den 'Genderwahn'". Er habe die Verwaltung der Stadt Grimma und auch den Landkreis Leipzig dazu gebracht, "auf Gendersterne und ähnliche ideologisch motivierte Schreibweisen zu verzichten". Gut kam auch Bergers Polemik im Kreistag des Landkreises Leipzig an, wonach in Dienstanweisungen für Feuerwehren inzwischen von "Bartträger*innen" die Rede sei oder über Hygieneartikel für menstruierende Männer "philosophiert" werde. Die abschätzige Auflistung zielt also nicht nur auf eine bestimmte Sprache, sondern auch auf diejenigen Menschen, die von ihr bezeichnet und sichtbar gemacht werden sollen.

Im Sommerloch vergangenen Jahres hatte sich der Komiker Didi Hallervorden mit Äußerungen zu geschlechtergerechter Sprache tagelang in der öffentlichen Debatte gehalten. Das Berliner Schlosspark-Theater, dem er als Intendant und Geschäftsführer vorsteht, werde sich "am Gendern nicht beteiligen", und zwar so lange er "da ein bisschen mitzumischen" habe.

Er stellte es seinen Mitarbeiter*innen zwar frei, das so zu handhaben, wie sie es wollten, warf den Nutzer*innen der geschlechtergerechten Grammatik und Aussprache jedoch im selben Satz vor, "die deutsche Sprache zu vergewaltigen". Dies brachte er dann noch mit den Sprachpolitiken der DDR und des Nationalsozialismus in Verbindung und behauptete, geschlechtergerechte Sprache werde "von oben herab auf Befehl" durchgesetzt.

Auszeichnungen nach rechts und ganz rechts

Die Liste bisheriger Preisträger*innen des Preises der Deutschen Sprachwelt ist entsprechend einschlägig. Im Jahr 2009 verdiente sich etwa Nachrichtensprecher Ulrich Wickert den zweiten Platz, weil er "ein sprachempfindlicher Mensch" sei, der "zum Beispiel lieber 'Strafmaßnahme' statt 'Sanktion', 'Blutrecht' statt 'ius sanguinis' oder 'Judenvernichtung' statt 'Holocaust' sage. Deutsche Wörter, heißt es dazu, seien eben "saftiger, kräftiger, ausdrucksstärker".

Im Jahr 2018, als er noch österreichischer Bundeskanzler war, hatte Sebastian Kurz die Kopplung von Sozialleistungen für Asylberechtigte an deren vorzuweisende Deutschkenntnisse gekoppelt. Das brachte ihm in jenem Jahr den Preis als obersten "Sprachwahrer" der Deutschen Sprachwelt ein. Das UN-Flüchtlingshilfswerk kritisierte die Regelung als Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. Ein halbes Jahr später war Kurz' Regierungsbündnis mit der rechtsradikalen FPÖ über die sogenannte Ibiza-Affäre gestürzt. Kurz selber trat im Jahr 2021 nach weiteren Korruptionsskandalen zurück.

Im Jahr darauf wurde mit dem Schauspieler und Komiker Uwe Steimle ebenfalls ein gestandener Sachse zum "Sprachwahrer" Nummer 1 gewählt. Der Grund: Der Mitteldeutsche Rundfunk setzte seine Sendung mit ihm ab. Steimle hatte unter anderem im Jahr zuvor der rechtsradikalen "Junge Freiheit" ein Interview gegeben, seinem eigenen Arbeitgeber MDR darin zu große Staatsnähe vorgeworfen und auch behauptet, dass Deutschland keine eigene Politik habe, weil es "ein besetztes Land" sei.

In das selbe verschwörungsideologische Muster passt der Steimle-Ausspruch, den die "Sprachschützer" anlässlich der Preisverleihung an ihn besonders hervorhoben: "Wer einem Volk die Sprache nimmt, bricht ihm das Rückgrat". Im März 2020 hatte der Sachse Steimle dann die AfD als "konservative, bürgerliche Partei" bezeichnet. Abgeschlagen auf Platz drei war im Jahr 2019 übrigens Alice Schwarzer gelandet.

Weitere einschlägige "Sprachwahrer" sind Dieter Nuhr (2019, Platz 2), Boris Reitschuster (2020, Platz 3), Henryk M. Broder (2016, Platz 3), Monika Gruber (2014, Platz 2), Karl-Theodor zu Guttenberg (2009, Platz 1), Joseph Ratzinger (2005, Platz 3) und Matthias Döpfner (2004, Platz 1). (jk)



#1 friendlyUnicornAnonym
  • 11.04.2022, 14:47h
  • Nuhr, Reitschuster, Broder, Gruber, zu Guttenberg, Ratzinger, Döpfner - da passen Palimpalimvorden und der ausgezeichnete OB, Pardon fürs schlechte Wortspiel, ganz ausgezeichnet zu. Eine wunderbar ausgewogen Runde - so weiß, reaktionär und "besorgt".
    <3-lichen Glückwunsch allen Gewinner*innen.
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#2 jochenProfil
  • 11.04.2022, 16:51hmünchen
  • Was auch immer sich die Befürworter oder die Gegner des Gendern gegenseitig so vorwerfen, .. so gut wie niemand gendert bei Gesprächen im normalen Alltagsleben, Freizeit , Familie , Freunde....
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#3 AyidaProfil
  • 11.04.2022, 17:55hHessen
  • Antwort auf #2 von jochen
  • Durch mein Studium, meinem Nebenjob und Familie & Freund*innen habe ich Kontakt zu Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Ich kann dir versichern, dass das Gendern in manchen Milieus Gang und Gäbe ist. Ich verwende es meistens nur in der Schriftsprache.
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#4 Ith_Anonym
  • 11.04.2022, 19:41h
  • Antwort auf #2 von jochen
  • "Was auch immer sich die Befürworter oder die Gegner des Gendern gegenseitig so vorwerfen, .. so gut wie niemand gendert bei Gesprächen im normalen Alltagsleben, Freizeit , Familie , Freunde...."

    Ja, gut, wenn du halt nur mit Befürwortern und Gegnern sprichst, was bei dir dann wahrscheinlich nicht bloß Männer, sondern explizit Cis-Männer sein dürften, ist das ja auch kein Wunder, aber es sagt halt in erster Linie etwas darüber aus, mit was für Menschen du dich abgibst und welche Menschen du der Kommunikation für nicht würdig erachtest, weil ihr Stellenwert im Patriarchat dir dazu halt nicht hoch genug ist.
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#5 AlexAnonym
  • 11.04.2022, 20:44h
  • Antwort auf #2 von jochen
  • "so gut wie niemand gendert bei Gesprächen im normalen Alltagsleben, Freizeit , Familie , Freunde.... "

    Ich tue das mit langsam zunehmender Selbstverständlichkeit. Alles andere fände ich nicht-binären Anwesenden gegenüber unhöflich und mich selbst gedanklich einschränkend.
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#6 SchwabenstreichAnonym
  • 12.04.2022, 08:01h
  • In Grimma wird jetzt Mittelhochdeutsch wiedereingeführt: uns ist in alten maeren wunders vil kacke geseit...
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#7 TyranusAnonym
  • 12.04.2022, 08:49h
  • Ein Preis für Hass durch Ausgrenzung mit den Mitteln der Zensur, um die Täter auch als solche kenntlich zu machen? Seems legit.
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