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Ab Donnerstag im Kino

Kampf um die eigene Identität

Philipp Fussenegger und Dino Osmanovic porträtieren in ihrem Langfilmdebüt "I Am The Tigress" die Bodybuilderin Tischa Thomas. In der authentischen Doku geht es auch um die Anfeindungen, denen sie als Frau ausgesetzt ist, die Geschlechterstereotype sprengt.


Philipp Fussenegger und Co-Regisseur und Kameramann Dino Osmanovic begleiten die 1970 geborene Bodybuilderin Tischa Thomas (Bild: Four Guys Film Distribution)

Wenn Tischa Thomas sagt, dass sie sich selbst erschaffen hat, geht es dabei wohl nur zum Teil um ihren muskulösen Körper. Auch wenn allein diese Entwicklung – die Willenskraft, die dahintersteckt – überaus beeindruckend ist: Rund 150 Kilogramm hat sie einst gewogen und lange unter den gesundheitlichen Folgen ihres Übergewichts gelitten. Jetzt ist jede Stelle ihres Körpers durchtrainiert, und sie versucht es als Bodybuilderin bis ganz an die Spitze zu schaffen.

Doch mit der physischen Transformation ging auch ein mentaler Wandel einher. Wie sie in mehreren Handyvideos berichtet, die sie ursprünglich wohl für ihre Follower*innen in den sozialen Medien aufgenommen hat und die im Film immer wieder zu sehen sind, wurde die 1970 in New York geborene Thomas während ihrer Schulzeit gehänselt, was bis ins Erwachsenenalter Spuren hinterließ. Sie habe nie gelernt, für sich selbst einzustehen, und haderte ob dieser Unfähigkeit mit ihrer Persönlichkeit.

Geld verdienen als Webcam-Girl und Domina


Poster zum Film: "I Am The Tigress" startet am 14. April 2022 bundesweit in den Kinos

Nun, da sie sich ihre sportlichen Ambitionen unter anderem als Domina finanziert, könne sie sich eine solche Schüchternheit nicht mehr erlauben. Selbstsicherheit ist das, was ihre Kunden von ihr erwarten und was sie ihnen – wie eine Szene des Films, in der sie während einer entsprechenden Session zu sehen ist, unterstreicht – auch bietet.

Gerade weil das Langfilmdebüt von Philipp Fussenegger und Dino Osmanovic die Bodybuilderin, die sich selbstaffirmativ als "Tigress" bezeichnet, viel öfter abseits der Wettkampfbühnen und jenseits des Fitnessstudios zeigt, ist ein so intimes, so sehenswertes Portrait entstanden. Es zeigt den Alltag einer Frau, die ihre ganze Kraft darauf verwenden muss, das Leben zu führen, das sie führen will.

Und eine, die einen pragmatischen Blick darauf hat, was sie dafür in Kauf nehmen muss: Neben privaten Treffen als Domina, bestreitet sie ihren Lebensunterhalt über erotische Fotoshootings und mit Auftritten als Webcam-Girl. Ihre Grenzen sind genau definiert, tatsächliche sexuelle Dienste kommen für sie nicht in Frage.

Ständig im Gefechtsmodus

Mit einem gewissen Stolz, aber auch dem Beiklang einer Rechtfertigung, erzählt sie ihrem wesentlich älteren Kumpel Eddie, dass ihr Vorgehen doch viel klüger sei als das der jungen Frauen, die sich nach ein oder zwei ausgegebenen Drinks dazu genötigt fühlen, mit ihrer Clubbekanntschaft ins Bett zu gehen, und sich dabei womöglich noch eine Geschlechtskrankheit einfangen.

Ausführungen wie diese wirken wie eine Selbstvergewisserung, und sie beleuchten, dass Tischa Thomas trotz aller nach außen zur Schau gestellten Selbstsicherheit noch immer mit sich hadert. Die ständige Selbstvergewisserung hat auch mit den Reaktionen ihres Umfeldes zu tun, die der genau beobachtende Dokumentarfilm immer wieder einfängt, und damit auch ihren Kampf um die Wahrnehmung ihrer Identität einflicht.


Die Doku begleitet die 1970 geborene Tischa zu Bodybuildingshows in den USA und Rumänien (Bild: Four Guys Film Distribution)

Sobald sie sich in der Öffentlichkeit bewegt, ist sie Feindseligkeit ausgesetzt. Dass eine muskulöse Frau nach wie vor nicht in die Vorstellung von Weiblichkeit zu passen scheint, und sich ihre Mitmenschen dadurch provoziert fühlen, zeigen unzählige verbale Attacken. "Du siehst aus wie ein Kerl!", gehört dabei noch zu den weniger schlimmen Ausrufen.

"I Am The Tigress" kreist auf diesem Weg auch um sehr aktuelle Debatten um Geschlechts­identität und Diskriminierungserfahrungen. Die meist bedrückende musikalische Untermalung unterstreicht diese Wahrnehmung der Protagonistin als eine, die sich auch jenseits der Wettkämpfe ständig im Gefechtsmodus befindet.

Eine Freundschaft wird zum Ventil

Dass das Gefühl, fortlaufend für sich und den großen Traum einstehen zu müssen, durchaus mit unangenehmen Konsequenzen für ihre eigentlichen Unterstützer*innen verbunden ist, zeigt vor allem die mitunter turbulente Beziehung zu besagtem Eddie. Selbst ein ehemaliger Bodybuilder, folgt er ihr auf Schritt und Tritt durch den Alltag und bekommt dabei mitunter auch ihren Zorn zu spüren.

Durch die detailreiche Darstellung dieser außergewöhnlichen, unausgeglichenen Freundschaft wirkt "I Am The Tigress" umso authentischer. Gerade, weil sich darin widerspiegelt, wie groß der Druck ihrer Ambitionen auf die generell um einen fairen Umgang mit ihrem Umfeld bemühte Tischa Thomas lastet und sie bei allem Ich-Bewusstsein bisweilen fahrig macht.

Diesem Druck entkommen zu wollen, ist ein Wunsch, den sie im Film immer wieder äußert. Dass sie ihn tatsächlich umgesetzt hat, ist auf ihrer Website nachzulesen: Mittlerweile lebt sie als Personal-Trainerin und Performance-Künstlerin in Berlin.

Infos zum Film

I Am The Tigress. Dokumentarfilm. Österreich, USA, Deutschland 2021. Regie: Philipp Fussenegger. Protagonist*­innen: Tischa Thomas, Edward Zahler, Steve Scibelli, Jasmine Acevedo, Lucciano Acevedo, Pharaoh Acevedo, Indigo Acevedo. Laufzeit: 80 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 0. Verleih: Four Guys Film Distribution. Kinostart: 14. April 2022.
Galerie:
I Am The Tigress
18 Bilder
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