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Literatur

Für das Recht, traurig sein zu dürfen

Vor 30 Jahren erschien Mario Wirz' Erzählung "Es ist spät, ich kann nicht atmen" über sein Leben mit HIV – ein unschätzbares historisches Dokument, das auch heute noch genügend Anschlusspunkte bereithält.


Mario Wirz im Mai 1998 in der literaturWERKstatt berlin (Bild: IMAGO / gezett)
  • Von Luca Glenzer
    15. April 2022, 04:20h, noch kein Kommentar

Wie lebte es sich Anfang der 1990er Jahre als junger schwuler Mann mit einer HIV-Infektion, die damals anders als heute noch einem Todesurteil glich? Noch dazu in einer neurotischen Gesellschaft, die nichts mehr fürchtete als eine offene und ehrliche Thematisierung von HIV? Mario Wirz hat in seiner autofiktionalen Erzählung "Es ist spät, ich kann nicht atmen. Ein nächtlicher Bericht" (Amazon-Affiliate-Link ) aus dem Jahr 1992 versucht, auf diese Frage eine Antwort zu finden.

Die Laster der Vergangenheit

Mario ist Mitte dreißig, schwul und lebt als Schauspieler in Berlin. Sein Leben könnte eigentlich so durchschnittlich wie das aller anderen sein, wäre da nicht das allgegenwärtige Virus sowie die vielen Laster der Vergangenheit, die ihm permanent gedanklich auflauern und ihm – wie der Titel ja bereits andeutet – förmlich die Luft zum Atmen rauben.

Neben dem Virus ist es vor allem Jan, der für Marios nächtliche Schlaflosigkeit sorgt. Keine Stunde, keine Minute vergeht, ohne dass es für Mario einen Anlass gäbe, an Jan zu denken. Jan hat Mario vor einiger Zeit verlassen und sich zu denen geflüchtet, "deren Sterblichkeit weniger aufdringlich in die Augen springt". Geblieben ist eine Leerstelle, die für Mario nicht anders zu füllen ist als durch sehnsüchtige Erinnerung, die ihm zugleich permanent den Mangel der Gegenwart vor Augen führt.

"Wenn ich traurig bin, gebe ich mir das Recht, traurig zu sein"


Die Erstausgabe von "Es ist spät, ich kann nicht atmen"

Was bleibt, ist seine HIV-Infektion und das neurotische Zählen der T-Helfer-Zellen, die sein unentrinnbares Schicksal darstellen: Fallen sie, fällt auch Mario, "tiefer und tiefer". Permanent ringen dabei zwei widerstreitende, innere Protagonisten um Marios Deutungshoheit: Das vernunftbegabte Über-Ich, das versucht, ihn zu erhöhtem Konsum von Karottensaft, dem Tragen von langen Unterhosen und ähnlichen gesundheitsfördernden Maßnahmen zu animieren – denn jeder zusätzliche Infekt ist ein potenzielles Gesundheitsrisiko für das ohnehin fragile Immunsystem. Und auf der anderen Seite der vom Leben desillusionierte Mario, der jedes Bier dem schalen Geschmack des Karottensafts vorzieht und der all der mühsam antrainierten Hoffnung müde ist, die ihm von wohlmeinenden Freund*innen immer wieder zugesprochen wird.

Es gibt einen überaus sehenswerten Dokumentarfilm über Mario Wirz aus dem Jahr 1996 mit dem Titel "Morgen ist auch noch ein Tod", der diesen Konflikt zwischen der kämpferisch-hoffnungsvollen und der desillusioniert-depressiven Seite sehr prägnant veranschaulicht. Zu sehen ist dabei der Regisseur Rosa von Praunheim, der in jenen Jahren ein enger Freund von Wirz wurde, und der diesem in einer Sequenz vorwirft, in seinem künstlerischen Wirken zu wenig kämpferisch und humorvoll zu sein: "Es würde mir besser gefallen, wenn er konstruktiver und selbstbewusster wäre."

Wirz antwortet auf diesen Vorwurf in der darauffolgenden Sequenz sichtlich verärgert. Er sehe es nicht ein, von außen aufoktroyierte Normen wie Produktivität, Fröhlichkeit und Dynamik zu inszenieren: "Warum? Wenn ich traurig bin, gebe ich mir das Recht, traurig zu sein".

Politisierung oder authentischer Selbstausdruck?

Darin wird eine Konfliktlinie deutlich, die durchaus typisch war für die von der Aidskrise überaus stark betroffene Schwulenszene in jenen Jahren. Sollten die eigenen Ressourcen lieber dafür verwendet werden, zu politisieren, die Gesellschaft wachzurütteln und das eigene Leiden damit gewissermaßen zu instrumentalisieren, wie es von Praunheim vorschwebte und Organisationen wie "Act Up" taten? Oder sollte es vordergründig darum gehen, der eigenen Trauer und Hilflosigkeit Ausdruck zu verleihen und damit den Weg zu ebnen zu einer neuen, zu einer eigenen und authentischen Sprache?

Wirz entschied sich in jenen Jahren zweifellos für letztere Option. Heute wirkt dieser Konflikt insofern durchaus befremdlich, als dass Politisierung die Artikulierung von Trauer und Hoffnungslosigkeit ja nicht zwangsläufig ausschließen muss. Dass dieser Konflikt in jener Zeit zum Teil so verhärtet und rabiat geführt wurde, kann daher im Rückblick vor allem als Ausdruck von Verzweiflung im Angesicht der verheerenden Gesundheitskrise betrachtet werden.

"Der Terror der Normalität"

Aus der heutigen Perspektive kann man Protagonisten wie Wirz nur dankbar sein, dass sie ihr künstlerisches Wirken nicht allein als Instrumentarium einer politischen Idee verstanden haben, sondern im Gegenteil zuvorderst um einen künstlerischen Selbstausdruck rangen, der die Zerrissenheit marginalisierter Individuen wie Mario überhaupt erst sichtbar machte. So kann "Es ist spät, ich kann nicht atmen" heute als ein unschätzbares historisches Dokument gelten, das auch für die Gegenwart aller Emanzipationserfolge zum Trotz noch genügend Anschlusspunkte bereithält.


Mario Wirz wenige Wochen vor seinem Tod am 30. Mai 2013 (Bild: missingFILMs)

So haben in der deutschsprachigen Literatur wohl nur wenige Autor*innen derart klarsichtig und wortstark über den "Terror der Normalität" geschrieben, die all jene, deren Biografien sich dieser Normalität entziehen, vor die Wahl stellt, am Rande der Gesellschaft zu verweilen oder permanent zu lügen: "Wie viele Kindheiten habe ich erfunden?", fragt Mario im Angesicht der vielen Lügen – hervorgerufen durch die eigene Mutter, die es gewagt hatte, "mit vierzig Jahren noch mal geliebt zu haben".

Die Blicke der "protestantischen und katholischen Monster" werden in den folgenden Jahren zur täglichen Tortur, und die von der Mutter vermittelte Gegenwehr heißt: Anpassung. Daraus erwächst schließlich tobender Hass auf die eigene Mutter, für deren Angst er zugleich aber auch Verständnis aufbringt: "Ich fürchte sie doch auch, die frommen Banden."

Auch in späteren Jahren ist Mario zerrissen zwischen sozialer Anpassung und der Auslebung sich bahnbrechender Affekte. "Einmal im Jahr erlaube ich der Tunte in mir, sich in einer schummrigen Schwulenbar hemmungslos auszukreischen. Die restlichen 364 Tage stopft der Kerl in mir der Tunte das Maul", schreibt er an einer Stelle.

Die singende Amsel

Was Wirz 1992 noch nicht ahnen konnte, war, dass er einer der sogenannten Langzeitüberlebenden sein würde. Trotz der HIV-Infektion und zweier Krebs-Diagnosen lebte er noch bis 2013, was für Infizierte der ersten Stunde ungewöhnlich lang war.

Im Frühjahr 2013, kurz vor Wirz' Tod, drehte Rosa von Praunheim einen dokumentarischen Kurzfilm, der die beiden langjährigen Freunde Rosa und Mario bei einem gemeinsamen Spaziergang zeigt. Wirz, sichtlich geschwächt am Rollator gehend, erfreut sich nun – im Angesicht des nahen Todes – all der Dinge, die er 20 Jahre zuvor nicht zu sehen und lieben vermochte, wie etwa der singenden Amsel, der er vom Balkon aus lauscht.

Es ist nur eine Mutmaßung, doch möglicherweise hätte Mario Wirz die Schönheit des Gesangs der Amsel nie so zu schätzen gelernt, wenn er seiner Trauer 20 Jahre zuvor nicht auf derartig schonungslose Weise Ausdruck verliehen und so zu ihrer Verarbeitung beigetragen hätte.

Direktlink | Rosa von Praunheims Kurzfilm über Mario Wirz
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