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Literatur

"Fürs Herz kann ich die Intellektuellen nicht gebrauchen"

"Der Tempel" von Stephen Spender ist ein faszinierender Zeitzeugen-Roman über den queeren Freigeist der Weimarer Republik. Jetzt ist das Buch bei Albino in einer Neuausgabe erschienen. Wir haben eine Leseprobe.


Fiktion trifft Wirklichkeit: Dieses Foto zeigt Stephen Spender (links) auf einer Rheinwanderung, die in 'Der Tempel' ebenso eine Rolle spielt wie die Entstehung des Bildes (Bild: Herbert List)
  • 16. April 2022, 01:32h 17 7 Min.

Basierend auf eigenen Erlebnissen schildert Stephen Spender (1909-1995) in "Der Tempel", wie der libertäre Rausch der deutschen Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts von der Gewalt der Nazis eingeholt wird. Dass der Roman sehr lebendig (und überraschend heutig) das queere Selbstverständnis jener Jahre spiegelt, liegt u.a. daran, dass der schwule Fotograf Herbert List (1903-1975) darin eine zentrale Rolle spielt. Spender war mit List befreundet und modellierte die Romanfigur des Joachim Lenz nach seinem Vorbild.

In unserer Leseprobe geht Paul Schoner (das Erzähler-Alter-Ego des Autors) zum ersten Mal allein mit Joachim in dessen Studio. Es ist der Sommer 1929, die Protagonisten sind jung, die Welt scheint ihnen zu Füßen zu liegen. Der Abend wird mit einer wilden Nacht auf der Reeperbahn enden. Doch zuvor sprechen Joachim und Paul über die Liebe.

Auszug aus "Der Tempel"


Stephen Spenders Roman "Der Tempel" ist neu im Berliner Albino Verlag erschienen

Joachim schlug vor, zu seinem Studio zu gehen, das nur zehn Minuten zu Fuß entfernt war. Während sie gingen, beobachtete Paul ihn genau. Joachim trug einen dunkelbraunen Anzug, eine grelle Krawatte und einen grauen Filzhut. Seine Erscheinung war ein wenig auffallend, vielleicht ein wenig vulgär, dabei aber inspiriert – nicht zuletzt durch ihn selbst – und warm, als forderte er die Zuschauer auf, die Freude an seiner schieren Lebenslust mit ihm zu teilen. Wie er so ging, war er sich bewusst, dass viele junge Leute in Hamburg ihn kannten und bewunderten. Er war durch und durch Joachim, seine öffentliche und private Person waren eins.

Sie stiegen die acht Treppen zu seinem Studio im Dachgeschoß hinauf. Oben angekommen, legte er Paul liebevoll den Arm auf die Schulter, deutete zum Dach hinauf und fragte: "Sag mal, Paul, hättest du Lust, auf einer Treppe immer höher und höher hinaufsteigen, bis du zum Himmel kämst?"

"Ich glaube, ja", gab Paul zu, etwas verschämt, aber stolz.

Joachim sah Paul in die Augen, ernsthaft belustigt, mit einem Hauch von Verachtung.

"Ja, das würdest du wohl."

Er wühlte in der Hosentasche nach den Schlüsseln, fand sie, schloss auf und stieß die Tür weit auf. Ein paar Sekunden blieb er auf der Schwelle stehen und genoss den Anblick seines Studios, den kahlen Raum, das leere, breite Rechteck, die senkrechten Fensterschlitze und das schrägstehende Parallelogramm des Oberlichts, die durchsichtigen blauen Schatten an den Wänden. Befriedigt knipste er schließlich neben der Tür das Licht an und schlenderte in den Raum, pfeifend, die Hände in den Hosentaschen, den Hut zurückgeschoben – beinahe die Karikatur eines Kinogangsters aus Chicago. Das Studio, dachte Paul, sah wie eine Filmkulisse aus.

"Ich bin immer froh, wenn ich wieder hier bin", sagte Joachim, warf den Hut auf den Tisch und zog das Jackett aus. "Hier bin ich wirklich zu Hause, nicht bei meinen Eltern."

Er legte Paul den Arm um die Schulter, mit der Geste eines Menschen, der gewöhnt ist, Zuneigung körperlich zu zeigen – und damit über seine Freunde Macht auszuüben. Dann ging er zum anderen Ende des Studios und legte eine Schallplatte von Cole Porter auf, Let's Fall in Love. Er kam wieder zu Paul zurück und fing an, ihn über England auszufragen, über die englischen Public Schools, Oxford, die Buchzensur.

"Man hört so Merkwürdiges über England, dort soll so vieles verboten sein, was hier erlaubt ist. Sogar Bücher sollen verboten sein. Stimmt das? In der Zeitung stand, der Ulysses sei verboten worden, und von einem anderen Buch, The Well of Loneliness, habe ich das kürzlich auch gehört. Kann das wahr sein? Protestiert denn niemand?"

"Meine Freunde und ich protestieren alle, aber ..."

"Aber warum werden diese Bücher denn verboten?"

Paul versuchte, die Haltung der britischen Behörden zu erklären. Aber die Argumente klangen samt und sonders lächerlich, sobald er sie aussprach. Joachim starrte ihn nur verwundert an. Er wechselte das Thema: "Hast du in England Freunde? Ernst sagt, du seist Dichter. Kennst du andere junge Schriftsteller und Künstler?"

Paul versuchte, Wilmot zu beschreiben – "den außergewöhnlichsten Menschen, den ich kenne". Dass Wilmot bei der Arbeit Tageslicht hasste und bei zugezogenen Vorhängen am Schreibtisch saß und dichtete; dass er Freud gelesen hatte und die Neurosen seiner Freunde diagnostizieren konnte; dass er sehr komisch war und ein bisschen wie Buster Keaton aussah. Aber Wilmot sei auch sehr ernsthaft, sagte Paul. Er unternahm lange Wanderungen in der Umgebung von Oxford und im Lake District. Er war blond, fast wie ein Albino, und hatte ein Muttermal auf der linken Wange. Er hatte in Berlin gelebt und sich eine Zeitlang am Institut für Sexualwissenschaften von Magnus Hirschfeld aufgehalten. Er mochte junge Männer. Hatte angeblich viele Affären gehabt. Joachim hatte aufmerksam zugehört, sichtlich irritiert; jetzt hellte sein Gesicht sich auf. "Du sagst, er sei amüsant und würde ständig Theater spielen. Vielleicht ist er wie ein Freund von mir, der früher in Hamburg war, der Schauspieler Gustaf Gründgens. Der schmeißt sich gern in Schale und verzaubert die Leute. Hast du auch einen Freund, der nicht so clever und amüsant ist, sondern was fürs Herz? Fürs Herz kann ich die Intellektuellen nicht gebrauchen."

Paul erzählte ihm von Marston. Mittlerweile kannte er den Mythos auswendig, den er um ihn gewoben hatte. Die Wanderung an der Wye, den Tag, als ihnen der Hund nachlief – eine Platte, die er sich selbst wieder und wieder vorgespielt hatte.

Am Schluss der Erzählung fragte Joachim: "Habt ihr miteinander geschlafen?"

"Nein."

"Warum hast du ihn dann weiter geliebt?"

"Weil ich ihn besser und schöner fand als alle anderen."

"Warum?"

"Sein Charakter war wie sein Aussehen. Sehr englisch. Eigentlich war er wie die Landschaft, durch die wir wanderten."

"Das würde mich weniger interessieren, wenn er meine Leidenschaft nicht erwiderte."

Das falsche und irreführende Wort "rein" lag Paul auf der Zunge, aber er sprach es nicht aus. Stattdessen erging er sich absichtlich in Ausdrücken, die Joachims Englischkenntnisse überstiegen und die er Wilmot oder Bradshaw gegenüber nicht im Traum benutzen würde, da sie sie sofort als Heuchelei durchschauen würden.

"Meine Vorstellung von seiner Vollkommenheit", murmelte er, "entsprach zugleich meinem Begriff von Freundschaft als einem gemeinschaftlichen Zustand von Vollkommenheit."

Für Joachim war das zweifellos zu hoch.

"Ich glaube, ich würde mich gern noch viel häufiger mit dir unterhalten", sagte er. "Ich stelle fest, dass ich an meinen Freunden entweder ihren Geist oder ihren Körper liebe. Es ist eigenartig, wie oft diejenigen, die geistig anziehend sind, keinen schönen Körper haben, diejenigen aber, deren Körper ich lieben kann, geistlos sind. Dein Äußeres entspricht deinem Geist, nehme ich an. Vielleicht solltest du Sport treiben, damit du erfährst, was du bist."
Paul wurde knallrot.

"Warum bist du nach Hamburg gekommen?", fragte Joachim.

"Um Deutsch zu lernen."

"Aber warum gerade in Hamburg?", fragte er spöttisch.

Paul erläuterte ihm die näheren Umstände, seine erste Begegnung mit Ernst – über die Joachim lachen musste – und Ernsts Einladung.

"Aber du kannst doch nicht einfach nach Hamburg kommen, nur um bei Ernst Stockmann zu wohnen – und bei Hanni!"

"Ich wusste ja gar nichts von ihnen. Also dachte ich, ich könnte ebenso gut hierher als irgendwo anders hinfahren."

"Das ist alles? Gibt es keine besseren Gründe für die Engländer, nach Deutschland zu kommen, als wegen der schönen Augen von Ernst Stockmann? Oder von Hanni? Haben sie nie etwas vom Rhein, von Heidelberg, dem Schwarzwald oder von Berlin gehört? Hast du Ernst nicht nach Hamburg gefragt?"

Paul besann sich auf etwas, das ihm entfallen war.

"Jetzt erinnere ich mich, dass ich Ernst damals bei dem Lunch in Oxford gefragt habe, wie es in Hamburg sei."

"Und was hat er gesagt?"

"Er hat auf das Tischtuch gestarrt und mit seinem anzüglichen Lächeln gesagt: 'Es ist eine Hafenstadt und bietet all die seltsamen Bräuche und Vergnügungen, die dazugehören.' Wie sonderbar, dass ich das vergessen hatte!"

"Was meinst du, sollen wir zum Hafen gehen?"

"Wann?"

"Heute Abend."

"Sehr gern …"

Infos zum Buch

Stephen Spender: Der Tempel. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Sylvia List. 304 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2022. Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 22 € (ISBN 978-3-86300-337-1). E-Book: 15,99 €
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#1 AtreusEhemaliges Profil
  • 16.04.2022, 08:54h
  • Man kann Albino nur dankbar sein, dass sie dieses Juwel schwuler Literatur in hochwertiger Neuauflage herausbringen und keinen lieblosen Nachdruck in billigem Taschenbuch. Leider konnte Spender nie auch nur Ansatzweise den Ruhm und die Anerkennung ernten, die Isherwood mit seinen autobiografischen Erzählungen erlebte. Persönlich zählt >Der Tempel<, neben John Henry Mackay's >Der Puppenjunge< zu meinen Lieblingsbüchern aus der Weimarer Zeit. 22 sind nur selten so gut investiert, wie in diesem Fall.

    Wer noch weiter zurückreisen und die Vorkriegszeit (bis 1914) anhand autobiografischer Romane erfahren möchte, dem empfehle ich wärmstens Herman Bang.
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#2 Julian 80Anonym
  • 16.04.2022, 09:21h
  • "wie der libertäre Rausch der deutschen Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts von der Gewalt der Nazis eingeholt wird"

    Leider aktueller denn je...
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#3 Julian 80Anonym
  • 16.04.2022, 09:25h
  • Antwort auf #1 von Atreus
  • Vielen Dank für die weiteren Tipps.

    Ich finde die 1920er-Jahre eine sehr interessante Zeit. Bin durch die Romane Christopher Isherwoods darauf gestoßen. Vor allem natürlich seine Berlin-Stories. Und seine Autobiographie, die leider momentan gar nicht mehr verlegt wird.

    Ich habe auch mal nach diesem Herman Bang recherchiert. Der hat ja ziemlich viel geschrieben. Kannst Du da auch ein oder zwei konkrete Bücher empfehlen?
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