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Körperhaare

Warum ich aufgehört habe, mich zu rasieren

Als Frau wurde ich dazu erzogen, meine Körperhaare zu hassen. Erst jetzt gelang es mir, mich von dieser heterosexistischen Doktrin zu befreien. Und ich bin verdammt stolz darauf.


Unsere Autorin Élisabeth Chevillet nach dem sie aufgehört hat, sich die Achselhaaren zu rasieren (Bild: Anna Ricarda Fabian - @theoutfluencerin - far-photography.de)

Ich hatte schon immer ein kompliziertes Verhältnis zu meinen Körperhaaren. Als Kind war es meine größte Sorge, keine zu haben – abgesehen davon, dass ich nicht menstruierte und Jungfrau war. Ich wollte so sehr welche haben, dass ich mir einmal den nackten Schambereich rasierte, weil das angeblich den Haarwuchs fördern sollte. Und wisst ihr was? Sobald meine Haare anfingen zu wachsen, habe ich mich daran gemacht, sie alle zu entfernen.

Ich würde gerne sagen, dass ich als Frau automatisch antisexistisch bin, so wie eine Lesbe zu sein mich von homophoben Denkweisen befreien würde. Breaking News: So ist es nicht. Wir leben in einer Welt, die von alten weißen Männern regiert wird, die uns sagen, was wir zu tun, zu denken und zu wollen haben. Also wurde ich, genau wie ihr, dazu erzogen, meine Körperhaare zu hassen. Und seien wir ehrlich, das Training hat Wunder gewirkt.

Ich dachte, ich hätte mich freiwillig rasiert

Als ich mich vor ein paar Jahren für die Laser-Haarentfernung entschied (nein, sie ist nicht dauerhaft und ja, sie ist schmerzhaft), hatte ich eine Begründung dafür. Ich wurde ganz sicher nicht unbewusst von Männern und der Werbung einer Gehirnwäsche unterzogen: Ich fand Körperhaare tatsächlich hässlich. Ich war davon überzeugt, dass es meine freie Entscheidung war, nackt vor einer Frau zu liegen, die Elektroschocks durch jeden Zentimeter meiner Schamlippen jagte. Spoiler-Alert: Das hatte rein gar nichts mit Freiheit zu tun.

Vielleicht habt ihr gemerkt, dass heutzutage jede*r über Dekonstruktion spricht. Und das ist eine gute Sache. Im Grunde bedeutet es, dass wir unsere Glaubenssysteme in Frage stellen, was selten ein angenehmer Prozess ist.

Es war nicht leicht, mir meine eigene verinnerlichte Lesbenfeindlichkeit einzugestehen. Vor allem als Lesbe. Es war nicht einfach, zu erkennen, dass ich sexistische, rassistische und fettfeindliche Denkweisen verinnerlicht hatte. Und es war gewiss nicht angenehm zu erkennen, dass die Entscheidung, meine Körperhaare "dauerhaft" zu entfernen, mich zu einem perfekten Produkt der Mainstream-Gesellschaft machte.

Deutsche Frauen rasieren sich nicht

Wir sind darauf konditioniert, dass weibliche Körperhaare schmutzig sind. Ich erinnere mich daran, dass Kinder in der Schule sagten, deutsche Frauen würden sich nicht die Achseln rasieren – und das sei angeblich sehr, sehr ekelhaft. Ich habe diese Dinge nie hinterfragt. Ich bin damit aufgewachsen, dass Frauen sich die Augenbrauen zupfen, die Beine epilieren und die Schamhaare rasieren. Und es ist mir nie in den Sinn gekommen, diese zeitaufwändigen und schmerzhaften Rituale zu reflektieren.

Ich habe mir nie die Frage gestellt, warum Frauen neben der Gratisarbeit, die sie sieben Tage die Woche zu Hause verrichten mussten, auch noch als dünne, haarlose, lächelnde Wesen erscheinen sollten. Ich habe mich nie gefragt, ob der so genannte weibliche Körper ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung des Patriarchats war. Ich habe die Norm nie in Frage gestellt, denn ich war zu sehr damit beschäftigt, mich anzupassen.

Body Hair, Don't Care


Élisabeths Freundin hörte zuerst damit auf, sich zu rasieren (Bild: Anna Ricarda Fabian - @theoutfluencerin - far-photography.de)

Letztes Jahr besuchte mich meine Cousine aus Berlin zu meinem Geburtstag. Sie trug kurze Hosen und wir kamen auf ihre Beine zu sprechen. Sie hatte sie seit fünf Jahren nicht mehr rasiert und fühlte sich sehr wohl dabei. Ihre Frau finde ihre Haare sogar extrem sexy, sagte sie. Plötzlich empfand ich Bewunderung für meine jüngere Cousine. Früher war ich ihr lesbisches Vorbild, aber jetzt war sie die Coole. Ich bewunderte ihre Freiheit.

Ein paar Wochen später hörte meine Freundin auf, sich die Achseln zu rasieren. Und ich muss sagen, dass die Frau meiner Cousine Recht hatte. Mensch, ihr Haar ist sexy! Ich bestärkte meine Freundin darin, trotz der unangenehmen Kommentare ihres konservativen Umfelds ihrem Herzen zu folgen.

Jedes Mal, wenn meine Freundinnen mit unrasierten Achseln, Beinen und Bikinizonen herumliefen, feierte ich ihre Coolness. Aber ich hatte auch das starke Gefühl, dass ich selbst noch nicht bereit war, cool zu sein. Und wieder hatte ich die perfekte Erklärung: Ich bin eine Basketballspielerin. Wie um alles in der Welt hätte ich mit einem ungezähmten Busch Achselhaare unter zwanzig glatt rasierten Frauen spielen können?

Körperhaare-Rebellion

Und dann passierte es. Ich weiß nicht genau, wie. Vor sechs Monaten habe ich aufgehört, meine Körperhaare zu rasieren. Ich habe keine bewusste Entscheidung getroffen – die Idee hat sich still und leise in meinem Kopf festgesetzt. Ich würde am liebsten sagen: "Es ist so einfach. Kommt schon, Leute, macht es mir nach." Aber das wäre eine Lüge. Der Teil mit dem Basketball war nicht so schwer: es war Winter, das heißt, ich trug Leggings und lange Ärmel.

Am Anfang war das Duschen in der Halle unangenehm. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, auch wenn ich mich jedes Mal oute, wenn ich dusche, und eine neue Person anwesend ist. Denn die Leute merken es – und ich sehe, wie überrascht sie sind. Aber was kann ich tun? Ich stelle mich vor und sage: "Freut mich, dich kennenzulernen! Mein Name ist Élie und ich rasiere mich nicht."

Auch bei der körperlichen Intimität hatte ich anfänglich Schwierigkeiten. Als meine Beine anfingen, wie die eines Teenagers auszusehen, war ich nicht so erpicht darauf, mich vor meiner Freundin auszuziehen. Aber seit ich mit ihr darüber gesprochen habe und sie mir ein starkes Gefühl von Sicherheit gibt, fühle ich mich wieder selbstbewusst.

Meine Körperhaare sind heiß

Es gibt also nur noch ein Problem: Der Sommer kommt. Ich trage wirklich gerne kurze Hosen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich so auf die Straße traue. Vielleicht werde ich wieder anfangen, mich zu rasieren. Oder vielleicht mache ich es wie meine Freundin Nadine. Wenn sie sich verletzlich fühlt, trägt sie einfach eine lange Hose.

Was auch immer passiert, das Erstaunliche an dieser inneren Reise ist, wie sich meine eigenen Gefühle verändert haben. Als meine Haare zu wachsen begannen, fand ich meine Beine wirklich hässlich. Aber ich habe mich nicht rasiert, weil ich Körperhaare als einen Akt der Rebellion empfand und weiterhin experimentieren wollte. Im Laufe der Wochen begann ich meinen behaarten Körper völlig überraschend zu mögen. Heute hat sich meine Sichtweise radikal geändert. Wenn das Wasser an meinen Beinen herunterläuft, gefällt es mir, wie sich die Haare auf meiner Haut verdunkeln. Es gibt sogar Tage, an denen ich es ziemlich heiß finde. Ich glaube, das nennt man Dekonstruktion: Ich habe verlernt zu glauben, dass meine Körperhaare hässlich ist. Und ich bin verdammt stolz darauf.



#1 SchonProfil
  • 16.04.2022, 07:03hFürth
  • Klasse Beitrag, vielen Dank dafür! Was die kurzen Hosen im Sommer an geht, ich denke es macht einen riesen Unterschied sich zu rasieren weil man es gerade will, oder es zu tun, weil es verlangt wir. Haare sind natürlich und haben eine Funktion.
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#2 WarumAnonym
  • 16.04.2022, 07:57h
  • Ich verstehe nicht, warum Frauen angeblich darauf konditioniert sein sollen, Haare zu hassen, wenn die Verfasserin gleichzeitig schreibt, dass sie in der Schule erfahren hätte, dass sich deutsche Frauen nicht rasieren würden. Ich kenne massenweise Frauen, die sich nicht rasieren. Nicht 'alte weiße Männer' haben entschieden sondern wahrscheinlich irgendwelche Popsternchen, denen die Verfasserin hinterhergerannt ist. Dass sie das nicht mehr macht, sehr schön für sie. Daraus eine Befreiungsstory zu konstruieren ist sehr egozentrisch.
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#3 1HornAnonym
  • 16.04.2022, 08:47h
  • Antwort auf #2 von Warum
  • wenn die Verfasserin gleichzeitig schreibt, dass sie in der Schule erfahren hätte, dass sich deutsche Frauen nicht rasieren würden

    Ich denke, der Satz bezieht sich darauf, dass die Verfasserin dieses Artikels Französin ist bzw. in Frankreich zur Schule ging.
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#4 DestroyaAnonym
  • 16.04.2022, 10:32h
  • In meinem Sozialen Umfeld waren die Erfahrungen ganz anders.

    Meine Mutter und die erwachsenen Frauen haben sich nur die Beine rasiert, Achseln immer Wolle.

    Ich rasiere mir Achseln und Beine, wenn Sommer ist. Im WInter auch nicht.
    Unten rasieren finde ich nervig, das juckt dann ständig.

    Meine Frau rasiert sich nicht, meine Tante hat sich auch noch nie rasiert, wenn Sommer ist hat sie immer haarige Beine zu kurzen Hosen.

    Meine Oma rasiert sich nichtmal ihren Bart.
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#5 StaffelbergblickAnonym
  • 16.04.2022, 11:30h
  • ja ja die alten weißen cis-Männer sind jetzt daran schuld. Warum nicht einfach mal die Werbeindustrie hinterfragen??? Und die Pornobranche? Aus meiner Erfahrung aus dem Krankenhaus kann ich nur sagen, am häufigsten waren junge Männer "unten rum" rasiert.
    Und Achselhaare rasieren ... ja klar das sieht nun sehr gepflegt aus, wenn so manches prominente "Kind" mit ganz wenig Stoff am Körper auf dem roten Fotorennweg sich präsentiert. Ob sich jemand rasiert, ist mir egal ... außer ich teile mit ihm eine ganz spezielle Leidenschaft. Denn "Haare in der Suppe" mag ich nicht.
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#6 LovesternProfil
  • 16.04.2022, 11:37hGreifswald
  • Welche Alten Männer genau haben eigentlich dieser Frau gesagt, sie solle sich die Haare rasieren? Sie sogar derartig und lange beeinflusst, dass sie Haare eklig findet? Ihr Vater? Ihr Großvater?

    Dieses Synonym ist doch mittlerweile nur noch eine leere Hülle, in der man jegliche notwendige Selbstkritik und Selbstverantwortung abladen kann und sie dann los ist.

    Sich total zu rasieren ist jedenfalls keine Erfindung aus den spießigen, patriarchalischen 50igern, das kam erst in den 90igern auf als Schönheitstrend. Übrigens auch bei den Kerlen. Wurden die auch von alten, weißen Männern dorthin gedrängt?

    In der DDR, wo es sowas wie Mode so gut wie nicht gab, und entsprechend auch keinerlei Mode-Trends, da war es ganz normal, dass meine Sitznachbarin in der Schule dichte Wolle an ihren Armen und Beinen hatte. Ich fand es ganz normal, hab nie darüber nachgedacht.

    Wenn, dann sind es nicht Alte Weiße Männer, sondern das stetige Kreieren und Verstärken von neuen Modetrends der entsprechenden Firmen aus Kosmetik und Textilindustrie, die was verkaufen wollen. Man ist also ein Konsumopfer, und kein Opfer Alter Weißer Männer.
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#7 AtreusProfil
  • 16.04.2022, 12:00hSÜW
  • Ich verstehe es (noch) nicht so recht und fühlte mich bei der Lektüre als Bewohner eines Paralleluniversums. Das hat womöglich zweierlei Gründe: Einerseits bin ich ein weisser, schwuler, deutscher Mann, der keine Erfahrungen machte, von der mir die Autorin berichtet und andererseits gibt es wenig mehr, was mir unwerter zu diskutieren und kritisieren erscheint, als die Äußerlichkeiten anderer Menschen.

    Deshalb käme mir nicht in den Sinn, eine Frau, die sich im Dienst der Sache vor aller Augen ausgezogen hat, um über ihre Erfahrungen zu sprechen und ein ihr wichtiges Thema ins Licht unserer Aufmerksamkeit zu rücken, mit Häme zu begegnen. Danke für den Denkanstoß und den Einblick in Realitäten, die mit bisher unbekannt waren.
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#8 KratzbürsteAnonym
  • 16.04.2022, 12:39h
  • Antwort auf #6 von Lovestern
  • Schwachsinn, Damenrasierer und die Werbebotschaft, dass Frauen zumindest auch ihre Beine zu rasieren haben, wurde in den 1920er Jahren von, rate mal, Rasiererherstellern ins Leben gerufen. Natürlich mit der Absicht, dass der Profit am Ende verdoppelt werden könne (am Ende des Tages wird es eher mehr sein, da Rasierer automatisch teurer werden, sobald sie pink sind und "für Frauen" drauf steht). Der Trend wurde damals jedenfalls ganz groß auf sämtlichen Werbeplattformen in den USA breit getreten, wo vor allem mit der Lüge geworben wurde, dass das in Europa alle Frauen ganz natürlich machten, und so hat dieses Narrativ seinen großen Siegeszug gefeiert und ist natürlich auch nach Europa gekommen.
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#9 GayMetalHeadAnonym
  • 16.04.2022, 13:14h
  • Ich kann da auch nur meine persönliche Meinung beitragen, so als schwuler weißer Mann Mitte Dreißig: Ich für meinen Teil finde es extrem attraktiv, wenn ein Mann behaart ist, besonders haarige Achseln finde ich megasexy bei Männern. Kombiniert noch mit langen Haaren und einem gepflegten Bart, dann schmelze ich ;)
    Seit einigen Jahren beobachte ich, dass der Trend zur Ganzkörperenthaarung auch bei jungen Männern zurückgeht und ich finde das sehr begrüßenswert.
    Ich wünsche uns allen, dass jeder den passenden Weg für sich findet.
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#10 Dennis007Anonym
  • 16.04.2022, 13:28h
  • Alles hat seine Zeit ... es gab die Zeit der aalglatten Körper, es gab und gibt leider (was die Bartmode angeht) immer noch die Zeit der Neandertaler. Mir bleibt es unbegreiflich, wie junge und ältere Männer ihre Gesichter durch Taliban-Bärte verschandeln können ... aber jeder so, wie er mag.

    Zum Thema Ganzkörperrasur habe ich als schwuler Mitvierziger keine rechte Meinung. Macht es, oder lasst es einfach. Viel wichtiger als die Frage nach behaart oder nicht wäre mir: riecht er gut?

    Alles andere ist (mir) sowas von egal. Und ob an der ganzen Misere des Rasur-Diktats nun wieder mal die bösen weißen Cis-Männer schuld sind ... ich weiß ja nicht *gähn*. Vielleicht mal ne andere Platte auflegen ...
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