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Russland
Auch LGBTI-Aktivist Karen Shainyan ist jetzt "ausländischer Agent"
Russland hat weitere neun Regierungs-Kritiker*innen zu "ausländischen Agenten" erklärt. Betroffen sind auch der Moderator der Youtube-Talkshow "Straight Talk With Gay People" und zwei LGBTI-Aktivistinnen.

Karen Shainyan
- 16. April 2022, 02:45h 3 Min.
Die russischen Behörden sind erneut gegen prominente Regierungs-Kritiker*innen vorgegangen. Das Justizministerium in Moskau teilte am Freitag mit, weitere neun Einzelpersonen seien auf die Liste "ausländischer Agenten" gesetzt worden. Entsprechend eingestufte Einzelpersonen und Organisationen sind per Gesetz verpflichtet, ihre Finanzquellen offenzulegen und alle ihre Publikationen mit dem stigmatisierenden Begriff zu kennzeichnen. Derzeit befinden sich 142 Namen auf der Liste, darunter etliche aus dem LGBTI-Bereich.
Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine am 24. Februar haben die russischen Behörden ihr Vorgehen gegen Kreml-kritische Stimmen und Organisationen der Zivilgesellschaft ausgeweitet. Zu den neu als "ausländische Agenten" eingestuften Einzelpersonen gehört u.a. der Journalist und LGBTI-Aktivist Karen Shainyan, der die Youtube-Talkshow "Straight Talk With Gay People" (Englisch, Russisch) moderiert. Zu Gast bei dem 40-Jährigen, der mit seinem Partner zwei Kinder großzieht, waren in den vergangenen Jahren u.a. Michael Cunningham, Billy Porter, Martina Navratilova, Cynthia Nixon und Bruce Cohen.
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Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zeigte sich Shainyan zunehmend resigniert. "Alles, was wir uns erhofft hatten, fällt auseinander, all unsere Träume. Wir müssen flüchten", sagte er in einem im März veröffentlichten Interview mit dem Magazin "Rolling Stone". Inzwischen hat er wie viele LGBTI-Aktivist*innen das Land verlassen.
Instagram / karenshain | Nach dem Massaker in Butscha postete Shainyan ein Bild aus dem ukrainischen Ort, den er 2012 mit seinem ältesten Sohn besucht hat (links). Das Foto rechts entstand fünf Jahre später in Odessa
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Weitere LGBTI-Aktivistinnen neu auf der Liste
Zwei weitere Personen aus dem Bereich des queeren Aktivismus und Supports wurden am Freitag als "ausländische Agenten" eingestuft: Die Psychologin Marija Sabunaewa aus St. Petersburg, die die psychologische Beratung beim russischen LGBT Network leitete – der Verband und seine Gründer kämpfen derzeit gegen Auszeichnungen als "Agenten" (queer.de berichtete). Und Regina Dsugkoewa aus Wladiwostok, die im Osten Russlands die queere Organisation "Mayak" (Leuchtturm) gründete und ebenfalls gegen die bereits erfolgte "Agenten"-Listung ihrer Organisation ankämpft. Am 1. April war unter anderem die Psychologin Anna Golubewa auf die Liste gesetzt worden, die in einer queeren Organisation in Moskau Menschen betreute.
Ebenfalls neu auf der Liste der "ausländischen Agenten" stehen seit diesem Freitag u.a. der 35-jährige Dokumentarfilmer Juri Dud, der 59-jährige Karikaturist Sergej Jelkin, der 38-jährige Gründer des Investigativportals "The Insider" Roman Dobrochotow und die 43-jährige Politologin Jekaterina Schulmann. Schulmann hatte Russland kürzlich verlassen, um in Deutschland wissenschaftlich zu arbeiten. Der Nachrichtenagentur AFP sagte die mit ihren Analysen vielzitierte Politikexpertin, sie habe schon seit langem erwartet, zur "ausländischen Agentin" erklärt zu werden.
Die russische Medienaufsicht will derweil den Zugang zum queeren Nachrichtenportal xgay.ru sperren lassen. Es trägt das X im Namen, seitdem der ursprüngliche Name gay.ru gesperrt worden war (queer.de berichtete). (cw/AFP)
nachträglich ergänzt u.a. um von AFP nicht erwähnte Sabunaewa und Dsugkoewa











