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Lyrik

Starke queere Gedichte über Liebe, Sex und Politik

Stefan Hölscher versammelt in seinem Band "Ich sehe wirklich keinen Matrosen" erotische, ironische und originelle Gedichte, die ein einziger funkensprühender Hymnus an die Liebe und das Leben sind.


Auch auf diesem Symbolbild, aufgenommen beim CSD, sehen wir ganz bestimmt keinen (echten) Matrosen… (Bild: James Murphy)

"Queerfeine Gedichte und weise Sprüche" darf erwarten, wer den Ende 2021 schon in zweiter Auflage erschienenen Lyrikband "Ich sehe wirklich keinen Matrosen" (Amazon-Affiliate-Link ) von Stefan Hölscher in die Hände nimmt. Den größten Teil des gut 100 Seiten umfassenden Bandes machen dabei die queeren Gedichte aus, die sich erfreulicherweise erstaunlich vielfältig zeigen.

Eröffnet wird der Band "statt eines Vorworts" mit drei ganz beiläufig daherkommenden "Gedichten von Ich", die alle den gleichen Anfang aufweisen:

ich möchte ja nicht gerne von mir sprechen
aber würde ich es doch tun
dann könnte ich beispielsweise sagen …

Schon in diesen Texten wird deutlich, was sich durch den ganzen Band hindurchzieht: Der Autor versteht es vortrefflich, spielerisch und gewitzt zugleich, mit seinen Sujets umzugehen. Die Gravitationsfelder der Texte variieren dabei von Kapitel zu Kapitel, wobei jedes mit einem Zweiworttitel überschrieben ist.

Das Kapitel "Nur weil" bringt eine Reihe von reflexiven Gedichten, die unter anderem das Verhältnis von Liebe und Sex verhandeln:

Dual

verstanden habe ich nie doch hilfreich getrennt immer mehr
das was man Liebe nennt vom prallen Organ
so als hätte Descartes' abwegiges Theorem
durch einen wie mich eine späte Bestätigung erfahren
die ein feines Dach errichten kann über Kopf und Schwanz
unter dem es sich für eine Weile gar nicht so schlecht leben lässt
während beide irrsinnig leicht ihre Kapriolen
die nichts miteinander gemein haben schlagen
voll Rücksicht aufeinander als wären im Kern
sie ein liebendes Zwillingspaar das im selben Moment
aus dem wankelmütigen Kiesbett des Gartens
im Flug auf die knarzende Schaukel hochspringt

Um die Sehnsucht und das Begehren nicht nach dem "Ewig Weiblichen", das war Goethes Thema, sondern nach dem "Ewig Männlichen" geht es in den Texten von "Ja, er", in denen kleine erotisch aufgeladene Szenerien die vielfältigen Aspekte der homoerotischen Liebe beleuchten, Dabei steht immer wieder auch die "Unerfülltheit" des Begehrens im Zentrum, etwa in folgendem Gedicht:

Fitnessstudio

im Spiegel des Spiegels
dieser absolut heiße Typ
der sich so abgeschlafft kleidet
wie's nur ein Hetero schafft
der jetzt diesem Mädchen nachsieht
das federnd leicht an ihm vorüberzieht
der nie wiederauftauchen wird hier
taucht jetzt sogleich unter bei mir


"Ich sehe wirklich keinen Matrosen" ist im Geest Verlag erschienen

Eine völlig andere Tonlage schlagen demgegenüber die Politisches und Historisches thematisierenden Texte im dritten Kapitel des Bandes an, das die verblüffende Überschrift "Kein Gedicht" trägt.

Diese Gedichte erreichen mit ihrer scharf fokussierenden Art ein eindringliches Gefühl und lenken das Bewusstsein beim Lesen auf die noch immer existierende Gewalt gegen Menschen mit nicht-heterosexueller Sexualität. So werden etwa die im heutigen Russland noch immer stattfindenden Schwulenjagden thematisiert:

In unserer Wohnung

dass sie auf ihren Seiten mit ihnen chatteten als wären sie einer von ihnen dem es um ein Treffen gehe und sie so in ihre Wohnung lockten wo zwölf dreizehn von ihnen warteten dass mehr noch als die Tritte und Schläge das Gefühl nicht entkommen zu können ihre Todesangst auslöse die riechbar sei wie die Pisse aus den Bierdosen die sie auf sie gössen während sie tanzten und auf den Boden fielen wie Insekten die man zertreten könne was sie nicht täten obwohl andere es tun würden dass es um die Pflege von Umwelt und Population gehe wofür man Geduld und Passion brauche und ohnehin die meisten von ihnen sich selbst töteten was auch das Beste sei krank und dreckig wie sie seien für jeden zu sehen auf den Filmen die sie von ihnen ins Netz stellten ähnlich einer Safari wenn man die Tiere eine Weile gesucht habe und sie sich schließlich zeigten

In denkbar scharfem Kontrast zu diesen aufrüttelnden Texten in "Kein Gedicht" stehen die Gedichte in den Kapiteln "Wenn Sex" und "Gerne gerne".

In "Wenn Sex" kann man sich auf eine kleine, immer wieder auch deftig-drastische, gleichzeitig aber auch witzige lyrische Exkursion durch die verschiedenen Spielarten von schwulem Sex begeben. Da geht es ebenso um die mit eigener Fantasie und Hand bewirkte "Late Night Show" als dem "klammheimlichen Höhepunkt des Tages" wie um die offenbar auf eine Stiefelszene anspielende "Zungenandacht auf dem Boden"; es geht um die "Faszination automatischer Waschanlagen", eine "Aphrodisee (mit Lederhosidee)" sowie um "Sub und Top":

der Sub leidet wenn er den Arsch voll bekommt
und er leidet wenn er ihn nicht vollbekommt
dann sogar mehr
sehr viel mehr

Stefan Hölscher (Bild: privat)

Das Kapitel "Gerne gerne" bringt demgegenüber ganz ungeniert lyrischen Klamauk, zum Beispiel gleich in dem titelgebenden Gedicht:

Gerne Gerne

ach so gerne gerne hätte ich mit dir vertraut
des Nachts den Sternenhimmel angeschaut
auf einem Feld gesessen oder auch gelegen
der Sterne und der Liebe wegen
und so gerne gerne hätte ich betracht
in dunkler Nacht wie auch bei hellem Tach
dein göttlich leuchtend Strahlen
das auch Da Vinci könnt nicht schöner malen

Nachdenklicher wird es dann noch einmal in dem kurzen Kapitel "Habe Pässe", in dem das titelgebende Gedicht von kontextabhängigen, unterschiedlichen Aufenthaltsrechten und -gepflogenheiten, spricht. Diese Gedichte scheinen grundiert von der autobiografischen Erfahrung des Autors, der ja sowohl Männer wie auch Frauen mag und sich auch beruflich in so unterschiedlichen Gefilden wie der Sprachkunst, dem Managementcoaching und der Psychotherapie bewegt:

Ich habe Pässe aus vieler Herr*innen Länder

graue blaue schwarze rote grüne pinke gelbe sind darunter
Pässe mit vielen Stempeln auf vielen Seiten
von meinen Reisen durch diese Länder
in denen ich manchmal nur Stunden verweile
aber manchmal auch Tage und Wochen
länger nie bis ich weiterreise

Ich weiß gar nicht, ob es in dem Buch den letzten Teil, der lauter queere Aphorismen enthält, noch gebraucht hätte – aber frisch, pointiert und frech sind sie schon, zum Beispiel gleich die ersten vier:

Sex ohne Perversion ist wie Arbeit ohne Lohn.

So zwingend wir unsere eigenen sexuellen Phantasien finden, so absurd finden wir die der anderen.

Warum man begehrt, was man begehrt, ist ein schönes Beispiel für eine Frage, die total spannend klingt und in ihrer Antwort gänzlich folgenlos bleibt.

Männer sind eine geile Spezies, nur nicht die ungefähr 97 % von ihnen, die dumm, unappetitlich, ignorant, ausgetickert, verlogen, hässlich oder all das zugleich sind. Doch der, den du gerade liebst, gehört gewiss zu den 3 anderen.

Stefan Hölscher hat in seinem Band "Ich sehe wirklich keinen Matrosen" erotische, ironische und originelle Gedichte versammelt, die ein einziger funkensprühender Hymnus an die Liebe und das Leben sind. Sie nehmen alle Poesiebegeisterten mit auf eine Reise, die für queere – ebenso wie für nicht-queere – Menschen äußerst spannend, facettenreich und inspirierend ist. Ich kann diesen Band aus voller Überzeugung empfehlen.

Infos zum Buch

Stefan Hölscher: Ich sehe wirklich keinen Matrosen: Queerfeine Gedichte und weise Sprüche. 2. Auflage. 117 Seiten. Geest-Verlag. Vechta 2021. Taschenbuch. 11 €. ISBN: 978-3-86685-854-1.

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
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#1 LinusAnonym
  • 17.04.2022, 11:01h
  • Ich finde diese Ikonizität von Matrosen für Schwule wirklich interessant. Damit wird ja auch teilweise in Werbung gespielt (z.B. eine Parfumwerbung, dessen Name mir jetzt nicht einfällt).

    Ich glaube das hat damit zu tun, dass Matrosen oft wochenlang nur unter Männern auf See sind und da auch so manches passiert, was vielleicht sonst nicht passiert wäre. Und dass sie oft durch ihre körperliche Arbeit fit und durchtrainiert sind.

    Witziges Funfact am Rande:
    Ich war als Kind beim Schulkarneval auch immer Matrose. Auch schon als ich noch nicht wusste, dass ich schwul bin und noch viel weniger, dass der Matrose so ein schwules Symbol ist. Aber das lag zur Hauptsache daran, dass das schnell und einfach ging. Andere mussten sich auf Toilette umziehen und schminken (was vielleicht auch irgendwie dazugehört, mir persönlich aber immer zu lästig war), während ich einfach mein geringeltes T-Shirt anhatte, dann noch ein Matrosen-Käppi aufgesetzt habe und voila, schon war ich fertig kostümiert. Ob mein Unterbewusstsein da schon wusste, dass ich schwul bin?
  • Antworten » | Direktlink »
#2 antosProfil
#3 AtreusProfil
  • 18.04.2022, 11:26hSÜW
  • Antwort auf #2 von antos
  • Mein österlicher Literaturtipp, um faule Eier zu erkennen:

    Ulrich Magin - Kluge Scheiße: Handbuch für Besserwisser (Herder-Verlag)

    Vll. kannst du damit auch an anderer Stelle glänzen und dich weiterhin mit den Kommentator*innen befassen, statt den Artikeln. Das Buch ist antiquarisch schon ab 2 Euro erhätlich.
  • Antworten » | Direktlink »
#5 nichtbinärePersonAnonym