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Von Camp zu Kult

Der Verfall unserer geliebten Diven

Im Männerschwarm Verlag ist eine aktualisierte Neuauflage von Christoph Dompkes Buch "Alte Frauen in schlechten Filmen" über die Alterskarrieren einst erfolgreicher Schauspielerinnen erschienen.


Ausgangspunkt des Buches ist der Film "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" mit Bette Davis und Joan Crawford in den Hauptrollen

Schwule und alte Diven – diese Verbindung hat eine lange Tradition. Die Faszination für ältere und alte Schauspielerinnen, Sängerinnen, Diseusen ist ein wenig schwer zu erklären – es ist wohl die Faszination für den Glamour vergangener Tage. Viele Diven haben ihren eigenen Verfall durchaus mit Witz verarbeitet. Das führte dazu, dass eine ganze Reihe ältere weibliche Stars ihre treuesten Fans unter schwulen Männern hatten und haben – von Zarah Leander über Marlene Dietrich bis zu Barbara Streisand und Bette Midler.

Frauen in ihren besten Jahren, wie es oft etwas beschönigend heißt. Doch dass das höhere Alter keineswegs immer so glamourös und witzig ist, wissen vor allem die Schauspielerinnen, die sich in den Spät-Phasen zumindest in der Vergangenheit mit schlechten Rollen in schlechten Filmen zufriedengeben mussten.

Alte Diven in mittlerweile vergessenen Filmen


Cover der überarbeiteten Neuausgabe

Der Musikwissenschaftler und Autor Christoph Dompke brachte bereits vor fast 25 Jahren, 1998, sein Buch "Alte Frauen in schlechten Filmen" (Amazon-Affiliate-Link ) heraus. Schon einmal hatte Dompke eine Überarbeitung seines Buches vorgelegt, nun kommt eine weitere Fassung heraus. Der Autor schreibt in seinem Vorwort, dies sei notwendig geworden, weil sich auch die Rolle älterer und alter Frauen verändert habe: Im Gegensatz zu den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrtausends würden Frauen heute nicht mehr zwangsläufig irre Alte, verwirrte Schachteln oder lächerliche Figuren spielen. Selbstbewusste Charaktere, die von Schauspielerinnen wie Meryl Streep, Helen Mirren oder Judy Dench verkörpert werden, hätten heute nichts mehr mit trashigen Horror-Film-Rollen zu tun.

Dompkes Buch, das in 33 Kapiteln alte Diven in mittlerweile vergessenen Filmen bespricht, ist allerdings deutlich gealtert. Schon bei der ersten Auflage, 1998, werden sich manche Leser, es werden sicher hauptsächlich Männer gewesen sein, kaum mehr an Filme wie "Schöner Gigolo, armer Gigolo" mit Marlene Dietrich erinnert haben, in der die Diva nur schemenhaft hinter einem Gesichtsschleier zu erkennen ist. Heute hat sich das Phänomen des Vergessens sicher noch einmal verstärkt – und Dompkes Buch ist unfreiwillig zu einem Geschichtsbuch geworden, in dem es um ein unrühmliches Kapitel hollywoodesken Umgangs mit seinen alten Diven geht.

Von "Camp" redet heute keine*r mehr

Das liegt auch daran, so schreibt es Dompke selbst, dass der Begriff "Camp", einst von Susan Sontag interpretiert als Freude an schlechter Kultur, heute weitgehend verschwunden ist. War der Spaß an übertrieben-ausgeschmückten Filmen, Mode, Theaterstücken früher so etwas wie ein fester Bestandteil schwuler Alltagskultur, auch Ausdruck eines klandestinen Zusammengehörigkeitsgefühls, ("Is he a friend of Dorothy's?" fragten damals amerikanische Schwule als Code-Wort und Anspielung auf den Film "Wizard of Oz" mit Judy Garland) ist "Camp" heute als Phänomen weitgehend verschwunden. Wenn Lady Gaga ein etwas zu übertriebenes Kleid trägt, ist es vielleicht ein Gesprächsthema, aber als "Camp" würde man es nicht mehr bezeichnen.

Darunter leidet auch Dompkes Buch ein wenig, dessen Ausgangspunkt übrigens der Psycho-Thriller: "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" aus dem Jahr 1964 ist. Bette Davis und Joan Crawford gaben in dem Schwarz-Weiß-Film von Robert Aldrich so überzeugend ein sich hassendes Schwestern-Paar, das sich unzählige Filme, Theaterstücke, Serien auf diesen Stoff bezogen, etwa die Serie "Feud" (2017) oder aber eine RTL-Verfilmung mit Iris Berben und Hannelore Elsner in "Fahr zur Hölle, Schwester". Hier ist Dompke nicht ganz stringent, denn die Karrieren der beiden deutschen Schauspielerinnen gingen nach diesem Film ja noch weiter.

Doch trotz des Staubs, den einige Kapitel angelegt haben, ist das Buch noch immer lesenswert für alle Filmfans, die Filmgeschichte aus sehr anderer Perspektive lesen und erleben wollen. Christoph Dompke hat eine Reihe von Kapiteln überarbeitet und ein paar neue hinzugefügt. Und dennoch, wie Dompke selbst schreibt, wird er die Alterskarriere von heutigen Stars wie Karoline Herfurth oder Carey Mulligan wohl nicht mehr erleben, das müssen dann andere Autoren untersuchen. Und bis dahin wird sich bestimmt wieder einiges verändert haben an den Alterskarrieren bekannter Schauspielerinnen.

Infos zum Buch

Christoph Dompke: Alte Frauen in schlechten Filmen. Vom Ende großer Filmkarrieren. 2. überarbeitete Neuausgabe. 256 Seiten. Männerschwarm Verlag. Berlin 2022. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-86300-333-3). E.Book: 9,99 €

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#1 LothiAnonym
  • 17.04.2022, 10:44h
  • Schöner Artikel.
    Meine über alles geliebte Bette Davis ist mit großen Filmplakat von: All about Eve sehr präsent. Auch mußte ich beim lesen prompt an die großartige Schauspielerin Ruth Gorden denken. Ach da werden so viel gute Erinnerungen wieder wach.
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#2 LinusAnonym
  • 17.04.2022, 10:47h
  • "[...] mit schlechten Rollen in schlechten Filmen zufriedengeben mussten."

    Wie sagte mal Joan Collins (die "Alexis" aus dem Denver-Clan), die ich auch in die Rige großer, von Schwulen verehrter Diven einreihen würde: Es gibt keine schlechten Rollen. Nur schlechte Wohnungen in die man ziehen muss, wenn man keine "schlechten" Rollen annimmt.

    Übrigens:
    ich finde keineswegs, dass der Begriff "camp" aus der Sprache weitestgehend verschwunden ist. Die campe Kultur mag mittlerweile in vielen Bereichen so selbstverständlich sein, dass es nicht mehr separat bezeichnet wird. Aber "camper" Stil ist nach wie vor existent und wird auch von manchen so genannt.

    Ähnlich wie das Wort "metrosexuell" heute vielleicht nicht mehr so geläufig sein mag, wie noch vor 20 Jahren, aber auch das gibt es immer noch und wird auch teilweise noch so genannt.
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#3 Julian 80Anonym
  • 17.04.2022, 12:14h
  • Ich glaube, viele Schwule stehen nicht nur auf ältere "Diven", sondern generell auf coole ältere Ladies.

    Für mich ist und bleibt das Standardbeispiel die letzten Dezember kurz vor ihrem 100. Geburtstag gestorbene Betty White, die aus unzähligen Fernsehserien, Fernsehshows, Spielfilmen, aber auch wegen ihres Engagements für Tiere und für LGBTI bekannt ist.

    Die war, ist und bleibt für mich mein "Golden Girl", die ich immer verehren werde und die mit ihrer Einstellung, das Leben zu genießen und immer das Positive zu sehen (weswegen sie wohl auch so alt geworden ist und bis fast zuletzt körperlich und geistig fit war) mein ewiges Vorbild bleiben wird.
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