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Roman

Junge schwule Liebe auf der Krebsstation

Philipp Lutz' Debütroman "Malibu" erzählt, leider nicht ganz ohne Melodram, die tragische Geschichte zweier Jungen, die mit dem Krebs kämpfen und dabei ein wenig Liebe finden.


Sehnsuchtsort für die Zeit nach dem Krebs: Junger Mann am Strand von Malibu (Bild: 12019 / pixabay)

Jonas und David sind siebzehn. Sie haben beide vor allem die Frauen im Kopf. Und sie haben Krebs. Auf der Onkologiestation der Kölner Uniklinik teilen sie ein Zimmer, ihre Sorgen und Ängste und zunehmend auch ihre Welt. Während um sie herum Familie und Freunde immer weiter wegdriften, kommen die beiden Jungen sich näher, beieinander fühlen sie sich geborgen und verstanden.

Debütautor Philipp Lutz erzählt in seinem Jugendroman "Malibu" (Amazon-Affiliate-Link ) die Geschichte zweier verlorener Adoleszenzen. Als eine Art schwule Version von "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" erfährt man viel aus dem tristen und lebensmüde machenden Ausnahmezustands-Alltag krebskranker Jungen. Das heißt, man erfährt nicht viel, da dort nicht viel passiert. Mit dem Liegen, dem Erbrechen wegen der Chemotherapie, dem Nichts-essen-können und dem Sich-mit-dem-Bettnachbarn-unterhalten ist bereits ein Großteil der Tage vollumfänglich gefüllt.

Glücklicherweise versteht sich der Roman darauf, den Alltag der Krebskranken unaufgeregt zu schildern, und versucht nicht, ihn durch außergewöhnliche Ereignisse "aufzupeppen" und zu spektakularisieren. Während also eigentlich kaum etwas passiert, kann "Malibu" an einigen Stellen durchaus ergreifen und bewegen. Der authentische Umgang der Jungen mit ihrer Situation der Verzweiflung geht ans Herz.

Klaustrophobische Jugenderfahrung


Der Roman "Malibu" ist im März 2022 im Berliner Querverlag erschienen

Eigentlich wäre diese Lebensphase der beiden Jugendlichen geprägt von Entfaltung, Welt- und Selbsterkundung, der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Doch Jonas und David sind ganz auf sich selbst und einander zurückgeworfen. Sie sind hin und her gerissen zwischen "Keine Lust auf die Welt" und der Sehnsucht nach Normalität. Zusammen phantasieren sie in ausgeprägten Tagträumen von einem Leben als gesunde Teenager, von Dingen, die sie zusammen unternehmen wollen, nachdem sie den Krebs besiegt haben.

Woher dabei ihre Faszination für den Strand von Malibu kommt, der den beiden zum Sehnsuchtsort und als Reiseziel zur Manifestation der Hoffnung auf ein Nach-dem-Krebs wird, bleibt unklar. Es wirkt wie aus einem amerikanischen Road-Movie der späten 90er-Jahre übernommen. Doch das ist im Genre des Jugendromans nicht schlecht. So konstruieren sich junge Menschen ihre Welt, aus Versatzstücken und Verweisen. Doch hier wird eine erste Verwirrung offenbar, die den Roman durchzieht: Wann spielt er?

Das Ganze liest sich nicht wie eine Neuerscheinung, sondern fühlt sich eher an wie ein Buch von vor zehn oder sogar zwanzig Jahren. Die popkulturellen Verweise machen den Intertext des Romans schwer bestimmbar. Erzähler Jonas hört Lieder von Rihannas erstem Album, alte Folgen "Domian" (im Podcast), bezieht sich auf Kai Pflaume, nutzt Spotify, hat aber auch einen "Ordner" mit Karnevalsmusik auf dem Handy, erwähnt Justin Biebers Haarschnitt aus den späten 2010er Jahren, hat "Brokeback Mountain" (2005) und "Crazy" (2000!) geistig griffbereit – in Summe zumindest ungewöhnlich für einen 17-Jährigen.

Zwischen den Zeiten im Gestern

Autor Philipp Lutz tut sich und seiner Geschichte keinen Gefallen damit, dass er sie nicht klar datiert und sauber die Eigenheiten der gewählten Gegenwart herausarbeitet. So wirkt die Handlung zwischen den Zeiten, ohne dabei aber zeitlos zu sein. Doch alle aktuelle Jugendliteratur hat ja immer nur eine sehr kurze Halbwertszeit und kann schon aufgrund technischer Minimalfortschritte wie sich ändernder Like-Buttons obsolet wirken. Sei es "Malibu" zugestanden, zu versuchen, sich von dieser Bestimmbarkeit etwas unabhängig zu machen.

Zurück zum Thema: In einer Reihe mit anderen Geschichten, die um Krebs in der Jugend kreisen, wie etwa "Der Club der roten Bänder" oder "Den Hund überleben" kann der Roman sich einerseits emotional blicken lassen. Andererseits werden jedoch in diesem Vergleich auch seine Schwächen offenbar.

"Malibu" lässt einen der Protagonisten selbst in der ersten Person berichten. Dass da tatsächlich ein 17-Jähriger seine Geschichte in seinen Worten aufschreibt, mag man noch glauben – wenn auch, wie erwähnt, die Frage bleibt, welcher Jahrgang er ist. Problematisch ist allerdings, dass an zu vielen Stellen zu sehr und zu wenig gebrochen 17-jährig gesprochen wird. Ein symptomatisches Beispiel: An insgesamt 64 Stellen, das heißt jede dritte Seite, "grinst" eine Figur oder sagt etwas "mit einem Grinsen" o.ä. Da wäre doch etwas mehr Varianz in der Sprache wünschenswert.

Die Angst vor der eigenen Homosexualität

Ebenfalls noch sehr im Gestern verhaftet, und wohl am dringendsten zu monieren, ist das Verhältnis des Protagonisten und Erzählers zu seiner Homosexualität. Wieso hat ein 17-jähriger Kölner in einem Roman von 2022 eine derartige Angst vor seiner Sexualität? Jonas' Erzählen und auch Verhalten ist geprägt von einem hohen Maß an Zurückhaltung und Selbstrestriktion. Während derzeit sexuelle Selbstbestimmung, Freiheit und Expression, besonders unter den sich der Volljährigkeit Nähernden, gerade bei TikTok oder in Serien wie "Euphoria" extrem progressive Vorbilder finden, liest sich "Malibu" doch leider etwas zu gestrig und binär.

Was nun also? Lesen oder nicht? Als Alternative zu den immer gleichen Er-liebt-sie-liebt-ihn-Geschichten für junge Menschen ist "Malibu" doch zu begrüßen. Das kann man auf jeden Fall kaufen und den Neffen und Nichten und auch allen dazwischen schenken. Aber nur, wenn es dabei nicht bleibt. Danach bitte auch etwas, das mutiger voranschreitet.

Infos zum Buch

Philipp Lutz: Malibu. Roman. 184 Seiten. Querverlag. Berlin 2022. Taschenbuch: 16 € (ISBN 978-3-89656-312-5). E-Book: 9,99 €

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-w-

#1 Cho002Anonym
  • 18.04.2022, 21:50h
  • Ich lese gern. Schwule Literatur hatte ich schon komplett durch noch vor den ersten eigenen realen Erfahrungen. Dieses Buch kenne ich nicht. Auch nicht den Rezensenten. Zum letzten Abschnitt "Die Angst vor der eigenen Homosexualität" habe ich aber dennoch etwas zu sagen. Dieser erscheint mir nämlich hanebüchen. Ich denke auch im Jahr 2022 hat sich bei den Unsicherheiten während der sexuellen Selbstfindung Jugendlicher nullkommanix geändert. Was prägt, ist wie wir aufwachsen. Und das ist nun einmal in der Regel in einem heterosexuellen Umfeld. Keine große Wissenschaft. Nach Außen hin mag das Sich-Selbst-Finden mittlerweile durchaus einfacher geworden sein. Aber keinesfalls die innere Zerrissenheit dabei. Und das wird auch noch viele Jahre so bleiben. "gestrig und binär" als Kritik entlarven sich hier irgendwie letztlich auch nur als Schubladendenken und eben nicht als progressiv. Zudem erscheint mir hier TikTok als "progressive" Vorbildfinder mehr als fragwürdig.
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#2 SpätzünderAnonym
  • 19.04.2022, 04:44h
  • Danke an #1 wer schon Einiges vorweg nahm. Auch mir erscheinen die starren Urteile über einen Autoren, der nicht das gewünschte Teenie-Stereotyp der 2020er Stadtgeborenen repliziert, etwas eintönig. Kennen wir nicht genügend Unterschiede in der Weise, wie einer aufwächst und in welcher Phase er so unterschiedlich zm Nächsten sich selbst erkundet?
    Es gibt nicht einzig die mit 100% LGBTI-Helikoptersupport, Früherkenntnis und stolzsockeslicherer Bodenhaftung im schwulen Selbst. Das kommt ganz drauf an, wie man groß wird.
    Auch Interessen müssen nicht der Gegenwart unterliegen.
    Mehr Mut zur Erkenntnis um die Verschiedenheit der Individuen it hier sicher auch vom Kritiker nicht zuviel verlangt. *g*
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#3 ein FanAnonym
  • 17.06.2022, 17:59h
  • Ich stimme der in den vorigen Kommentaren anklingenden Kritik an der Kritik zu. Ich habe das Buch gelesen und wurde von den beiden Jungs sehr bewegt. Eben weil hier nicht eine schablonenhafte "So läuft das nun mal mit Comingout und so!" Nummer präsentiert wird. Weil eine mögliche (kommerziell motivierte) Scheu vor zu kurzer Halbwertszeit eines Buches einer möglichen Universalität nicht unbedingt im Wege stehen muss. Weil eben das Krebsdrama, die Willkür der Krankheit, die verdrängte Angst vor Gefühlen sehr authentisch präsentiert werden. Eine Angst, derer sich vor allem einer der beiden immer bewusster wird. Mehr verrate ich natürlich nicht... aber ich möchte es wirklich sehr empfehlen... :-)
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