Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?41783

Kommentar

Das Entschuldigungsvideo von Xavier Naidoo reicht nicht

Xavier Naidoo sagt "Sorry" dafür, jahrelang rechten Unsinn verzapft zu haben. Doch das Statement verbleibt an der Oberfläche. Wer aufrichtig um Verzeihung bittet, muss mehr liefern als das, findet Jeja Klein.


Sollte mit ein paar einfachen Distanzierungen nicht davon kommen: Sänger Xavier Naidoo (Bild: Kadir Caliskan)

Pop-Sänger Xavier Naidoo hat sich in einer Videobotschaft für sein Verhalten in der Vergangenheit entschuldigt. Er distanziere sich "von allem Extremen", insbesondere aber von rechten und verschwörerischen Gruppen, und entschuldige sich bei allen, die er vor den Kopf gestoßen oder verletzt habe (queer.de berichtete). Das ist einerseits gut.

Andererseits ist das einigermaßen wenig dafür, dass Naidoo seit vielen Jahren auf Tonträgern und Bühnen sowie abseits davon kaum eine Form von Menschenfeindlichkeit und Bullshit ausgelassen und jede Kritik an sich abperlen lassen hat.

Dass der Sänger das Ausmaß seines Fehlverhaltens nicht begreift, zeigt sich auch in einer jetzt von ihm gewählten Formulierung. Alle, die ihn kennen, heißt es im Clip, wüssten, wofür er einstehe: Toleranz, Vielfalt, ein friedliches Miteinander. Nationalismus, Rassismus und Homophobie seien mit seinen Werten nicht vereinbar. Er verurteile diese Dinge "aufs Schärfste".

Die Scheinwelten des Xavier Naidoo

Darin steckt im Kern die selbe Schelte von Presse, öffentlicher Meinung und Kritik, die mitverantwortlich dafür sein dürfte, dass Naidoo zu seiner speziellen Form der "Wahrheitssuche" aufgebrochen war. Sie besagt: In all den Jahren habe von ihm nur ein falsches Bild vorgeherrscht, das den echten – wenn man so will: wahrhaftigen – Naidoo nicht korrekt abgebildet habe.

Schon 2012, als Naidoo wegen seines Songs "Wo sind sie jetzt" vollkommen berechtigte Vorwürfe der Schwulenfeindlichkeit einstecken musste, war es seine Verteidigungslinie gewesen, nur missverstanden worden zu sein. Und auch, als er juristisch letztlich erfolglos dagegen vorgegangen war, ein Antisemit genannt zu werden, inszenierte er sich als Opfer eines falschen Scheinbildes von sich. Im Dezember 2021 urteilte das Bundesverfassungsgericht, dass eine Referentin der Amadeu Antonio Stiftung Naidoo einen Antisemiten nennen durfte (queer.de berichtete).

Doch der Sänger hat all diese Dinge nicht nur vertreten, er hat sie in seine Musik einfließen lassen und in noch heftigerer Form in seinem Telegram-Kanal verbreitet. Etwa im Februar 2021, als er eine vom NS-Ideologen Alfred Rosenberg stammende Zusammenfassung der einflussreichen antisemitischen Fälschung "Die Protokolle der Weisen von Zion" nicht nur postete, sondern auch mit dem Kommentar "Ihr sucht die Wahrheit? Hier bekommt ihr sie. Ungefiltert und unzensiert. Vincit Omnia Veritas! ["Die Wahrheit besiegt alles", Anm.]" versah. Die Schrift wird unter Antisemit*innen als authentische Überlieferung geheimer Pläne zur jüdischen Weltverschwörung gehandelt.

Dabei steht der Antisemitismus nicht einfach gleichrangig neben verschiedenen Formen von "Menschenfeindlichkeit" oder "Diskriminierung". Vielmehr treibt er als zugrundeliegendem Gefühl, als Weltanschauung und -erklärung, genau die "Wahrheitssuche" an, die Naidoo auch in seinem neuen Entschuldigungsvideo wieder als bloßen Charakterzug von sich verharmlost.

Denn wer sich vor allem anderen in einer Welt wähnt, deren Wahrheit von geheimen Mächten verschleiert und entstellt wird, um den Rest der Menschheit zu beherrschen, wird immer wieder bei der Verherrlichung des vermeintlich Selbstverständlichen und Natürlichen landen: Die Nation, die Familie, biologisch begründete Geschlechterrollen und Sexualitäten, beim natürlichen Immunsystem im Gegensatz zur "künstlichen" Pharmaindustrie und so weiter. Dabei ist es übrigens einigermaßen egal, ob die "Strippenzieher*innen" als Jüd*innen benannt oder auch nur imaginiert werden.

Bekenntnis oder PR-Manöver?

Und es stimmt auch einfach nicht: Im März 2020 distanzierten sich etwa die Söhne Mannheims von Naidoo – jene Musiker, mit denen er seit 1995 in wechselnder Besetzung aufgetreten war. In deren Stellungnahme nach einem Naidoo-Video mit rassistischen Inhalten begründeten die "Söhne" den Schritt damit, dass sie gegen Hass, Gewalt und Rassismus stehen. Haben die Musiker ihn also in all den Jahren nie kennengelernt? Das Gegenteil dürfte der Fall sein.

Trotzdem ist Naidoos Entschuldigungsvideo auch von Formulierungen getragen, in denen er sich zu seinen Irrtümern bekennt und die durch ihn entstandenen Verletzungen und Irritationen zugesteht. Die Bitte um Verzeihung ist angekommen.

Doch damit Verzeihung gewährt werden kann, muss viel mehr kommen als bloße "Distanzierungen" oder das Gerede von "Extremen", in die man nicht geraten dürfe. Das impliziert nämlich immer, dass vielleicht mildere Formen, zum Beispiel von Antisemitismus oder Homophobie, im duldbaren Bereich wären. Sie sind es nicht. Auch Behauptungen wie die, Naidoo habe sich "instrumentalisieren" lassen, weisen in die falsche Richtung der Abgabe statt der Übernahme von Verantwortung.

Naidoo muss deutlich benennen und inhaltlich darstellen, was er an Unwahrheiten und Irrlichtereien von sich gegeben hat. Warum war der Song schwulenfeindlich und wieso die Assoziation zwischen sexueller Gewalt an Kindern und schwulem Begehren (queer.de berichtete)? Was ist das Problem an Geraune darüber, dass die Bundesrepublik kein echter Staat sei – und zwar abseits der völlig banalen Feststellung, dass das Verschwörungsideologie ist? Wie ist er darauf gekommen, die Impfung gegen das Corona-Virus als "Gift" zu bezeichnen und was denkt er heute darüber? Und gibt es jetzt einen jüdischen Geheimplan zur Beherrschung der Welt oder gibt es ihn nicht?

Wenn keine echte Aufarbeitung der ganzen, falschen Weltanschauung des Xavier Naidoo folgt, darf das Entschuldigungsvideo getrost als ein weiteres PR-Manöver gelten. Das wäre dann eher dem Anliegen gewidmet, die brach liegende, musikalische Karriere pünktlich zum erhofften Ende der Coronakrise und zu sich füllenden Konzerthallen wieder auf Vordermann zu bringen. Eine echte Aufarbeitung aber wäre die Bemühung, sich der Wahrheit zu nähern. Diesmal tatsächlich.



#1 PetterAnonym
  • 20.04.2022, 14:05h
  • Wenn die Einnahmen ausbleiben und niemand ihn mehr sehen will, ändert er plötzlich seine Meinung?

    Und alles, was von ihm an Homohass, Transhass, Antisemitismus, Sexismus, Verschwörungstheorien, etc. verbreitet wurde, war plötzlich ein Versehen und eigentlich gar nicht so gemeint?

    Naja, wer's glaubt...

    Ich bin der Meinung:
    wenn jemand, der aufgrund seiner Prominenz und früher auch mal Beliebtheit so viel Einfluss auf die öffentliche Meinung hat, über Jahre hinweg so viel Hass und Unheil verbreitet, dann ist es nicht mit einem "Ups, sorry" getan.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 LorenProfil
  • 20.04.2022, 18:45hGreifswald
  • Vielleicht könnte Jeja Klein jetzt ein Interview mit kritischen Fragen mit Herrn Naidoo führen. Könnte interessant werden.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 tchantchesProfil
  • 20.04.2022, 20:51hSonstwo
  • Sollte er bei seiner Entschuldigung dasselbe PR-Büro eingesetzt haben wie Boris Johnson?
  • Antworten » | Direktlink »
#4 Pu244Anonym
  • 21.04.2022, 15:52h
  • Ich denke, die nächste Zeit wird zeigen, wie ernst er es meint.

    Vom Finanziellen her sollte es ihm eigentlich garnicht so schlecht gehen. Zum einen hat er mit seinen Verschwörungstheoretikern eine recht stabile Kundschaft gehabt und zum anderen fließen nach wie vor die Tantiemen. Außerdem kann man vermuten, dass er schon lange ausgesorgt hat. Mit dem Video hat er jedenfalls die Verschwörungstheoretiker vergrault.

    Wenn es ein ernstzunehmender Sinneswandel ist, dann sollte man ihm mMn durchaus verzeihen.

    Wie gesagt, das wird sich in den Interviews der nächsten Monate zeigen.
  • Antworten » | Direktlink »