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Jetzt im Kino
Wenn privilegierte Lesben auf wütende Gelbwesten treffen
Catherine Corsini beleuchtet in ihrer Tragikomödie "In den besten Händen" die gesellschaftlichen Spannungen in Frankreich – erzählt aus der Perspektive eines gut situiierten lesbischen Paares.

Zwischen Raphaela und Julie fliegen immer öfter die Fetzen, bei einer neuerlichen Auseinandersetzungen bricht sich Raphaela den Arm (Bild: Alamode Film)
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21. April 2022, 03:01h 4 Min.
Das Jahr 2018 neigt sich dem Ende zu, Frankreich befindet sich in Aufruhr: Die Gelbwestenproteste sind in vollem Gange. Hunderttausende demonstrieren gegen Emmanuel Macrons Pläne zur Finanzierung der Energiewende. Viele Französ*innen fürchten sich vor nicht mehr zu stemmenden Mehrkosten, sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Unter die Protestierenden mischen sich allerdings auch radikale Kräfte von ganz Links und Rechts. Immer wieder kommt es zu heftigen Ausschreitungen, das Land scheint gespalten.
Inmitten dieser Gemengelage spielt Catherine Corsinis ("La Belle Saison – Eine Sommerliebe") neuer Film, der jetzt im Kino zu sehen ist. Vor der Kulisse eines besonders turbulenten Tages in einer Pariser Notaufnahme verschränkt er den prekären Zustand des Gesundheitssystems mit den sozialen Spannungen zwischen dem liberalen bürgerlichen Lager, den Macron-Wähler*innen, einerseits, und den unmittelbar von dessen Plänen besonders stark betroffenen Arbeiter*innen, den vermeintlichen Le-Pen-Wähler*innen, andererseits.
Mit Wut und Warmherzigkeit Missstände angeprangert

Poster zum Film "In den besten Händen" startet am 21. April 2022 bundesweit in den Kinos
Dabei folgt die kammerspielartige Tragikomödie einem gut situierten lesbischen Paar, dessen dysfunktionale Beziehung eigentlich vorbei ist. Zumindest betont das Julie (Marina Fois) gleich zu Beginn der Handlung immer wieder: Nach einem Streit hat ihr Partnerin Raphaëlle/Raf (Valeria Bruni Tedeschi) über Nacht unzählige wütende Textnachrichten geschickt. Es ist wohl nicht das erste Mal gewesen, der Psychoterror scheint auf der Tagesordnung zu stehen.
Dieses Mal soll endgültig Schluss sein – doch dann bricht sich Raf den Arm, ihre Partnerin folgt ihr ins Krankenhaus. Spätestens hier setzt "In den besten Händen" zum dringlichen sozialen Kommentar an, das mit einer Mischung aus Wut und Warmherzigkeit diverse gesellschaftliche Missstände in Corsinis Heimatland anprangert.
Politische Zerwürfnisse werden prägnant dargestellt
Denn in der Rettungsstelle spielen sich tumultartige Szenen ab: Ununterbrochen werden verletzte Demonstrierende eingeliefert. Das ohnehin unterbesetzte Krankenhausteam ächzt unter der zusätzlichen Last, es mangelt an Medikamenten und Material. Das Wirrwarr wird zu einem eigenen Mikrokosmos, in dem unterschiedliche gesellschaftliche Milieus aufeinanderprallen.
Insbesondere zwischen der quengeligen, egozentrischen Raf und dem durch einen Ausbruch von Polizeigewalt während einer Gelbwesten-Demo schwer verletzten Lastwagenfahrer Yann (Pio Marmaï) entspinnen sich emotionsgeladene Rededuelle. Als Repräsent*innen der beiden zentralen Lager, in die Frankreich zu zerfallen drohte, hat Corsini ihre Figuren karikaturesk angelegt.

Er ist immer noch nicht an der Reihe: Pio Marmai als Yann im Krankenhaus (Bild: Alamode Film)
Da es sich um eine Komödie handelt, sticht diese Stereotypisierung allerdings nicht negativ hervor. Vielmehr werden die unterschiedlichen Positionen überdeutlich nachgezeichnet, was sie umso effektvoller aufeinanderprallen lässt. Dass sich "In den besten Händen" dabei über seine realen Vorlagen lustig machen könnte, steht außer Frage. Im Gegenteil: Weil der Film die politischen Zerwürfnisse, von denen er handelt, so prägnant auf den Punkt bringt, bleibt einem so manches Mal das Lachen im Halse stecken.
Homosexualität findet statt, wird aber nicht adressiert
So ist Corsini eine rasante Tragikomödie gelungen, die trotz zahlreicher Pointen vor allem wegen ihrer mit Vehemenz vorgebrachten Kritik an der sozialen Ungerechtigkeit Frankreichs im Kopf bleibt. Umso mehr, weil sich durchaus Parallelen zur prekären Situation des Gesundheitssystems und seinen überlasteten Mitarbeitenden in Deutschland ziehen lassen.
Dass Corsini bei allem Hang zur Zuspitzung viel Wert auf Authentizität legt, zeigt sich auch im Casting von echtem medizinischen Personal ohne Schauspielerfahrung. Vor allem Aïssatou Diallo Sagna sticht als Pflegerin Kim positiv hervor. Als gute Seele des Krankenhauses ist sie in besonders vielen Szenen vertreten, ihre Präsenz besonders einnehmend. Im Februar 2022 wurde sie für ihre Leistung mit dem César als beste Nebendarstellerin gewürdigt.
Dass ein lesbisches Paar im Fokus des Filmes steht, wird während der Handlung im Übrigen nicht explizit thematisiert. Wie Corsini im Interview mit queer.de äußerte, sei Raf von der Drehbuchautorin und Regisseurin selbst inspiriert, weshalb ihr gar kein anderer Zugang geblieben sei – außerdem gefalle ihr die Herangehensweise, Homosexualität nicht ausdrücklich anzusprechen. In Cannes wurde "In den besten Händen" mit der Queer Palm ausgezeichnet.
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In den besten Händen. Drama. Frankreich 2021. Regie: Catherine Corsini. Darsteller*innen: Valeria Bruni Tedeschi, Marina Foïs, Pio Marmaï, Aissatou Diallo Sagna, Caroline Estremo, Jean-Louis Coulloc'h, Camille Sansterre, Marin Laurens, Ferdinand Perez uva. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Alamode Film. Kinostart: 21. April 2022.
Mehr zum Thema:
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Der Butler Albert Nobbs wird von den Kollegen geschätzt, bei den Gästen ist er gern gesehen ist. doch keiner ahnt, dass Albert in Wahrheit eine Frau ist.
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In den Stichwahlen haben die Franzosen eigentlich nur die Wahl zwischem großen Übel und noch größerem Übel. Seit etlichen Wahlen schon. Wenn man bei jeder Wahl kleine Übel addiert, hat man nach einigen Wahlen mehr Übel als vorher - klingt simpel, scheinen aber Wähler in allen Ländern gern zu vergessen.
Es wäre an der Zeit, dass es mal eine dezidiert sozial orientierte Partei (wie die von Jean-Luc Mélenchon) in die Stichwahl gelangt, anstatt weiter Wähler mit dem Schreckgespenst LePen zum Reichenpräsident Macron zu treiben.