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Geschichte eines schwulen Chansons
Homosexualität als anderes Wort für Einsamkeit
Heute vor genau 50 Jahren – am 22. April 1972 – sang Charles Aznavour erstmals das Chanson "Comme ils disent" über einen schwulen Travestiekünstler, das kurz danach auf Platte erschien. Im ZDF durfte er mit dem Lied nicht auftreten.
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22. April 2022, 04:38h 11 Min.
Der Sänger Charles Aznavour (1924-2018) ist weltweit einer der bekanntesten französischen Sänger und gehört zu den herausragenden Persönlichkeiten des französischen Chansons. Er hat über tausend Chansons geschrieben, hat sie in fünf Sprachen interpretiert und fast 200 Millionen Schallplatten verkauft. Als Schauspieler wirkte Aznavour in über 70 Filmen mit, unter anderem in Volker Schlöndorffs "Die Blechtrommel" (1979) und in "Der Zauberberg" nach Thomas Mann (1982). Am 1. Oktober 2018 starb er infolge eines Herzstillstandes. Erst einige Tage zuvor – mit 94 Jahren – gab er sein letztes Konzert.
Das Chanson "Comme ils disent"

Charles Aznavour mit "Comme ils disent" (1972)
"Comme ils disent" (1972) ist eines von Aznavours bekanntesten Chansons und sein einziges über Homosexualität. Nach einem Fernsehauftritt im April 1972 erschien es zuerst auf dem Album "Idiote je t'aime" (Juli 1972) und im selben Jahr als Singleauskoppelung.
Auch die deutsche Version "Wie sie sagen" kam bereits 1972 auf den Markt, als B-Seite der Single "Tanz Wange an Wange mit mir". Das Chanson ist ein Beispiel für Aznavours sozialkritische Texte. Er sang Texte, "wie es sie zuvor im Genre des französischen Chansons nicht gegeben hatte: […] einsame Transvestiten ('Comme ils disent'), über die Kriegskinder ('Les enfants de la guerre') und die Lebenskünstler ('La Bohème')" (Artikel der "Badischen Zeitung" zu Aznavours 90. Geburtstag, zitiert nach Wikipedia).
Der Inhalt des Chansons
Der Liedtext ist in französischer, deutscher und englischer Sprache im Internet leicht auffindbar. Es wird ein einsamer Travestiekünstler besungen, der bei seiner Mutter wohnt und sich selbstbewusst als Mann mit Stil und Ästhetik beschreibt. Er erzählt von einer Travestie-Show, bei der er regelmäßig auch nackt auf der Bühne steht, was er sich nach eigener Einschätzung erlauben kann.
Selbstbewusst greift er das Schimpfwort "Homo" als Selbstbezeichnung auf. Er erlebt zwar schöne Abende mit Freund*innen, wo das Geschlecht und die sexuelle Orientierung keine Rolle spielen, aber auch Situationen, in denen sich andere lautstark über Schwule lustig machen. Seiner Meinung nach hat niemand das Recht, Schwule zu verurteilen, da Homosexualität naturgegeben sei. Der beschriebene Travestiekünstler bringt Leiden an der gesellschaftlichen Situation und Selbstbewusstsein gleichermaßen zum Ausdruck. Der Text gibt zwar typische zeitgenössische Klischees wieder, steht aber zweifelsfrei in einem emanzipatorischen Zusammenhang.
Auch die Musik zu diesem Text stammt von Aznavour, der es grandios schafft, seine Vorstellung von Homosexualität und Einsamkeit in eine Melodie zu übertragen, die den Text perfekt unterstützt und maßgeblich zum Erfolg des Chansons beigetragen hat.
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Chanson-Variationen von Charles Aznavour

Die italienische Fassung des Chansons von Charles Aznavour "Quel che si dice"
Über dieses Chanson hätte ich auch dann einen Artikel schreiben können, wenn es nur eine Aufnahme gäbe. Aber alleine von Aznavour liegen unzählige Aufnahmen vor – aus mehreren Jahrzehnten, in verschiedenen Variationen und in fünf verschiedenen Sprachen.
Die früheste mir bekannte Aufnahme von "Comme ils disent" – und damit zeitlicher Aufhänger für diesen Artikel – ist Aznavours Auftritt im französischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ORTF am 22. April 1972 (hier online). Diese Aufnahme zeigt auch, wie respektlos es gegenüber einem Künstler sein kann, wenn während eines Auftrittes gekellnert wird. Vor allem die französische Originalfassung hat Aznavour mehrfach variiert, zum Beispiel als Jazz-Fassung von 2009 (hier online).
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Zu seinen Aufnahmen der deutschen Version "Wie sie sagen" gehört eine Aufnahme von 1974 (hier online).
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Eine Aufnahme der englischen Fassung "What makes a man a man" bringt gut zum Ausdruck, wie Aznavour – ohne negative klischeehafte Übertreibung – leicht feminin seinen kleinen Finger abspreizt, um den schwulen Travestiekünstler nachzuahmen (1982, hier online). Aufnahmen von Charles Aznavour beim Singen der italienischen Fassung "Quel che si dice" (hier online) und der spanischen Fassung "Como dicen" (hier online) lagen mir nur als Audio-Aufnahmen vor.
Chanson-Variationen von Interpretinnen
Zu den vielen Aufnahmen, in denen das Chanson in sechs Übersetzungen interpretiert wird, gehören auch die von drei Sängerinnen. Es gibt eine deutsche Fassung von Katharine Mehrling (hier online), die die Zuschauer*innen vor dem Lied auch atmosphärisch einbindet. Außerdem gibt es eine englische Fassung der US-Sängerin und Schauspielerin Liza Minnelli (hier online), die früher mit Aznavour zusammenarbeitete und die viele Schwule auch aus dem Kultfilm "Cabaret" (1972) nach einem Buch von Christopher Isherwood kennen. Auch eine französische Fassung der belgisch-kanadischen Sängerin Lara Fabian (hier online) ist verfügbar – allerdings nur als Audio.
Bei allen drei Darbietungen ist es einfach, das Lied und die Melodie musikalisch zu genießen. Die Bühnenauftritte würden auch gut funktionieren, wenn die Interpretinnen ein Lied 'über' einen schwulen Travestiekünstler singen würden. Der Text ist jedoch in der Ich-Form abgefasst. Je nach Zuschauer*in kann es daher etwas schwerer fallen, sich die Figur bzw. Rolle vorzustellen, weil diese Sängerinnen schließlich einen Mann verkörpern, der darunter leidet, Männer zu begehren und feminin zu sein.

Charles Aznavour und Liza Minnelli
Chanson-Variationen von Interpreten
Schon anhand der deutschen Aufnahmen lässt sich gut die Bandbreite der Interpretationen verdeutlichen: So gibt es eine traditionell-klassische Darstellung von Peter Fuchs (hier online), eine eher pathetische von Vladimir Korneev (hier online) und eine eher rührselige von Alexis Nowor (hier online) – der übrigens ein konzentrierteres Publikum verdient hätte.
Bei den englischen Interpretationen von "What makes a man a man" ist zunächst Marc Almond (hier online) hervorzuheben. Er hat nicht nur eine gute Stimme, sondern verkörpert die Rolle als offen schwuler Mann mit androgyner Ausstrahlung. Er hat das Lied als Single veröffentlicht, wobei die beiden Seiten des Plattencovers (als Studio- und Live-Aufnahme) in den Farben Blau und Pink eingefärbt sind, offenbar als durchaus passendes Spiel mit Geschlechterrollen bzw. -stereotypen.
Eher in den Bereich der Trash-Travestie gehören unterschiedliche Interpretationen des Liedes, in denen es zu einer Demaskierung kommt und sich der Interpret während des Liedes abschminkt, Frauenkleidung aus- und Männerkleidung anzieht. Bei diesen Interpretationen wie denen von Jason Wood (hier online), Lola Lasagne (hier online) und Jamie Monroe (hier online) wird vom Publikum viel und laut gelacht und zum Teil gegrölt.
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Es wäre jedoch unfair und unpassend, diese Auftritte ausschließlich gesanglich zu bewerten, weil sie auf eine andere Weise zur Rezeptionsgeschichte des Chansons gehören und auch einen anderen Zugang zum Chanson und zur darin beschriebenen Figur bieten. In einer Travestieshow wird Frauenkleidung als "Maske" angesehen, aber es sind gerade diese Demaskierungsszenen, die zum Nachdenken über die Authentizität geschlechtsspezifischer Kleidung anregen können.
Von den italienischen Fassungen möchte ich nur auf die Aufnahme von Maria Luisa Felice (hier online) aufmerksam machen. Um ihre Audio-Aufnahme zu illustrieren, wurden in diesem Youtube-Video Standbilder aus einem nicht genannten Film verwendet. Es sind Szenen aus dem italienischen Drama "Ein besonderer Tag" (1977), der die zarte Freundschaft zwischen dem einsamen Schwulen Gabriele (Marcello Mastroianni) und Antonietta (Sophia Loren) schildert. Wer diese Szenen verwendet hat, kannte nicht nur den Inhalt des Chansons, sondern auch den des Films.

Eine filmische Parallele aus demselben Jahrzehnt: Der einsame Schwule Gabriele (Marcello Mastroianni) mit Antonietta (Sophia Loren)
Weiterhin sind im Netz auch eine spanische Fassung von Enrique Alejandro Chipian (hier online) und eine schwedische Fassung von Peter Jöback (hier online) zu finden. Schwedisch ist die einzige der mir bekannten fünf Übersetzungen des Chansons, zu der es keine Aufnahme von Aznavour zu geben scheint.
Zeitgenössische Rezeption in Schwulenzeitschriften
Die Schwulenpresse ging mehrfach darauf ein, dass Aznavour das Lied in der ZDF-Show "Drei mal Neun" (1970-1974) nicht singen durfte. Aznavour war verärgert und teilte den Medien mit, dass es "auch die engstirnigen Moralapostel einsehen" müssten, dass es "diese Liebe gibt" ("Him" Nr. 4, 1973, S. 5 und "Don" Nr. 6, 1973, S. 22).
In "Du & Ich" (Nr. 3, 1973. S. 5-7) erschien unter der Überschrift "Homosexualität ist vielleicht nur ein anderes Wort für Einsamkeit" ein Exklusiv-Interview mit Aznavour, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass das Lied "in Homosexuellen-Kreisen viel Aufsehen erregt" habe. Aznavour gab sich engagiert und kämpferisch: "Wenn es Menschen gibt, die wirklich einsam sind, so sind es Homosexuelle […]. Homosexualität ist vielleicht nur ein anderes Wort für Einsamkeit." Das Chanson sei "kein reines Verteidigungslied für die Homosexuellen, es ist vielmehr ein Plädoyer gegen jede Art von Rassismus". Er sei mit vielen Homosexuellen "befreundet, ich kenne ihre Art zu denken und deshalb habe ich dieses Chanson geschrieben". Wenn man ihn irrtümlich für schwul halte, fühle er sich daher auch nicht "beschimpft". "Mich hat es immer gestört, daß man nur drollige Lieder über die Homosexuellen schrieb, in denen man sich über ihre Wesensart lustig machte. […] Und ich sage allen, die dagegen sind, ich scheiße auf euch, ihr geht mir auf den Wecker, ihr kotzt mich an!" "Die Homosexualität ist nur deshalb ein Problem, weil es noch zu viele Dummköpfe auf der Erde gibt." In Italien sei das Chanson verboten. In Südamerika habe man ihm verboten, dieses Lied zu singen, und dies mit einem Hinweis auf seine Sicherheit verbunden, aber Aznavour war sich sicher: "Die Leute werden mich nicht töten, sie werden zuhören und applaudieren."

Aznavour bei seinem Exklusiv-Interview mit der "Du & Ich". Ich bedanke mich beim Centrum Schwule Geschichte für die Bereitstellung dieser Zeitschriften
Sekundärliteratur
Für Ralf Jörg Raber ("Wir sind, wie wir sind. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD", 2010, S. 106-108) ist "Comme ils disent" die "erste Schallplatte im BRD-Popgeschäft, auf der Schwule nicht mehr als große Lachnummer vorgeführt wurden, auf der mit Empathie die Innenperspektive eines Travestiekünstlers eingenommen wird". Das Lied "schlägt in seiner Deutlichkeit einen völlig neuen Ton an". Auch Raber erwähnt den anfänglichen heftigen Widerstand. Von Selbstbewusstsein sei allerdings "noch wenig die Rede. Die Stimmung ist – textlich wie musikalisch – depressiv und grenzt an Selbstmitleid. Der Protagonist bleibt Gefangener einer 'tragischen' Veranlagung. Dem gerade entstehenden neuen schwulen Selbstbewusstsein verleiht das Lied noch keinen Ausdruck." Dennoch bestätigt Raber: "Das Lied hat vielen Homosexuellen aus der Seele gesprochen." Für Aznavour gehöre es zu seinen wichtigsten Chansons und auf seinen Abschiedstourneen habe er es "leicht tuntig und mit abgespreiztem kleinen Finger" vorgetragen. Raber macht zudem auf die Aufnahme "Charles Aznavour & the Clayton-Hamilton Jazz Orchestra" (2009, hier online) aufmerksam, wo "Comme ils disent" in "einem neuen und jazzigen Arrangement" präsentiert wird, was dem Inhalt "eine kraftvollere Stimmung verleiht".
"Der Spiegel" über Aznavour
Jenni Zylka zollt Aznavour in einem Artikel zu seinem 90. Geburtstag großen Respekt ("Der unschlagbare Monsieur Aznavour", in: "Der Spiegel", 23. Mai 2014, hier online): Er glänze auf der Bühne immer noch mit "Charme und Charisma". Im Absatz "Song über Schwule" erwähnt sie, dass Aznavour bei seinem Geburtstagskonzert in Berlin "nach einer kleinen Ansprache" auch sein "Comme ils disent" sang, und ergänzt: "Es ist einer der ersten deutlichen, in Ich-Form vorgetragenen Songs über homosexuelles Leben samt aller Klischees […] und einem flammenden Appell für Toleranz. So etwas kann man sich in Deutschland kaum vorstellen: ein deutscher Schlagersänger älteren Semesters mit einem positiven Song über Schwule? Undenkbar, selbst für Rex Gildo."
Dieser Satz bezieht sich auf die Spekulation zur möglichen Homosexualität des Sängers Rex Gildo und wohl auch darauf, dass dieser zeitgleich erfolgreich war ("Fiesta Mexicana", 1972). Zu Aznavours Themenwahl liefert Jenni Zylka eine nachvollziehbare Erklärung: "Als Einwanderersohn hatte er stets ein Bewusstsein für Politik, für Integration, für das Scheitern."
Aznavour über "Comme ils disent"
In zwei auch in deutscher Sprache erschienenen Autobiografien geht Aznavour nicht auf Homosexualität ein. Seine zweite Autobiografie "Mit leiser Stimme. Mein Leben. Ein Chanson" (2010) ist allenfalls indirekt aufschlussreich. Aufgrund seiner armenischen, türkischen und französischen Wurzeln beschreibt er seine Abstammung als "bunt" (S. 29). "Ein Land kann nur davon profitieren, Unterschiede willkommen zu heißen, weshalb ich ein absoluter Freund der kulturellen Vielfalt bin. Und so möchte ich all den jungen Leuten, die sich vielleicht nicht immer anerkannt oder respektiert fühlen, sagen, dass sie fehl daran täten, Frankreich […] nicht zu lieben" (S. 39-40). Für ihn sei es zunächst nicht selbstverständlich gewesen, dass sein Publikum überhaupt "Problemlieder" habe hören wollen. Es habe "Kritik und Warnungen" gehagelt, weil seine Themen "traurig und dramatisch" seien.

Die beiden auch in deutscher Sprache verfügbaren Autobiografien
Aznavour blieb sich treu und konnte später zufrieden feststellen, dass "genau dieses Publikum" Chansons wie "Comme ils disent" "akzeptiert und verlangt" habe, die "auch von Sorgen und Nöten erzählen" (S. 52). Später nennt er "Comme ils disent" als Beispiel für die Lieder seiner späteren Lebensphase, als er Lieder sang, "die von gesellschaftlichen Themen handeln, von menschlichen Problemen, Ökologie [und] dem Leben in den Vorstädten" (S. 145). Auf dem Umschlag von Aznavours erster Autobiografie "Der einzige Zufall in meinem Leben bin ich" (2005) wird dieses Chanson zu seinen sechs bekanntesten gezählt.
Ein Regenbogen als Brücke?
Gehört das Lied nur in den Geschichtsunterricht oder ist es zeitlos? Eine Brücke über die vergangenen 50 Jahre hinweg ist vielleicht der französische Sampler mit schwulen Liedern "Comme ils disent" (2020). Aznavours Chanson ist nicht nur ein Teil dieses Samplers, sondern gab ihm auch seinen Namen, was seine Bedeutung als wohl wichtigster musikalischer Beitrag zum Ausdruck bringt. Der Regenbogen auf dem CD-Cover und die anderen 44 Songs machen deutlich, dass hier Beiträge aus unterschiedlichen Jahrzehnten zusammengefasst wurden. Ist diese Doppel-CD Ausdruck einer queeren Bewegung, Ausdruck der Kommerzialisierung dieser Bewegung oder irgendwie beides? Ist es passend oder illegitim-vereinnahmend, wenn Aznavours Lied auch im Rahmen der Werbung für die CD ausdrücklich als Song gegen die Homophobie des Jahres 2020 präsentiert wird?
Letztendlich liegt es wohl an der Wahrnehmung der Zuhörer*innen, ob Aznavours Chanson zeitlos ist. In seiner Autobiografie "Mit leiser Stimme" (2010, S. 157) richtet er sich an einer Stelle direkt an die Leser*innen und gibt an, dass seine Lieder aus dem Leben gegriffen seien: "Ich habe immer bei Ihnen abgeschrieben, hemmungs- und gewissenlos: Ihre Liebesgeschichten, Ihre Freuden, Ihre Trauer, Ihre Probleme, Ihre Enttäuschungen, Ihre Hoffnungen. Alles habe ich benutzt. […] Tja, so steckt in allen meinen Liedern auch ein bisschen von jedem von Ihnen."
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Interview mit Sänger Thomas Wißmann über Aznavours Chanson: "Beim Singen dieses Liedes spreizte er den kleinen Finger ab"
















Immer wenn ich Beiträge über schwules Leben und Fühlen aus den 70ern und 80ern lese, überkommt mich sowohl Faszination als auch Schmerz. Faszination über die einerseits für mich (vorgestellte) Authentizität dieser Zeit, Schmerz über das Bewusstsein, dass für mich als schwuler Mann der heute in den 50ern ist, der Zugang zu Informationen über schwules Leben in meinem jungen Jahren nicht verfügbar bzw. nicht zugänglich war. Die Jahre des Haderns mit mir selbst, mangels Vorbilder und Orientierung stimmen mich nachdenklich und traurig.
Daraus speist sich aber mein Genuss an meinem selbstbewussten schwulen Sein im Heute! Hier und heute ist sehr viel mehr besser. Mit mir und den äußeren Bedingungen. Wenn auch nicht so, wie es sein soll und selbstverständlicherweise sein muss. Ich liebe die selbstbewussten Tunten, Aktivisten und Vorkämpfer dieser Zeit.
Und umso allergischer regiere ich auf pauschalisierende Zuschreibungen aus allen Richtungen in der Gegenwart.