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Kein Coming-out für Oscar

Heimlich schwul in New Yorks High Society des 19. Jahrhunderts

Von "Downton Abbey"-Schöpfer Julian Fellowes stammt die neue Sky-Serie "The Gilded Age". Optik und Story erinnern stark ans Original – auch der Umgang mit dem Thema Homosexualität ist kaum weniger halbherzig.


Der schwule Oscar (Blake Ritson) hat einen heimlichen Lebensgefährten (Bild: HBO)

Von nichts erzählt Julian Fellowes lieber als von der britischen High Society und ihrem Dienstpersonal, das war in seinem Oscar-prämierten Drehbuch zum Film "Gosford Park" so und ist nun nicht anders, wenn am 28. April 2022 der nächste Leinwand-Ableger seines Serien-Welterfolgs "Downton Abbey" in den Kinos startet. Doch es muss nicht immer Großbritannien sein, wie der Autor, der selbst qua Familie zum niederen Adel gehört und konservatives Mitglied im britischen Oberhaus ist, nun mit seiner parallel startenden neuen Serie "The Gilded Age" (ab 22. April bei Sky) beweist.

Fellowes begibt sich dieses Mal in die Wirtschaftsboom-Jahre der USA nach dem Sezessionskrieg, genauer gesagt ins Jahr 1882. Nach dem Tod ihres einst wohlhabenden Vaters versucht die junge Marian (Louisa Jacobson) der Verarmung zu entgehen und reist aus der Provinz nach New York, um bei den ihr unbekannten Tanten Ada (Cynthia Nixon) und Agnes (Christine Baranski) unterzukommen.

Alte Gepflogenheiten vs. frischer Wind


Poster zur Serie: "The Gilded Age" läuft ab dem 22. April 2022 um 20:15 Uhr auf Sky Atlantic

Die beiden nehmen sich ihrer Nichte durchaus wohlwollend an und engagieren sogar ihre Reisebekanntschaft Peggy (Denée Benton) – Schwarz und mit Autorinnen-Ambitionen – als Sekretärin. Doch andere Veränderungen in der New Yorker Oberschicht sind ihnen – und eigentlich allen anderen Haushalten, die sich zum so genannten "alten Geld" zählen – ein Dorn im Auge. Allen voran neureiche Familien wie der Eisenbahnunternehmer George Russell (Morgan Spector) und seine ehrgeizige Frau Bertha (Carrie Coon), die nicht nur mit Wohlstand und einem neuen Prunkbau direkt an der Ecke zur 5th Avenue protzen, sondern auch unbedingt in die illustresten Kreise aufgenommen werden wollen.

Alte Gepflogenheiten vs. frischer Wind, altmodische Traditionen gegen erste Anflüge moderner Liberalität, mal unterschwellig, mal offen ausgetragene Konflikte zwischen Schichten, Ständen und Generationen – all das kennt man aus "Downton Abbey", und überhaupt orientiert sich Fellowes ziemlich eng an seinem eigenen Erfolgsrezept. Vom Küchenpersonal, das seine ganz eigenen Geheimnisse und Schicksale mit sich herumträgt, bis hin zu Marian und ihren Altersgenoss*innen, die bei jedem amourösen Anflug abwägen müssen zwischen Standesdünkel, Absicherung des Lebensunterhalts und wahren Gefühlen – fast alles hat man so ähnlich auch schon bei den Crawleys erlebt. Und weil die wunderbare Christine Baranski immer wieder humorvolle, aber ungemein snobistische Oneliner von sich geben darf, fühlt man sich nicht zufällig auch an Maggie Smiths Dowager Countess of Grantham erinnert.

Edel-Seifenoper ohne Tiefgang


Serienschöpfer Fellowes kann sich bei "The Gilded Age" auf ein starkes Ensemble aus Newcomern und etablierten Stars verlassen (Bild: HBO)

Auch der Umgang mit dem Thema Homosexualität ist hier kaum weniger halbherzig als in "Downton Abbey", obwohl mit Michael Engler immerhin ein queerer Regisseur mitverantwortlich zeichnet. Zwar gibt es mit Agnes' Sohn Oscar (Blake Ritson) eine schwule Figur, die sogar einen heimlichen Lebensgefährten hat. Erzählt wird aber vor allem davon, wie Oscar versucht, eine gute, natürlich weibliche Partie zu landen, während für eine echte Auseinandersetzung mit seiner Situation – ähnlich wie bei anderen großen, hier angerissenen Themen wie etwa Rassismus – gar keine Zeit bleibt. Weil es viel zu viele Figuren und Konflikte gibt. Aber auch, weil "The Gilded Age" in erster Linie eigentlich nichts anderes ist als eine Edel-Seifenoper, die vor allem mit prächtigen Hüten und Roben auftrumpfen will und deswegen selten mehr Aufregung verträgt als die Frage, wie sich die Gästeliste für den nächsten Ball zusammensetzt.

Die sich im aufregenden Wandel befindende Großstadt New York ist irgendwie nicht ganz das richtige Setting für die gepflegte, immer mal wieder auch etwas langweilige Unterhaltung, die Fellowes hier neun Episoden lang bietet. Aber immerhin hat er – neben Meryl Streeps jüngster Tochter Louisa Jacobson – quasi den halben Broadway in sein Ensemble geholt, wo angesichts der wegen Corona geschlossenen Theater sowieso alle auf Jobsuche waren. Und so sorgen neben Ausnahmeschauspielerinnen wie Baranski, Coon und Nixon selbst in kleinen Rollen wunderbare Nebendarsteller*innen wie Nathan Lane, Donna Murphy, Audra McDonald, Jack Gilpin, Kelli O'Hara oder Linda Edmond für genug Freude, um sich dann doch auf die bereits angekündigte zweite Staffel zu freuen.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Serie
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Infos zur Serie

The Gilded Age. Historienserie. USA 2022. Creator: Julian Fellowes. Regie: Michael Engler, Salli Richardson-Whitfield. Darsteller*innen: Christine Baranski, Carrie Coon, Cynthia Nixon, Morgan Spector, Louisa Jacobson, Denée Benton, Taissa Farmiga, Harry Richardson. 9 Episoden à ca. 60 Minuten. Ab Freitag, 22. April 2022, mit einer Episode um 20.15 Uhr auf Sky Atlantic sowie auf dem Streamingdienst Sky Ticket und über Sky Q auf Abruf. An den darauffolgenden Freitagen immer in Doppelfolgen. Wahlweise auf Deutsch oder im Original.