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WAZ-Bericht

Fast getötete 15-Jährige: Polizei verharmlost transfeindliche Tat

Ende März wurde die transgeschlechtliche Jess von Jugendlichen in Herne fast totgeprügelt. Die Polizei hält nach ihrer missglückten Pressearbeit nun daran fest: Auslöser der Tat sei auch ein "Streit" gewesen.


Das Polizeipräsidium Bochum wollte schon den Tatauslöser gekannt haben, als es noch von einem Jungen als Betroffenem ausging (Bild: mbaumi / unsplash)

Im Fall des von Jugendlichen beinahe getöteten, transgeschlechtlichen Mädchens aus Herne in Nordrhein-Westfalen hat die Polizei weitere Details bekannt gegeben. Wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ) am Donnerstag berichtete (Bezahlartikel), sollen die drei Jungs im Alter von 12 und 13 Jahren bereits seit 2018 mehrfach polizeilich in Erscheinung getreten sein. Es ist von Körperverletzungsdelikten, Sachbeschädigung und Fahren ohne Fahrerlaubnis die Rede.

Zudem wiederholte die Polizei ihre Behauptung, dass es vor der Tat zu einem "Streit" gekommen sei. Befragungen von Betroffener und Verdächtigen hätten die schon im ersten Polizeibericht erwähnte These bestätigt. Transfeindlichkeit sei demnach nicht der alleinige Grund für die Tat gewesen.

Misgendert und von "Streit" gesprochen

Die Herner Polizei hatte erst zwei Tage nach dem Auffinden des regungslosen Mädchens von dem Vorfall berichtet und das Mädchen dabei noch misgendert, also als männlichen Jugendlichen bezeichnet. Zudem hatte sie als Tatauslöser von einem "Streit" gesprochen. Dass es sich bei der Betroffenen um ein trans Mädchen handelte und das Motiv Transfeindlichkeit gewesen sein dürfte, wurde dann erst zwei Wochen später durch einen Bericht des Fernsehsenders RTL bekannt. Auch die Mutter des Mädchens und die Betroffene selber hatten die Prügelattacke entsprechend als Hasskriminalität eingeordnet.

In der Nacht zum 26. März sollen die strafunmündigen Jugendlichen die 15-jährige Jess auf einem Friedhof so heftig verprügelt, am Boden getreten und dann liegengelassen haben, dass Lebensgefahr bestand. Zum Glück wurde das Mädchen am Morgen von einem Spaziergänger gefunden, der die Rettungskräfte alarmierte. Erst nach Tagen im Koma hatte sich ihr Zustand dann verbessert (queer.de berichtete).

Gegenüber der WAZ rechtfertigte die Polizei das Misgendern der Jugendlichen. Die Beamten seien aufgrund des Personalausweises von einem männlichen Geschlecht ausgegangen. Die Betroffene sei nicht ansprechbar gewesen.

Polizei ignoriert Anfrage von queer.de

Warum die Polizei allerdings einen Streit als Tatauslöser nannte, als ihr noch nicht ein mal die korrekten Angaben zur Person der Betroffenen bekannt waren, bleibt weiterhin unklar. Eine Anfrage von queer.de vom 12. April nach dem Inhalt des angeblichen Streits und wie die Streithypothese ermittelt worden sei, wurde noch immer nicht beantwortet.

Nach Bekanntwerden der Tat hatte sich unter anderem die grüne Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer geäußert. Sie sei zutiefst betroffen über das grausame Hass- und Gewaltverbrechen. Es mache deutlich, wie dringend ein Aktionsplan für die Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt auf den Weg gebracht werden müsse. Man stehe in der Verantwortung, die Welt für junge Menschen besser zu machen.

Queer-Beauftragter: "Nur die Spitze eines Eisbergs"

Auch der Queer-Beauftragte der Bundesregierung, Sven Lehmann, hatte die Tat als queerfeindliches Hassverbrechen eingestuft. Auf Twitter schrieb er: "In Herne wird ein Mädchen fast totgeprügelt. Weil sie trans ist. Ein schrecklicher Fall. Und leider nur die Spitze eines Eisbergs von immer mehr Hasskriminalität gegen queere Menschen. Bund und Länder müssen Prävention und Schutz verstärken!"

Die tatverdächtigen Jungs sind aus ihren Familien genommen worden. Die Polizei sei "dankbar", hieß es, dass die aus "schwierigen persönlichen Verhältnissen" kommenden Jungen getrennt voneinander in geschlossenen, psychiatrischen Einrichtungen untergebracht worden sind.

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#1 Ith_Anonym
  • 22.04.2022, 12:57h
  • Hmja, und das ist genau das Problem, dessentwegen du als queere Person nicht zur Polizei gehen kannst.
    Wenn du dich outest und damit gesellschaftlich vollkommen normalisierte Hassanfälle auslöst, für die jede*r Verständnis hat, allen voran, Beamt*innen in deutschen Behörden, bist am Ende halt immer erstmal du bzw. dein So-Sein aka deine Existenz als nicht cis-heteronormativer Mensch, Auslöser für ungute Gefühle und damit Verursacher*in des "Streits". Oder, wie es auf dem Revier beim Versuch der Anzeige ggf. heißt: Irgendwie schon selbst schuld.

    Und das ist dann leider der Grund dafür, dass die Notwendigkeit zum Nicht-Outen und zum Outing komplett "eigenverantwortlich" zu geschehen hat.
    Es ist halt nunmal so: Wenn man dich totprügelt, oder so halb, bist du die Person, die so oder so mit den Konsequenzen "leben" muss. Das ist ein bisschen, wie wenn du über eine grüne Ampel gehst und dann überfahren wirst und am Ende halt schwerbehindert oder tot bist. Theoretisch ist das Recht auf deiner Seite. Praktisch bist du so oder so bestraft. Und während beim Autounfall der Kommentar "hättest halt vorher gucken sollen" dich vermutlich belasten wird, aber zunächst mal nicht verhindert, dass es eine rechtliche Aufarbeitung zu Lasten der Fahrzeugführenden geben wird, behandelt dich die Polizei bei Queerfeindlichkeit grundsätzlich mal unter der Prämisse, dass es eine Ampel, die auf "grün" steht, bezüglich eines Outings für dich nicht gibt. Weswegen du dich, selbst wenn, immer so verhalten musst, als stünde sie auf rot. Da du das weißt, entsteht Druck zu Vorsicht. Der wiederum bewirkt, dass du eine von nur sehr wenigen Personen sein wirst, die deinem Umfeld eine derartige "Toleranz" und "Nachsicht" (ja, dreisterweise wird das so empfunden) abverlangt. Und das wiederum verstärkt diese intuitive Gewissheit, dass Outing etwas ist, das eigentlich auch gar nicht okay im Sinne von erlaubt ist.
    Mit der Folge, dass Täter*innen sich gewiss sein können, ein Umfeld vorzufinden, das sie versteht, und nicht dich.

    Aus dem Grund kann ich übrigens auch mit der aktuellen Umfrage zum Thema Gewaltprävention nicht viel anfangen. Der Punkt, den ich für wirklich relevant halte, fehlt dort. Was es mEn geben müsste, wären in erster Linie konsequentes Verfolgen und konsequentes Bestrafen von Hasskriminalität. Dazu fehlt sowohl bei der Polizei als auch bei der Gesellschaft insgesamt der Wille, wenn es um bestimmte Minderheiten geht. Und genau das wissen mögliche Täter*innen verdammt gut, bevor und wenn sie handeln, wie sie handeln.
    Sie haben nichts zu befürchten. So einfach. Das liegt nicht daran, dass es Gesetze für angemessene Strafen nicht gäbe, und das wird sich auch nicht ändern, wenn man diese Strafen erhöht. Du hast nichts von hohen Strafen, wenn du als Ziel von Hasskriminalität ohnehin nur minimale bis keine Chancen hast, zu erreichen, dass irgendwer sie anwendet.
    Dabei wäre Risiko, auf der Intensivstation zu landen, mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit geringer, wenn es bereits bei den Vorläufern dazu, Verbalgewalt, Verunglimpfungen, Beleidigungen, Drohungen, zu erwarten wäre, dass du Schutz erfährst. Aber das ist online nicht so, wo die neue Normen der kompletten Rechtsfreiheit zur Gewohnheit wird und geworden ist, und das ist auch offline nicht so, wo es eben als deine eigene Verantwortung betrachtet wird, einen schwarzen Gürtel im Kampfstport zu machen, um dich gefälligst selbst verteidigen zu können. Recht des Stärkeren - aber bewaffnet herumzulaufen, bloß weil du mit Gerechtigkeit nicht rechnen kannst, ist ja dann auch schon wieder eine Ordnungswidrigkeit.

    Es ist eine Schande, wie dieser Fall behandelt wird. Aber wie man leider auch feststellen muss: Für deutsche Verhältnisse vollkommen normal.
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#2 The_Queer_WolfProfil
  • 22.04.2022, 13:05hBerlin
  • Wenn schwule Männer in Städten wie Dresden auf offener Straße erstochen werden, weil sie die Dreistigkeit haben sich bei Tageslicht zu umarmen, schließt die Staatsanwaltschaft Homofeindlichkeit als Tatmotiv natürlich erst mal aus.
    Wenn irgendwelche Christenfundis in Restaurants queere Menschen ihren Hass mit der Bibel um die Ohren knallen, stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wegen Volksverhetzung ein.
    Wenn eine trans Frau sich öffentlich selbst verbrennt, sieht die Polizei überhaupt keine Anhaltspunkte, aus welchem Motiv sie sich das Leben genommen hat und ermittelt nicht in Richtung politischer Motive.
    Wenn Dragqueens zu Boden gerissen, getreten und ins Gesicht geschlagen werden, lässt die Polizei die Täter entkommen und misgendert obendrein nicht-binäre Personen.
    Wenn eine trans Jugendliche von anderen Jugendlichen halb tot geschlagen wird, weil sie die Frechheit hat zu existieren, wird sie von Polizeibeamt_innen misgendert und es ist von Streit die Rede.
    Sorry, aber mein Vertrauen als queerer Mensch in die Polizei ist bei all den Meldungen der letzten Jahre nicht mehr besonders hoch. Schön, wenn wieder mal fleißig Daten gesammelt werden. Nur was nutzen diese, wenn daraus nichts folgt? Verbrechen sollten nicht nur verwaltet, sondern bekämpft werden.
    Meiner Meinung nach hat Deutschland allgemein und die Polizei insbesondere ein massives Problem mit Queerfeindlichkeit, dessen Dimension sie sich hartnäckig weigert anzuerkennen. Das ist kein Zufall, sondern bewusstes Wegsehen.

    thequeerwolf.wordpress.com/2021/11/25/blaulichtmeldung-ausei
    nandersetzung-eskaliert/
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#3 SilanaceaeAnonym
  • 22.04.2022, 13:24h
  • Ich muss die Polizei hier ein kleines Stück in Schutz nehmen. Ich kenne nicht alle Einzelheiten, aber ich "kenne" die Mutter des Mädchens aus einer geschützten queeren FB Gruppe. Kurz nach der Tat hat sie sich verzweifelt an uns gewendet.

    Ja, die Polizei müsste von einem Jungen ausgehen als Tatopfer. Daher müsste sie auch in Richtung des Streits ermitteln. Die Mutter und der Erzeuger des Mädchens (ich schreibe ganz bewusst nicht Vater) liegen sehr im Streit über die Akzeptanz des Mädchens. Während die Mutter ihre Tochter vollkommen akzeptiert, unterstützt und wirklich alles für sie tut, geht der Erzeuger dagegen vor, das Mädchen als Mädchen zu akzeptieren. Was da alles genau läuft weiß ich natürlich nicht. Jedenfalls war es so, dass auf Grund des Erzeugers und seiner Trans hassenden Gewalt gegen seine eigene Tochter es so kam, dass die Polizei nichts von der Transidentität wusste. So lange, bis das Mädchen aus dem Koma erwacht ist, und das RTL Interview gegeben hat.

    Dass die Polizei also so ermittelt hat, ist ganz eindeutig Schuld des Erzeugers.

    Naja, und wie Flexibel unsere StaatsGewalt ist, wissen wir ja wohl alle. Anstatt sich hinzustellen und zu sagen "okay verstehe. Wir, also ist die Tat doch Trans Hassend" bleiben die jetzt auf ihrer ursprünglichen These stehen. Das ist natürlich scheiße, aber die Haupt Schuld für das ganze ist in meinen Augen eindeutig DAS Erzeuger.
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#4 NickAnonym
  • 22.04.2022, 13:51h
  • Antwort auf #3 von Silanaceae
  • Das ändert natürlich die Situation. Wenn der Vater dort bei der Polizei anruft und sagt: "Mein SOHN kennt die drei Jungs und hat mit denen Streit", ist nachvollziehrbar, dass die Polizei diese Angaben dann auch so übernimmt, wenn andere Information noch nicht bekannt sind.
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#5 AnonymAnonym
  • 22.04.2022, 13:52h
  • Ich erinnere an einen kürzlichen Kommentar von mir:

    "Ich wurde [...] queerphob überfallen. [...] Mein Psychotherapeut erklärte mir dann [...], "Sie waren ja schon auch selbst dafür verantwortlich. Immerhin waren Sie anders."

    www.queer.de/detail.php?article_id=41750&antwort_zeigen=
    ja#cc634981


    So läuft das in Deutschland: allein durch Anderssein kann man verantwortlich für einen "Streit" sein und ist damit dann selbst schuld oder zumindest mit schuld.

    Diese Denke ist im Mainstream immer noch Standard. Immerhin, so sagt man, müssten wir ja nicht unbedingt so sichtbar sein, so "offensiv auftreten". Wir könnten uns "zurückhalten", sollten uns "zusammenreißen". Wenn wir das nicht tun, ist es ja quasi schon klar, dass wir angegriffen, zusammengeschlagen oder auch getötet werden.

    Eine echte freiheitliche Demokratie würde anders aussehen.
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#6 Lucas3898Anonym
  • 22.04.2022, 13:54h
  • Antwort auf #1 von Ith_
  • Es besteht immer noch die Möglichkeit eine Strafanzeige online zu machen, ohne zur Polizei gehen zu müssen.
    Ebenso kann man diese auch direkt an die Staatsanwaltschaft senden.

    Du kritisiert zu Recht, das hassmotivierte Straftaten nicht mit genügend Nachdruck verfolgt werden.
    Aber das ist halt überhaupt nur möglich, wenn die Tat bekannt ist.

    Wichtig wäre halt da auch deutlich öfter die Täter in U-Haft zu nehmen um Wiederholungstaten zu verhindern und dann innerhalb weniger Wochen Anklage zu erheben, wenn der Sachverhalt eindeutig ist.

    Das würde dann weitere Straftäter auch abschrecken.
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#7 LothiAnonym
  • 22.04.2022, 14:13h
  • Antwort auf #3 von Silanaceae
  • Danke für diesen sehr wichtigen Beitrag zum Vorfall.
    Ich muß dabei immer nur an die 15 jährige denken, was sie so alles durchmachen muß.
    Gerade erst habe ich damit begonnen einen wichtigen Kriminalroman zu lesen von William Boyle. Dieser trägt den Titel: Gravesend.
    Es geht dabei um einen schwulen 16 jährigen Jungen, der von drei anderen Jungs gequält wird und dabei zu Tode kommt. Alle drei Täter kommen vors Gericht und werden wegen Hate Crime verurteilt. Der Autor geht der Frage nach, inwieweit wir zu Vergebung fähig sind. Anderen und uns selbst gegenüber. Denn uns selbst gegenüber sind wir unerbittlich, wenn es um Träume und Hoffnungen geht.
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#8 AmazingSpiderMamAnonym
  • 22.04.2022, 15:19h
  • Es wird allerhöchste Zeit, dass die Strafmündigkeit endlich auf 12 Jahre runtergesetzt wird! Es kann nicht sein, dass so ein paar kiminelle R*tzbälger eine Straftat nach der anderen begehen und jedesmal nix passiert! Da muss hart durchgegeriffen werden und endlich eine entsprechende Gesetzesänderung her!
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#9 Jean ValjeanAnonym
  • 22.04.2022, 15:30h
  • Antwort auf #7 von Lothi
  • Das Prinzip der Vergebung ist natürlich auch ein Grundgedanke der christlichen Theologie. Aber um zu vergeben, muss erst der Täter um Vergebungen bitten (bitten ist wörtlich gemeint). Das bedeutet dass er eine innere Läuterung durchlaufen ist und seine Taten reflektiert.
    Im Idealfall hoffe ich dass das bei den drei Jungs auch passiert, aber das Opfer trifft die Entscheidung ob es vergibt oder nicht.
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#10 Lucas3898Anonym