https://queer.de/?41809
Biografie
Ein queeres Ausnahmetalent der 1920er Jahre
Ein neues Buch stellt den Travestiestar Willy Pape (1891-1940) vor, der als Schlangentänzerin Voo Doo ein internationaler Star wurde. Seine Karriere begann mit einem Freitodversuch.

Voo Doo als androgyne und erotische Bühnensensation
- Von
23. April 2022, 07:00h - 7 Min.
Mit seinem neuesten Buch "You have never seen a dancer like Voo Doo. Das unglaubliche Leben des Willy Pape" (Amazon-Affiliate-Link ) hat der Historiker Jens Dobler den Travestiestar Willy Pape (1891-1940) porträtiert, der auf den Varietébühnen der 1920er Jahre ein international gefeierter Tänzer war.
Mit diesem Buch finden langjährige Forschungen einen Abschluss. Schon 2001 war Dobler auf Voo Doo gestoßen, als er für die Ausstellung und das Buch "Von anderen Ufern. Geschichte der Berliner Lesben und Schwulen in Kreuzberg und Friedrichshain" recherchierte. Einige Jahre später wurde Doblers Aufsatz "Der Travestiekünstler Willy Pape alias Voo-Doo" (in: "Invertito", Jg. 6, 2004, S. 110-121) publiziert. Zu diesem Zeitpunkt war ihm noch keine einzige Beschreibung oder Kritik von Voo Doo bekannt.
Auch ich habe Dobler vor mehreren Jahren bei seinen Recherchen geholfen, auch wenn ich bei der Suche nach Artikeln in der Kölner Presse zu "Voo Doo" kaum fündig wurde. Nun liegt – mehr als 20 Jahre nach den ersten Forschungen – eine Biografie über Willy Pape vor, die – so Dobler – die bisher "umfangreichste Biographie eines Verwandlungskünstlers" in Deutschland ist. Schade, dass es nur in der englischen Wikipedia einen eigenen Eintrag von Pape gibt. In der der deutschen Wikipedia ist ein solcher längst überfällig.
Willy Papes Freitodversuch 1909

Jens Doblers Buch über Voo Doo ist vor wenigen Tagen im vbb Verlag erschienen
Willy Papes Bühnenkarriere begann mit seinem Freitodversuch am 20. September 1909. In seinem Buch "Die Transvestiten" (1. Teil, 1910, S. 416-419, hier online) berichtet Magnus Hirschfeld davon, wie er über Papes Freitodversuch informiert wurde und dann das Gespräch mit ihm und seinen Eltern suchte.
Zwei Jahre später druckte Magnus Hirschfeld im 2. Teil des Buches "Die Transvestiten" (2. Teil, 1912, S. 30, hier online) zwei Fotos von Pape ab und schrieb dazu, dass er dessen Eltern "über seinen eigenartigen Zustand aufgeklärt" habe, die ihrem Sohn schließlich "gestatteten […], zum Variété zu gehen, wo er seitdem mit größtem Erfolge als Schlangentänzerin auftritt".
Seine Auftritte in den 1910er Jahren
Seinen ersten Auftritt hatte Pape im Jahre 1910. In der Anfangszeit trat er noch unter wechselnden Künstler*innennamen auf. Schon früh wurde eine Schlange sein Markenzeichen Eine der ersten Kritiken erschien im "Münchner Stadtanzeiger" (24. Juni 1911, S. 5, hier online), wo seine "indischen Schlangentänze" in ihrer "schauerlichen Schönheit" beschrieben wurden. Vom "Neuen Wiener Tagblatt" (12. September 1911, S. 12, hier online) wurde sein Schlangentanz als "sensationell" bezeichnet.
Zu einem seiner wenigen Auftritte in Berlin kam es im Dezember 1914. Die sozialdemokratische Zeitung "Vorwärts" (6. Dezember 1914, S. 4) schrieb zurückhaltend von "anerkennenswerten Leistungen", was recht typisch für die fehlende Begeisterung in Berlin war. Dass Voo Doo in Berlin nie Fuß fassen konnte, lag vielleicht auch daran, dass in dieser übersättigten Stadt ein Mann in Frauenkleidern niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken konnte. Bei der Musterung zum Ersten Weltkrieg erschien Pape in Frauenkleidung und wurde daraufhin dauerhaft ausgemustert. Später ließ er sich einen sogenannten "Transvestitenschein" ausstellen, was die Vermutung nahelegt, dass er sich auch im Alltag zumindest zeitweise als Frau kleidete.
Seine Auftritte in den 1920er Jahren

In Magnus Hirschfelds Werk "Geschlechtskunde" wurde 1930 ein Aquarell von Voo Doo abgedruckt. Es wurde 1991 für das Cover der Neuausgabe von Hirschfelds Buch "Berlins Drittes Geschlecht" (1904) wiederverwendet
Voo Doos Programme während der Zeit der Weimarer Republik waren dadurch gekennzeichnet, dass er sich am Ende eines Auftritts als Mann zu erkennen gab. Viele Zeitungen erwähnten diesen Umstand bzw. berichteten von einer Überraschung zum Schluss, manchmal ohne diese direkt zu verraten. Die "Bombe" (15. Oktober 1921, hier online) erwähnt nur, dass die Zuschauer*innen "vor einem Rätsel" stünden, "bis die Lösung noch größeres Erstaunen erweckt".
Die Satirezeitschrift "Muskete" (12. April 1928, hier online) wird einige Jahre später deutlicher: Der Schriftsteller und Journalist Hans Reimann zitiert Voo Doo mit den Worten "Ick bin ja een Kerl!" und betont danach: "Die Schlangentänzerin ist tatsächlich ein masculinum."
Voo Doo hat erotisch, aber wohl nie nackt getanzt. Es gibt ein von ihm gemaltes Aquarell mit sichtbarem männlichem Genital. Besprechungen in der Homo-Presse der Weimarer Republik suggerierten, dass es mit Voo Doo "einer von uns" zum internationalen Star gebracht habe. Vermutlich konnten sich viele Schwule mit ihm identifizieren. Voo Doos letzter nachweislicher Auftritt war im Dezember 1929.

Ein Auftritt von Voo Doo im Kölner Kaiserhof
Von der Eröffnung seiner Kneipe bis zu seinem Tod (1928-1940)
Bereits 1912 lernte Willy Pape seinen späteren Lebenspartner Emil Schmidt kennen, mit dem er zeitlebens befreundet blieb. Ende September 1928 eröffneten sie gemeinsam das Lokal "Skalitzer Straße 7" am Berliner Kottbusser Tor, das umgangssprachlich "Bei Voo Doo" hieß und 1930 in "Zum kleinen Löwen" umbenannt wurde. Bis zur Schließung 1933 wurde es in Schwulenzeitschriften beworben und entwickelte sich zu einer der führenden Homosexuellen-Kneipen jener Zeit, zu deren Gästen auch Klaus Mann und Christopher Isherwood gehörten. In Curt Morecks (d. i. Konrad Haemmerling) "Führer durch das lasterhafte Berlin" (1931, S. 138-139; Neuausgabe: 1996) wurde das Lokal besprochen und eine Zeichnung abgedruckt, die die einzige heute bekannte Innenansicht der Bar darstellt.

Die einzige bekannte Innenansicht von Voo Doos Bar: Eine Zeichnung aus dem "Führer durch das lasterhafte Berlin" (1931, S. 138-139; Neuausgabe: 1996)
Ausgerechnet am 17. Mai 1937 (der 17.5. ist eine Chiffre für den § 175 [R]StGB und damit für Homosexualität) geriet Pape in den Verdacht, homosexuelle Handlungen begangen zu haben. Aufgrund der Beweislage wurde Pape "nur" zu einer Geldstrafe von 200 Mark verurteilt und kam damit noch recht glimpflich davon. Danach verschwindet Pape weitgehend aus den überlieferten Quellen. Er starb am 21. Februar 1940.
Wie hat Voo Doo getanzt?
Es gibt offene Fragen, die auch Jens Dobler nach seiner gründlichen Recherche leider nicht beantworten kann. So lässt sich ohne Bewegtbilder wohl kaum etwas darüber sagen, wie Voo Doo getanzt hat, zumal das Programm von Saison zu Saison wechselte. Pape wurde mal als "Ägypterin", mal als "rassige Syrierin" oder als "Orientalin" angekündigt, was die Vermutung nahelegt, dass ein Mix aus Exotik und Erotik seinen Tanz charakterisierte. Es ist selten, dass Zeitungen seinen Tanzstil zu erfassen versuchten, wie es die "Neue Zürcher Zeitung" (20. April 1915, S. 2, hier online) tat: "Unter schwermütiger musikalischer Begleitung tanzt Voo-Doo zuerst orientalische Tanzbilder allein. Eigenartig dabei ist die schlangenartige Beweglichkeit des linken Armes, der in fortwährend wechselnden Wellenlinien das Bild belebt. Im zweiten Teile tanzt sie mit einer mittelgrossen Schlange, die sich bald um ihren Körper windet, bald um sie herumschleicht, bis Voo-Doo in wildem Taumel zu Boden stürzt."

Voo Doo beim Schleiertanz
Um seinen Tanzstil zu erfassen, nimmt Dobler auch Vergleiche mit Tänzerinnen vor, die die "Salome" nach Oscar Wilde tanzten und so in vergleichbarer Form das angeblich Indisch-Orientalische und Exotische auf der Bühne zelebrierten. Wenn dem so ist, könnte man sich vielleicht an dem verführerischen Schleiertanz Salomes orientieren, wie er z. B. in dem Film "Salome" nach Oscar Wilde (1924, 43:55-52:20 Min., hier online) zu sehen ist.
Über Fragezeichen und wie sich der Blick auf Pape verändert hat
Geschichtsbücher sagen manchmal mehr über die Zeit aus, in der sie entstehen, als über die Zeit, von der sie handeln. Hirschfeld, der davon ausging, dass Travestie nicht unbedingt mit Homosexualität in Verbindung steht, berichtete, dass der 18-jährige Pape eine Freundin habe, und stellte ihn daher als heterosexuellen Transvestiten vor. In dem oben erwähnten "Invertito"-Aufsatz von 2004 stellt Jens Dobler die richtigen Fragen, die sich kaum beantworten lassen: Wie viel Homosexualität steckt eigentlich in Travestie? Ist Travestie subversiv homosexuell oder sogar der "ureigene kulturelle Ausdruck" von Homosexualität?
Wer den Aufsatz von 2004 liest, hält Pape für einen schwulen femininen Mann. Heute ist man bei Bewertungen vorsichtiger und so wird in der aktuellen Werbung für Doblers Buch seine Identität nur noch mit einem Fragezeichen zum Ausdruck gebracht: War Pape ein "klassischer Damendarsteller oder frühes Beispiel von Trans*, queer oder nichtbinär?" Das Fragezeichen, das hier gesetzt wird, ist vergleichbar mit dem Fragezeichen, das man auch schon in der Werbung der 1920er Jahre neben Voo Doos Namen findet. Beide verweisen auf Fragen nach seiner sexuellen und geschlechtlichen Identität, die kaum beantwortet werden können.

Ausschnitt aus einer Werbepostkarte von Voo Doo
Doblers Buch über Voo Doo
Das Buch überzeugt durch gründliche Recherchearbeit und hat eine übersichtliche Struktur. Es enthält viele Illustrationen und ist flüssig geschrieben. Es geht dort in die Tiefe, wo es notwendig erscheint, wie zum Beispiel bei der Geschichte der Travestie.
Jens Dobler hat allerdings, nach eigener Aussage wegen der besseren Lesbarkeit, in vielen Fällen darauf verzichtet, das Datum der von ihm zitierten Zeitungen zu nennen. Auch bei einem populärwissenschaftlichen Werk, das eine möglichst große Leser*innenschaft erreichen soll, finde ich einen solchen Umgang mit Quellenangaben falsch und er widerspricht für mich auch Doblers erklärtem Wunsch, zu weiteren Forschungen über Papes Leben anzuregen (S. 147). Doblers Forschungsergebnisse werden dadurch allerdings nicht kleiner, sondern allenfalls schlechter greifbar.
Was bleibt, ist nicht nur eine gelungene Biografie eines künstlerischen Ausnahmetalents, sondern auch ein gekonnter Streifzug durch die große Zeit der europäischen Varietékultur.
Jens Dobler: You have never seen a dancer like Voo Doo. Das unglaubliche Leben des Willi Pape 160 Seiten. vbb Verlag, Berlin 2022. Gebundene ausgabe: 25 € (ISBN 978-3-96982-046-9)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Buch und Bestellmöglichkeit bei amazon.de
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.















