Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?41847

Theater

Mächtig queer: "Richard drei" am Schauspiel Köln

Katja Brunner modernisiert in "Richard drei. Mitteilungen der Ministerin der Hölle" nicht einfach nur Shakespeares Drama, sondern räumt gleich dessen gesamtes cis- und heteronormatives Figurentableau ab.


Sie drängt mit Bösartigkeit und gespielter Zartheit an die Macht: Yvon Jansen als Richard (Bild: Krafft Angerer)

Wenn Regisseurin Pınar Karabulut die großen Klassiker anfasst, dann bleibt selten ein Stein auf dem anderen. Es wird munter gestrichen, geschickt aktualisiert und der Inhalt in eine antipatriarchale, feministische Richtung umgedeutet. Und vor allem wird das Personal queerer. Doch einfach nur crossgender zu besetzen und damit zu zeigen, dass auch Frauen alles spielen können, geht ihr nicht weit genug: Sie schafft Geschlechter- und Sexualitätsgrenzen der Figuren ab, führt Klischees und stereotype Darstellung ad absurdum und zeigt, was für herrlich eindeutig uneindeutige Wesen wir Menschen doch eigentlich sind, würde man uns endlich von den uns einengenden gesellschaftlichen Normen befreien.

Am Schauspiel Köln stellte sie ihre bemerkenswerte künstlerische Herangehensweise zuletzt mit der queeren Theaterserie "Edward II. Die Liebe bin ich" von Ewald Palmetshofer nach Christopher Marlowe eindrucksvoll unter Beweis. Im Zentrum steht König Edward II., der sein politisches Amt vernachlässigt und sich stattdessen ganz der Liebe unterwirft – aber nicht zu seiner Frau, der Königin Isabella, sondern zu seinem Günstling und Geliebten Gaveston. Dabei geht es für ihn bei der Frage der Liebe in keiner Weise um eine Entscheidung zwischen Mann und Frau. Denn er selbst bewegt sich ständig zwischen den Geschlechtern. Regisseurin Karabulut zeichnet anhand dieser Figur ein Bild des Menschen, das jede Norm zu sprengen wagt sowie gender- und sexuell völlig fluide ist. Was sich in "Edward II." noch auf den Protagonisten beschränkt, breitet sich in "Richard drei" nun über das gesamte Figurentableau aus.

Kritisch-feministischer Blick auf das Original

Die Schweizer Dramatikerin Katja Brunner hat mit "Richard drei. Mitteilungen der Ministerin der Hölle" eine poetisch-radikale Überschreibung des Shakespeare-Klassikers vorgelegt, die am 23. April am Schauspiel Köln von Regisseurin Pınar Karabulut uraufgeführt wurde. Im Zentrum der Handlung steht Richard, nicht minder zur Ikone des Bösen erhoben, der sich mit allen Mitteln seine Macht erkämpft und dabei innerhalb der Familie über mehr als eine Leiche geht, um König von England zu werden. Bei William Shakespeare ist dieser Schurke natürlich ein Mann – könnte eine Frau je Gefallen an reiner Böswilligkeit finden und ihr Machtwille von solch einer Rücksichtslosigkeit geprägt sein? Shakespeare verneint, Brunner bejaht. Sie setzt einen kritisch-feministischen Blick auf das Original und macht aus Richard kurzerhand eine Frau.

Das Handlungsgerüst hingegen hat sie weitestgehend beibehalten, darüber hinaus allerdings zwei wichtige Eingriffe vorgenommen: Sie hat den Text um weitere Monologe u.a. über Gesellschaft, Frausein, Suizide und sexualisierte Gewalt ergänzt und gibt vor allem den Frauenfiguren, die bei Shakespeare weniger zu Wort kommen, größere Redeanteile und Entfaltungsmöglichkeiten.

Wobei von geschlechtsspezifischen Figuren kaum die Rede sein kann: Alle Figuren oszillieren gänzlich zwischen den Geschlechtern und auch für das Gendern macht Brunner abseits von Sternchen, Doppelpunkt und Lücke kreative Angebote: Da ist die Rede von Freundninne, Könixin und Verräters. Ein folgerichtiger Eingriff in die Sprache, mit der Brunner unterstreicht, dass es bei Richard wie auch allen anderen Figuren nicht explizit um Männer oder Frauen geht, sondern um Menschen. Denn die Annahme, dass das Schurkensein etwas typisch Männliches sei, gehört definitiv nicht mehr in unsere Zeit.

Ein überbordendes Theaterspektakel

Die opulente und sprachwitzige Stückfassung, die zeitweilen dem Textflächenstil von Elfriede Jelinek ähnelt, bringt die Regisseurin Pınar Karabulut mit einem achtköpfigen Ensemble rund um Yvon Jansen, die in der Titelrolle brilliert, auf die Bühne und inszeniert ein überbordendes Theaterspektakel. Für die zahlreichen Figuren hat Kostümbildnerin Claudio Irro knallige und unverwechselbare Outfits kreiert, die sich in ihren eigenen Farbkompositionen merklich voneinander absetzen, um dem Publikum die nötige Übersicht über die wuseligen (personellen) Verstrickungen am englischen Hof zu verschaffen.


Knallige Outfits am englischen Hof (Bild: Krafft Angerer)

Schon in "Edward II." unterfütterte Karabulut die Handlung mit zahlreichen Zitaten aus der Filmwelt und jonglierte gekonnt mit Motiven der verschiedenen Filmgenres. Auch ihre neueste Inszenierung ist geprägt von scharfsinniger Satire und einer knalligen, popkulturellen Aufmachung. Darüber hinaus zieren etliche Symbole, Referenzen und Zitate den Abend: Von Voguing-Elementen über Madonna-Choreografien bis hin zu einer Fashionvideowelt-Ästhetik, die das Bühnenspiel auf zwei Projektionsflächen an den Seiten erweitert.

Völlig neue Sprachwelten

Beeindruckend wie trotz ihrer kreativen Anhänge und Zusätze an das Stück der Respekt vor und die Wertschätzung für die klassischen Stoffe zu keinem Zeitpunkt verloren zu gehen scheinen. Und wie leichtfüßig sie dabei Themen wie Queerness, Genderidentity und Feminismus in den Vordergrund rückt und den Raum weitet für weiblich gelesene Körper auf der Bühne.

Mit der Dramatikerin Katja Brunner scheint die Regisseurin Pınar Karabulut eine ideale Verbündete gefunden zu haben: Brunner erschafft durch das Verändern der deutschen Grammatik und das Kreieren neuer Wörter völlig neue Sprachwelten, die Karabulut durch ihren radikalen und teils wahnsinnig komischen, aber nie albernen inszenatorischen Zugriff in Bilder gießt, die zwar vom Gestern erzählen wollen, das Heute behaupten und doch nur ein utopisches Abziehbild der Zukunft darstellen.

In der "Genderdebatte" entgegen viele, dass Sprache nicht die Realität verändern könne. Vielleicht reicht schon ein Besuch dieses Theaterabends aus, um diesen Irrtum als solchen entlarven zu können.

Infos zum Stück

Richard drei. Mitteilungen der Ministerin der Hölle. Nach William Shakespeare, in einer Überschreibung von Katja Brunner. Schauspiel Köln, Depot 1 (Schanzenstr. 6-20, Köln-Mülheim). Nächste Vorstellungen: 28.04.2022 um 19.30 Uhr, 29.04. um 19.30 Uhr, 07.05. um 19.30 Uhr, 08.05. um 19.30 Uhr, 24.05. um 19.30 Uhr, 25.05. um 19.30 Uhr, 01.06. um 19 Uhr, 19.06.um 19.30 Uhr, 23.06. um 19.30 Uhr


#1 ZürichAnonym
  • 27.04.2022, 07:50h
  • aber alles unter dem label shakespeare - juristisch läuft das unter "irreführung" der theaterbesucherinnen und theaterbesucher - und wer das "stück" zusammengeflickschustert hat, bekommt erst noch tantiemen für das elaborat - zusammengefasst "die ansprüche verlassen das sinkende schiff"
  • Antworten » | Direktlink »