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Eine Stadt demonstriert den Aufbruch

Münster 1972: Deutschlands erste Homosexuellen-Demo

Am Freitag vor 50 Jahren – am 29. April 1972 – fand in Münster die erste Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben in der Bundesrepublik statt. Ein Grund zum Feiern – nicht nur in Westfalen.


Rund 100 bis 200 Menschen beteiligten sich an der Demonstration in Münster am 29. April 1972 (Bild: Rosa Geschichten)

In der kollektiven Erinnerung wird die Demonstration in Münster vom 29. April 1972 als ein Meilenstein der Bewegung und in letzter Zeit als direkte Folge der Stonewall-Unruhen in New York im Jahre 1969 angesehen. Das liegt sicherlich auch daran, dass die CSDs mit ihrem Demonstrationscharakter einen großen Anteil an der Sichtbarkeit sexueller Minderheiten und der gesellschaftlichen Teilhabe haben. Insofern lohnt es sich, auf die Vorgänge von damals einen genauen Blick zu werfen.

Die Rahmenbedingungen für die Demonstration

Von den Fünfzigerjahren bis zum Ende der Sechzigerjahre gab es in Deutschland zwar eine Schwulenbewegung, deren Aktivisten legten jedoch ein eher angepasstes Verhalten in Bezug auf ihre Homosexualität an den Tag. In vielen Fällen hatten sie den Zweiten Weltkrieg miterlebt und protestierten – wenn überhaupt – nur sehr leise. Dies verwundert nicht, da es sich dabei um Angehörige der sogenannten Stillen Generation handelte, welche durch die Protest- bzw. Babyboomer-Generation abgelöst wurde, die u.a. die 68erProteste vorantrieb.

Zum 1. September 1969 wurde der § 175 StGB liberalisiert, und männliche Homosexualität unter Erwachsenen (ab 21 Jahren) war nicht mehr strafbar. Dies wurde von vielen Schwulen als eine große Befreiung aufgefasst, allerdings war damit die gesellschaftliche Ächtung sowie Diskriminierung nicht abgeschafft. Die Gesellschaft dachte nicht daran, den Schwulen einen Platz in der Gesellschaft anzubieten und Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit zu gewähren.

Im Fahrwasser der damaligen Studierendenbewegung konnte sich eine Homosexuellenbewegung entwickeln. Die meisten Gruppen gründeten sich ab Juli 1971 nach den Aufführungen des aufrüttelnden Films "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". Der Film wurde zwar auch in Münster gezeigt, hier war es aber schon vorher zu einer Gruppengründung gekommen.


Zeitungsanzeige: "Münster Presse", 28. April 1972, S. 4

Die HSM in Münster

Münster ist eine Beamten-, aber auch eine Studierendenstadt und hat einen recht konservativen Ruf. Münster war 1972 mit seinen damals ca. 200.000 Einwohner*innen zwar eine Großstadt, insgesamt aber überschaubar. Umso erstaunlicher ist es, dass hier die erste westdeutsche Schwulendemo stattfand. Als Bischofssitz ist Münster streng katholisch, Münster war CDU-Stadt mit absoluter Mehrheit, die 68er-Proteste hatten hier weniger Durchschlagskraft als in anderen Städten (s. WDR-Video über Münster 1972).

In diese Situation hinein wurde am 29. April 1971 die "Homophile [später Homosexuelle] Studentengruppe Münster" (HSM) gegründet. Initiiert und mitbegründet wurde sie von Rainer Plein und Anne Henscheid, die damit eine Alternative zur kommerziellen Subkultur bieten wollten. Nach der "Homosexuellen Aktionsgruppe Bochum" (HAG) war die HSM in Münster die zweite studentische Homosexuellengruppe Westdeutschlands; beide Gruppen gründeten sich schon vor Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle...".

Bereits vorher hatte sich die bürgerliche Internationale Homophile Welt-Organisation (IHWO) gegründet. Die HSM war im Gegensatz zu anderen bzw. späteren Gruppen jedoch nicht im sozialistischen/kommunistischen Spektrum unterwegs, sondern eher eine Gruppe der politischen Mitte. Während sich viele andere Studierendengruppen eine sozialistische Revolution wünschten, versuchte die HSM die Gesellschaft realpolitisch zu verändern. Dies erklärt die Nähe der HSM, insbesondere von Rainer Plein, zur bürgerlichen IHWO und ist vielleicht auch eine Erklärung dafür, dass die Demo nicht verboten wurde. Plein hatte die Polizei davon überzeugen können, dass von dieser Demonstration keine "sittlichen Gefahren" ausgehen würden. Das hatte man in anderen Städten nicht erreicht.

Die Demo von 1972 als Teil der Öffentlichkeitsarbeit

Bei der heutigen Betrachtung der HSM steht die Demonstration im Mittelpunkt. Es wäre jedoch falsch, die Aktivitäten der HSM an diesem letzten Wochenende im April 1972 auf die Demo zu reduzieren, nicht zuletzt deshalb, weil sie aus damaliger Sicht keine so große Bedeutung hatte wie im Rückblick.

Den damaligen studentischen Aktivist*innen in Münster war klar, dass die gesellschaftliche Diskriminierung abgebaut werden kann, indem öffentliche Sichtbarkeit erzeugt wird. Hierbei gab es verschiedene Ansätze, zum Beispiel Infotische an Universitäten und in Fußgängerzonen, die Ansprache von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Zusammenarbeit mit aufgeschlossenen Journalist*innen, die Durchführung von Protest- und Störaktionen sowie den Schulterschluss mit anderen Gruppen. Am Wochenende des 29. April 1972 konnte man in Münster daher nicht nur demonstrieren, sondern tagsüber auch diskutieren und abends auf eine Party gehen.


Große Werbung für die Party – mit einem kleinen Hinweis auf die Demo

Das Veranstaltungswochenende fand anlässlich des ersten Geburtstags der HSM und unter Beteiligung der Gruppen aus anderen Städten statt. Dabei passte es bestimmt gut, dass es sich um ein langes Wochenende handelte, weil der 1. Mai auf den folgenden Montag fiel.

Auch die Diskussionen und die Vernetzungsversuche sind als erfolgreich anzusehen. So wurde ein Infodienst eingerichtet und beschlossen, eine übergeordnete Vernetzung zu schaffen, die später zur Gründung der DAH (Deutsche Aktionsgemeinschaft Homosexualität) führte. Abends gab es eine Party in der evangelischen Studentengemeinde mit ca. 300 Teilnehmer*innen. Leider war die finanzielle Situation nicht gut, so dass die HSM am Ende des Wochenendes bei Kosten von 2.000 DM und Einnahmen von 600 DM ein Minus verbuchen musste.

Das finanzielle Minus in Münster lag nicht an dem Konzept "Diskussion – Vernetzung – Demo – Party". Ähnliche Konzepte kennt man auch aus der Bewegung der Achtzigerjahre. So verliefen die "gay freedom days" in Köln bzw. dem Ruhrgebiet nach einem ähnlichen Schema, bis 1991 der Kölner Lesben- und Schwulentag e.V. (KLuST) gegründet wurde. Dieser Verein wollte den eingefahrenen Demonstrationscharakter überwinden und so besannen sich die Organisator*innen auf ein Stadtteilfest sowie eine Parade nach US-amerikanischem Vorbild, wobei sich die schwul-lesbische Community der breiten Masse der Bevölkerung vorstellte. Dabei rückte der Volksfestcharakter immer stärker in den Vordergrund.

Fokus: Die Demo am 29. April 1972


Anne Henscheid mit einem Schild auf der Demo von 1972: "Homos raus aus den Löchern"

Die Demonstration wurde von Rainer Plein bei der Polizei und der Stadt angemeldet. Es ist erstaunlich, dass sie nicht verboten wurde, da dies damals (in anderen Städten) keine Selbstverständlichkeit war. Der konservative Rainer Plein war Reservist der Bundeswehr. Vielleicht war es sein Auftreten gegenüber Polizei und Stadtverwaltung, das zum Ausbleiben eines Verbots führte (siehe dazu auch einen früheren Artikel von queer.de).

Die Demonstration soll 100 bis 200 Teilnehmer*innen gehabt haben. Demonstriert wurde vom Schloss bis in die Stadtmitte. Nach den polizeilichen Auflagen durfte dies nur in Dreierreihen erfolgen. Die Teilnehmer*innen trugen Plakate mit griffigen Sprüchen wie "Homos raus aus den Löchern" und "Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger" – in Anlehnung an den bekannten homophoben Ausspruch des damaligen CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß. Transparente wie "Schwulsein macht Spaß" wirkten "in der Bischofsstadt ungewohnt" ("Der Spiegel" in seiner Titelgeschichte "Homosexuelle. Befreit, aber geächtet", 11. März 1973). An Dragqueens oder gar leicht bekleidete Nackedeis war damals noch nicht zu denken. Damit wirkt die Demo so, wie sich in der heutigen Zeit einige CSD-Kritiker*innen einen CSD wünschen: ohne kommerzielle Aspekte und mit politischen Forderungen als zentralem Element. Im Vorfeld wurde seitens der HSM aufgerufen, Kampfbegriffe wie "gay power" etc. zu vermeiden. Es wurden über ein Megaphon Durchsagen von Rainer Plein sowie Martin Dannecker gemacht.


"Lieber ein warmer Bruder als ein kalter Krieger": Transparent auf der Demo in Münster am 29. April 1972

Es kamen die unterschiedlichsten Teilnehmer*innen aus der gesamten damaligen Bundesrepublik: Studierendengruppen, Vertreter der bürgerlichen IHWO, die öffentliche Auftritte eigentlich eher mieden, und sogar das COC Amsterdam aus den Niederlanden.

Es bleibt unklar, inwieweit die Aktivist*innen aus Münster von den Aktivitäten im Ausland inspiriert wurden. Durch Besuche und Schwulenzeitschriften war auch die Situation in den USA bekannt. So berichtete die "Du & Ich" im Oktober 1970 vom ersten Gay Pride in New York im Juni 1970. Allerdings hatte New York noch nicht die große Bedeutung, die "gay capital of the world" war zu dieser Zeit unangefochten Amsterdam, das nur 230 Kilometer von Münster entfernt liegt. Dort gab es das COC (Cultuur en Ontspanningscentrum), das heute die älteste noch bestehende LGBTI-Vereinigung der Welt ist, damals schon ein eigenes Klub-Zentrum besaß und bereits in den Sechzigerjahren öffentlich sichtbar agierte. Dies steht offenbar damit in Verbindung, dass sich die Niederlande nach dem Zweiten Weltkrieg einer liberalen Rechtsauffassung verpflichtet sahen, während in der Bundesrepublik (auf die DDR trifft das nicht zu) Deutschland die konservativen Werte der Kirchen einflussreich blieben.

Die nachträgliche Beurteilung der Demo


Die Homosexuelle Aktionsgruppe Saarbrücken war offenbar begeistert und zeigte einen Monat später Farbdias von der Demonstration in Münster

Die Reaktionen auf die Demo waren recht unterschiedlich. Die HAG aus Bochum fand, dass eine solche Demonstration nicht geeignet sei, um die Vorurteile in der Gesellschaft abzubauen. Zudem habe die Öffentlichkeit gar nicht richtig auf die Demonstration reagiert ("HAG-Info", Mai 1972).

Die HAS (Homosexuelle Aktionsgruppe Saarbrücken) war von der Demo offenbar begeistert und veranstaltete am 29. Mai 1972 in Saarbrücken eine Info-Veranstaltung unter dem Titel: "Sie glauben nicht an eine Schwulendemonstration in Deutschland?? Wir zeigen Ihnen eine!!!"

Die HSM hätte gerne die Tradition fortgeführt und wollte ein Jahr später eine ähnlich große Veranstaltung durchführen. Dafür wandte sie sich an die HSH Hannover. Zu einer Fortführung ist es aber nicht gekommen.


Nach der Einschätzung der Bochumer Homosexuellengruppe konnte diese Demo keine Denkanstöße geben, keine Lernprozesse anregen und keine Vorurteile abbauen

Martin Dannecker schilderte später, wie zum ersten Mal die Minderheit der Homosexuellen gemeinsam im öffentlichen Raum auftrat. "Und dadurch kam die Erfahrung, dieses Euphorische bei diesem Häuflein der Aufrechten, die in Münster mitgingen – es waren ja nicht furchtbar viele. Für die war das aber natürlich etwas Unglaubliches: Man zeigte sich zum ersten Mal erkennbar als schwul, machte schwule Forderungen – und fühlte sich hinterher besser." (Zitat aus Patrick Henze: "Schwule Emanzipation und ihre Konflikte", S. 292.)

Die Rolle von Rainer Plein

Die treibende Kraft hinter der Münsteraner Schwulenbewegung war Rainer Plein. Im April 1971 gehörte er zu den Mitbegründer*innen der HSM, die nach der HAG aus Bochum die zweitälteste der studentischen Emanzipationsgruppen war. Rainer Plein stammte aus einem eher konservativen Elternhaus, dem das betont linke Gedankengut der frühen Schwulen- und Lesbenbewegung eigentlich fremd war. Die HSM bestand bis Mai 1974 und scheiterte wie viele andere Gruppen auch an der Unerfahrenheit in der Selbstorganisation und persönlichen und politischen Konflikten.


Rainer Plein (1948-1976) – die treibende Kraft der Demonstration vom 29. April 1972 in Münster

Sigmar Fischer, einer von Pleins früheren Wegbegleiter*innen, schrieb anlässlich des 20. Todestages ("Rosa Zone", November 1996, S. 10) und anlässlich seines 40. Todestags (queer.de, 2016) zwei lesenswerte Nachrufe auf Rainer Plein. Er schildert darin, wie Plein später in eine tiefe Depression stürzte und am 22. November 1976 den Freitod wählte, den er "ebenso perfekt organisierte wie zuvor Gründung und Aufbau der HSM und der DAH. Rainer wurde 28 Jahre alt." Sigmar Fischer geht davon aus, dass Plein mit dem heutigen Stand an schwuler Selbsthilfe Hilfe und Rat gefunden hätte.

Die Rolle von Martin Dannecker

In dem eben erwähnten queer.de-Artikel kann man auch nachlesen, dass Rainer Plein zwar der Organisator war, als Frontmann allerdings Martin Dannecker von der Frankfurter RotZSchwul (Rote Zelle Schwul) mit seinem Transparent "Brüder & Schwestern, warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!" und weiteren radikalen Linken das Bild der Demonstration nach außen prägte. Martin Dannecker hatte sich schon vorher einen Namen gemacht als Co-Autor von Rosa von Praunheims Filmerfolg "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971).

Auch die HSM hatte von dem Film gehört und eine Aufführung in Münster am 25. November 1971 organisiert, gefolgt von einer Diskussion mit Martin Dannecker. Der Film spaltete die Schwulen – entweder waren sie mitgerissen oder sie lehnten ihn ab. Etliche fühlten sich beleidigt. Später machte sich Dannecker auch einen Namen als Co-Autor des Buches "Der gewöhnliche Homosexuelle. Eine soziologische Untersuchung über männliche Homosexuelle in der BRD" (1974). Bei dem geplanten Jubiläums-Festakt in Münster am 29. April 2022 wird er übrigens einer der Redner sein.


"Brüder & Schwestern, warm oder nicht, Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!: Martin Dannecker am 29. April in Münster (Bild: Rosa Geschichten)

Die Rolle von Anne Henscheid

Wie oben bereits erwähnt, gründete Anne Henscheid die HSM mit und unterzeichnete als einzige Frau die Satzung der HSM. Zudem war sie im siebenköpfigen Vorstand für die Frauengruppe zuständig. Anne Henscheid versuchte, lesbische Frauen zur Mitarbeit in der HSM zu bewegen, was aber kaum gelang. Noch im Frühsommer 1972 verließ Anne Henscheid die HSM. Es gab anschließend noch Versuche, die Frauenemanzipationsgruppe der HSM zu reaktivieren, doch letztlich trennten sich die Wege der männlichen und weiblichen Homosexuellenbewegung.

Während sich die Schwulenbewegung zum Beispiel auf die Abschaffung des Paragrafen 175 konzentrierte, orientierten sich politisch aktive Lesben eher an der Frauenbewegung. Anne Henscheid gründete im November 1973 zusammen mit fünf weiteren Frauen die Homosexuelle Frauengruppe Münster (HFM) und outete sich als eine der ersten Lesben in den Medien. Der Artikel "Die Heimlichtuerei macht einen kaputt" erschien am 27. März 1975 in der "Brigitte" mit einem Foto von Anne Henscheid und der Nennung ihres Namens. Das Selbst-Outing in einer der auflagenstärksten und wichtigsten deutschen Frauenzeitschriften wurde in der Lesbenbewegung als mutig und wichtig angesehen.

Im Mai 1975 beantragte die HFM bei der Stadt Münster die Genehmigung eines Infostandes in der Fußgängerzone. Während die Genehmigung für die Verteilung von Flugblättern sofort erteilt wurde, lehnte das Liegenschaftsamt den Infostand ab. Im Sommer 1975 legte die HFM Widerspruch gegen diesen Bescheid ein. Dies führte 1976 zu einem Prozess vor dem Verwaltungsgericht, den die HFM gewann. Daraufhin ging die Stadt Münster in Berufung, die vom Oberverwaltungsgericht 1977 zurückgewiesen wurde. Im darauffolgenden Jahr konnte die HFM mit Genehmigung der Stadt einen eigenen Informationsstand in Münster aufstellen (Quelle für diesen Absatz: Stadt Münster).

Vergleiche mit anderen deutschen Städten

Es ist heute – zumindest im heutigen Deutschland – selbstverständlich, dass LGBTI mit ihren unterschiedlichen Anliegen für ihre Rechte auf die Straße gehen können. Es lohnt sich, neben den erwähnten Problemen der HFM, auch einen Blick auf die damaligen Probleme in anderen deutschen Städten zu werfen.

So beschäftigte der Antrag einer Aachener Schwulengruppe auf Zulassung eines Infostandes 1973 mehrere Jahre lang die Gerichte, ehe das Oberverwaltungsgericht in Münster den Rechtsstreit zugunsten der Stadt Aachen 1975 entschied. In seiner Begründung verwies das Gericht zwar darauf, dass auch Schwule das Grundrecht auf Meinungsfreiheit hätten, dass der Staat aber auch das "Sittengesetz" schützen müsse und auf die Gefahren für die "öffentliche Sicherheit" zu achten habe, die von einer solchen Veranstaltung ausgingen.

Mit ähnlichen Begründungen wurden auch in Ingolstadt (1980) und in Ulm (1981) schwule Infostände verboten (s. Hans-Georg Stümke: "Homosexuelle in Deutschland", 1989, S. 158-159). Zu den wenigen zeitnahen Demonstrationen, bei denen Schwule und Lesben als Gruppe sichtbar waren, gehörte die traditionelle Demo zum 1. Mai 1972 in Westberlin, an der erstmals 40 organisierte Schwule und Lesben teilnahmen. Ein Jahr später, 1973, sollen es bereits 150 Teilnehmer*innen gewesen sein (Elmar Kraushaar: "Hundert Jahre schwul. Eine Revue", 1997, S. 138-139).

Die erste Möglichkeit in der DDR, Sichtbarkeit von Schwulen und Lesben herzustellen, gab es wohl am 4. August 1974 bei der Abschlusskundgebung der Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ostberlin. Auf einem Transparent stand: "gay liberation front – london, bürgerrechte für homosexuelle" und auf einem anderen: "Wir Homosexuelle der Hauptstadt begrüßen die Teilnehmer der X. Weltfestspiele und sind für den Sozialismus der DDR." Auch dieser Staat zeigte sich repressiv; das Banner wurde durch die Stasi beschlagnahmt (s. "Männer", 29. April 2019).


Die Demo vor 50 Jahren (Bild: Rosa Geschichten)

Vergleich mit den USA

Die Situation in Münster kann man nur bedingt mit der in den USA vergleichen. Dort hatte es mit Organisationen wie der "Mattachine Society" und den "Daughters of Bilitis" wie auch in Deutschland bereits in den Fünfzigerjahren eine Bewegung gegeben.

Der Durchbruch gelang jedoch 1970 mit dem ersten Gay Pride, mit dem die bereits vorhandene und inzwischen gewachsene Bewegung nach neuen Ausdrucksformen suchte. Dies mündete in den ersten Gay Pride, der nicht als Demonstration, sondern als Parade veranstaltet wurde, eine Veranstaltungsform, bei der die Teilnehmer*innen bis heute an ein historisches Ereignis erinnern (die bekannten Aufstände im Stonewall Inn im Juni 1969). Dies hat den Vorteil, dass sich dabei gesellschaftlich sehr unterschiedliche Gruppen integrieren lassen. Im Gegensatz zu Münster 1972 konnte man in New York ab 1970 mit Stonewall eine empowernde Erfolgsgeschichte feiern und auf viele mobilisierungsfähige Schwule und Lesben einer Millionenstadt zurückgreifen (s. dazu auch unseren queer.de-Artikel "Als der Stonewall-Mythos begründet wurde").

Ist 1972 der Beginn einer neuen Zeitrechnung?

In den USA ist es seit vielen Jahren klar, dass es eine Zeit vor Stonewall und nach Stonewall gibt, die man hinsichtlich der Bewegungsgeschichte gut trennen kann. Es gibt mehrere Autoren, die den Beginn der Schwulenbewegung in Münster mit 1972 angeben. Darf man das so schreiben oder ist es illegitim, weil man damit alle emanzipatorischen Bemühungen in der Zeit zuvor aus den Geschichtsbüchern ausradiert? Zumindest stehen die bundesweite Bedeutung der Demo von 1972 und die große Bedeutung für die schwule Geschichte in Münster nicht in Frage.

1992 erschien vom Arbeitskreis "Rosa Geschichten" die Broschüre "Eine Tunte bist du auf jeden Fall. 20 Jahre Schwulenbewegung in Münster", die das 20-jährige Jubiläum der Demo von 1972 als Ausgangspunkt nimmt. Zu diesem Jubiläum wurden in Münster viele Veranstaltungen durchgeführt ("Eine Tunte bist du auf jeden Fall", in: "Adam", April 1992, S. 9). Auch der Artikel "20 Jahre Lesben- und Schwulenbewegung in Münster" (in: "Ultimo", Nr. 10/1992, hier zitiert nach: "Die schwule Presseschau", Juli 1992) geht in diese Richtung. Der Artikel von Christian Scheuß "25 Jahre Schwulenbewegung" (in: "Rosa Zone", April 1996, S. 20) setzt sogar ein Jahr früher an und bringt den Beginn der (modernen) Schwulenbewegung mit den Gründungen der Schwulen- und Lesbengruppen in Bochum und Münster in Verbindung.


Die Broschüre "Eine Tunte bist du auf jeden Fall" zeigt ein Foto von der Demonstration, das Frank Ripploh – bekannt aus dem Film "Taxi zum Klo" (1980) – mit einem Plakat zeigt

Die heutige Bewertung

Die Demo in Münster war ein bemerkenswerter Schritt und gilt als Beginn einer Bewegung, die auch eine erstaunliche Vernetzung verschiedener Gruppen erreichte. Es bleibt schade, dass es in Deutschland nicht gelang, eine jährliche Tradition zu etablieren wie beispielsweise mit dem Gay Pride in New York. Die Gründe dafür liegen darin, dass die Bewegung sehr jung war und sich überhaupt erst finden musste. Ältere Schwule wurden nicht integriert und wollten angesichts ihrer Erfahrungen mit strafrechtlicher Verfolgung kaum an die Öffentlichkeit gehen, während die studentischen Initiativen das typische Schicksal erlitten, dass sich die Gruppen nicht einigen konnten und zudem die Arbeit bei einigen wenigen Personen hängen blieb.

Kennzeichnend für die frühe Schwulenbewegung im Fahrwasser der Studierendenbewegung war, dass sie mit ihren politisch linken Idealen eher weltfremd und (teils bewusst) destruktiv auftrat. Es mag sein, dass dies manchmal als notwendig erscheint. Nichtsdestotrotz finden wir es bemerkenswert, dass die HSM (und Rainer Plein) wegweisende Konzepte erarbeitete, diese mit großem Mut umsetzte, dabei zwischen verschiedenen Positionen vermittelte und schon recht früh realpolitische Forderungen aufstellte. Leider ist er persönlich an den Konflikten zu Grunde gegangen und wählte den Freitod.

Was bleibt, ist eine für alle sozialen Gruppen wichtige Erinnerungskultur. In der Broschüre "Eine Tunte bist du auf jeden Fall. 20 Jahre Schwulenbewegung in Münster" (1992) wurde zu Recht betont, dass es "für uns Schwule wichtig [ist], an unsere eigenen Traditionen, Personen und Daten, Feste und Feiern, Konflikte und Niederlagen zu denken". Die Demo in Münster ist dafür ein geeigneter Anlass.

Der heutige Archivbestand des Centrums Schwule Geschichte

Nachdem die "Homosexuelle Studentengruppe Münster" schon im Mai 1974 ihre Arbeit eingestellt hatte, kümmerte sich eine kleine Gruppe um ihr Archiv. Zunächst übernahm Rainer Plein die Akten und bereitete sie auf. Nach seinem Tod 1976 übernahm Sigmar Fischer das HSM-Archiv und lagerte es 1988 in der Akademie Waldschlösschen ein. 2019 wurden die Akten zur dauerhaften Aufbewahrung an das Centrum Schwule Geschichte in Köln übergeben.


Die Akten der Homosexuellen Aktionsgruppe Münster werden als wichtiger historischer Quellenbestand im Centrum Schwule Geschichte aufbewahrt

Einen guten Überblick über den nun in Köln liegenden Archivbestand bietet ein Artikel auf queer.de, in dem der Bestand vorgestellt und das polizeiliche Schreiben mit der Auflagenerteilung für die von Rainer Plein angemeldete Demonstration besonders hervorgehoben wird. Diesen Archivbestand haben wir auch zur Vorbereitung für diesen Artikel genutzt. Hiermit bedanken wir uns ausdrücklich für die Möglichkeit einer Vorab-Recherche in den Akten im Centrum Schwule Geschichte, die uns beim Verfassen dieses Artikels sehr hilfreich waren. Weiterhin unterstützte uns das Centrum Schwule Geschichte mit Broschüren und Zeitschriften.

Aktionen zum 50. Jahrestag in Münster

Schon früh kümmerten sich Aktivisten in Münster um eine Gedenkveranstaltung zum 50. Jahrestag der Demonstration und fragten vor einem halben Jahr auch auf queer.de (hier online) nach früheren Teilnehmer*innen. Auf der Homepage des Kommunikations-Centrums Münster (KCM) kann man alles über den geplanten Festakt nachlesen, bei dem das 50-jährige Jubiläum der deutschlandweit ersten Homosexuellen-Demonstration zum Anlass genommen wird, um an diesen Tag zu erinnern. Die Jubiläumsfeier findet am Freitag, dem 29. April 2022 ab 17 Uhr für geladene Gäste im Festsaal des historischen Rathauses in Münster statt. Um allen Interessierten die Teilnahme am Empfang zu ermöglichen, wird die Veranstaltung live ins Internet gestreamt.

Als Redner*innen und Zeitzeug*innen werden Halina Bendkowski, Martin Dannecker und Sigmar Fischer berichten, wie sie die Demonstration am 29. April 1972 erlebt haben. Als Gastredner hat der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst (CDU), zugesagt. Es wird eine Würdigung der Menschen sein, die vor 50 Jahren auf die Straße gingen. Insofern können wir uns dem KCM inhaltlich nur anschließen, wenn es an gleicher Stelle schreibt: "Mit dem Jubiläumsempfang möchten wir das Engagement der Lesben, Schwulen, bi und trans*Menschen aus der Anfangszeit würdigen. Durch ihren Mut haben diese Menschen dazu beigetragen, dass es heute rechtliche Verbesserungen gibt, mehr Akzeptanz und eine facettenreiche queere Community."

Als "kämpferische Ergänzung" zum Festakt ruft ein Aktionsbündnis unter Beteiligung des CSD Münster für Freitag zu einer Kundgebung auf, die um 16 Uhr am Schlossplatz beginnt. Anschließend wollen die Aktivist*innen an der alten Route von 1972 entlangmarschieren (queer.de berichtete).

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#1 LothiAnonym
  • 28.04.2022, 08:52h
  • Danke für diesen wichtigen Artikel.
    Sofort fühle ich mich zurückversetzt in das Jahr 72. ich wohnte noch in Münster und plante aber schon zu dieser Zeit meinen Aufbruch nach Westberlin um nie wieder zurückzukehren.
    Auf dem ersten Bild ist mit schwarzen Umhang ein guter Freund von mir zu sehen. Winnie zog auch nach Berlin. Ebenso wie Frank Ripploh.
    In Berlin angekommen bildete sich gerade die HAW. Folgte damit dem Beispiel in Münster.
    In Berlin provozierten wir öffentlich wo wir nur konnten. Ob in der U-Bahn oder Händchen haltend auf den Kurfürstendamm. Zu meiner angenehmen Überraschung nahmen es die Berliner gelassen hin. Selbst im Arbeiterbezirk Neukölln.
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#2 MoKiAnonym
  • 28.04.2022, 10:08h
  • Zwei Wochen vor der Landtagswahl darf der CDU-Ministerpräsident, dessen Partei jahrzehntelang alle queerpolitischen Erfolge zu verhindern suchte, beim 50. Jahrestag der ersten Homo-Demo in der Bundesrepublik als Festredner sprechen. Für mich ist das ein Treppenwitz, und es zeugt von wenig politischem Feinsinn der Organisatoren. Da hätte man auch einen anderen Promi einladen können, um ein wenig von dessem Glanz abzubekommen.

    Ich weiß: Dass er dort überhaupt spricht, darf man auch als Errungenschaft sehen - wenn man das denn will - aber verdient hat es seine Partei nicht. Die Union steht für all das, wogegen die Leute damals in Münster demonstriert haben.

    Ansonsten ein toller Beitrag von Queer.de Schön, dass daran erinnert wird.
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#3 StaffelbergblickAnonym
  • 28.04.2022, 10:21h
  • Antwort auf #1 von Lothi
  • ich zog 1971 nach Berlin und hatte vorher immer etwas von "Homosexuellen" gelesen, irgendwie angesiedelt in "gehobenen Kreisen". Ach ja ... Frank Ripploh hatte mich in einem Kino (Lupe 1 ???) während des Film "Sunday bloody Sunday" belästigt. Ich merkte nur wie seine Hand irgend etwas suchte. Und was Neukölln anbelangt ... ich hatte dort etwa 6 Jahre in einem Arbeitnehmerwohnheim gewohnt, was teilweise mit einer sehr kopulations-freudigen Menschenmenge "ausgestattet" war. Auf so manchem Nachhauseweg merkte ich blitzende Augenpaare in der U-Bahn 7 ... Händchenhaltend, hemmungslos knutschend ... vollkommen problemlos.
    Nach einer politischen Veranstaltung meinte ein Physiotherapeut ... "komm laßt uns jetzt auf dem Ku-Damm rumtucken" ... Keine Probleme. Oder was wurde selbst am helllichten Tag im Tiergarten rumgevögelt. Im Gebüsch an der Siegessäule oder am Gebüsch an der Löwenbrücke.
    Kann ich mir heute so nicht mehr vorstellen .... trotz der ganzen gesellschaftlichen Weiterentwicklung.
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#4 LothiAnonym
  • 28.04.2022, 12:25h
  • Antwort auf #3 von Staffelbergblick
  • Ach ja, tagsüber schon vögeln im Berliner Tiergarten. All dies war damals schon vollkommen selbstverständlich. Ich erinnere mich noch gut.
    Nachteil war allerdings auch, das sämtliche Grünpflanzen darunter zu leiden hatten. All die Trampelpfade waren tagsüber deutlich zu sehen. Sehr zum Verdruss der Gärtnerei die für den Tiergarten sorgen mußte. Diese ließ dann absichtlich Äste liegen, damit des nachts auch ja jemand darüber stolpern tat. Und dann noch die liegengelassenen Papiertaschentücher u.Kondome. Nee,nee am Ende sah es im Tiergarten an vielen Stellen nicht mehr schön aus. Dann folgte ein grausamer Mord auf der Liebesinsel woraufhin die einzige Brücke die dorthin führte abgerissen wurde.
    Die Löwenbrücke wurde ebenso entfernt. Angeblich um diese zu restaurieren. Wurde aber bis heute nicht wieder angebracht. Warum wohl? Heute sieht es Drumherum nur noch sehr kärglich aus. Im Gegensatz zu damals.
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#5 WadimAnonym