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Krimi

Queere Strandlektüre aus Tel Aviv

Yonatan Sagivs Kriminalroman "Der letzte Schrei" konfrontiert seinen schwulen Protagonisten – den nicht besonders erfolgreichen Privatdetektiv Oded Chefer – mit der Frage, ob Ruhm vor Community kommt.


Symbolbild: Spaziergänger*innen am schwulen Hilton Beach von Tel Aviv (Bild: Ted Eytan / flickr)

Oded "Wühlmaus" Chefer ist Mitte 30, Single, schwul und als Privatdetektiv nicht sonderlich erfolgreich. Seine größte Einnahmequelle ist die Untervermietung seines heruntergekommenen Studio-Apartments in Tel Aviv.

Oded haust in der Penthouse-Wohnung seines wohlhabenden besten Freundes, der auf Berufsreise ist, und träumt von einem Leben des Erfolges und Reichtums. Genau dieses scheint ihn erwartungsvoll anzulächeln, als er einen Auftrag bekommt, der die Türen zur High Society Tel Avivs öffnen könnte, um ihm endlich das Leben zu bescheren, das er sich wünscht.

Ruhm oder Ehre?


Der Krimi "Der letzte Schrei" ist im Verkag Kein & Aber erschienen

Oded soll herausfinden, warum die 15-jährige Carine Carmeli, die als neues Pop-Sternchen gehandelt wird, sich plötzlich von ihren Eltern zurückgezogen hat, regelmäßig die Schule schwänzt und die eigenen Haare in Büscheln ausreißt. Odeds Auftraggeber sind zum einen die oberflächlich besorgt wirkenden Eltern, zum anderen Carines PR-Manager, Binyamin Direktor, der in der High-Society-Nahrungskette ganz oben steht. Der Fokus ist klar auf das Bewahren des Sauberfrau-Images der jungen Carine gelegt.

Als Oded in den Fall eintaucht, der ihn zu Direktors Vertrauten machen könnte, verschwindet die junge trans Frau Gabriela. Oded tangiert dies wenig. Im Laufe seiner Ermittlungen kristallisiert sich heraus, dass die Vermisste in Direktors Kreisen unterwegs war, und Oded wird vor die Frage gestellt, welcher Fall für ihn Priorität hat: der, der ihm Ruhm und Reichtum bescheren kann, oder der, der einer Person hilft, die vom System und der Gesellschaft partout nicht beachtet wird.

Ohne Empathie

Oded ist das Schicksal von Gabriela zunächst egal. Er fragt sich, warum er sich "mit der Suche nach einer flatterhaften Transe" befassen soll. Er geht davon aus, dass sie "früher oder später hingestreckt im Schrank irgendeines Fußballstars" gefunden wird und unterstellt der jungen Frau ein Dasein als Sexarbeiterin, ein Schicksal, das vielen trans Frauen in Israel noch immer zuteilwird, da sie anderweitig keine Arbeit finden.

Er ist gänzlich unempfänglich für ein Gespräch mit dem neuen, jüngeren Freund seines Expartners, der sich mehr mit dem Thema sensibler Sprache beschäftigt. Sei es aus Koketterie oder bloßer Indifferenz: er benutzt in dessen Gegenwart transphobe und rassistische Termini, ohne dabei zu erröten, und zeigt im Laufe des Buches keine wirkliche Besserung. Die Suche nach Gabriela scheint ihn erst zu interessieren, als er eine große Story hinter der Ungerechtigkeit wittert, die trans Frauen im ganzen Land erleben.

Schrei nach Liebe


Yonatan Sagiv, geboren 1979, lebt und arbeitet in Tel Aviv und in London

Auch wenn Oded auf den knapp 400 Seiten von "Der letzte Schrei" (Amazon-Affiliate-Link ) nicht sympathischer wird, gibt es zumindest Hinweise darauf, warum er so ist, wie er ist. Leser*innen lernen seine Familie kennen, die für den beruflich erfolglosen, schwulen Sohn stets wenig Verständnis hatten.

Ein weiteres Anzeichen gibt Yonatan Sagiv, als Oded wegen Carine ihre Schule aufsucht und Kontakt zu ihren männlichen Mitschülern aufnimmt. Diese erinnern ihn an die Teenager aus seiner Jugend, die ihn gepeinigt haben, und selbst im Alter von 36 Jahren kann er den Minderjährigen gegenüber nicht selbstbewusst auftreten. Auch bei einem potentiellen Liebhaber kommen Odeds Wunden der Kindheit und Jugend als schwuler Außenseiter ans Tageslicht, als er beim besten Willen nicht nachvollziehen kann, dass ihn jemand mögen könnte.

Offene Fragen

"Der letzte Schrei" ist das dritte Buch der Oded-Chefer-Reihe des israelischen Autors Yonatan Sagiv, aber das erste, das ins Deutsche übersetzt wurde. Im aktuellen Roman werden Anmerkungen auf vergangene Fälle gemacht und die Beziehung mit dem Ex-Partner, einem Kriminalpolizisten, angedeutet. Es fühlt sich dennoch hin und wieder so an, als würde einem als Leser*in Informationen fehlen, um Oded als Charakter sowie gewisse Zusammenhänge besser zu verstehen.

Auch stilistisch kommen Fragen auf. So vergleicht sich Oded, wenn er eigene Reaktionen beschreibt, stets mit Frauen. Diese sind zum einen teils unnötig langatmig, wie in folgender Selbstbeschreibung: "… sage ich und schaue Mary mit dem wohlmeinenden Blick einer gut betuchten Zeitgenössin aus Ramat Aviv an, die gekommen ist, auf ihrer kulinarischen Entdeckungsreise den harten Wirklichkeiten im Tel Aviver Süden zu begegnen, von denen sie erst vor einer Woche in der Lady Globes gelesen hat." Zum anderen wirft es die Frage auf, ob es sich bei diesen Vergleichen um misogyne Äußerungen handelt – einige lesen sich frauenfeindlich -, um homosexuelle Stereotype – Schwule sind so weiblich, *Augenrollen* -, oder doch einen Hinweis auf Odeds Gender-Identität?

Tragische Schwule gibt es genug

"Der letzte Schrei" von Yonatan Sagiv ist kein schlechtes Buch. Oded ist ein vielschichtiger Charakter, der trotz seiner Makel, oder gerade wegen dieser, neugierig auf weitere Geschichten von ihm macht. Die weiteren queeren Figuren sind eindimensional gezeichnet. Es ist dennoch erfrischend, einen Kriminalroman zu lesen, in dem der Protagonist ein schwuler Mann ist, auch wenn dieser stereotypisierten Selbsthass an den Tag legt. Den tragischen Schwulen gibt es in Film, Fernsehen und Literatur leider schon zuhauf. Die Ermittlung selbst birgt den einen oder anderen Twist, hinkt aber sonst in Bezug auf seinen Spannungsbogen anderen Romanen aus dem Krimi-Genre hinterher.

Für einen Urlaub, in dem die Lektüre etwas leichter und vorhersehbarer sein darf, bietet sich "Der letzte Schrei" dennoch ganz gut an.

Infos zum Buch

Yonatan Sagiv: Der letzte Schrei. Kriminalroman. Aus dem Hebräischen von Markus Lemke. 400 Seiten. Verlag‎ Kein & Aber. Zürich 2022. Hardcover: 25 € (ISBN 978-3-0369-5865-1). E-Book: 19,99 €

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#1 AtreusProfil
  • 07.05.2022, 14:33hSÜW
  • Bevor ich euch mit dem Einzelbuch einer Reihe quält, deren Vorgänger ihr nicht kennt, versucht es mal hiermit:

    Alles was ich dir geben will - Dolores Redmondo

    Der beste Kriminalroman mit schwulem Hauptcharakter, den ich bisher lesen durfte.
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#2 LothiAnonym
#3 QueereLektüreAnonym
  • 08.05.2022, 09:44h
  • Das kommt davon, wenn man immer nur guckt, was Verlage so veröffentlichen.
    Sofern man Amazon nicht boykottiert, gibt es dort eine Reihe von Selfpublishern und Kleinverlagen, die "Gay Crime" als Nische anbieten.
    Ich mochte die "Sturm"-Serie von Irvin L. Kendall oder auch "Sheltered in Blue" von Svea Lundberg.
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