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"What happened in Hawaii?"
Schwuler Sex und Kommunismus als verzeihliche Jugendsünden
Heute vor genau 60 Jahren – am 8. Mai 1962 – war die Premiere des Films "Sturm über Washington", der vom richtigen Umgang mit Homosexuellen und Kommunisten handelt

Szene aus "Sturm über Washington": Zum ersten Mal wird in einem US-Film eine schwule Bar von innen gezeigt (Bild: Columbia)
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8. Mai 2022, 05:13h 16 Min.
Wenn ein junger, unerfahrener Mann mit seinem besten Freund oder der Idee des Kommunismus liebäugelt, ist das eigentlich nicht richtig schlimm und sollte auch nicht gesellschaftlich verurteilt werden – das ist die Botschaft von Allen Drurys Roman "Advise & Consent" (1959, dt. Titel: "Macht und Recht"). Diese zurückhaltende Toleranz-Botschaft ist für das Amerika von 1959 und die Zeit des Kalten Krieges sehr viel – für heute allerdings sehr wenig. Der Roman wurde ein Bestseller.
Unter dem Titel "Advise & Consent" (1962, dt. Titel: "Sturm über Washington") wurde der Roman aufwendig und erfolgreich verfilmt. Schon der Trailer zum Film (4:44 Min.) verdeutlicht, dass hier alles eine Nummer größer ist. Mit Otto Preminger (Regisseur), Henry Fonda und Charles Laughton (Schauspieler) waren einige der bekanntesten Namen des damaligen Filmgeschäfts beteiligt. Viele Politiker und Personen des öffentlichen Lebens spielten sich selbst. Dass in diesem Trailer die homosexuelle Nebenhandlung (3:05-3:55 Min.) angedeutet wird, verweist bereits hier auf ihre nicht unerhebliche Bedeutung.
Der Film

Das Filmplakat von "Sturm über Washington"
Wer sich für diesen Film interessiert, hat es sehr leicht: Man kann sich den Film bei Amazon in einer mehrsprachigen Version kaufen (Amazon-Affiliate-Link ) (Laufzeit 2:12 h) oder ihn sich einfach bei Youtube in der Originalfassung ansehen (Laufzeit von 2:18 h). Den Zuschauer*innen, die sich nur für die schwule Nebenhandlung des Films interessieren, wird es sehr leicht gemacht, weil sie kompakt in einer halben Stunde (1:23:40-1:56:30 h) zusammenhängend erzählt wird.
Diese schwule Nebenhandlung lässt sich so zusammenfassen: Der Senator und Familienvater Brig Anderson wird von seiner Ehefrau auf verdächtige Anrufe hingewiesen, die etwas mit seinen früheren Erlebnissen auf Hawaii zu tun haben. Zunächst versucht Anderson, diese Anrufe zu ignorieren. Erst später wird klar, dass es dabei um eine schwule Affäre mit einem anderen Soldaten in der Kriegszeit geht und Brig Anderson von Fred Van Ackerman, der ebenfalls Senator in Washington ist, mit dieser Affäre erpresst wird. Zunächst versucht Anderson, in direktem Kontakt mit seinem ehemaligen Kriegskameraden Ray Shaff die Angelegenheit zu klären. Er findet ihn in einer New Yorker Schwulenkneipe, wo dieser als Stricher arbeitet. Nach einer kurzen Aussprache fliegt Anderson wieder zurück nach Washington und sieht keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod.

Eine Schlüsselszene des Films, die auch auf Plakaten verwendet wurde: Brig Anderson wird von seiner Frau gefragt, was früher auf Hawaii passiert ist
Parallel zu dieser Handlung, wird die Geschichte des liberalen Robert Leffingwell erzählt, der als Außenminister vorgeschlagen wird. Während der Kandidatur wird ihm vorgeworfen, in einer kommunistischen Zelle gewesen zu sein, was brisant ist, weil er sich für eine entspanntere Politik mit der Sowjetunion einsetzt.
Die Filmszene im schwulen Bordell
Für die schwule Nebenhandlung haben zwei Szenen eine besondere Bedeutung. In der ersten Szene (1:41:10-1:43:45) versucht Brig, Ray unter einer New Yorker Adresse ausfindig zu machen. Dort wird er von Manuel (D: Larry Tucker) empfangen. Im Gespräch mit Manuel geht es mehrfach mit besonderer Betonung um die Frage, ob Brig ein "Freund" von Ray sei. Dabei erfährt Brig, dass Manuel, "natürlich streng vertraulich", Rays private Geschäfte regelt. Das Apartment dominiert ein großes Bett, dem hier unverkennbar eine sexuelle Signalfunktion zukommt. Manuel bietet Brig an, dass er sich mit Ray auch hier im Apartment verabreden könne, denn schließlich – so Manuel – sei es "hier sehr gemütlich und Sie sind ungestört". Danach verweist er ihn an den Club 602, wobei er ihm auch anbietet, mit Ray wieder ins Apartment zurückzukommen.
Nur indirekt wird klar, dass es sich bei diesem Apartment um ein Männerbordell handelt und Manuel ein Zuhälter bzw. eine Art "Bordellmutter" ist. Insofern hat die Internet Movie Database (IMDB) die Schlagwörter "homosexual pimp" (schwuler Zuhälter) und "gay hustler" (schwuler Stricher) zu Recht vergeben. Diese Szene ist vor allem deshalb erstaunlich, wenn man berücksichtigt, was in einem US-Mainstream-Film von 1962 eben nicht gezeigt bzw. offen ausgesprochen werden durfte.

Brig Anderson in einem Apartment, in dem sich sein Freund Ray prostituiert. Im Mittelpunkt ein Bett mit Signalfunktion (Bild: Columbia)
Eigentlich müsste eine Bordellszene, noch mehr als eine Szene in einer Schwulenkneipe, provozieren und ich finde es daher unverständlich, dass nicht auch diese Filmszene in der Literatur zum Film bzw. in den Filmbesprechungen besonders hervorgehoben wird. Es gibt zwar noch einige ältere britische Filme, die ebenfalls dezent mann-männliche Prostitution behandeln, wie die Oscar-Wilde-Verfilmung "Der Mann mit der grünen Nelke" von 1960, aber vermutlich ist "Advise & Consent" der erste US-Film, der ein schwules Bordell zeigt.
Die Filmszene in einer Schwulenkneipe
Die zweite Szene (1:43:45-1:45:20 Min.) handelt von der Schwulenbar "Club 602", die Brig besucht, um dort Ray zu finden. Im Eingangsbereich ist aus der Musikbox Frank Sinatra zu hören ("Let me hear a voice, a secret voice") und Brig wird von drei durchtrieben wirkenden Schwulen gemustert. Der freundliche und sympathische Ray sieht Brig im Eingangsbereich und geht auf ihn zu, aber Brig ist schockiert und möchte die Bar verlassen. Ray läuft ihm nach, betont, dass er das Geld gebraucht habe und auch mehrfach versucht habe, ihn telefonisch zu erreichen. Brig besteigt ein Taxi und stößt Ray, der ihn aufzuhalten versucht, mit dem Gesicht in eine Pfütze.
In der schwulen Filmgeschichte nimmt diese Kneipenszene eine besondere Stellung ein, weil hier zum ersten Mal in einem US-Film eine schwule Bar von innen gezeigt wird, wobei ich allerdings zu einer recht ambivalenten Bewertung dieser Szene komme: Der Regisseur hat den Mut gehabt, eine Schwulenkneipe von innen zu zeigen und damit für Sichtbarkeit zu sorgen. Die musternden Blicke von drei Schwulen im Eingangsbereich mögen klischeehaft wirken, wobei ich aber keine direkte Diffamierungsabsicht sehe.
Als ich las, dass Frank Sinatra diesen eindeutig emanzipatorisch eingebundenen Song – eine spezielle Aufnahme des Liedes "Heart Of Mine (Song from 'Advise and Consent')" – für diesen Film beisteuerte, dachte ich daran, dass das gut zu Frank Sinatras Rolle im Film "Der Detektiv" (1968) passt, wo er als liberaler Detektiv einen Mord an einem Homosexuellen aufklärt. (Sinatras politische Haltung wirkte allerdings manchmal auch widersprüchlich, weil er als Demokrat Ronald Reagan, den Präsidenten der Republikaner, unterstützte).
Was mich an der Kneipenszene in "Sturm über Washington" allerdings ein wenig stört, ist die inkonsequente Darstellung von Brig und Ray. Vor dem Hintergrund der freundlichen und unauffälligen Gäste in der Bar ist Brigs Panik kaum zu verstehen. Obwohl Ray zugibt, dass er mit Erpressern zusammengearbeitet hat, soll auch er sympathisch wirken, indem er sich sichtlich freut, seinen früheren Freund Brig zu treffen. Es ist für mich eine inkonsequente Darstellung, dass der Erpresser Ray, der seinen Jugendfreund noch in den Freitod treiben wird, in dieser Szene mit seinem weißen Polo-Shirt als unschuldig und liebenswert dargestellt wird.
Der Regisseur Otto Preminger
Otto Preminger gründete schon 1953 seine eigene Produktionsgesellschaft und musste so nicht mehr auf die damalige Selbstzensur Hollywoods Rücksicht nehmen. Schon in den ersten Jahren griff er Tabuthemen auf und trug so mit dazu bei, dass die Zensur – der sogenannte Hays Code – immer öfter unterlaufen und schließlich aufgegeben wurde. Anfang der Sechzigerjahre war der "Hays Code" nur noch pro forma in Kraft und die Zeit der großen Filme über Homosexualität konnte beginnen, mit breit rezipierten Filmen wie "Infam" (1961), "Der Teufelskreis" (1961) und "Bitterer Honig" (1961). Zwei britische Filme über das Leben von Oscar Wilde von 1960 ("Oscar Wilde"; "Der Mann mit der grünen Nelke") durften wegen der Homo-Thematik erst mit einem Jahr Verspätung auch in den USA gezeigt werden.
Weil das Filmdrehbuch von "Sturm über Washington" stark vom Roman abweicht, finde ich es richtig, dass Armond White in seinem Artikel über den Film in der Schwulenzeitschrift "Out" (25. Oktober 2016) ganz auf den Regisseur Preminger abhebt. Unter der Überschrift "How Director Otto Preminger Challenged Hollywood" erklärt er, dass Otto Preminger hier nicht Schwulsein verteidige (was im Hollywood der Sechzigerjahre nicht möglich gewesen wäre), aber die seelenzerstörenden Prozesse eines nicht offen schwulen Lebens aufzeige, die Erpressungen erst ermöglichten. Mit dem Lied von Frank Sinatra in der Schwulenbar beweise Preminger seine Sympathie für Homosexuelle. Die anschließende Szene, in der Ray in der Gosse landet, drücke daher keine Missbilligung von Homosexualität aus, sondern zeige schwulen Selbsthass. Für White ist "Sturm über Washington" ein lehrreicher Film über Menschlichkeit und politische Ehre.
Die Schauspieler*innen
Zu den bekannten Schauspieler*innen des Films gehört Charles Laughton, der jahrzehntelang zu den weltweit führenden Charakterdarstellern gehörte und u. a. aus dem Film "Spartacus" (1960) bekannt ist. Auch Henry Fonda gehörte zu den bedeutendsten US-amerikanischen Charakterdarstellern. Fonda ist auch in dem Film "The best man" (1964, dt.: "Der Kandidat") nach einem Drehbuch von Gore Vidal zu sehen, der Parallelen zu "Sturm über Washington" hat, weil es auch hier – wenn auch nur in einer kurzen Szene (1:00:20-1:03:35 h.) – um Homosexualität als Waffe im politischen Machtkampf geht. Einige Jahre später war Henry Fonda in dem Film "The Boston Strangler" (1968, dt.: "Der Frauenmörder von Boston", hier die Szene online) in einer Schwulenbar zu sehen. Für die Schauspieler Don Murray (Brig), John Granger (Ray) und Larry Tucker (Manuel) scheinen es die einzigen schwulen Rollen in ihren Filmkarrieren gewesen zu sein.
Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Betty White in diesem Film – im Rahmen ihres Spielfilm-Debüts – die US-Senatorin Bessie Adams (hier die 48-Sekunden-Szene) verkörperte. Später wurde White als Rose Nylund in der bei Schwulen beliebten Serie "Golden Girls" bekannt. Vor einem halben Jahr starb sie im Alter von 99 Jahren (queer.de berichtete).

Betty White als Senatorin Bessie Adams bei ihrem Spielfilm-Debüt (Bild: Columbia)
Die Rezeption des Films
Aufgrund der Bekanntheit des Films gibt es eine unüberschaubare Anzahl von Rezensionen und anderen Würdigungen. Alleine die IMDB verweist auf 45 Rezensionen und 76 User*innen-Kommentare zu dem Film. Es hat mich nicht gewundert, dass mehrere Rezensionen die Szene in der Schwulenkneipe besonders hervorheben (s. "Filmkuratorium", "Christoph Hartung" und "Cinemagazine").
Besonders aussagekräftig finde ich die Rezension von Carter B. Horsley in "The City Review", für den Don Murrays Rolle als Brig die vielleicht heikelste und schwierigste in dem Film ist. In den USA habe es noch keine sexuelle Revolution gegeben und Homosexualität sei weder in der Gesellschaft noch in Hollywood ein beliebtes Thema gewesen. Don Murrays Darbietung sei sehr nuanciert und er vermittele die Schmerzhaftigkeit seines Problems sehr gekonnt und mitfühlend. Brig werde als junger, ehrgeiziger und gutaussehender Politiker wie John F. Kennedy dargestellt. Don Murrays Leistung lasse sich daran messen, wie viel Sympathie er angesichts der Zensur Hollywoods für seine Figur zu vermitteln vermöge.

Die Grundlage der Erpressung: Ein Foto von zwei Soldaten und ein Brief
Wegen seiner historischen Bedeutung fehlt der Film natürlich in keinem queeren Filmlexikon, wie im stets fundierten "Out im Kino. Das lesbisch-schwule Filmlexikon" von Axel Schock und Manuela Kay (2003, S. 325). In Hermann J. Hubers "Gewalt & Leidenschaft. Das Lexikon Homosexualität in Film und Video" (1989, S. 203) hätte der Film allerdings mehr als eine Kurzbesprechung verdient gehabt.
Das beste Nachschlagewerk für alte schwule und lesbische Hollywoodfilme bleibt Vito Russos "The Celluloid Closet" (bzw. die deutsche Ausgabe "Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 115-118), worin der Filmhistoriker Russo den Film gut erfasst: Er schildert, wie Preminger hier gezielt gegen den Hays Code verstieß und wie sich der Aspekt des "schmutzigen Geheimnisses" auch in dem Film "Infam" findet. Auch Russo geht ausführlich auf die Kneipenszene ein und betont, dass nicht nur Brig, sondern auch das Kinopublikum vom ersten Blick in eine schwule Bar "schockiert" gewesen sei.
Auf Russos Buch basiert die Filmdokumentation "The Celluloid Closet" (1995, 51:10-53:55 Min.), in der ebenfalls die Kneipenszene hervorgehoben wird. Leider wird am Anfang dieser Doku (9:50-10:20 Min.) behauptet, dass in dem Film "Call her Savage" (USA 1932, 1:07:55-1:08:35 Min.) erstmals eine schwule Bar zu sehen sei. Das ist falsch. Dieses Novum ist in "Sturm über Washington" zu sehen.
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Der Roman "Advise and Consent"

Die erste Ausgabe des Romans
Grundlage des Films war Allen Drurys Roman "Advise and Consent" (1959), dessen deutsche Übersetzung "Macht und Recht" (1961) ich herangezogen habe. Zunächst deutet Drury die Liebe zwischen zwei Soldaten in Honolulu, der Hauptstadt von Hawaii, während des Krieges an (S. 261-266). Im Krieg hatte Brig "das Gefühl, daß ihm zur Harmonie seines Wesens irgendwie eine Ergänzung fehlte". Auch wenn er in den "hungrigen Augen" anderer Soldaten "die gleiche Botschaft las", mied er bestimmte Situationen. Dass er seinen Gefühlen doch einmal nachgab, lag am Krieg und war nicht auf eine "ernstzunehmende, angeborene Veranlagung" zurückzuführen. Über mehrere Wochen war Brig sehr glücklich und ging davon aus, dass er nie "wieder etwas so tief erleben konnte". Nach dem Krieg tat Brig "sein Bestes", um seine Frau Mabel glücklich zu machen, aber trotz "verzweifelter beiderseitiger Anstrengungen" kam es zu einer Entfremdung, wobei er davon ausging, dass dies nicht mit den "Geistern der Vergangenheit zu tun" habe.
In einer zweiten Zeitlinie (S. 359-407) wird Brig mit dem Anruf eines Kriegskameraden konfrontiert, der am Telefon seiner Frau Mabel gegenüber ein Kriegserlebnis in Honolulu andeutet, woraufhin Mabel ein "schmutziges Geheimnis" ihres Mannes vermutet. Brig will zunächst seinen ehemaligen Kriegskameraden anrufen und "sich um den Preis, daß er selbst und seine Familie unbehelligt bliebe, zu jedem Opfer bereiterklären", unterlässt es aber. Wegen dieser "Sache" und basierend auf belastenden Fotos wird er später vom Senator Fred van Ackeren erpresst. Gegenüber seiner Frau gibt er zu, während des Krieges einmal "aus der Bahn" geworfen worden zu sein. Seine Ehefrau versteht nicht, wie er so etwas "Gräßliches" tun konnte, und sieht es als Grund dafür an, dass sie ihm "nie wirklich nahekommen" konnte. Brig bezeichnet seine Ehe als "falsch" und nimmt die "Schuld" dafür auf sich. Später wird Brig von seinem ehemaligen Kriegskameraden angerufen. Dieser wollte ihm nie schaden, hatte aber das Geld, das man ihm für das Foto anbot, dringend gebraucht. Obwohl sich Brig bewusst ist, dass "sein Geheimnis ausschließlich persönlicher Art war und niemandem schaden konnte", weiß er keinen Ausweg mehr und springt von einer Brücke.
Hintergründe des Romans "Advise and Consent"
Der US-amerikanische Schriftsteller Allen Stuart Drury (1918-1998) war während des Zweiten Weltkriegs Reporter im US-Senat und beobachtete unter anderem die Präsidenten Franklin D. Roosevelt und Harry S. Truman. Diese Erfahrungen inspirierten ihn zu "Advise and Consent" (1959). Ähnlich wie im Film wird auch im Roman die Homo-Thematik zusammenhängend beschrieben – in ungefähr einem Zehntel des 530 Seiten umfassenden Werkes (S. 261-266, 359-407). Heute geht man davon aus, dass es Drury mit seinem Roman nicht darauf ankam, eine reale Geschichte zu erzählen bzw. anzudeuten, sondern dass er daran interessiert war, bestimmte Standardcharaktere und typische politische Verhaltensweisen zu präsentieren, wie man sie in Washington findet. Das ist ihm gelungen.
Es wird jedoch auch davon ausgegangen, dass der Freitod von Brig im Roman vom Freitod des realen Senators Lester Hunt (1892-1954) inspiriert wurde. Im Juni 1953 wurde Hunts Sohn unter dem Vorwurf festgenommen, einen Zivilpolizisten zum Sex aufgefordert zu haben. Mehrere republikanische Senatoren drohten Hunt mit der Veröffentlichung der Hintergründe, es sei denn, Hunt würde zurücktreten, was dieser zunächst ablehnte. Sein Sohn wurde im Oktober 1953 zu einer Geldstrafe verurteilt. Im April 1954 gab Hunt seine Absicht bekannt, sich zur Wiederwahl zu stellen, änderte jedoch seine Absicht, als ihm erneut gedroht wurde, die Verhaftung seines Sohnes gegen ihn zu verwenden. Im Juni 1954 erschoss er sich in seinem Büro, sein Sohn starb hochbetagt 2020 (Quellen: Wikipedia-Artikel zum Roman und zu Lester Hunt).

Der US-Senator Lester Hunt. Er erschoss sich 1954, weil man die Homosexualität seines Sohnes politisch gegen ihn verwenden wollte, und wurde damit wohl zur Inspiration für die Figur Brig
Bewertungen des Romans "Advise and Consent"
Im Roman – genauso wie im Film – ist Brig ein Sympathieträger und seine Liebe zu einem anderen Soldaten wird sehr empathisch beschrieben. Der Roman liest sich gut, auch wenn Drury jedes deutliche Wort über Homosexualität vermeidet und wenn mir persönlich beim Lesen manchmal unklar blieb, ob er das Leben von gefestigten Homosexuellen oder Fälle von "Nothomosexualität" beschreiben wollte. Im Roman gibt es keine Szene in einem Bordell bzw. einer Schwulenkneipe, die sich beide nur im Film finden. Im Roman ist nur Brig erfahrbar, während sein früherer Kamerad noch nicht einmal einen Namen trägt. Im Gegensatz zum Film (armer Stricher / erfolgreicher Politiker) gibt es im Roman kein soziales Gefälle zwischen den beiden Männern.
Auf zwei recht ähnliche Bewertungen des Buches möchte ich an dieser Stelle verweisen: Scott Simon schreibt im "Wall Street Journal" (2. September 2009), dass der konservative Drury in Bezug auf Homosexualität sehr progressiv sei, weil er die positive Figur Brig "aufrichtig und kompromisslos" dargestellt habe. Erik Tarloff schrieb in der "New York Times" (21. Februar 1999), dass Drury den Homosexuellen "viel Sympathie" entgegenbringe. Drury, eigentlich ein entschieden antikommunistischer Konservativer, habe die Figur Brig sympathisch gestaltet. Die schwule Affäre des Senators sei nach dem Roman "rein persönlich und habe niemandem geschadet" (beide zitiert nach Wikipedia).
Der Roman war 102 Wochen auf der Bestsellerliste der "New York Times". Im Jahre 1960 gewann Drury damit den Pulitzer-Preis für Belletristik. Drurys Roman wurde nicht nur 1962 erfolgreich verfilmt, sondern auch als Theaterstück "Advise and Consent" adaptiert, das 1960/1961 erfolgreich am Broadway aufgeführt wurde. Durch diesen Erfolg bekam Allen Drury Kontakt mit den US-Präsidenten John F. Kennedy (1961-1963) und Ronald Reagan (1981-1989) und ließ sich mit ihnen und seinem Roman fotografieren.

Allen Drury (r.) mit seinem Roman an der Seite des US-Präsidenten John F. Kennedy (l.)
Parallelisierung von Kommunisten- und Homohetze
"Sturm über Washington" lässt sich leicht als frühen Versuch verstehen, die McCarthy-Ära kritisch zu beleuchten, in der der Antikommunismus und die Homosexuellenverfolgung ganz real politisch miteinander verbunden waren. Dieser Film ist vermutlich der erste, aber nicht der einzige Film, der die Themen Kommunisten- und Homohetze inhaltlich miteinander verbindet. Zwei Filme bieten sich zum Vergleich an, die hier als negatives und positives Beispiel aus der Filmgeschichte zu verstehen sind.
Der James-Bond-Film "Liebesgrüße aus Moskau" (1963) entstand – wie "Sturm über Washington" – in der Zeit des Kalten Krieges. Die "böse" Rosa Klebb vom sowjetischen Geheimdienst ist hier die Gegenspielerin des "guten" James Bond. Sie ist lesbisch und versucht in einer Filmszene, Tatiana Romanova unter Ausnutzung ihrer Machtposition zu verführen. Der Film ist auch Ausdruck der pathologischen Angst, dass die Menschen, die politisch bzw. sexuell aus dem anderen Lager kommen, das eigene System zerstören könnten, weshalb sie zu zerstören seien.
Das zweite Beispiel ist der Film "Another Country" (1984), der recht frei auf dem Leben von Guy Burgess basiert, der im Zweiten Weltkrieg mit dem sowjetischen Geheimdienst KGB kollaborierte. In einer Filmszene (1:20 Min.) sagt Gay Bennett (D: Rupert Everett), dass man nicht Kommunist werde, weil man Karl Marx lese, sondern dass man Karl Marx lese, weil man eigentlich wisse, dass man ein Kommunist sei. Diese Äußerung steht auch im Zusammenhang mit der Aussage, dass es keine "Verführung" zur Homosexualität gebe. Später wird Gay Bennett auch deshalb ein Spion für die Sowjetunion, weil er von der homophoben britischen Gesellschaft ausgegrenzt wird.
Progressiver Umgang mit Homosexualität
Was bleibt, ist ein Film, der sich auch in anderer Hinsicht sehr erkenntnisbereichernd mit anderen zeitgenössischen Filmen vergleichen lässt. Auch in anderen Filmen mit homosexueller Thematik aus dieser Zeit geht es um ein "schmutziges Geheimnis" ("Infam" und "Der Teufelskreis"), um Erpressung ("Der Teufelskreis") oder um Prostitution. Brigs Freitod in "Sturm über Washington" ist typisch, denn in den Filmen dieser Jahre war es üblich, dass sich schwule Filmfiguren das Leben nahmen oder getötet wurden. Nicht nur in "Sturm über Washington" (1962), sondern auch in "Der Kandidat" (1964) wird das Wissen um Homosexualität im US-Wahlkampf als Waffe verwendet, die soziale Existenzen vernichten kann. Beide Filme sind übrigens intelligent genug gemacht, dass darin nicht gesagt wird, welche Politiker Demokraten oder Republikaner sind, denn beiden Filmen geht es jenseits von Parteigrenzen um die wichtigere Frage nach politischer Moral.
Der Film "Sturm über Washington" zeichnet lehrreich politische Machtstrukturen nach, wie sie vermutlich bis heute überall auf der Welt zu finden sind, auch wenn die Homosexualität eines Politikers in den meisten westlichen Ländern sich kaum noch als Grundlage für Erpressungen eignet. Im Kontext schwuler Filmgeschichte bleibt "Sturm über Washington" ein wichtiges Zeitdokument. Von der grundsätzlich aufgeschlossenen und um Toleranz bemühten Haltung des Autors Allen Drury und des Regisseurs Otto Preminger gegenüber Homosexualität bin ich überzeugt. Ihren Umgang mit Homosexualität sehe ich – gemessen am Zeitgeist – als progressiv und zumindest fair an.
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23:25h, Arte:
Loving Highsmith
In der Doku erzählt Regisseurin Eva Vitija von den Lieben und Leidenschaften der lesbischen Schriftstellerin Patrica Highsmith.
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Wer sich für die Sitten im Amerika der 50er und der 60er Jahre interessiert , der soll/muss sich den großartigen Film von Otto Preminger unbedingt ansehen.