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Indien

Auf dem Friedhof mit Mona

In Indien war die genderfluide Muslimin Mona Ahmed bereits zu Lebzeiten eine Ikone. Dort galt sie als Hijra – ein Sammelbegriff für alle trans und inter Personen. Arundathy Roy setzte ihr in ihrem letzten Roman ein Denkmal. Fotos von Mona sind aktuell in Berlin zu sehen.


Gruft zur Hütte umgebaut: Mona Ahmed lebte auf dem Mehndiyan-Friedhof in Delhi (Bild: Dayanita Singh)

Heldengeschichten sollen dem Kind Männlichkeit einflößen. Zum Beispiel über tapfere Krieger. Wie jene von Dschinghis Khan, der auf einem Schlachtfeld aus den Fängen eines rivalisierenden Stamms seine Braut befreit und so erst ihre Liebe gewinnt.

Die Erzählung des Vaters bleibt nicht ohne Wirkung – allerdings möchte Anjum fortan nicht Dschinghis Khan sein, sondern lieber dessen Braut. Schon früh weiß Anjum, dass das von außen projizierte Geschlecht nicht dem gefühlten Selbst, nicht dem eigenen Körper entspricht.

Anjums reales Vorbild, und zwar eines in Fleisch und Blut, stöckelt eines Tages unerwartet am Elternhaus vorbei. Eine schillernde Figur, eine perfekte Verkörperung mondäner Weiblichkeit. 1,80 Meter groß und gehüllt in schimmernd grünes Satin, die Lippen leuchtend rot bemalt. Und das mitten im muslimischen Viertel von Delhi, wo fast alle weiblichen Wesen von der Pubertät an in Burkas gehüllt sind!

Gebannt folgt Anjum der Frau, von der sich herausstellen wird, dass sie nicht von Geburt an als solche erkannt wurde. Sie lebt nicht allein, sondern in einer Wohn- und Lebensgemeinschaft von Frauen, die von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Es dauert nicht mehr lange, bis Anjum Teil davon wird, sich als eine von ihnen fühlt und die wohlhabende Herkunftsfamilie verlässt, die dafür kein Verständnis aufbringt.

Ein anderes Universum

Nur ein paar Blocks vom Elternhaus entfernt tritt Anjum mit dem Umzug in ein anderes Universum über und wird Teil des Hauses der Träume. So nennen die bisherigen acht Bewohnerinnen beschönigend ihr bescheidenes Heim – und sich selbst als die Gemeinschaft der Hijras. Es ist eine von einer Guru-Mutter angeführte lebenspralle WG, in der es munter und bisweilen herbe zugeht. "Scheiß Hijra-Nutte" zählt zu den Beleidigungen, die am häufigsten fallen. Das bezeugt nicht zuletzt der Papagei, der das Schimpfwort in allen Stimmlagen zu zitieren weiß: kokett, kränkend, scherzhaft oder zornig. Aber auch liebevoll. Konflikte wie Eifersüchteleien, Intrigen und wechselnde Loyalitäten gehören zum Alltag. Dann wiederum sitzen sie gemeinsam vor der Glotze und persiflieren kreischend die Songs in alten Hindi-Filmen.

So zusammengehörig und verbunden sie sich an solchen Abenden auch fühlen, so unterschiedlich sind sie in ihrem jeweiligen Selbstverständnis. Gemeinsam ist fast allen Hijras, dass sie aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität von ihren Familien verstoßen wurden. Zudem spielt in Indien Religion eine bedeutende Rolle. Die Gemeinschaft, in der Anjum ein neues Zuhause findet, lässt sich in jeder Hinsicht als divers bezeichnen. Mary ist eine Christin und trägt ein Kreuz. Gudiya und Bulbul sind Hindus, alle anderen sind Muslim*innen. Razia hat einen Penis und fühlt sich als cis Mann, der sich wie eine Frau kleidet, aber nicht als Frau angesehen werden möchte. Sondern als Mann, der eine Frau darstellt. Die männlichste Person wiederum ist die einzige in der Gemeinschaft, die menstruiert: klein, drahtig, mit einer "Stimme wie eine Bushupe", wie die anderen liebevoll lästern.

Anjum trifft sich fast täglich mit ihrer Mutter, die ihr jeden Tag eine Mahlzeit bringt. Sie entscheidet sich zu einem operativen Eingriff, der dazu führt, dass sie nie mehr einen Orgasmus erleben wird. Dennoch ist sie froh darüber, endlich mit sich und ihrer Identität und ihrem Körper im Reinen zu sein.

Die Palast-Eunuchen als historisches Vorbild

Das WG-Leben hat seine Höhen und Tiefen, bis über die Jahrzehnte hinweg die Routine dominiert. Die Ankunft einer neuen Mitbewohnerin in der WG bringt schließlich einen entscheidenden Einschnitt mit sich: Saeeda hat studiert und spricht Englisch. Und sie beherrscht die Sprache der neuen Zeit, nutzt Begriffe wie cis Mensch oder trans Person. Die in den 1930er Jahren geborene Anjum fühlt sich davon überfordert und besteht weiterhin hartnäckig darauf, traditionell als Hijra bezeichnet zu werden. Auch der Begriff "Eunuch" ist für sie weiterhin akzeptabel. Dieser spielt wiederum eine wichtige Rolle in der Geschichte Indiens. Erleben kann man das in der allabendlichen Filmprojektion an den Mauern des historischen Roten Forts, das über der Altstadt Delhis aufragt, wenngleich der entscheidende Moment auch nur für den Bruchteil einer Sekunde aufflackert.

Im Film wird gezeigt, wie im Jahr 1729 eine persische Kavallerie angeritten kommt, um Delhi zu attackieren. Indessen wird am Hof des Moguls Muhammad Sha Rangila musiziert und gefeiert. Für einen kurzen Moment sind ein paar Eunuchen zu hören und zu sehen. Den anwesenden Tourist*innen fällt es womöglich nicht auf. Doch der Hijra-WG, die das Rote Fort aus diesem Grund jedes Jahr besucht, ist es wichtig zu sehen, dass das sogenannte "dritte Geschlecht" überhaupt Teil der indischen Geschichte ist, Teil des königlichen Hofstaats.

Die Palast-Eunuchen waren von hohem Rang und Ansehen, da sie den Herrschern die biologische Nachkommenschaft nicht streitig machen konnten. Bei aller Zwiespältigkeit dieser historischen Praxis betrachten die Hijras die Eunuchen mit gewissem Stolz als ihre Vorfahren. Sie sind auch heute noch ein Teil ihrer kollektiven Identität. Die Hijras halten es für wichtig, die Erinnerung an die historischen Eunuchen aufrechtzuerhalten. Darum unternehmen sie regelmäßig gemeinsam diesen Ausflug.

Trotz des Zusammenhalts der WG angesichts der gesellschaftlichen Diskriminierung werden die Konflikte häufiger, die Gräben vertiefen sich mit den Debatten um Geschlecht und Identität, und die politische Radikalisierung Indiens hinterlässt auch bei Anjum tiefe Spuren: Sie fühlt sich, nachdem sie Jahrzehnte dort verbracht hat, im Haus der Träume nicht mehr zuhause. Sie zieht auf einen alten Friedhof am Rande der Altstadt in Delhi, um fortan unter den Toten zu leben. Mit Hilfe eines Freundes errichtet sie eine Hütte rund um eine Gruft ihrer Vorfahren, das später um ein Gästehaus erweitert wird. Es wird für sie noch mal ein sehr lebendiger Lebensabschnitt.

Mona Ahmed stand Patin für Romanheldin Anjum


Der Roman "Das Ministerium des äußersten Glücks" von Arundathi Roy wurde von Mona Ahmeds Leben inspiriert

Soweit die queere Rahmenhandlung eines Romans, der allerdings der Realität bis auf die Details sehr nahe kommt. Er heißt "Das Ministerium des äußersten Glücks" (Amazon-Affiliate-Link ) aus dem Jahr 2017, geschrieben von der indischen Schriftstellerin Arundathi Roy, Trägerin des Booker-Prizes. Auch wenn es vorab heißt, jede Ähnlichkeit mit realen Personen, lebendig oder tot, sei rein zufällig: Die fiktive Romanheldin Anjum ähnelt nicht nur der realen Person Mona Ahmed – die Übereinstimmungen mit ihrer Vita sind äußerst groß, auch wenn Monas Leben noch dramatischer verlief als jenes von Anjum. Es enthält zudem genauso viele phantastische Elemente wie der Roman. Mit ihm hat die Schriftstellerin Mona Ahmed jedenfalls ein leidenschaftliches Denkmal gesetzt.

Mona wurde 1937 in Delhi in eine muslimische Familie geboren. Ihre Eltern gaben ihr den Namen Ahmed. Sie gehörten einer höher gestellten Kaste an. Nachdem ihnen während Monas Pubertät klar wurde, dass diese – anders als von ihnen gesehen – kein Junge war, versuchte ihr Vater, sie im Schlaf zu erwürgen. Sie nahm daraufhin ihren ganzen Mut zusammen und zeigte ihn an. Der Konflikt weitete sich aus: Verwandten verprügelten und verschmähten sie. Nach der Flucht aus ihrem wohlhabenden Elternhaus in eine Hijra-WG litt sie lange Zeit an Depressionen und verfiel dem Alkohol. Sie gab sich den Vornamen Mona, ohne ihren alten Vornamen Ahmed abzulegen: Dieser wurde fortan zu ihrem Zweitnamen – ohne damals zu ahnen, dass ihr das Jahrzehnte später großen Ärger einbringen würde. Dennoch hielt sie zeit ihres Lebens an ihm fest.

Nicht ausschließlich als Frau identifiziert

Sie blieb in der Gemeinschaft über viele Jahre, bis es mit anderen Hijras zum Streit kam. Anlass waren unter anderem Diskussionen um ihr Bedürfnis, ihre Vorgeschichte sowie ihren alten Namen Ahmed zu integrieren und Teil ihrer Identität werden zu lassen: Es war nun die Rede davon, dass Mona ihren Deadname benutze und so der ganzen Szene schade. Ein Deadname bezeichnet eigentlich ein abgelegter Name von trans Personen, dessen Nutzung häufig dem Zweck dienst, sie zu diffamieren.

Es ging bei Mona allerdings auch darum, dass sie den Namen auf eigenen Wunsch behalten und sich zwar überwiegend, aber nicht ausschließlich als Frau identifizieren wollte. Sie beharrte gleichwohl auf ihrem Recht, sich zumindest zeitweise als Mann zu fühlen und dabei die Verbindung zu ihrer Vergangenheit zu bewahren – so schmerzhaft diese auch für sie war. Die Auseinandersetzung reichte weit über die gemeinsamen Treffen der WG hinaus und verbreitete sich unter Hijras wie ein Lauffeuer.


In Minas Hijra-WG wurde viel getanzt (Bild: Dayanita Singh)

Unterstützung bekam Mona Ahmed zumindest posthum aus der Genderforschung. So schreibt etwa Vikramaditya Sahai von der Universität Delhi in einem Artikel des Magazins "Frieze" aus dem Jahr 2019, der zwei Jahre nach Monas Tod erschien: "Ahmed ist nicht nur ein Jungenname; es ist auch der Name, unter dem ihre Mutter sie liebte und beschützte, ein Name, mit dem sie aufgewachsen ist, den sie getragen und dem sie widerstanden hat."

Ein neues Leben auf dem Friedhof

Sahai weist darüber hinaus auch auf einen kulturellen Aspekt hin: Als ehemalige Angehörige einer höher gestellten muslimischen Kaste wurde Mona durch die Anrede "Bruder Ahmed" an den Verlust ihrer gesellschaftlichen Stellung erinnert – ein Schmerz, den sie bewusst in Kauf nahm und der sie immer wieder zur Solidarität mit allen anderen von der Gesellschaft Benachteiligten motivieren sollte. Darum entschied sie sich in ihrem letzten Lebensabschnitt, auf den Mehndiyan-Friedhof in Delhi zu ziehen: in die Nachbarschaft von Totengräbern, Heroinabhängigen und Fledermäusen.

Dort erfand sie sich neu, ließ sich nun häufiger und ganz bewusst "Bruder Ahmed" nennen und trug Hosen statt weiblicher Kleidung- je nachdem, wie sie sich fühlte. In Interviews hob sie stets hervor, dass die Gesellschaft mit der Festlegung auf zwei soziale Geschlechter auf einem falschen Weg sei. Eine von ihr häufig zitierte Aussage lautete: "Ich bin weder Mann noch Frau, ich bin das dritte Geschlecht". Sie baute eine Gruft zu einer Hütte um und erweiterte sie mit der Zeit um ein Gästezimmer. Ihr morbides Zuhause wurde zu einem Treffpunkt von Bettelnden, Angehörigen der queeren Community und anderen Ausgegrenzten in Indien.

Als eine schwangere Bekannte von ihr während der Geburt starb, adoptierte sie das Baby und zog es auf. Sie nannte das Mädchen Ayesha. Mona organisierte für sie aufwändige Geburtstagsfeiern mit Tanz und Gesang. Anhänger*innen aus dem gesamten Subkontinent kamen zu Besuch und feierten mit. Die Partys auf dem Friedhof, so heißt es, waren legendär. Doch Ayesha wurde Mona nach ein paar Jahren weggenommen. Das konnte sie nur schwer verkraften. Im September 2017 verstarb sie mit 81 Jahren – nur kurz nachdem Roys Roman erschienen war.

Bereits zu Lebzeiten eine Ikone

Mona Ahmed wurde bereits zu Lebzeiten eine Ikone, und das nicht nur für die queere Community. Für die Mehrheitsgesellschaft in Indien, ja selbst für ein interessiertes Publikum aus aller Welt galt sie als Hauptansprechpartnerin, wenn es um Belange der Hijras in Indien ging. Diese nehmen seit jeher eine besondere Stellung ein: ganz am Rande der Gesellschaft.

Von ihren Familien ausgesondert, stellen die Hijras eine Art niedere Kaste dar, unabhängig davon, in welche jede einzelne von ihnen hineingeboren wurde. Es ist ihnen fast unmöglich, eine gewöhnliche Arbeit zu finden, und Schutz vor Diskriminierung und sexueller Belästigung gibt es nicht. Ganz zu schweigen davon, dass sie häufig von der Polizei missbraucht werden, sobald sie es wagen, Anzeige zu erstatten. Mona Ahmed konnte davon eine Menge trauriger Geschichten erzählen.

Die Hijra-Gemeinschaften werden meist von einer mütterlichen Guru-Figur – einer älter Hijra – geleitet, die die Arbeitsteilung organisiert. Um ihre Lebenshaltungskosten zu bestreiten, müssen viele Hijras betteln oder sich mit Sexarbeit prostituieren. Wenn sie Glück haben, können sie ihr Einkommen mit tänzerischen Einlagen auf Hochzeiten oder Geburtstagen bestreiten. Denn so sehr sie auch die Mehrheitsgesellschaft verachtet – auf der anderen Seite werden sie auch gefürchtet und verehrt. Als Wesen, die die beiden geschlechtlichen Pole vereinen, schreibt man ihnen eine besondere Macht zu. Wenn sie zu familiären Anlässen tanzen, sorgen sie für Glück und Fruchtbarkeit. Manchmal werden sie dafür fürstlich entlohnt. Denn wenn man sie verärgert – so der Mythos – ereilt einen ein Fluch, und man bleibt für den Rest des Lebens impotent und unfruchtbar.

Freundschaft mit der Fotografin Dayanita Singh


Cover des Bildbands "Myself Mona Ahmed". Im Juli 2022 veröffentlicht der Steidl Verlag eine Neuauflage

Auch Mona Ahmed war für ihre Tanzkünste berühmt. Vor allem aber für ihr soziales Engagement, das sie zeit ihres Lebens aufrecht erhielt. Ihre Freundschaft mit der Fotografin Dayanita Singh, die sie über Jahrzehnte hinweg mit einer Hasselblad porträtierte, ließ das 2001 veröffentlichte Buch "Myself Mona Ahmed" (Amazon-Affiliate-Link ) entstehen – inzwischen ein Klassiker unter den Bildbänden. Vergeblich versuchte Singh, sie zum Umzug in eine reguläre Wohnung zu bewegen. Mona Ahmed beharrte darauf, weiterhin auf dem Friedhof zu leben, auch wenn sie inzwischen berühmt und nicht mehr arm war.

In einer Ausstellung im Berliner Gropiusbau (die noch bis zum 7. August 2022 zu sehen ist), werden von Dayanita Singh neben mehr als zwanzig Fotos aus der Serie "Mona Montages" ausgestellt. Dazu kommen zahlreiche Bilder, die Mona Ahmed beim Tanzen – unter anderem mit ihrer Adoptivtochter – auf dem Friedhof oder auf Hochzeitsfeiern zeigen.

Ein Besuch lohnt vor allem, wenn man Mona Ahmeds bewegende Geschichte kennt – und die Debatten, die sie ausgelöst hat. Sie sind bis heute nicht verstummt.

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