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Schwule Literaturgeschichte

Zwei Jünglinge, die "Mund an Mund auf dem weichen Moose" liegen

Heute vor genau 200 Jahren – am 17. Mai 1822 – starb Herzog Emil Leopold August, der sich mit dem Tragen von Frauenkleidung und dem (teils schwulen) Roman "Ein Jahr in Arkadien" einen Namen machte.


Emil Leopold August (1772-1822)

Emil Leopold August (1772-1822) war vorletzter Landesfürst des thüringischen Herzogtums Sachsen-Gotha-Altenburg. Aus seiner Familie stammten auch Königin Viktoria von England und der deutsche Kaiser Wilhelm II. ab. Er war eine schillernde Person seiner Zeit, machte aus seinen femininen Neigungen keinen Hehl, hielt in Frauenkleidern Hof und schockierte damit die feine Gesellschaft. Sein Vorteil: Als Landesfürst stand er an der Spitze der politischen und Standeshierarchie und musste auf niemanden Rücksicht nehmen.

Augusts Hang zu Frauenkleidung und zu Männern

Für Johann Wolfgang von Goethe war Herzog August "unter einer gewissen weiblichen Form, angenehm und widerwärtig" zugleich. Henriette von Knebel, Hofdame im benachbarten Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, bezeichnete ihn als "eine sonderbare Komposition von Mann und Frau". Es gibt nur wenige Dokumente, die einen homosexuellen Zusammenhang erahnen lassen.

In einer Biografie der Herzogin von Sagan wird betont, dass bei Besuchen des Herzogs August "das Haus von allen jungen Männern geräumt werden" musste, und es wurde ergänzt: "Um die jungen Damen braucht man keine Sorgen zu haben." In einem Brief von 1815 schrieb der Herzog, dass er es mit "Selbstliebe und Selbstachtung" geschafft habe, sich von der ihm "angezwängten Männerey" zu befreien. Das Tragen von Frauenkleidung entsprach offenbar seinem inneren Drang und Wesen.

Die Formulierungen in einem späteren Lexikonartikel verweisen auf einen frühen Konflikt mit seinem Vater: Schon ab 1791 seien seine "Anlagen in ihrer Eigenthümlichkeit hervor[getreten], während früher seine Neigungen […] mit denen seines Vaters im Widerspruche standen und […] das gute Vernehmen zwischen Vater und Sohn gestört wurde". Er habe ein "weichliches Leben" geliebt und in seinem Roman "Ein Jahr in Arkadien" habe der Herzog "seine Gefühle und […] Neigungen in der Rolle der fürstlichen Jungfrauen" dargestellt ("Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände", 1833, S. 524-526).

Vermutlich gab es früher und heute eine ähnliche Form der Zuschreibung, dass feminine Männer als homosexuell wahrgenommen wurden. Dies spiegelt sich auch im aktuellen Wikipedia-Artikel über den Herzog wider, der darauf hinweist, dass seine Erscheinung etwas "Damenhaftes" gehabt haben soll und dass sich "auch" (!) in seinen literarischen Werken "Anspielungen auf eine vermutliche homosexuelle Orientierung" finden ließen.

Herzog August als Griechin


Herzog August von Gotha wird "als Griechin" diskreditiert

Um die "Weiblichkeit" des Herzogs August zu dokumentieren, wird bis heute regelmäßig auf die Illustration "Herzog August von Gotha als Griechin" verwiesen, die posthum in der Zeitschrift "Die Gartenlaube" (1857, Heft 7, S. 93-95, Zeichnung S. 93) veröffentlicht wurde. Laut einer Fußnote soll es sich dabei um die Wiedergabe eines Gemäldes aus Gotha handeln.

Diese Illustration wirkt denunziatorisch, was auch vom Text unterstützt wird: Da der Herzog "Roth auflegte, sowohl auf Lippen, als auch auf Wangen […], bekam er das Ansehen eines Weibes. Dazu trug die […] Lockenperücke das ihrige bei, denn er wechselte mit seinen Haaren wie mit seinen Launen." Er habe oft "das Gewand einer Frau [getragen], bekleidete seine Arme mit Schmuck, legte einen Schleier übers Haupt und lag so wie eine Schöne, die sich von ihren Anbetern umringt sieht, auf dem Sofa". Er habe eine Schwäche für antike Poesie gehabt und der Autor des Artikels besitze sogar einen griechischen Roman von ihm, "der völlig geschmacklos" sei. "Auch der Liebeshandel, der den Kern des Romans bildet, ist vor lauter Ziererei und Schwulst bitter langweilig." Mit den letzten beiden Sätzen kann der Autor nur "Ein Jahr in Arkadien" (1805) meinen.

Hinter dem Autoren-Kürzel "v. Stg" verbirgt sich der Schriftsteller Alexander von Ungern-Sternberg (1806-1868), der dafür bekannt war, dass er sich gerne über das Sexleben Prominenter ausließ (Molière; Johann Joachim Winckelmann), diese als "unmännlich" darstellte (Karl von Holtei) oder sie direkt als Jünglingsliebhaber "outete" (Fürst Pückler). Die frühe Schwulenbewegung sah Alexander von Ungern-Sternberg offenbar selbst als schwul an ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", Jg. 4, 1902, S. 458-571).

"Ein Jahr in Arkadien" (1805)


Zwei nackte schwebende Genien als Buchschmuck

Eine von mehreren Geschichten, die Herzog August in "Ein Jahr in Arkadien" (1805) auf nur 124 Seiten erzählt, handelt von der Liebe zweier Männer. Auf einem Winterfest lernt der junge Schäfer Julanthiskos den schönen und reichen Prinzen Alexis kennen, der aber zunächst nur mit einem spöttischen Blick auf ihn reagiert (S. 17). Julanthiskos wird geraten, den sich spröde gebenden Alexis doch besser zu vergessen. "Ein Seufzer war die traurige Antwort des Hoffnungslosen" (S. 22). Julanthiskos zieht sich zurück, interessiert sich weder für die lauten Männer noch für die "frechsten Dirnen" (S. 65) und rechnet nicht mehr damit, dass ihm die "Männerliebe" begegnen werde (S. 71).

Eines Tages ändert sich jedoch alles: Beim Jagen eines Büffels stürzt Alexis eine Klippe hinunter und liegt nun verletzt und hilflos auf den Felsen. Julanthiskos findet ihn und beide Männer kommen sich näher. Damit erfüllt sich auch die Weissagung von "allwissenden Jungfrauen", die ihm diese Begegnung früher prophezeit haben (S. 57, 72). Als die beiden Jünglinge später gefunden werden, "lagen sie Mund an Mund auf dem weichen Moose" (S. 77-79). Ein späteres Kapitel handelt von ihrem späteren gemeinsamen Leben: Alexis küsst seinen "neuen Liebling", sie wandeln gemeinsam durch einen Garten, nehmen ein gemeinsames Bad und legen sich auf ihr Lager. "Sie entschliefen Hand in Hand, um sich nie zu verlassen" (S. 80-86). Beide Männer haben so ihr persönliches Glück gefunden (S. 117-118). Am Ende des Romans sind zwei nackte schwebende Genien als ganzseitiges Schmuckwerk abgebildet, die diesen schwulen Handlungsstrang zu illustrieren scheinen (S. 127).

Bewertung und Hintergründe von "Ein Jahr in Arkadien" (1805)

Das Werk von Herzog August, das in einem paradiesischen Arkadien angesiedelt ist, kann man literarisch als einen Roman oder auch als Schäferdichtung in barocker Tradition bezeichnen, die neben dem Prosa-Text auch mehrere Gedichte beinhaltet. Passend zum antiken Hintergrund wird die Liebe der beiden Männer als etwas Selbstverständliches geschildert. Es geht also nicht um verklärte Männerfreundschaften, sondern um Männer, die ihr Bett und ihr Leben miteinander teilen. Es ist der einzige Roman von Herzog August und eine Geschichte mit Happy End, was für viele Romane mit homosexueller Thematik, die danach kamen, nicht selbstverständlich ist. Im Jahre 1985 wurde "Ein Jahr in Arkadien" von Paul Derks neu herausgegeben, für den der Roman "ziemlich aufregend" ist.


"Ein Jahr in Arkadien" (aus: dem Film "Männerfreundschaften", 2018)

Obwohl anonym erschienen, war auch schon den Zeitgenoss*innen bekannt, dass Herzog August dieses Werk verfasst hatte. Einer dieser Zeitgenossen war der Philosoph Arthur Schopenhauer. Die Universitätsbibliothek in Frankfurt/Main ist im Besitz einer Ausgabe von "Ein Jahr in Arkadien" aus Arthur Schopenhauers Bibliothek und schreibt dazu auf ihrer Homepage, dass der Herzog "eher feminin-pazifistisch" und "literarisch hochgebildet" gewesen sei. Auf dem Titelblatt des Buches hat Schopenhauer handschriftlich vermerkt: "von August, regierendem Herzog zu Sachsen-Gotha und Altenburg". Gerade vor dem Hintergrund von Schopenhauers kritischer Einstellung zur Homosexualität (s. Artikel auf queer.de) wäre es spannend zu erfahren, wie das Werk in Schopenhauers Besitz kam und wie er das Werk fand.

Vergleiche mit anderen Romanen

"Ein Jahr in Arkadien" wird bezeichnet als die erste literarische "Veröffentlichung in deutscher Sprache, die homosexuelle Empfindungen so unumwunden thematisiert" (Axel Schock: "Die Bibliothek von Sodom", 1997), und als das "erste Werk der deutschen Dichtkunst, das die latente und verhohlene Jünglingsliebe […] in den thematischen Mittelpunkt der Gesamtdarstellung rückte" (Bernd-Ulrich Hergemöller: "Mann für Mann", 2010). Diese Äußerungen stimmen zwar, lassen sich aber am besten verstehen, wenn man eben auch die anderen Werke kennt, die schon im 17./18. Jahrhundert in deutscher Sprache erhältlich waren.

Als erster ist der Roman "Der abenteuerliche Simplicissimus" von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1668) zu nennen, der einige queere Episoden einbindet, wenn auch nicht so frei erzählt, wie es Herzog August in seinem Roman tat. Im 18. Jahrhundert konnte man schon einige in der Antike entstandene Romane in deutscher Übersetzung kaufen, wie den antiken Hirtenroman "Daphnis und Chloe" (1765) und – wesentlich bekannter – Petronius' "Satyrikon" (1773). Mehrere Autoren ließen sich – ähnlich wie Herzog August – von der Antike und ihren Männergeschichten inspirieren, wie Wilhelm Heinse ("Ardinghello und die glückseeligen Inseln", 1787), August Gottlieb Meissner ("Alcibiades", 1781) und Christoph Martin Wieland (u. a. "Geschichte des Agathon", 1766).

Im 18. Jahrhundert erschienen zudem auch schon einige Romane, die ohne Rückgriff auf die Antike vor einem zeitgenössischen Hintergrund spielten und unterschiedlich frei auf Homosexualität eingingen, wie John Cleland in "Fanny Hill" (1782) und Denis Diderot in "Die Nonne" (1792/1797). Keine Frage: Auch bei einem Vergleich schneidet der Roman von Herzog August sehr gut ab, auch deshalb, weil bei Grimmelshausen, Cleland und Diderot das Thema Homosexualität/Homoerotik nicht so eindeutig positiv besetzt ist. Es ist aber auch klar, dass Herzog August mit seinem Roman innerhalb der zeitgenössischen Literatur nicht konkurrenzlos ist.

Herzog August und sein Verhältnis zu Napoleon

Herzog August war ein glühender Verehrer des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte, der ihn als Zeichen seiner Wertschätzung zwischen 1806 und 1813 mindestens fünf Mal in Gotha besuchte. Der Germanist Paul Derks verweist im Zusammenhang mit einem Besuch im Jahre 1806 auf eine Anekdote, wonach der Herzog auf die Aufforderung Napoleons, sich eine Gnade von ihm auszubitten, sich einen Kuss gewünscht haben soll, worauf sich der Kaiser mit einem "sehr starken Ausdrucke" von ihm abgewandt habe. Ein anderer Zeitgenosse wurde deutlicher und zitiert Napoleon mit dem Ausdruck "bougre" (zeitgenössischer stark abwertender Begriff für Homosexuelle im Sinne von "Arschficker"). In seinem Film "Männerfreundschaften" (2018) hat Rosa von Praunheim diese Szene des Besuchs mit Schauspielern nachgestellt.


Napoleon wendet sich von Herzog August ab, der Frauenkleider trägt (aus dem Film "Männerfreundschaften", 2018)

In den Jahren 1811 bis 1813 feierte Herzog August Napoleons Geburtstag mit Gala-Empfängen auf dem Gothaer Schloss Friedenstein. Augusts Napoleon-Manie gipfelte in der Einrichtung eines von ihm persönlich entworfenen Napoleon-Zimmers im Schloss Friedenstein, das – mit seinem großen Bett – heute ein Glanzstück des Museums ist. Die Decke des Raumes zeigt einen Sternenhimmel mit Sonne und Mond, wobei die Sonne die Züge Napoleons trägt, die den Mond mit den Gesichtszügen Augusts bescheint. Die Sonne wird traditionell als "männlich" und der Mond als "weiblich" konnotiert.

Die Bedeutung Herzog Augusts für die frühe Homosexuellenbewegung

Das wichtigste Periodikum der frühen Homosexuellenbewegung war das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", das vom "Wissenschaftlich humanitären Komitee" (WhK) unter Magnus Hirschfeld herausgegeben wurde. Im Rahmen seines Aufsatzes "Quellenmaterial zur Beurteilung angeblicher und wirklicher Uranier" (S. 445-706) ging Ferdinand Karsch ausführlich auf den Herzog August ein ("Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 5. Jg., 1903, S. 615-693), berichtete von seiner "Weiblichkeit" und seinem Roman "Ein Jahr in Arkadien" und veröffentlichte eine ausführliche Bibliografie über ihn.

Zu erwähnen ist auch Magnus Hirschfelds zweibändiges Werk "Die Transvestiten". Im ersten Hauptband (1910, S. 494-495) bezeichnet Hirschfeld den Herzog als einen der "seltsamsten, 'buntschillerndsten' Fürsten", wobei alle, "die ihn persönlich kannten, […] durch das 'Damenhafte' seines Wesens frappiert" gewesen seien. Hirschfeld verweist hier auch auf den (gerade genannten) Aufsatz von Ferdinand Karsch und auf die Zeichnung in der "Gartenlaube", die im zweiten Bildteil (1912, S. 68) abgedruckt wurde.

Marita Keilson-Lauritz kommt in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte. Literatur und Literaturkritik in den Anfängen der Schwulenbewegung" (1997, S. 296, 326) zu dem Schluss, dass der Fürst mit seinem Roman im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" zwar recht häufig genannt werde, aber trotzdem "nicht wirklich" dem sogenannten Homo-Kanon, also den Texten, die als "homosexuelle Literatur" wahrgenommen wurden, zugerechnet werden könne. Bei Hirschfeld war er ein passendes Beispiel für seine "sexuellen Zwischenstufen".

In der Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" wird der Autor und der Roman mit keinem Wort erwähnt, was vielleicht daran lag, dass der Herzog dem von Adolf Brand propagierten Ideal des maskulinen Homosexuellen nicht entsprach und sogar das genaue Gegenteil verkörperte. Dass der Homosexuellenaktivist Karl Heinrich Ulrichs (also rund 50 Jahre zuvor) nicht auf Herzog August einging, lag vermutlich nur daran, dass er ihn nicht kannte.


Nackter Genius nach dem Vorbild des Herzogs (aus: "Männerfreundschaften", 2018)

Zum Weiterlesen

Es gibt einige Literatur, die sich zum Weiterlesen über den Herzog August eignet. Da sind vor allem zwei Veröffentlichungen des Germanisten Paul Derks zu nennen, der sich schon 1981 im Rahmen seiner Habilitationsschrift über homosexuelle Literatur mit ihm und seinem Werk auseinandersetzte. 1985 gab er dann "Ein Jahr in Arkadien" neu heraus und schrieb das ausführliche Nachwort unter dem Titel "Verbotner Himmel und entfernter Frühling. Herzog August von Gotha und seine Idylle Kyllenion" (in: "Ein Jahr in Arkadien. Kyllenion" (Amazon-Affiliate-Link ), 1985, S. 127-169). Derks beschreibt Augusts Leben, seinen Roman und dessen Rezeptionsgeschichte. Neun Jahre nach dem Entstehen seiner Habilitationsschrift erschien diese auch in gedruckter Form, einschließlich eines Kapitels mit der Überschrift "Nach verbotnem Himmel hin? Herzog August von Gotha und seine Idylle Kyllenion" (in: Paul Derks: "Die Schande der heiligen Päderastie. Homosexualität und Öffentlichkeit in der deutschen Literatur 1750-1850", 1990, S. 410-431). Seine beiden Texte sind sich weitgehend ähnlich und beschäftigen sich, wie es die Überschriften schon andeuten, auch mit der Metaphorik des Textes.

Auch Anna Bers ist hier zu nennen, die in ihrem Aufsatz "Ein Jahr in Arkadien – August von Sachsen-Gotha-Altenburg (1772-1822) und die Homoerotik deutscher Schäferdichtung" (in: "Homosexualität am Hof. Praktiken und Diskurse vom Mittelalter bis heute", 2020, S. 325-344) ebenfalls den Roman fokussiert und sehr gut analysiert – wenn sie auch zu dem gut begründbaren Schluss kommt, dass der Roman weder besonders wertvoll noch besonders innovativ sei. Gute Zusammenfassungen finden sich im Buch von Axel Schock "Die Bibliothek von Sodom. Das Buch der schwulen Bücher" (1997, S. 19-20) und in Bernd-Ulrich Hergemöllers Lexikon "Mann für Mann. Biographischen Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mann-männlicher Sexualität im deutschen Sprachraum" (2010, 1. Band, S. 110-111), aus denen ich ebenfalls viele Informationen für meinen Text übernommen habe.

Rosa von Praunheims Film "Männerfreundschaften" (2018)


Teetasse mit Phallus nach einer Vorlage von Herzog August (aus: "Männerfreundschaften", 2018)

In seinem Film "Männerfreundschaften" (Amazon-Affiliate-Link ) (2018) hat sich der schwule Regisseur Rosa von Praunheim mit Homosexualität in der Goethezeit beschäftigt. Rund neun Minuten davon (1:01:15-1:09:55) handeln zusammenhängend von Herzog August, der hier als einer "der spannendsten Regenten des 18. Jahrhunderts" vorgestellt wird. Diese Dokumentation ist unterhaltsam, wenn Rosa zum Beispiel veranschaulichen möchte, wie Napoleon von dem Herzog in Frauenkleidern angewidert ist. In anderen Teilen ist die Doku auch erotisch, wenn "Ein Jahr in Arkadien" als schwule Lovestory mit modernen Jünglingen recht pathetisch nachgespielt wird. Aus Rosas Film lässt sich auch manches Wissenswerte erfahren: zum einen, dass der Museumsshop des Schlosses Friedenstein in Gotha Teetassen verkauft, die mit einem Phallus nach einer Vorlage des Herzogs bemalt wurden (Praunheim: "Das hat mir gefallen").

Zum anderen wird gezeigt, dass der Herzog sich auf einem Gemälde nach seinen Wünschen als nackter schwebender Genius darstellen ließ, weil er sich als "Bewahrer von Wissenschaft und Kunst in alle Ewigkeit" ein Denkmal setzen wollte. Mit seiner Doku hat Rosa das Thema Homosexualität in der Goethezeit weithin bekannt gemacht (s. sein Interview mit dem Deutschlandfunk). Im Interview mit der Zeitschrift "Fresh" (Dezember 2018, S. 10), das unter der Überschrift "Herzog Emil August empfing Napoleon in Frauenkleidern" erschien, gab Rosa an, dass er über den Herzog August einen Langfilm plane und hoffe, dafür genug Geld auftreiben zu können. Vor einigen Tagen hat mir Rosa jedoch mitgeteilt, dass er für ein längeres Porträt über Ernst August leider keine Gelder akquirieren konnte.

Weitere kleine Mosaiksteinchen


Ein bunter Pfau als eine Anspielung auf seine Homosexualität?

Weil Herzog August bisher noch keine*n Biograf*in gefunden hat, lassen sich viele weitere Geschichten über ihn nur anekdotenhaft erzählen, ohne sie in einen größeren Kontext stellen zu können. Dazu gehören zwei Details, die in der von mir genannten Sekundärliteratur nicht genannt werden. Da ist zum einen sein (für Männer) unkonventionelles Hobby, verzierte und vor allem bemalte Fächer zu sammeln, deren galante höfische Szenen noch näher analysiert werden müssten ("Sonnenfächer und Luftwedel. Die Fächersammlung Herzog Augusts von Sachsen-Gotha-Altenburg", Gotha 2007).

Da ist zum anderen eine aquarellierte Bleistiftzeichnung von Ernst Welker im Thüringischen Museum Burg Posterstein, die den "Herzog von Gotha" als Pfau darstellt (1819-1820). Sie trägt unten den Reim: "Ein schöner Vogel ist der Pfau / Das Wasser ist oft kalt, oft lau." Ohne das Erkennen der Tiersymbolik und das Wissen um die breite öffentliche Diskreditierung, der der Herzog von Gotha wegen des Tragens von Frauenkleidung ausgesetzt war, ist diese Zeichnung wohl kaum zu verstehen. Zwischen dem Gebrauch von "lau" und der Bezeichnung "warmer Bruder" (seit den 1780er Jahren belegt) besteht etymologisch bestimmt eine Verbindung. Weitere symbolische Bedeutungen von einem Pfau – wie die Charakterisierung als eitel und aufgeblasen – und auch politische Erklärungen sind möglich. Weil Ernst Welker als Freiwilliger an den antinapoleonischen "Befreiungskriegen" teilgenommen hat, ist es sehr wahrscheinlich, dass er Herzog August wegen dessen Napoleon-Verehrung verachtete.


Herzog August mit Federn im Haar wie ein Pfau (aus: "Männerfreundschaften", 2018)

Eine schillernde Persönlichkeit

Was bleibt, ist eine schillernde Persönlichkeit. Die Frage, ob er schwul oder bisexuell, trans oder nichtbinär war, kann man unbeantwortet lassen – weil schließlich kein Mensch in eine heutige Schublade passen muss. In erster Linie kann man sich freuen, dass er selbstbewusst und jenseits sexueller Konventionen sein Leben gestalten konnte. Vermutlich hat er – um in der Metaphorik seines Romans zu bleiben – sowohl den "verbotenen Himmel" als auch den "Frühling" gut gekannt.

Ich bin mir sicher, dass wir in der nächsten Zeit noch einiges von ihm hören oder lesen werden. Vielleicht findet er auch noch eine*n Biograf*in oder eine*n Filmemacher*in mit dem Ergebnis, dass noch ein Buch, ein Spielfilm oder eine Doku über ihn erscheint. Am 23. November 2022 ist übrigens sein 250. Geburtstag.

 Update  18.05. Ausstellung und Buch über Herzog August

Auch Marco Karthe von der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha hat den queer.de-Artikel mit Interesse gelesen und möchte die Leser*innen noch auf die geplante Ausstellung zum Herzog ab dem 13. August 2022 sowie das Ende April erschienene Buch "August der Glückliche: Traum und Courage des Herzogs von Gotha – Eine Spurensuche" (Amazon-Affiliate-Link ) aufmerksam machen.

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#1 MomosAnonym
#2 Erwin In het PanhuisAnonym
  • 17.05.2022, 16:46h
  • Antwort auf #1 von Momos
  • Hallo Momos,
    Du bist sehr aufmerksam. Ich habe mich mit meiner Äußerung auf Marco Karthe vom Hoftheater Gotha bezogen, der im Film mit Bezug auf Herzog August und diesem Gemälde sagt - "Die Gesichtszüge sind ihm eindeutig zuzuordnen" (1:08:45 Min.). Aber auch ich erkenne, gerade im Gesicht, keinerlei Unterschiede zwischen dieser Kopie und dem Original-Gemälde von 1588/1589. Vermutlich hat Herr Karthe doch zuviel hineininterpretiert.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 MichaelTh