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Literatur

Verliebt in den eigenen Schüler

Verführung, Leid und Zärtlichkeit zwischen Liebe und Obsession. Alan Hollinghurst erzählt in seinem erstmals auf Deutsch vorliegenden Roman "Der Hirtenstern" vom bis in die Besessenheit gesteigerten Verliebtsein und der aussichtslosen Suche nach Schönheit.


Alan Hollinghurst, geboren 1954, ist einer der bekanntesten britischen Schriftsteller der Gegenwart (Bild: Robert Taylor)

Der Anfang Dreißigjährige Edward Manners ist desillusioniert und ernüchtert vom Leben. Auf der Suche nach einer neuen Umgebung, neuer Spannung, verlässt er seine Heimat südlich von London und geht nach Belgien, um in einer namenlosen Stadt in Flandern als Privatlehrer Englisch zu unterrichten. Sein erster Schüler, Marcel, stellt sich als etwas plumper und sehr unsicherer Teenager heraus, der ihn schnell langweilt. Doch für seinen zweiten Schüler, Luc, empfindet Edward schon bald mehr als nur erzieherische Verantwortung.

Edward durchwandert immer wieder die Stadt, erkundet die Schwulenkneipen, macht verschiedene Bekanntschaften, lernt die Kunst des (fiktiven) Malers Edgard Orst kennen und kreist dabei in Gedanken doch immer wieder nur um eines – Luc. Die Beziehung zu seinem siebzehnjährigen Schüler, und vor allem deren Ausschmückung und Erweiterung in Edwards Phantasien und Wunschvorstellungen bilden den zentralen Kern der Handlung.

Parallelen zu "Der Tod in Venedig"


Hollinghursts Roman "Der Hirtenstern" ist am 18. Mai 2022 im Albino Verlag erschienen

Der Roman, der im englischen Original bereits 1994 erschien, ist natürlich nicht ohne literarische Tradition. Die Parallelen zu Thomas Manns "Der Tod in Venedig" sind nur zu offensichtlich. Ähnlich der deutlich kürzeren Novelle stellt "Der Hirtenstern" (Amazon-Affiliate-Link ) einen Erzählerprotagonisten ins Zentrum, der nicht an Menschen interessiert ist, sondern nur an deren Aussehen – geradezu besessen von Schönheit. Edward Manners ist literatur- und kunstbegeistert und versteht es daher als Erzähler, sehr genau hinzuschauen und die Momente des Alltags, Begegnungen auf der Straße, Ansichten von Gebäuden und Straßenzügen, Gesichter und Gesten so wiederzugeben, dass es durchgehend erscheint, als wölbe sich die Romanwelt wie ein mehrdimensionales Bild um einen.

Hollinghurst ermöglicht hier mit den klassischen Mitteln der Literatur – einer starken, evokativen Sprache – ein tiefes Eintauchen in die Welt seiner Erzählung. In diesem Sinne sind die Vergleiche zu diversen Größen der Literaturgeschichte, die in Bezug auf "Der Hirtenstern" bereits angestellt wurden, nicht verkehrt. So ist es auch wenig verwunderlich, dass das Buch etwa 1994 auch den prestigeträchtigen James Tait Black Memorial Prize erhielt und für den Booker Prize nominiert war. (Zweiteren erhielt Hollinghurst zehn Jahre später für "Die Schönheitslinie" – das erste schwule Buch, das diesen Preis erhielt)

Psychos und Psychologisches

Der Protagonist Edward ist eine hochgradig ambivalente Figur. Vergleichbar mit Nabokovs Lolita ist nicht nur die Thematisierung der unangebrachten Beziehung des Erzählers zu einer minderjährigen, schutzbefohlenen Person, sondern auch das sprachliche Spiel, das mit den Lesenden betrieben wird. Durch die Kraft und vor allem Schönheit der Sprache taucht man in die Seele eines Besessenen ein und nimmt seinen Blickwinkel ein. Um den Finger gewickelt von den schönen Worten, die Edward für die Dinge findet, die er mit sehr gutem Auge beobachtet, passiert es, dass geradezu unbemerkt aus schönen Szenen ganz scheußliche Ereignisse und menschliches Verhalten hervorwächst. Die Beobachtung des Abgründigen trifft umso brutaler, wenn sie in derart kunstvoller Sprache daherkommt.

An dieser Stelle sei ganz explizit die großartige Leistung von Übersetzer Joachim Bartholomae erwähnt, der Holinghurst kongenial ins Deutsche übertragen hat. Die Parallelisierung, die der Roman vornimmt, die Suche nach Schönheit als Thema und die manische Schönheit der Sprache funktionieren auch im Deutschen gut.

Schönheit und Abscheulichkeit

Dem Stadium des Verliebtseins wohnt generell immer etwas von Besessenheit inne, das sich Verlieben ist ein Unterwerfen unter die Gefühle, ein Zulassen des Manischen. Neben Edwards Besessenheit schildert der Roman verschiedene andere Figuren, die von der Besessenheit für eine andere Person getrieben sind. Dabei führt er auch erschreckende Weise vor, wie immer wieder Schönheit in Abscheulichkeit umbrechen kann. So entblößt etwa das Durchkämmen der Orstschen Künstlerbiografie, deren obsessive Dekonstruktion ganz plötzlich die peinlichen, niederen Instinkte und Gelüste, die so bloßgelegt dann doch hässlich wirken.

Schön und hässlich – lohnt nun also "Der Hirtenstern"? Ganz unbedingt! Alan Hollinghurst ist die oft beschworene "ganz große Literatur", die dank exzellenter Übersetzung nach fast dreißig Jahren endlich auch im Deutschen empfohlen werden muss!

Infos zum Buch

Alan Hollinghurst: Der Hirtenstern. Roman. Ins Deutsche übersetzt von Joachim Bartholomae. 624 Seiten, Albino Verlag. Berlin 2022. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-86300-331-9). E-Book: 19,99 €

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#1 pppppppppAnonym
  • 19.05.2022, 12:18h
  • Große Freude darüber! Ich habe das Buch vor eineinhalb Jahren auf Englisch gelesen und kann es auch empfehlen. Hollinghurst schafft es für mich in seinen Romanen wie nur ganz wenige, präzise das schwule Leben mit seinen verführerischen wie deprimierenden Seiten darzustellen. Und das in sehr eleganter Sprache, die sexy und im selben Moment voller kultureller Verweise sein kann.

    Im Übrigen eine sehr lobenswerte Sache, dass sich ein kleiner Verlag der Übersetzung eines längeren und nach den Maßstäben des Bestsellerbetriebs schon "alten", dazu sprachlich wie künstlerisch anspruchsvollen Romans annimmt.
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#2 AtreusProfil