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Zeitgeschichte

Vor 35 Jahren: CSU-Regierung wollte schwule "Entartung ausdünnen"

Als in den Achtzigerjahren Aids um sich griff, bekämpften viele Konservative nicht das Virus, sondern "entartete" Homosexuelle. 1987 erklärte Bayern schwule Männer pauschal zu "Ansteckungsverdächtigen".


Peter Gauweiler 2003 als Bundestagsabgeordneter im Plenum (Bild: Deutscher Bundestag / Siegfried Büker)

"Das werde ich nie vergessen! Schwulenpolitik wurde Überlebenskampf!" So erinnert sich der queere Aktivist und Ex-Bundestagsabgeordnete Volker Beck an einen Beschluss der bayerischen Landesregierung vor genau 35 Jahren, am 19. Mai 1987: Auf Initiative des damaligen Staatssekretärs Peter Gauweiler erließ die Regierung einen Maßnahmenkatalog, nach der Schwule – ebenso wie Drogenabhängige und Prostituierte – zu einem Aids-Test gezwungen werden konnten. Denn all diese Gruppen seien "Ansteckungsverdächtige".

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Diese Maßnahmen öffneten damals Tür und Tor für Denunziantentum. In den Köpfen vieler Menschen wurden Schwule zu Tätern. Die Regelungen blieben bis 2001 gültig. Glücklicherweise schloss sich aber kein anderes Bundesland diesem Weg an.

Die Rhetorik, die in der CSU Ende der Achtziger verbreitet wurde, ist nach heutigem Maßstab unvorstellbar für Politiker*innen demokratischer Parteien. Sie erinnerte oft an alte Zeiten: Der damalige bayerische Kultusminister Hans Zehetmair verteidigte laut "Spiegel" etwa das Vorgehen gegen Schwule, indem er Homosexualität im "Randbereich der Entartung" einordnete. Weiter erklärte er: "Das Umfeld der ethischen Werte muss wiederentdeckt werden, um diese Entartung auszudünnen".


Kultusminister Hans Zehetmair (1987)

Ferner sagte der studierte Germanist, es dürfe nicht mehr um Verständnis für Homosexuelle gehen, vielmehr müsse man "klarmachen, dass dies contra naturam ist, nicht nur contra deum … also naturwidrig und im Grunde in krankhaftes Verhalten hineingeht." Nicht Aids ist demnach die Krankheit, sondern Homosexualität.

Seehofer: "In speziellen Heimen ... konzentrieren"

Andere stimmten in diese Hassattacken ein: Der Nachwuchs-Bundestagsabgeordnete Horst Seehofer (CSU) äußerte damals etwa den Plan, HIV-Positive in "speziellen Heimen" zu "konzentrieren". Er wurde später unter Kanzler Helmut Kohl Bundesgesundheitsminister, war zehn Jahre lang bayerischer Ministerpräsident und von 2018 bis 2021 Bundesinnenminister.

Staatssekretär Peter Gauweiler gab damals offen zu, dass er auch die schwule Subkultur zerschlagen wolle. Damals führten Razzien in Kneipen oder anderen schwulen Treffpunkten zu erheblicher Verunsicherung. Zu Aids-Kranken fiel dem CSU-Politiker in einem im Februar 1987 im "Stern" veröffentlichten Interview nur ein: "Mei, des sind halt Aussätzige." Der "Spiegel" bezeichnete Gauweiler damals als "eine Art Hoher Kommissar für Hygiene und Hysterie".


(Bild: Spiegel)

Glücklicherweise konnte sich auf Bundesebene die damalige Gesundheitsministerin Rita Süßmuth (CDU) durchsetzen. Die Erziehungswissenschaftlerin setzte auf Aufklärung und Prävention. Der Weg der heute 85-Jährigen erwies sich als segensreich: Nach großangelegten Aufklärungskampagnen über Aids hat Deutschland eine der niedrigsten HIV-Quoten in Europa. Noch heute ist die Zahl der HIV-Neudiagnosen etwa in Frankreich oder Großbritannien viel höher. Hätte sich der bayerische Weg durchgesetzt, wären wohl Schwule viel mehr ausgegrenzt worden und tausende Menschen mehr an der Immunschwäche gestorben.



#1 ElfolfProfil
  • 19.05.2022, 13:12hHamburg
  • Wir sollten nie vergessen, das es eben auch Frauen wie Rita Süssmuth gab, denen wir verdanken, nicht von alten weißen Männern weggesperrt zu werden. Das ganze ist gerade eine Generation her. Da muss man sich nicht wundern, wie weit die Phobie gegen jede Art LGBT+ immernoch ist. Wir brauchen mehr Ritas und keine Friedrichs in der Politik.
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#2 Co002Anonym
  • 19.05.2022, 13:20h
  • Kotz! Einfach nur Kotz! Wenn man sich vorstellt, daß all diese "Menschen" danach auch noch Karriere gemacht haben .... original 1945 - im Grunde ging damals, gerade auf Behördenebene und explizit der Justiz einfach alles so weiter. Damals habe ich das gar nicht wirklich wahrgenommen, doch auch ich fiel mit einem ersten Mal gerade noch unter den §175. Ein jeder nach seiner Façon ... was ist daran nur so schwer?
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#3 StrottiAnonym
  • 19.05.2022, 13:36h
  • Der Spiegel gehörte damals übrigens nicht unbedingt zu denen, die zu Besonnenheit rieten, sondern beteiligte sich auch gerne an Panikmache. So erinnere ich mich noch an eine groß aufgemachte Prognose, dass im Jahr 2000 mit 100000 Aidstoten jährlich in der Bundesrepublik gerechnet werden müsse. Auch im Umgang mit dem Thema Homosexualität war man damals noch ein ganzes Stück von Akzeptanz entfernt, es war eher eine distanzierte Toleranz, die damals in diesen liberalen Kreisen üblich war.
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#4 Bazi-WatchAnonym
  • 19.05.2022, 13:59h
  • Ach Gauweiler, der ledige Herr mit Schnauzbart, der mit Muttern zusammenlebte ...

    So sehr hat sich die Denke in Bayern bis heute ja nicht geändert. Bayern ist noch immer ein Bundesland ohne Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie. Um genau zu sein: das einzige in Deutschland!
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#5 LorenProfil
  • 19.05.2022, 14:02hGreifswald
  • Das waren finstere Zeiten. Und die CSU "marschierte" vornweg. Gut, dass sich Frau Süßmuth damals mit ihrer Herangehensweise durchsetzen konnte. Ist gar nicht mal so lange her. Und für mich als achtsamen Zeitgenossenn gilt: Der "Zeitgeist" ist leider ein Wendehals und Fortschritte müssen erstritten bzw. erkämpft und dann wehrhaft bewahrt werden.
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#6 ___---valkyrie---___Anonym
  • 19.05.2022, 14:02h
  • Antwort auf #1 von Elfolf
  • Volle Zustimmung, was war das damals nur für ein Gruselkabinett an (teils noch nicht so) alten weißen Männern. Zum Glück hat es Rita Süssmuth gegeben und sie konnte sich mit ihrem Weg durchsetzen.
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#7 nichtbinärePersonAnonym
  • 19.05.2022, 14:34h
  • Ich hatte 1988 mein Coming-out. In Bayern. In einem Klima von Angst und Schrecken. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass noch bis 1990 (umgesetzt de facto 1992) Homosexualität offiziell als Krankheit galt und der § 175 erst 1994 abgeschafft wurde. Dazu dann noch ein religiös-tief-frommes familiäres Umfeld, Ablehnung durch Mutter, Schwester und deren Familie, ein einige Jahre vorher erlebter homophober Überfall, nach dem ich von niemandem Hilfe bekam, und schwupps! war die Grundlage für die erste schwere Depression gelegt. Das hat bei mir bis heute schwerste gesundheitliche, berufliche und soziale Nachwirkungen hinterlassen.

    Für manche ist das Ganze eine Generation entfernt. Für mich hat es das gesamte Leben geprägt.
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#8 Phil80Anonym
#9 PeerAnonym
  • 19.05.2022, 16:35h
  • Indem die CDU-CSU das Aufkommen von AIDS missbraucht hat, um statt gegen die Krankheit lieber gegen Schwule zu kämpfen, hat sie die weitere Ausbreitung dieser Krankheit begünstigt.

    Das hat viele tausend Menschenleben gekostet, die auf das Konto der CDU-CSU gehen.

    Das sollten wir niemals vergessen.

    (Und auch heute noch ist diese Gesinnung in weiten Teilen der CDU-CSU verbreitet. Und der Rest sieht dabei weg.)
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#10 LothiAnonym
  • 19.05.2022, 16:48h
  • Antwort auf #9 von Peer
  • Ich erinnere mich noch wie ich Mitte der 80er Jahre ins Robert Koch Institut ging um mich auf HIV testen zu lassen. Es waren damals mit die ersten. Zum Glück verlief der Test negativ. Auch wurde aus Datenschutz Gründen anonym getestet.
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