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Deutscher Psychotherapeutentag

Therapeut*innen sprechen sich für geschlechtliche Selbstbestimmung aus

Noch müssen sich trans Menschen etwa von Therapeut*innen begutachten lassen, damit sie ihre Einträge ändern dürfen. Doch auch die wollen das nicht mehr, wie sie per Therapeutentag-Resolution bekannt geben.


Die therapeutische Begleitung einer Transition kann sinnvoll sein – sollte aber ohne Zwang ablaufen (Bild: Zackary Drucker / The Gender Spectrum Collection)

Immer wieder behauptet der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie Alexander Korte, dass die Mehrheit seiner Kolleg*innen kritisch auf die gewachsene Offenheit gegenüber transgeschlechtlichen Menschen blicke. Die gestiegene Zahl von Transitionierenden gehe vor allem auf Jugendliche zurück, die sich fälschlicherweise für trans hielten. Ein Selbstbestimmungsgesetz lehnt der Arzt, der schon in vielen Medien als angebliche Gegenposition herangezogen und interviewt wurde, darum auch ab.

Ungeachtet dessen hat der 40. Deutsche Psychotherapeutentag nun eine Resolution zur Unterstützung der Selbstbestimmungsrechte transgeschlechtlicher Menschen (PDF) verabschiedet. Die Bundesdelegiertenversammlung der Bundespsychotherapeutenkammer spricht sich darin nicht nur für die Abschaffung des Transsexuellengesetzes durch das im Koalitionsvertrag angekündigte Selbstbestimmungsgesetz aus. Auch fordert sie, dass die sogenannte Begutachtungsanleitung des Spitzenverbandes der Krankenkassen zurückgezogen wird.

Recht auf Anerkennung der Geschlechtsidentität

Psychologische Psychotherapeut*innen sowie Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen müssen, um praktizieren zu können, Mitglied der Landespsychotherapeut*innenkammern sein, die die berufliche Selbstverwaltung darstellen. Diese wiederum haben sich auf Bundesebene zusammengeschlossen. Delegierte aus den Ländern steuern die politische Interessenvertretung der etwa 55.000 Praktizierenden auf den regelmäßigen Psychotherapeutentagen.

Die meisten transgeschlechtlichen Menschen absolvieren ihre obligatorische Begleittherapie bisher bei solchen Therapeut*innen. Und wie deren fachliche Haltung zum Thema ist, machten sie mit der beschlossenen Resolution bei ihrem Treffen in Stuttgart jetzt erneut klar.

Darin heißt es, das "Recht auf Anerkennung der Geschlechtsidentität" umfasse "das Recht auf Selbstbestimmung der individuellen Identität und auf deren äußere Darstellung", damit auch "den Schutz vor einer als falsch empfundenen Fremdzuordnung des Geschlechts". Außerdem müsse die Intimsphäre vor ungewollter Offenbarung und einem Rechtfertigungszwang gegenüber Gesellschaft und Behörden geschützt sein.

Genau das sieht aber die gegenwärtige Rechtslage, unter der sich transgeschlechtliche Menschen befinden, vor. Sie müssen ein kosten- und zeitaufwändiges Verfahren zur Begutachtung durchlaufen und sich diskriminierende und übergriffige Fragen gefallen lassen. Die dienen angeblich dazu, zu überprüfen, ob sie sich die eigene Transgeschlechtlichkeit nicht vielleicht doch nur einbilden. In dieser langen Zeit erfahren sie durch falsche Ausweispapiere ungewollte Fremdoutings in alltäglichen Situationen, darauf folgende Diskriminierungen oder gar schlimmeres.

Darum begrüßten die Delegierten des 40. Deutschen Psychotherapeutentages auch das Vorhaben eines Selbstbestimmungsgesetzes, das das mehrfach für verfassungswidrig befundene Transsexuellengesetz nach dem Willen der Berliner Ampelkoalition ablösen soll.

Doch was genau unter einem Selbstbestimmungsgesetz zu verstehen ist, wird gegenwärtig noch bei den beteiligten Ministerien verhandelt. Ein erster Gesetzentwurf soll noch vor der parlamentarischen Sommerpause vorgelegt werden. So hat es der Queer-Beauftragte Sven Lehmann mehrfach versprochen. Der Deutsche Psychotherapeutentag regt in seiner Resolution jedenfalls an, den Geschlechtseintrag "im Wesentlichen nur vom Geschlechtsempfinden der antragstellenden Person abhängig zu machen". Damit machen sie klar: Wenn es nach ihnen geht, darf es keine zweifelhaften Gutachten mehr als Bedingung für die Änderung von Einträgen geben.

Mit oder gegen wissenschaftlichen Konsens?

Auch die im Herbst 2020 veröffentlichte Begutachtungsanleitung des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes der Krankenkassen wird in der Resolution kritisiert. Der Text dient Gutachter*innen als Grundlage, mit der sie etwa über die Kostenübernahme geschlechtsangleichender OPs wie die Entfernung von Brustgewebe oder die Umbildung von Genitalien befinden. Die vor zwei Jahren überraschend formulierte Neufassung war vielfach als Rückschritt kritisiert worden. Sie hatte unter anderem Zwangspsychotherapien und den Ausschluss nichtbinärer Personen von geschlechtsangleichenden OPs festgeschrieben und gilt bis heute (queer.de berichtete).

Die Delegierten des Psychotherapeutentags kritisieren in ihrer Resolution, dass das Recht auf Selbstbestimmung und der Grundsatz partizipativer Entscheidung vor einer Behandlung durch die Anleitung verletzt werde. Sie widerspreche wesentlichen wissenschaftlichen Empfehlungen zur Beratung und Behandlung transgeschlechtlicher Menschen.

Hervorgehoben wird von den Therapeut*innen dabei auch die 2018 veröffentlichte S3-Leitlinie "Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: Diagnostik, Beratung, Behandlung". Schon diese Leitlinie hatte klargemacht, wohin sich der wissenschaftliche Konsens bewegt hat: Hin zu mehr geschlechtlicher Selbstbestimmung und dazu, dass geschlechtsangleichende Maßnahmen inzwischen auf starke Evidenz und einem wissenschaftlichen Konsens hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und Risiken fußen.

Zudem hat das Treffen der Therapeut*innen einen weiteren Schritt hin zu mehr Geschlechtergerechtigkeit begangen. Künftig sollen Satzung und Geschäftsordnung der Kammer in geschlechtergerechter Sprache verfasst werden. Dabei sei "ein binäres Geschlechterverständnis überholt". Man wolle "alle Kammermitglieder gleichberechtigt ansprechen" und habe deshalb hierzu "das Gendersternchen gewählt".

Im Jahr 2018 hatte die Weltgesundheitsorganisation durch die Veröffentlichung des seit Januar gültigen Krankheitskatalogs ICD-11 bekannt gegeben, dass Transgeschlechtlichkeit zukünftig nicht mehr als psychische Krankheit gelten werde. Bis der Katalog und seine Kodierungen endgültig überall im deutschen Gesundheitssystem verwandt werden, dürfte es jedoch noch etwas dauern (queer.de berichtete).

Nun gilt das Empfinden geschlechtlicher Inkongruenz offiziell als Zustand mit Bezug zur sexuellen Gesundheit. Geschlechtsangleichende Maßnahmen können also weiterhin indiziert sein. Das hinderte Psychotherapeut Alexander Korte jedoch nicht daran, in einem Anfang Mai veröffentlichten taz-Interview das Gegenteil zu behaupten. Demnach könne es ohne die Einordnung "als krankheitswertige Störung" nun mal keine Kostenübernahmen der Krankenkassen für trans Menschen geben.

Transgeschlechtlichkeit müsse also, im Interesse transgeschlechtlicher Menschen, eine Krankheit bleiben. Zum Glück habe das jedoch, schenkt man Kortes Fähigkeit zur Abschätzung von Mehrheitsverhältnissen Glauben, "ein Großteil von ihnen mittlerweile auch begriffen".



#1 PrideProfil
  • 19.05.2022, 20:17h...
  • ... den Geschlechtseintrag "im Wesentlichen vom Geschlechtsempfinden der antragstellenden Person abhängig zu machen".

    Nicht "im Wesentlichen", sondern es darf und muss ausschließlich ihr Recht sein. Zum Grundrecht auf geschlechtliche Selbstbestimmung gibt's keine Kompromisse. Auch eine S3- oder Richtlinie der Krankenkassen light haben beim Grundrecht der geschlechtlichen Selbstbestimmung nichts zu suchen.
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#2 canSarahAnonym
  • 20.05.2022, 07:55h
  • Glaub ich denen nicht. Genügend andere Verbände lieben doch die Gutachterpflicht. Wie die DGFS, wie der Trans QZ MUC... Etc.
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#3 Pic_Anonym
#4 schwermütigAnonym
  • 20.05.2022, 13:54h
  • Warum tun wir (Großteil der Gesellschaft) uns mit der Transsexualität so schwer? Auch ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich eher Hürde als Chance sehe.
    Ist unsere Denkweise schuld? Mir kommt vieles bi-när vor: ja oder nein, pro & contra, Programmierung, Entscheidungsbäume, Grundlagen der Mathematik.... ! Neutralität/Indifferenz scheint kein gewünschter/ nachvollziehbarer Status zu sein. Kein Wunder dass wir geistig so beschränkt sind, auch beim Geschlecht.
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#5 TinyTransTinaAnonym
  • 20.05.2022, 19:11h
  • Ich finde es Klasse, dass sich die Bundespsychotherapeutenkammer für ein Selbstbestimmungsrecht einsetzt. Kann ja durchaus sein, dass ein juristisches Selbstbestimmungsgesetz kommt. (wahrscheinlich aber erst im ersten Halbjahr 2023). Aber über die medizinische Selbstbestimmung hat man ja in letzter Zeit so gut wie gar nichts mehr gehört. Gut, dass sie die Therapeut*innen auch für eine Selbstbestimmung und gegen die BGA 2020 aussprechen. Ich mein wie soll man denn eine Kurzzeittherapie (12 Sitzuingen á 50 Minuten Zwangstherapie) rechtfertigen, wenn es nichts zu heilen gibt! Das wäre ja schon aus ethischen Gründen fragwürdig. Ich mein allein das Wort "Begutachtungsanleitung" finde ich zutiefst verachtend. Jetzt muss ich begutachtet werden. Ist doch Wahnsinn das Ganze!
    Hoffentlich wird die BGA 2020 auch gleich abgeschaft. Naja man wird ja noch träumen dürfen.
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