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Interview

Finna: Für mehr radikale Zärtlichkeit im Hip-Hop

In ihrem Debütalbum "Zartcore" rappt Finna über Body Acceptance, queere Liebe und gegen Slut Shaming. Wir trafen die Hamburgerin einen Tag vor dem Release und sprachen mit ihr über die männerdominierte Hip-Hop-Welt, Selbstakzeptanz und Mental Health.


Die Hamburger Rapperin Finna zeigt, wie politisch das Private ist (Bild: Katja Ruge)
  • Von Kim Koshka
    20. Mai 2022, 10:14h, noch kein Kommentar

Am Freitag kommt dein Debütalbum raus, wie aufgeregt bist du?

Es ist auf jeden Fall krass! Ich bin schon um fünf Uhr heute Morgen aufgewacht, weil ich so derbe nervös bin. Ich habe etwas Angst, dass Leute mein Album scheiße finden, freue mich aber gleichzeitig mega, weil es einfach so ein queeres Super-Projekt für mich gewesen ist. Ich habe nur mit Leuten zusammengearbeitet, die mir viel bedeuten. Nach den sieben Jahren, in denen ich schon Musik mache, endlich mein Album zu releasen, ist voll krass. Ich freue mich einfach sehr und bin total erleichtert. (lacht)

Das kann ich verstehen, dass ist wie so ein Druck, der einen verlässt.

Ja, und gleichzeitig steigt der Druck aber auch, weil ich ja nicht weiß, wie alle reagieren werden. Man kriegt ja trotz allem viel Hate über das Netz, wenn man sich mit Queerness, Slut Shaming oder Body Shaming auseinandersetzt. Da kommen ganz schnell so eine Horde Nazis angewuppert und ballern einem alles runter. Ich hoffe aber, dass da bei mir nicht so viel kommt.

Wie schaffst du es denn, dich als queere Frau in dieser männerdominierten und vor allem frauen- und queerfeindlichen Hip-Hop-Welt zu behaupten?

Ich weiß gar nicht, ob ich das so gut schaffe. Mir ist es einfach wichtiger, dass es die Repräsentation gibt, weil ich mir das damals – als junger Mensch – auch gewünscht hätte, dass es eine fette, queere Person gibt, die Lust hat, in der Öffentlichkeit zu stehen und mit der ich mich auch vergleichen kann. Ich wünsche mir, dass die Leute, wenn sie mich sehen, vielleicht Mut bekommen durch meine Texte. Das passiert aber auch schon: Manchmal kommen Leute zu mir nach einem Konzert und sagen: "Ey, ich hab 'Overscheiß' gehört und traue mich jetzt, bauchfrei zu tragen" oder "Ich hab dich auf dem 'L-Mag'-Cover gesehen und hab mich jetzt getraut zu outen", und das ist einfach so schön. Wenn die Leute einfach mitmachen. Ich mache das ja nicht alleine, wir schaffen Repräsentation ja nur zusammen, als Community.

Direktlink | Musikvideo zu "Overscheiß"
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Deine Single "Overscheiß" ist ja fast eine Hymne für Körperakzeptanz. Überhaupt setzt du dich auf dem ganzen Album sehr viel mit dir selbst auseinander, zum Beispiel mit dem Track "Love für den Zweifel" – ich denke da an die Stichworte "Radical Softness" und Selbstakzeptanz. Wie verhält sich das bei dir mit der Selbstakzeptanz?

Ich glaube, bei mir kommt das vor allem dadurch, dass ich mich oft einfach zurückziehe in meine queere-Wahlfamilien-Bubble und mir da ganz viel Kraft hole, meine Zweifel dort äußere und frage: "Ey, kann ich das so machen? Ich bin mir gar nicht sicher, ob das gut ist." Und die dann entweder sagen "Yeah mach das, voll cool!" oder eben halt "Lass mal, das könnte gefährlich werden". Die stehen mir dann einfach beratend zur Seite. Wenn ich mir dann in dieser Bubble meine Kraft geschöpft habe, hab ich wieder Power und kann ich auch wieder den Mittelfinger nach außen zeigen und für Sachen einstehen, die mir wichtig sind.

Es geht hier nicht um mich, es geht vor allem um die Message. Was ich hier mache, ist kein "Selbstdarstellungs-Circus", sondern es geht darum, dass wir alle eine Message haben. Ich hoffe einfach, dass das ankommt, und dass Leute, die zweifeln, sich auch trauen in die Öffentlichkeit zu gehen. So finden wir alle einfach besser zusammen und haben gemeinsam Mut und mehr Power nach außen.

Schöpfst du deine Kraft denn auch auf der Bühne? Wenn du gemeinsam mit deinen Fans den Mittelfinger in die Luft streckst?

Ja, das ist auf jeden Fall krass. (lacht) Da merke ich, dass die Musik mir nicht alleine gehört, sondern uns allen. Mir geht es da ganz viel um kollektive Gefühle, dass wir alle unsere geballte Power spüren. Konzerte gebe ich nicht, damit ich abgefeiert werde, sondern damit wir uns alle gegenseitig abfeiern. Wir sind nämlich alle ganz schön cool. (lacht)

Ich kann mir gut vorstellen, dass das dann eine wechselseitige Wirkung hat mit dir auf der Bühne und den Mitfeierenden im Saal und man einfach so eine "Liebe" spürt.

Jaaa, genau das ist es, es geht um Liebe! Wir kriegen alle so wenig davon, obwohl wir sie so sehr brauchen. Ohne Liebe läuft gar nichts, wie brauchen Liebe für uns selbst, wir brauchen Liebe für andere und wir brauchen Liebe gemeinsam.


Finnas Album "Zartcore" ist am 20. Mai 2022 erschienen

Dein Album heißt "Zartcore" (Amazon-Affiliate-Link ). Rap gilt ja eher als eine "harte" Musikrichtung, man denkt an Typen, die sich Rap-Battles liefern. Und dann kommst du um die Ecke mit Radical Softness und Body Acceptance und eben diesem Albumtitel. Was bedeutet "Zartcore" für dich?

Den Begriff "Zartcore" hat meine Freundin vor allem geprägt, weil sie oft zu mir gesagt hat: "Boah, du bist so Zartcore". Für mich ist der Begriff eine Kombination aus Power und Softness, aber dass es auch richtig viel Stärke braucht, um Verletzlichkeit und Softness zu zeigen. Dafür braucht es viel Mut. Manchmal ist es auch echt anstrengend, soft zu sein.

Wie war deine erste Begegnung mit Hip-Hop?

Oh, erst mal nicht so gut. Ich hatte ganz lange keinen Bock auf Hip-Hop, auf dieses ganze misogyne und queerfeindliche Umfeld, mit dem ich nichts zu tun haben wollte. Aber das war auch eher ein oberflächliches Bild, welches ich von Hip-Hop hatte.

Ich habe mich dann auch erst mal eher im Punk bewegt, da kann es zwar auch schlimm sein wie im Hip-Hop, aber dort haben mich dann die Queers aufgefangen. Als ich dann aber Rap von Kobito, TickTickBoom und Sookee gehört habe und merkte, dass eine politische Message und tanzbare Musik so gut zusammenpassen, fand ich das total inspirierend.

FaulenzA, Sookee, Sir Mantis, all die haben mich damals inspiriert, mitzumachen und auch ein Teil des Ganzen zu sein. Ich bin so dankbar, dass es jetzt so viele queerfeministische Rapper*innen gibt. Durch all die habe ich nicht das Gefühl, dass ich das ganze allein machen würde, sondern dass ich Teil von etwas bin. In dem Buch "Awesome Hip Hop Humans" von Sookee und Gazal sieht man auch, wie viele queerfeministische Rapper*innen es mittlerweile in Deutschland gibt. Das ist einfach so schön, diese Entwicklung zu erleben.

Ich habe gelesen, dass deine Musik als "Zeckenrap" bezeichnet wird...

Es geht mit unserem Rap ja auch wieder zurück zu den Wurzeln des Hip-Hop, um den "Each one teach one"-Gedanken, das kollektive Gefühl. Aber auch gemeinsam gegen Diskriminierung und Repressionen etwas zu sagen. Aufstehen, sich stark machen, laut sein, dabei Party machen – das ist ja der Ursprung des Hip-Hop-Gedankens, der durch Zeckenrap wieder auflebt.

Was bedeutet Queersein für dich?

Queersein bedeutet für mich, bei mir angekommen sein. Worte zu haben, wie ich empfinde und wie ich bin. Es bedeutet für mich – klingt jetzt irgendwie scheiße, aber es bedeutet für mich auch einfach Liebe. Dass man eine Wahlfamilie hat und damit auch Leute, mit denen man sich verbunden fühlt, weil diese ähnliche Struggle haben wie man selbst. Es macht mich einfach tausendmal glücklicher, offen queer zu sein, als in meiner Jugend es unter einem Deckmantel zu halten, sich dafür zu schämen.

Queersein bedeutet für mich aber auch viel struggeln. Es kann auch anstrengend sein. Aber mich zu öffnen, war das Beste, was ich jemals gemacht habe. So habe ich genau die Leute um mich herum, die ich bei mir haben möchte.

Mit was für Menschen arbeitest du hauptsächlich zusammen?

Das Album habe ich co-produced mit Spoke. Spoke ist enby Producer aus Berlin. Spoke hat sich ein Studio aufgebaut, welches einen Space für queere Flinta* bietet. Spoke hat mich auch ermutigt, selbst zu produzieren, was ich mich ohne Spoke nicht getraut hätte.

Saskia Lavaux, die Sängerin von Schrottgrenze und meine Partnerin ist, hat mich aufgenommen. Katja Nietzsche und Silvia Torneden, beides queere Frauen aus Hamburg, haben meine Videos gedreht. Arvid Wünsch, ein supersensibler cis Mann, hat mich sehr supported. Mit meinem Label Audiolith habe ich viel zusammengearbeitet und bin froh, dass die mir so den Rücken gestärkt haben. Das gilt ja eher als Mackerlabel, aber eigentlich sind die total queer-supportive.

Henri Jakobs, der trans Aktivist und Sänger, spielt bei mir auf der Tour Bass. Katja Ruge hat meine Fotos gemacht und Stephanie Goldenbaum meinen Merch. Es ist einfach so schön zu sehen, aus was für einer queeren Love-Bubble das ganze Album entstanden ist. Dass man es DIY und selbst gemacht hat, heißt ja nicht, dass es ein Projekt im Alleingang war.

Direktlink | Video zu "VDAZV (prod. by Spoke & Finna)"
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Könntest du dir vorstellen in einem großen Major-Label zu sein, das cis-männlich geführt wird?

2016 stand mir diese Option offen. Aber ich wollte das nicht, einfach weil ich auch noch nicht genau wusste, was ich eigentlich wollte. Das ging jetzt viel leichter, wo ich bei mir bin, umgeben von Menschen, die ich mag und liebe. Das heißt nicht, dass ich Major-Labels prinzipiell kacke finde, aber es passt einfach nicht zu mir. Ich müsste so viele Kompromisse eingehen oder wäre mit Artists im gleichen Label, die ich nicht gut finde. Außerdem hätte ich keine Lust, mich von so vielen cis Männern produzieren zu lassen. Ich kann mich selber produzieren, ich bin selber Tontechnikerin.

Das Selbermachen ist dir also extrem wichtig?

Total!

Deine erste Single kam 2015 raus, 2016 hättest du durchstarten können. Jetzt, sieben Jahre später, veröffentlichst du aber erst dein Debütalbum. Magst du erzählen, warum so viel Zeit dazwischen verstrichen ist?

Also, zwischen 2015 und 2016 ging es halt irre schnell. Queerfeministischer und weiblich gelesener Hip-Hop war so unterrepräsentiert und so neu und fresh, dass ich ziemlich upgehyped worden bin – von null auf tausend. Ich bin auf dem Spektrum aufgetreten mit SXTN, wäre Vorband gewesen für die Antilopen Gang. Ich war innerhalb von einem halben Jahr komplett überfordert.

Ich bin dann 2016 einen Tag nach dem Release von "Cool ist mir zu kalt?" direkt in die Psychiatrie gegangen für mehrere Monate. Ich hatte nicht nur Burn-Out, sondern auch eine heftige Psychose. Das war wahnsinnig anstrengend, denn ich habe Schizophrenie, und wenn zu viel Druck da ist, dann knackt meine Seele. Es gab einfach einen Riesen-Bruch, und es war sehr anstrengend mit Depression, Reha, Klinik, Kur, Tagesklinik… Ich habe alles mitgemacht, was man so im Mental-Health-Zirkus machen kann. Ich bin arschdankbar, dass ich wieder die Kraft hab, das alles wieder zu machen. Lange dachte ich, ich werde das nie wieder machen, weil ich dachte, das macht mich kaputt. Aber ich glaube, was sich jetzt vor allem verändert hat ist, dass ich es mit den richtigen Leuten mache. Ich habe nicht mehr das Gefühl, ich muss irgendwas, sondern ich kann, und das ist voll schön.


Neben ihrer Musik engagiert sich Finna in Rap-Workshops für Jugendliche, ihrem queerfeministischen Kollektiv "Fe*male Treasure" und der Geflüchtetenhilfe (Bild: Katja Ruge)

Was sind deine Idole – politisch und musikalisch?

Auf jeden Fall ist Sookee ganz oben, meine queerfeministische Superinspiration. Aber auch so Leute wie Peaches inspirieren mich total. Aber auch antikapitalistische, queerfeministische Leute, die gegen diese ganze gesellschaftliche Kackscheiße sind, eben Leute, die sich stark machen gegen dieses hasserfüllte System. Diese Leute bewundere ich. Und dann ist es auch gar nicht wichtig, ob jemand 50.000 Follower hat oder 50.

Zum Beispiel RAHSA, die macht feministischen Pöbelrap, die ist nicht bekannt, aber ich bewundere sie einfach so hartcore, weil sie einfach die schlauesten Texte hat, weil sie die beste Message hat und ich mit ihr befreundet sein darf. Fe*male Treasure natürlich, durch die Bank weg.

Und es gibt vor allem eine Rapperin, die ich besonders abfeiere, das ist Silvana Imam aus Schweden, über die gab es auch mal einen Indie-Kinofilm. So schön, so empowernd zu sehen, dass es funktionieren kann. Also diesen Traum, mit politischer Musik auch Menschen wirklich zu erreichen, wahnsinnig schön. Wenn ich sie mal irgendwann in meinem Life treffen könnte – wow, das wäre so krass!

So ein Albumrelease ist ja schon sehr kräftezehrend, was sind deine besten Selfcare-Tipps?

Tatsächlich versuche ich immer, früh schlafen zu gehen, aber ich kann nie einschlafen, weil ich so aufgekratzt bin nach Tagen wie diesen. Da ist mein Selfcare-Tipp auf jeden Fall, Bibi Blocksberg anzumachen. Ich kenne keine langweiligeren Geschichten. Ich kann dabei so gut einschlafen. Also Bibi Blocksberg – größter Fan! Das ist so diese heile Hexenwelt, in der man sich dann so verlieren darf und nochmal so einen kleinen Kinderschlaf haben darf. (lacht) Und regelmäßig Pausen einplanen, in denen man keine Leute sieht, und Pausen, in denen man nur allerengste Friends sieht.

Finnas "Zartcore-Tour"

15.10.2022: Lübeck – Treibsand
21.10.2022: Bremen – Horner Eck
22.10.2022: Oberhausen – Druckluft
23.10.2022: München – Milla
27.10.2022: Marburg – KFZ
28.10.2022: Wiesbaden – Kreativfabrik
29.10.2022: Basel (CH) – Hirscheneck
30.10.2022: Stuttgart – ClubCANN
11.11.2022: Berlin – Badehaus
12.11.2022: Leipzig – Frauenkultur
24.11.2022: Hamburg – Molotow
25.11.2022: Hannover – Indiego

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