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Lyrik

"Ich war mal ne Schwuchtel jetzt bin ich ein Kästchen zum Ankreuzen"

Mit dem Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios" gelang Ocean Vuong ein queerer Weltbestseller. Nun ist sein Gedichtband "Zeit ist eine Mutter" erschienen, der sich ebenfalls mit Herkunft und Identität beschäftigt.


Ocean Vuong wurde 1988 in Saigon, Vietnam, geboren und zog im Alter von zwei Jahren nach Amerika, wo er heute lebt (Bild: slowking4 / wikipedia)

Wer einen Bestseller schreibt, noch dazu einen Weltbestseller, muss nachlegen – das verlangen die Leser*innen, das verlangen die Verlage, das verlangt vermutlich auch das Ego des Verfassers.

Mit seinem ersten Roman "Auf Erden sind wir kurz grandios" ist Ocean Vuong nicht nur ein Weltbestseller gelungen, sondern tatsächlich auch ein furioser Roman, dessen Lektüre nachhaltige Spuren hinterlässt. Die Liste der Bücher, von denen ich sagen würde, dass ich sie absolut beeindruckend fand und jederzeit auch noch einmal lesen würde, ist trotz hoher persönlicher Lektürerate, überschaubar. Ocean Vuongs Roman gehört auf jeden Fall dazu.

Nun hat der Autor, drei Jahre nach dem Erscheinen seines Romans auf Deutsch, nachgelegt und ist zu dem Genre zurückgekehrt, mit dem er als Schriftsteller auch gestartet war: Poesie. Nach dem 2016 im amerikanischen Original und 2020 auch auf Deutsch erschienen ersten Gedichtband "Nachthimmel mit Austrittswunden" ist nun "Zeit ist eine Mutter" (Amazon-Affiliate-Link ) erschienen. Ebenfalls im Hanser Verlag und ebenfalls übersetzt von Anne-Kristin Mittag, wobei der Band dieses Mal leider nur die deutschen Übersetzungen und nicht die Übersetzung mit jeweiligem Originaltext enthält.

Gewidmet seiner an Krebs gestorbenen Mutter und seinem Freund


Der Gedichtband "Zeit ist eine Mutter" ist im April 2022 im Hanser Verlag erschienen

Der Titel des Buches nimmt sogleich autobiografische Anleihen und knüpft auch damit an die früheren Werke von Vuong an. Gewidmet sind die Poeme in "Zeit ist eine Mutter" Peter, dem Lebensgefährten des Autors und seiner an Brustkrebs verstorbenen Mutter, die – obwohl des Lesens nicht mächtig – auch schon die Empfängerin des in Briefform verfassten Romans war.

Wer den Roman gelesen hat, wird in den Gedichten auch dessen zentrale Motive wiederfinden: Fragen nach Herkunft und Identität; Schwulsein; Jungsein; die Gleichzeitigkeit von Sex, Liebe und Aggression, Eingeengt- und Überbordendsein; ein kaputtes Verhältnis zum eigenen Vater; eine kaputte Familie, eine kaputte Gesellschaft und Sucht als allgegenwärtige Flucht aus der Unaushaltbarkeit der Verhältnisse. Selbst einige der in den Gedichten aufblitzenden Figuren und Episoden beziehen sich direkt auf Elemente aus dem Roman.

Der Gedichtband ist also offensichtlich nicht nur dem Mutter- oder Mutter-Todes-Thema gewidmet. Er ist vielmehr eine bunte Mixtur, stilistisch geprägt durch den Kontrast aus offenen, oft geradezu spröde erscheinenden Formen mit stark assoziativen Gedankensplittern und gleichzeitig intensiver Emotionalität und Affektgeladenheit. Dies könnte spannend sein, ist es aber leider nur bedingt.

Eine eher mühsame Lektüre

Ich fand die Lektüre insgesamt eher mühsam als inspirierend – vor allem, weil sie im Verhältnis zum Roman so stark wiederholend ist, ohne aber auch nur ansatzweise dessen Klasse zu erreichen. Der Roman zündet abgesehen von seinem durchweg packenden Inhalt gerade auch durch die Verbindung von unscharf-schillernder und messerscharf-klarer Sprache. Die Texte in "Zeit ist eine Mutter" wirken auf mich demgegenüber zum größeren Teil assoziativ im Sinne von nicht gut auskomponiert: Sie wabern hin und her und sind dabei noch nicht mal sprachlich innovativ, sondern eher ein wenig gewollt.

Es finden sich immer wieder gute Bilder:

"Ich war mal ne Schwuchtel jetzt bin ich ein Kästchen zum Ankreuzen."

"plötzlich – als er gegen mich / knallte, & / wir umarmten uns / zum ersten Mal / seit Jahrzehnten. Es war so vollkommen / & falsch wie Geld / das brennt"

"Du wurdest gezeugt, dann gezwungen / zu überleben – also bist du jemandes Sohn."

Aus den guten Bildern entsteht allerdings wenig: Sie verlieren sich im assoziativen und affektiv aufgeladenen Dickicht. Das Problem liegt dabei weniger im Affekt selbst als darin, dass er wie eine in Repeat-Funktion ablaufende Dauerattitude wirkt. Kämen hier Momente des Spielerischen, (Selbst-)Ironischen, Absurd-Übertriebenen mit in die Textur, könnte eine literarisch vitale Zugkraft entstehen. Die habe ich aber so gut wie nicht in den Texten entdecken können. So bleibt es bei einzelnen schillernden Passagen und einzelnen Gedichten, die man interessant finden kann, wie etwa:

Aasgeier

Dein Körper erwacht
zu einem stillen Rasseln
Strang um Strang
Wie rasch das Tier
sich leert
Wieder sind wir allein
mit versiegten Mündern

Zwei keuchende Forellen
an einem Juniufer
So vereint sehe ich,
wofür ich herkam, hinter

deiner Iris: einen winzigen Spiegel
ich starre
in eine silbrige Silbe
wo ein Fisch mit meinem Gesicht
einmal zuckt
dann nicht mehr muckst

Der Angler
auf einmal ein Junge
der zu viel zu tragen hat

Oder, für diejenigen, die es eher deftig mögen (wobei der Text damit eher eine Ausnahme bildet):

Old Glory

Reiß sie vom Hocker, Digger. Gib
ihm, Junge. Du warst der Knaller
bei der Show. Das war ne Klatsche. Richtig
auf die Fresse. Leichenschändung. Denen haben wir
den Arsch aufgerissen. Mein Sohn ist eine Maschine. Ein Herzensbrecher. Hat sie angebumst, der
Stecher. Blonde Sexbombe. Die haust du
um. Lass uns die Schlampe nageln. Lass uns die Schwuchtel
Schaschlick nehmen. Lass ihm das Hirn rausficken.
Das Mädel ist ne Granate. Es war Vietnam
da unten. Aber ich würds plattmachen. Würd den Laden
auseinandernehmen. Ich lach mich kaputt. Ist doch zum Totlachen.
Du machst mich echt fertig. Ich bin gestorben. Alter,
ohne Scheiß jetzt, wir sind tot.

"Zeit ist eine Mutter": Ja! Auch wenn sie uns hier vielleicht nicht "vom Hocker" reißt, kein "Knaller" ist. Denn "ohne Scheiß jetzt": "tot" sind wir gar nicht – unsere Sinne lieben das Lebendige. Auch in Textgestalt.

Infos zum Buch

Ocean Vuong: Zeit ist eine Mutter. Gedichte. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. 112 Seiten, Hanser Verlag, München 2022. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-446-27299-6)

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#1 AtreusProfil
  • 21.05.2022, 15:10hSÜW
  • Bin ich froh, dass das eine ehrliche Rezension geworden ist und man nicht aus falsch verstandenem Zugehörigkeitsgefühl oder Sympathie auf den Hype-Zug aufgesprungen ist.

    »Auf Erden sind wir kurz grandios« war sicherlich ein Highlight und sprachlich neuartig, allerdings musste auch hier schon die literarische Stärke, bzw. sein Metaphernreichtum über die erzählerischen Schwächen hinwegtrösten. Sein vorangegangener, letzter Lyrikband »Nachthimmel mit Austrittswunden« konnte mich schon nicht mehr überzeugen. Lediglich vier Gedichte schafften es, im Gedächtnis zu bleiben. Im Vergleich zu anderen Lyrikbüchern, etwa von meinem Hausheiligen Hans Kruppa, für mich eine magere Ausbeute.
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#3 AtreusProfil