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Segen für alle

Der schwule Schatz von Kiew

In der Ukraine befindet sich eines der wertvollsten Exponate queerer Kulturgeschichte mit enormer Sprengkraft für die katholische Kirche: Eine Ikone aus dem frühen Christentum zeigt die Märtyrer Sergius und Bacchus als ein von Jesus gesegnetes Paar.


Ein schwules Paar auf einer Ikone aus dem 7. Jahrhundert: Sergius und Bacchus

Die Angst ist groß, im Angriffskrieg auf die Ukraine könne kulturelles Erbe unwiderbringlich verloren gehen. Aus gutem Grund: Die russischen Streitkräfte, die das Museum für Heimatgeschichte im nördlichen Iwankiw in Schutt und Asche legten, haben längst bewiesen, dass ihnen die Haager Konvention zum Kulturgutschutz keinen Pfifferling wert ist. Auch im Kiewer Khanenko-Museum geht die Sorge vor Verlust und Zerstörung um, wenngleich die russische Armee aus der Umgebung der Hauptstadt zunächst zurückgedrängt werden konnte. Von Raketeneinschlägen ist das Haus bislang verschont geblieben. Viele Kunstschätze dürften vorübergehend in Sicherheit gebracht und in Kellern verstaut worden sein. Wann die Öffentlichkeit wieder uneingeschränkten Zugang zur Sammlung erhält, ist noch nicht absehbar.

In der Ukraine gilt das Khanenko-Museum als das bedeutendste Universalmuseum des Landes. Vor allem die Sammlung frühchristlicher Ikonen hat es in sich. Von unschätzbarem Wert ist jene aus dem 7. Jahrhundert, die die Märtyrer Sergius und Bacchus als ein von Jesus gesegnetes Paar zeigt. Und zwar genauso, wie es eigentlich nur ehelichen Konstellationen von Mann und Frau vorbehalten ist: Die mit Blattgold aufgetragenen Heiligenscheine der beiden Männer werden mit jenem von Christus vereinigt.

Theologisch-homoerotische Sprengkraft

Olena Schiwkowa, stellvertretende Direktorin des Khanenko-Museums, kommt in der Beschreibung der 28 mal 42 Zentimeter großen Holztafel aus dem Schwärmen nicht heraus. "Dadurch, dass hier mehrere durchscheinende Farbschichten aufgetragen wurden, wirken die Gesichter von Sergius und Bacchus wie von innen beleuchtet", erklärt sie auf der Homepage des Museums. Von Sergius' "saftigen roten Lippen" und "jugendlichen, blassrosafarbenen Wangen" ist die Rede – nicht jedoch von der theologisch-homoerotischen Sprengkraft, die diesem historischen Kunstwerk mit seinem einzigartigen Bildmotiv innewohnt.


Das Khanenko-Museum in Kiew (Bild: Користувач:Turzh / wikipedia)

Dieser Sachverhalt könnte im zähen Vorankommen der katholischen Kirche bei der Segnung gleichgeschlechtlicher Ehen einen neuen schlagkräftigen Impuls setzen. Zudem offenbaren historisch dokumentierte Geschichten über die beiden Märtyrer ein dem modernen Geschichtsbild widersprechendes Phänomen: Die Haltung im Christentum des frühen Mittelalters war gegenüber mann-männlichen Paarbeziehungen keineswegs so unerbittlich und ablehnend, wie von offizieller Seite der katholischen Kirche heute behauptet wird.

Der Legende nach dienten Sergius und Bacchus im dritten Jahrhundert unter dem römischen Kaisers Maximian als Offiziere in der nordsyrischen Provinz. Die beiden galten als ein Herz und eine Seele, bekannten sich öffentlich zum Christentum und weigerten sich, am Jupiterkult teilzunehmen. Als Maximian von ihnen erfuhr, war er derart erbost, dass er sie in Frauenkleider hüllen ließ, um sie öffentlich zu demütigen. Bacchus wurde zu Tode gepeitscht. Sein geliebter Sergius musste dabei zuschauen, bevor er schließlich geköpft wurde.

Um Sergius und Bacchus entstand nach ihrer Bestattung im Norden Syriens ein ausgeprägter Märtyrerkult. Von dort verbreitete sich das Christentum in der ganzen Region. Die heutige Ruinenstadt Resafa, einst ein bedeutendes Pilgerziel, wurde damals nach Sergius benannt: Sergiopolis behielt noch bis zum Ende der Spätantike seinen Namen. Der Ruf des Märtyrerpaars drang weit bis nach Westeuropa. Im nordöstlichen Zipfel Italiens rund um Triest verehren christliche Gläubige Sergius noch heute. Seine Hellebarde wurde zum Wappen und Wahrzeichen der Stadt, verewigt als Reliquie in einer Steinskulptur in der Kathedrale San Giusto.

"Durch die gegenseitige Liebe miteinander vereint"

Die romantische Beziehung zwischen Sergius und Bacchus fand in einer Vielzahl von Texten des frühen Mittelalters ihren Widerhall. Der älteste dokumentierte Bericht ihres Martyriums stammt aus dem fünften Jahrhundert. In ihm werden sie als "durch die gegenseitige Liebe miteinander vereint" beschrieben. Aus dem sechsten Jahrhundert ist eine auf Griechisch verfasste epische Hymne auf Sergius und Bacchus. In einem Absatz heißt es feierlich: "Vereint durch das Band der Liebe riefen sie tapfer dem Tyrannen zu: 'Sieh in zwei Körpern eine Seele und ein Herz, ein Wille und eine Tugend.'"

Eine der letzten überlieferten Hymnen aus dem neunten Jahrhundert wird dem Dichter und Abt des Klosters von Reichenau am Bodensee, Wahlafrid Strabo, zugeschrieben. Die Reihe an Beispielen ließe sich fortsetzen. Der US-Historiker John Boswell hat sämtliche Schriften über die beiden Märtyrer, die er auffinden konnte, in seinem 1994 erschienenen Buch "Same-Sex Unions in Pre-Modern Europe" dokumentiert.


Seine Bücher gelten als Grundlagenwerke der Gay and Lesbian Studies: John Boswell (1947-1994)

Boswell vertritt die These, dass es im frühen Mittelalter häufig Segnungen von schwulen Männerpaaren gab. Sergius und Bacchus seien lediglich das prominenteste, keineswegs jedoch das einzige Paar. Der dafür vorgesehene kirchliche Ritus war nach Ansicht des Historikers die Verbrüderungsliturgie (auch Adelphopoiesis genannt), die in der Religionsgeschichte bis heute unterschätzt, ja, mitunter sogar bewusst unterschlagen werde. Deren wesentlichen Elemente – Lesungen aus dem Hohenlied, symbolisches Aneinanderbinden mit einem Gürtel, Händchen halten und Austauschen von Wangenküsschen – entspreche teilweise jenen von orthodoxen Eheschließungen. Freilich wollte bei weitem nicht jedes Männerpaar auf sexueller Ebene verbunden sein. Laut Boswell diente der Ritus dennoch in vielen Fällen dazu, schwulen Männerpaaren ganz bewusst eine offizielle Segnung zukommen zu lassen, um sie gesellschaftlich zu integrieren.

Das frühere Christentum war toleranter

Kritiker*innen warfen Boswell daraufhin Unkenntnis orthodoxer Praxis sowie kulturelle Aneignung vor – bei der Verbrüderungsliturgie handele es sich um eine rein keusche Praxis. Schließlich hätten auch Männer daran teilnehmen können, die bereits mit einer Frau verheiratet waren. Außerdem ignoriere Boswell die missbilligenden Bibelstellen zu gleichgeschlechtlichen Handlungen in den Paulusbriefen und dem Dritten Buch Mose.

Letzteres wurde ihm auch von jenen Seiten der Community zur Last gelegt, die dem Christentum grundsätzlich kritisch gegenüberstehen. Doch der Historiker hatte bereits in seinem 1980 erschienenen Buch "Christianity, Social Tolerance and Homosexuality" zahlreiche Quellen untersucht. So konnte er belegen, dass die Rolle der Heiligen Schrift bis zum letzten Abschnitt des Mittelalters aus heutiger Sicht zumeist überschätzt wird. Im frühen Christentum sei die Auslegung von Bibelstellen viel toleranter gewesen als gegen Ende des Mittelalters, so Boswell. Erst ab der Mitte des 13. Jahrhunderts habe allein politisches Machtstreben zu Ausgrenzung, Verfolgung und Vertreibung von Minderheiten geführt. Das betraf neben den sogenannten Sodomiten (wie schwule Männer damals genannt wurden) auch Angehörige der jüdischen Gemeinde, sogenannte Ketzer und alle anderen, die sich nicht anpassen wollten oder konnten.

Sergius und Bacchus beim CSD


Robert Lentz entworfene diese Sergius-und-Bacchus-Ikone 1994 für den Chicago Pride March

Im angloamerikanischen Sprachraum zählen die Bücher von John Boswell längst zu den Grundlagen queerer Forschung – und über deren Grenzen hinaus. "Christianity, Social Tolerance and Homosexuality" von 1980 gilt als Klassiker. In den USA gewann das Buch ein Jahr nach Veröffentlichung sowohl den National Book Award als auch den Stonewall Book Award. Bis zum 35-jährigen Jubiläum im Jahr 2015 wurden etliche Neuauflagen gedruckt.

Boswell starb 1994 an den Folgen von Aids. Dank seiner Thesen gewann die Geschichte von Sergius und Bacchus in Teilen der queeren US-Community ungeahnte Popularität. Der amerikanische Franziskanermönch und Künstler Robert Lentz, der sich vor allem mit zeitgenössischen sozialen Themen auseinandersetzt, fertigte im selben Jahr eine Ikone an, auf der die Märtyrer als offen schwules Paar dargestellt sind. Aufsehen erregte Lentz erstmals damit auf dem Chicago Pride March.

Seither schießen Spekulationen um den Umgang der katholischen Kirche mit den beiden Heiligen ins Kraut. Manches ist nicht mehr als Verschwörungstheorie. So argwöhnt etwa der Chicagoer Anwalt Dennis O'Neill in seinem selbstverlegten Buch "Passionate Holiness", der Zeitpunkt der Streichung des Gedenktages von Sergius und Bacchus (es ist der 7. Oktober) aus dem offiziellen katholischen Liturgiekalender sei nicht zufällig erfolgt, sondern hänge damit zusammen, dass in jenem Jahr – 1969 – in New York City der Stonewall-Aufstand stattgefunden habe. Belegt werden konnte die These bislang freilich nicht.

Sogar katholisch.de beruft sich auf Boswell

Es ist bemerkenswert, dass bislang kein einziges Werk von John Boswell ins Deutsche übersetzt wurde, er somit hierzulande weitgehend ein Unbekannter ist. Umso erstaunlicher, dass sich nun ausgerechnet das Sprachrohr der katholischen Kirche in Deutschland, das Onlinemagazin katholisch.de, als eine der ersten auf Boswells Forschung beruft. In einem differenzierten Artikel von Ende Dezember letzten Jahres bringt es die Verbrüderungsliturgie als Beitrag zur erstarrten innerkatholischen Debatte um die Segnung homosexueller Paare ins Spiel.

Überraschend an dem Text ist die Schlussfolgerung, dass Boswells Arbeit bei allem Zwist um historische Wahrhaftigkeit zumindest als Narrativ dienen könnte. Eingehegt in christliche Tradition, wäre die Verbrüderungsliturgie eine Möglichkeit, gleichgeschlechtliche Paare in das Gemeindeleben zu integrieren und damit eine sinnstiftende Erzählung herzustellen.

Illustriert wurde der Artikel unter anderem mit einem Abbild der Ikone aus dem Kiewer Khanenko-Museum, ohne im Detail auf sie einzugehen. Dabei könnte dieses Heiligtum eine entscheidende Rolle spielen, denn es ist die einzige frühchristliche Darstellung eines gesegneten Männerpaares, das dem eines Ehepaares gleicht. Es scheint, dass die Bedeutung der Ikone aller Bekanntheit zum Trotz bislang eher unterschätzt wird. Zudem sind Fragen zu ihrer Provenienz und ihrer Geschichte offenbar immer noch nicht eindeutig geklärt. Woher stammt sie denn eigentlich? Die Angaben dazu sind widersprüchlich.

Der Herkunftsort der Ikone ist unbekannt

Das Khanenko-Museum nennt auf seiner Homepage lediglich Byzanz als Herkunftsort des Tafelbildes, ohne detaillierte Quellen zu nennen. Tatsächlich war das spätere Konstantinopel und heutige Istanbul einer der Orte, an dem den beiden Märtyrern der Überlieferung nach besonders gehuldigt wurde. Im sechsten Jahrhundert widmete man ihnen die Kirche der Heiligen Sergius und Bacchus. Diese war in jener Epoche eines der wichtigsten religiösen Gebäude. Es diente als architektonisches Vorbild der Hagia Sophia. Im Jahr 1504 wurde es in eine Moschee umgewandelt, die heute "Kleine Hagia Sophia" genannt wird.

Die Kunsthistorikerin Alice Sullivan wiederum ist davon überzeugt, dass die Sergius-und-Bacchus-Ikone von der Sinai-Halbinsel in Ägypten stammt und erst im 19. Jahrhundert zusammen mit drei anderen Ikonen ihren Weg nach Kiew fand – notiert in einem Blogbeitrag des New Yorker Fordham Institus im März diesen Jahres. Demnach gehörte es ursprünglich zu dem am Mosesberg gelegenen Katharinenkloster aus dem sechsten Jahrhundert, einem der ältesten immer noch bewohnten Klöster des Christentums (und seit 2002 Weltkulturerbe).


Katharinenkloster im Sinai (Bild: Berthold Werner / wikipedia)

Über vierzehn Jahrhunderte sicher bewahrt

Das Katharinenkloster ist gleichwohl ein Ort, an dem sich christliche, jüdische und muslimische Geschichte berühren. Es wird erzählt, dass es an genau jener Stelle erbaut wurde, an dem Moses in einem brennenden Dornbusch seine erste Gotteserscheinung erlebte.

Mohammed wiederum soll, noch bevor er als Prophet auftrat, mehrmals Gast im Kloster gewesen sein. Angeblich verfasste er später einen – heute in einem Istanbuler Museum ausgestellten – Brief, der den Klosterbestand in einer fortan muslimischen Region sichern sollte.

Doch allein schon wegen seiner isolierten Lage gehört das Katharinenkloster zu den wenigen christlichen Stätten aus jener Zeit, die nie verwüstet wurden. Das könnte auch erklären, warum die frühchristliche Sergius-und-Bacchus-Ikone so einzigartig ist: Dort fand sie Schutz vor mutwilliger Zerstörung, vor allem in den Phasen der Bilderstürme im achten und neunten Jahrhundert, als in Byzanz eine unschätzbare Anzahl von Heiligenbildern verloren gingen.

Über vierzehn Jahrhunderte konnte der Schatz von Kiew sicher bewahrt werden. Man kann nur hoffen, dass er auch die Bedrohung durch den russischen Angriffskrieg überstehen wird, ohne Schaden zu nehmen.

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#1 AtreusProfil
  • 22.05.2022, 13:39hSÜW
  • Ich finde wichtig und gut, wenn durch wissenschaftliche Belege und belastbares Quellenmaterial Menschen, und seien sie schon drei tausend Jahre tot, nachträglich Gerechtigkeit widerfährt und ihre wahre Geschichte ans Licht der Öffentlichkeit gebracht wird. Was ich hingegen nicht glaube, ist, dass ein Kiever Kunstschatz die Macht besitzt, ein Umdenken in den christlichen Kirchen zu bewirken, geschweigedenn den Fortschritt zu beschleunigen. Vor allem nicht in der Orthodoxie und Rom.

    Bei letzterer rufe ich mir, wenn es um Zeiten und Fortschritt geht, dann gerne in Erinnerung, dass es nach der Sklavenbulle von 1452 bis 1992 gedauert hat, bis mit Johannes Paul II. erstmals das Kirchenoberhaupt während einer Reise nach Afrika Abbitte gegenüber der schwarzen Erdbevölkerung geleistet hat oder sagen wir, das was man in der RKK eben unter Entschuldigung versteht. Die war übrigens in allen Jahrhunderten und vielen Themen mit den damaligen Intellektuellen überein. Zum größten menschenfeindlichen Rassistengesocks, das auch heute noch gerne zitiert, verklärt und gefeiert wird, gehörte u.a. Hegel, der schwarzen Menschen eine innewohnende Seele absprach. Ein Schicksal, das sie sich auch sehr lange mit der weiblichen Bevölkerung teilten.

    Nun könnte man ja annehmen, dass die älteste, brutalste und blutrünstigste Terrororganisation der Erde, die die Sklaverei, den Kolonialismus, Frauen- und Homosexuellenmassenmord via mehrerer Bullen angeordnet hat, geächtet ist oder gelernt und verstanden hat, stattdessen führt man durch die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Homosexuellen in afrikansichen Ländern eben jenen Terror fort, lässt todeswürdige Menschen von indoktrinierten Staaten verfolgen und ermorden.
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#2 LothiAnonym
  • 22.05.2022, 13:46h
  • Sehr schöner Artikel. Ach wie gerne würde ich mir wünschen all diese Religionen vereint wie damals, als Jerusalem noch eine Stadt war wo Christen, Muslime und Juden friedlich miteinander umgingen. Und es hat doch gezeigt das es durchaus machbar ist. Ebenso mit der gleichgeschlechtlichen Liebe. Aber nein, stattdessen ist unsere heutige Welt von fanatischen Religioten unterwandert, die mit Scheuklappen durch die Gegend rennen. Hass und Hetze verbreiten und das alles im Namen eines Gottes der wie ich meine nicht einmal existiert. Jesus gab es mit Sicherheit und seine christl. Lehren wurden überliefert.
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#3 LothiAnonym
  • 22.05.2022, 14:00h
  • Antwort auf #1 von Atreus
  • Auch der Islam hat früher den Sklavenhandel gefördert und daran sehr fleißig mitverdient. Man denke an die Sklavenmärkte und wer diese geführt hatte. Und noch heute betreibt der Islam Sklavenhandel. Siehe Katar und die arabischen Emirate. Haushaltskräfte, Kinderarbeit u.a.
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#4 PeerAnonym
  • 22.05.2022, 15:54h
  • Manche behaupten, das war eine Homohochzeit, andere sagen, das hätte damit nichts zu tun gehabt. Wieder andere sagen, das hätte gar nicht stattgefunden.

    Was es jetzt aber wirklich war und ob das überhaupt stattgefunden hat oder nicht, ist mir herzlich egal. Für mich zählt nur, wie diese Organisationen heute drauf sind. Und selbst wenn die nicht so homophob wären, bräuchte ich keine anderen Leute, die mir sagen, wie ich zu leben habe, was ich zu denken und zu fühlen habe.
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#5 MomosAnonym
  • 22.05.2022, 15:58h
  • Die schwule Legende von S&B ist leider reine Spekualtion und vielleicht auch ein wenig Wunschdenken des Autors.

    Andere Historiker zweifeln bereits daran, ob die realen Vorbilder überhaupt existiert haben.

    Man hüte sich als vernünftiger Mensch auch vor der Überinterpretation von Details aus Heiligenviten.
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#6 LarsAnonym
  • 22.05.2022, 17:18h
  • Antwort auf #5 von Momos
  • Ich glaube auch, dass es eher ein Wunschdenken ist. Die Existenz der Beiden ist nicht gesichert und die Demütigung in Frauenkleidern vorgeführt zu werden, geht auf christliche Soldaten zurück.

    Andererseits existieren ja die Ikonen, Gedichte usw., die zwar nicht die Existenz belegen, aber wohl den zwanglosen Umgang mit einer Art Homoehe. Ob die beiden nun tatsächlich existiert haben ist demnach irrelevant.
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#7 Möff RöfflplockAnonym
  • 22.05.2022, 17:43h
  • CN: Tod, Suizid.

    So gerne ich queer.de lese, so sehr muss ich jetzt meckern. Dieser Artikel ist an mehreren Stellen hochgradig einseitig oder vorwurfsvoll in einer Art und Weise die ich als Historikerin nicht teilen kann und die ich nicht in Ordnung finde.

    Zunächst einmal ist Boswell, wenngleich er enorme Leistungen für die Wissenschaft der Homosexualitäten (denn, auch das Selbstverständnis mittelaltelricher "LGBTQ+" war nicht das heutige und demnach anders oder zumindest abweichend, hier liegt also schon der erste Fehler: Die beiden waren, wenn überhaupt homoerotisch orientiert nicht schwul. Denn dieses Wort gab es schlicht und ergreifend nicht! Dazu: Bernd Ulrich Hergemöller: Die Sodomiter in: Ders.: Randgruppen der spätmittelalterlichen Gesellschaft; sowie: Einleitung in: Ders. Sodom und Gomorrha. Zur Alltagswirklichkeit und Verfolgung Homosexueller im Mittelalter. (Beide im Übrigen nicht unproblematisch, da er die Ronaldina, bekannteste "Trans*frau" des MA, als versteckten Homosexuellen deutet, aber viel weiter ist die Forschung hierzulande (leider) noch nicht)) erbracht hat, so kann spätestens seit dem ersten formellen Abschluss der Debatte, welche wir Claudia Rapps Monographie: Brother-Making in Late Antiquity and Byzantium. Monks, Laymen, and Christian Ritual, einer enormen 20 jährigen Arbeit verdanken, gesagt werden, das Boswell sicherlich nicht ganz falsch lag, dass er aber, wie es ihm bereits in den 80ern vorgewurfen wurde, zu viel wollte.

    Es mag durchaus nahe liegen, die intime, nah aneinander gelegene Darstellung im Rekurs auf andere Darstellungen mitteleuropäischer Prägung (die allerdings 200 Jahre datieren so weit mir erinnerlich) als Ehedarstellung zu sehen, doch das ist aus mehreren Gründen problematisch. Ich beschränke mich hierbei auch aus Zeitgründen auf die meines Erachtens nach allerwichtigsten:

    1. Es gibt einen zeitlichen und kulturräumlichen Unterschied. In der späten Antike konnte diese Darstellung genauso gut für innige Männerfreundschaften verwendet werden. Dies rührt daher, dass der männliche Geist als dem männlichen Geist zugewandt begriffen wurde, die Frau hingegen aber als Bettgenossin auf physiologischer und Bevölkerungstheoretischer Ebene. Kurzum: Der Mann konnte geistliche Freiheit und Ebenbürtigkeit nur beim Mann finden. Dies konnte durchaus Züge einer vergeistlichen Liebe zueinander annehmen, die nicht selten auch so in der Hagiographie und der Klosterchronistik greifbar wird und die, das ist nicht abzuleugnen den Gaydar zum Schwingen bringt, aber deswegen noch lange nicht so intendiert gewesen sein muss. In den meisten Fällen scheint letzteres vorgelegen zu haben: Eine innige, wenngleich nicht körperliche Beziehung zwischen zwei geistig Ebenbürtigen.
    Ebenso kann dieses Bild interpretiert werden, da diese Ehedarstellung ab dem 8. Jhd. (ca. wie so vieles in der Geschichtswissenschaft) sich verselbstständigt und auf heterosexuelle Verbindungen umgelegt wird, wenngleich sie nicht ursprünglich so intendiert war. Boswell konnte das nicht wissen, er schrieb noch in einem Umfeld, dass eine historische Kontinuität im Mittelalter annahm, bedenkenswert ist es dennoch. Es ist möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlicher, dass eine geistige Verbindung vorliegt, keine homosexuelle Verbindung nach der christliche LGBTQ+ heute streben.

    2. Der Ehebegriff. Das MA kennt keine öffentliche Ehe in diesem Sinn. Die meisten Ehen wurden aus erbrechtlichen Überlegungen ohne großen Pomp oder Darstellung geschlossen. Sprich: Die meisten Ehen waren so genannte Winkelehen. Erst mit dem Aufkommen der Reformation entwickelte sich die heutige Darstellungskultur der Ehe. Boswell wusste auch das nicht sicher, denn erneut, als er schrieb schien die öffentliche Eheschließung noch die Norm. Sehr detailliert ausgearbeitet haben das etwa: Alfred Niebergall oder Uwe Siebeth für Hessen. Eine Ausnahme davon bilden die Höfe. Hier ist eine Eheverbindung auch zumeist ein Bündnisvertrag oder eine Versöhnungsgeste, zuweilen auch ein Aufstieg in den adeligen Rangordnungen oder die Wiederherstellung der "Ehre" (zum Begriff Honor sei beispielhaft die Studie Knut Görichs: Die Ehre Friedrich Barbarossas. Kommunikation, Konflikt und politisches Handeln im 12. Jahrhundert. empfohlen) verbunden. Sie, im Gegensatz zu den "Winkelehen" der meisten Menschen mussten also öffentlich stattfinden, damit sie bezeugbar waren und politisches Gewicht besaßen (Gerd Althoff, Peter Dinzelbacher und Georg Strack haben die Umstände solcher Eheschließungen umfassend aufgedeckt). Warum aber, so bleibt auf Basis dieses Befundes zu fragen: Sollten zwei Heilige in einer öffentlichen Eheschließung repräsentiert werden? Eigentlich gibt es dafür keinen unmittelbaren Grund, jenseits der tiefen, geistigen, Freundschaft, die eine theologische Parallele zum Mönchstum, das ja eben in Rekurs auf frühe Heilige entstand, gesehen werden. Weiterhin muss miteingerechnet werden, dass viele der "tiefen Liebesgesten" die Boswell ausmacht, wohl eher einem anderen Körperverständnis geschuldet waren (Andreas Niederhäuser: Freundesliebe im höfischen Epos, in Invertitio 3/2001: Homosexualitäten und Cross-Dressing im Mittelalter), was wiederum Boswell auch nicht wissen konnte. Dies aber nur am Rande. Gleichwohl sind auch in ehelicher Gemeinschaft lebende Homosexuelle im Mittelalter überliefert, es liegt jedoch nahe, dass keine öffentliche Dimension im eigentlichen Sinne existierte, sondern, dass sie geduldet wurden.

    3. Homosexuelle sind also im Mittelalter herausragend bezeugt und, so zeigt sich mittlerweile langsam nicht ausschließlich in Gerichtsverhören und ihren Niederschriften, sondern in Tagebüchern, persönlichen Memoralien. Hierin tritt der womöglich größte Widerspruch zu Boswell und der in diesem Artikel aufgeführten Argumentation auf: Die meisten Homosexuellen leben ihre Homosexualität nicht öffentlich und sie werden nicht gesegnet. Gleichwohl sind sie anerkannt. Die meisten Oberen haben wenig Interesse darn sie zu verfolgen, oder wirklich etwas gegen sie zu tun. Nur im Zuge schwerer sozio-kultureller Krisen kommt es zur Homosexuellenverfolgung.

    Es fehlt hier an belastbarem Material. In Einklang mit meinen bereits vorgestellten Argumenten würde ich eher sagen: Homosexuelle waren akzeptiert, gleichwohl waren sie aufgrund einer Unmöglichkeit sich klassischen Erbrechtsregelungen zu unterwerfen, vom Eheinstitut abgeschnitten.

    Zuletzt möchte ich noch ein anderes Quellenbeispiel geben, an welchem ich nochmal genauer auf die ersten beiden Punkte eingehe. Für Punkt 3 empfehle ich vor allem die Lektüre der herausragenden Quellenstudien von Hergemöller, Helmut Puff und (in Teilen) Hubertus Lutterbach.

    Die Klosterchronik: Casus sancti Galli continuatio des Mönches Ekkehard IV. stellt eine der größten literarischen Leistungen des Mittelalters dar. In ihr findet sich eine der, mit Verlaub, schwulsten Erzählungen, die der Autorin geläufig sind: "Wolo cecidit". Wolo fiel, beziehungsweise Wolo stürzte und so oder so: Wolo stirbt. Er stirbt, da er sich nicht an die Eingeschlossenheit des Klosters zu gewöhnen vermag. Er möchte frei sein, da er die Freiheit der Welt kennt. Und doch darf er nicht frei sein. Er ist geweiht. Notker Balbulus (Der Stammler, einer der gebildesten, wichtigsten Gelehrten des MA) muss ihn dazu zwingen in die Klausur zu kommen. Wolo aber rennt auf Mauer, stürzt. Es wird indeß angedeutet, dass es ein Selbstmord ist. Notker ist tottraurig. Er wäscht den toten Bruder, wacht sieben Tage in der Kappelle und betet um Vergebung für ihn, da ihm Ratpertus, gleichsam ein Gelehrter, erscheint und ihm sagt: Wolo ist vergeben, denn er hat viel geliebt. Womit es Notker erst wieder möglich wird in Ruhe zu schlafen. Es gibt in dieser Geschichte wiederum keine explizite Nennung der homosexuellen Attraktion. Gemessen an der Verklemmtheit der mittelalterlichen Klosterliteratur ist sie indeß nahezu eindeutig. Es kann nicht sicher gesagt werden, was zwischen den beiden war! Und dies muss für alles in diese Richtung gelten.

    Dennoch sollte die Kirche LGBTQ+ die es wünschen segnen. Sie sollte sie annehmen. Bedingungslos, denn es ist gerade in jener Annahme Wolos durch Notker, da sich die Liebe Gottes offenbart, der auch dem Todsünder Wolo vergibt. Weil er auch ihn liebt. Und die Kirche sich an den Gläubigen versündigt hat, die sie nicht geliebt hat.

    Indes möchte ich nun noch einen letzten Punkt machen, der mich schwer geärgert hat. Ich bin, aus bestem Gewissen, Apostatin und zwar die zweimal verlorene. Würde Gott sich mir offenbaren würde ich ihm ins Gesicht spucken.
    Ich habe wie so viele andere Menschen unfassbares Leid durch diese Institution erlebt und ich sehe es nicht ein, mir das Vorwerfen zu lassen. Es ist leider so, dass viele Opfer der christlichen Kirche von zwei Seiten angegangen werden: Von den Kirchen, die sich mit irgendwelchen Entschuldigungen aus der Affäre winden wollen und gläubigen LGBTQ+, die einem verzapfen wollen, dass wenn die Kirche sich ändere, alles gut wäre. Beides stimmt nicht. Die Narben meiner Seele haben mir ein unfassbar schweres Leben beschwert. Dies bitte ich anzuerkennen ohne Abwertung. Ich weiß, dass die meisten LGBTQ+ mit solchen Erfahrungen schwierig sein können und bei dem was ich hier zum Teil im Forum lese wird mir übel. Beide Seiten haben keinen Grund sich so abzuwerten. Aber was klar sein sollte, egal auf welcher Seite man da steht ist, dass die Kirchen juristisch in die Pflicht genommen werden müssen, ihre Schuld ganz weltlich mit Geld zu begleichen, da schwere psychische Probleme jemandem das ganze Leben verhunzen.
    Gleichzeitig würde ich mir wünschen, dass auch Apostat*innen wie ich aufhören ihre Wut an Gläubigen LGBTQ+ auszulassen, sondern dass wir, preferably gemeinsam, beginnen uns Gerechtigkeit zu verschaffen.

    Danke, dass ihr euch meinen Ted-Talk angetan habt.
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#8 AlexTAnonym
  • 22.05.2022, 20:09h
  • Antwort auf #7 von Möff Röfflplock
  • Ganz interessanter Kommentar, danke. Nur eine Anmerkung:

    "keine homosexuelle Verbindung nach der christliche LGBTQ+ heute streben."

    In dem Akronym sind ja nun einige Buchstaben dabei, denen wir bitte nicht pauschal unterstellen wollen, dass sie alle eine homosexuelle "Verbindung" anstreben. Diese Tendenz, LGBTIQ (ggf. sogar mit Sternchen oder Pluszeichen) zu schreiben und trotzdem nur an "homosexuell" zu denken, ist wirklich sehr unschön. Dazu wurde das Akronym gerade NICHT erfunden.
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#9 fredinbkkkAnonym
  • 23.05.2022, 02:28h
  • waren die schwul...waren sie es nicht..

    vielmehr frag ich mich wo die beiden die geilen Kopfhoerer her hatten .Amazzon und Media Markt gabs ja wohl noch nicht ?????
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#10 SakanaAnonym
  • 23.05.2022, 12:04h
  • Antwort auf #7 von Möff Röfflplock
  • Wow, bin immer noch hin und weg und regelrecht geplättet von deinem exzellenten Kommentar und deinem reichhaltigen Quellenapparat, mit dem du deine Argumentation sehr stichhaltig begründest. Du machst deiner Zunft alle Ehre :) *thumbs up*

    "3. Homosexuelle sind also im Mittelalter herausragend bezeugt und, so zeigt sich mittlerweile langsam nicht ausschließlich in Gerichtsverhören und ihren Niederschriften, sondern in Tagebüchern, persönlichen Memoralien. Hierin tritt der womöglich größte Widerspruch zu Boswell und der in diesem Artikel aufgeführten Argumentation auf: Die meisten Homosexuellen leben ihre Homosexualität nicht öffentlich und sie werden nicht gesegnet. Gleichwohl sind sie anerkannt. Die meisten Oberen haben wenig Interesse darn sie zu verfolgen, oder wirklich etwas gegen sie zu tun. Nur im Zuge schwerer sozio-kultureller Krisen kommt es zur Homosexuellenverfolgung.

    Es fehlt hier an belastbarem Material. In Einklang mit meinen bereits vorgestellten Argumenten würde ich eher sagen: Homosexuelle waren akzeptiert, gleichwohl waren sie aufgrund einer Unmöglichkeit sich klassischen Erbrechtsregelungen zu unterwerfen, vom Eheinstitut abgeschnitten."

    Darüber habe ich mir in der Tat schon häufiger Gedanken gemacht, wenn es um die Existenz nicht-heteronormativ lebender Menschen in der Vergangenheit ging und offensichtlich wurde, dass an vielen Stellen einfach das ausreichende Quellenmaterial fehlte. Ich sah gestern bei ARTE eine Dokumentation über die Entwicklung der Schrift, die auch in Korrelation zu ihrem Schreibmedium steht, und da wurde deutlich, dass im alten Rom Papyrus im Überschuss produziert wurde und die Menschen mit Rohrfedern schrieben. Papier war ein Massenprodukt. Im Mittelalter hingegen war das Pergament in Mode und die Schriftproduktion nahe Null im Vergleich zur Antike. Der Punkt, der sich daraus ableitet ist, dass die schriftlichen Zeugnisse römischer LSBTTIQ*-Menschen dem Zerfall des Papyrus anheim fielen, während die LSBTTIQ*-Menschen wahrscheinlich einfach nicht über die notwendigen finanziellen Ressourcen verfügten, um ihre Zeugnisse auf teurem Pergament zu hinterlassen. Wir haben an vielen Stellen heftige Überlieferungslücken, die wir nicht füllen können. Vielleicht allenfalls noch im asiatischen Raum, wo das Papier auch schon während der TANG-Dynastie (ugf. 630-920 u.Z.) zum Wegwerfprodukt wurde.

    Diese Überlieferungslücke ließe sich sogar bis ins 20. Jahrhundert und dem §175 durchziehen, weil wir die Nazi-Zeit 33-45 und die darauffolgende Adenauer-Ära immer nach den Statistiken der Verfolger beurteilen und uns nur auf die offiziellen Aktenlagen verlassen zur Argumentation, uns aber trotz allem viele Tagebücher und Biographien verschlossen haben, weil sich selbst in unserer Zeit Überlieferungslücken auftun. Wenn konservativ gerechnet schon immer 5 % der Gesamtbevölkerung der LSBTTIQ*-Gemeinschaft angehörte, dann haben wir allenfalls Quellenzugang zu Zeugnissen von 0,05 bis 0,5% der Menschen über die Jahrtausende, Jahrhunderte und Jahrzehnte hinweg. Und wieviel von dieser Seite übrig bleiben wird, wissen wir auch noch nicht. PCs und das Internet sind noch ein vergleichsweise junges Medium.
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