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Heimkino

Mein Klassenkamerad, der schwule Flüchtling

Ins Kino hat es die animierte Doku "Flee" von Jonas Poher Rasmussen hierzulande leider nicht geschafft. Doch am Montag um 20.15 Uhr ist der bewegende Film in deutscher TV-Erstausstrahlung auf arte zu sehen – und jetzt schon in der Mediathek.


Amin (r.) und Kasper führen eine glückliche Beziehung. Kasper will den nächsten Schritt gehen: ein eigenes Haus kaufen und sich niederlassen. Er hofft, dass Amin mitkommt. Doch alte Überlebensstrategien machen es Amin schwer, sich darauf einzulassen (Bild: Final Cut for Real / Sun Creature / Vivement Lundi! 2020)

Animationsfilme für ein dezidiert erwachsenes Publikum sind selten genug, aber solche, die dann auch noch dokumentarisch erzählen, fallen einem außer "Waltz With Bashir" höchstens nach längerem Nachdenken ein. Für den dänischen Regisseur Jonas Poher Rasmussen, der vom Radio kommt, aber auch schon Dokumentarfilme inszeniert hat, kam bei "Flee" allerdings nur diese ungewöhnliche Kombination in Frage. Denn ihm ging es darum, eine wahre Geschichte zu erzählen, deren Protagonist unbedingt unerkannt werden wollte.

Poher Rasmussen nämlich nimmt sich der Biografie seines früheren Klassenkameraden Amin Nawabi (der Name ist ein Pseudonym) an, der als Jugendlicher in den 1990er Jahren aus Afghanistan nach Dänemark kam und in Wirklichkeit anders heißt. Für "Flee" erzählt der seinem alten Freund in langen Gesprächen, die der Regisseur gefilmt und später in Animationen übersetzt hat, erstmals die ganze Wahrheit über seine Flucht aus der alten Heimat und sein langwieriges Ankommen in der neuen. Eine erschütternde Geschichte, von der nicht nur Poher Rasmussen das meiste bislang nicht wusste, sondern die nicht einmal Nawabis Lebensgefährte Kaspar kannte.

Das Asyl in Dänemark hängt von einer Lüge ab

Kurz vor der Machtergreifung der Mudschahidin, als der Vater längst abgeholt wurde und spurlos verschwand, verlassen Nawabi, seine Mutter und drei ältere Geschwister Teheran Richtung Moskau. Die beiden Schwestern holt der älteste, schon länger dort lebende Bruder mit Hilfe von skrupellosen Schleusern nach Schweden, doch die Mutter und die beiden Söhne erreichen beim ersten Versuch – für viel Geld und unter großer Gefahr – bloß Estland, von wo es nach sechs Monaten wieder zurück nach Russland geht. Dortbleiben ist keine Option, und irgendwann landet Nawabi schließlich in Dänemark. Mutter und Bruder schaffen es später an andere Orte; dass sie überhaupt leben, verrät der junge Mann kaum jemandem. Das Asyl in Dänemark hängt ab von der Lüge, dass er eine Waise ohne Familie ist.


Um sich eine glückliche Zukunft aufzubauen, sieht sich der inzwischen erwachsene Amin gezwungen, seine Vergangenheit offenzulegen (Bild: Final Cut for Real / Sun Creature / Vivement Lundi! 2020)

Allein mit dieser Fluchtgeschichte könnte man ganze Serien füllen, doch in "Flee" geht es noch um viel mehr. Etwas darum, wie Nawabi, der schon als kleiner Junge realisierte, dass er die Filme von Jean-Claude van Damme weniger der Action wegen guckte, eine Weile braucht, bis er in Europa zu einem entspannten Umgang mit seiner Homosexualität findet. Oder darum, wie er sich – geprägt vom jahrelangen Trauma der Heimatlosigkeit und Entwurzelung – als Erwachsener in die berufliche Rastlosigkeit stürzt und Angst davor hat, sich mit Kaspar tatsächlich niederzulassen.

Intimität und respektvolle Annäherung, die enorm berühren

Die schlichte, aber effektive und an handgemachte Zeichnungen erinnernde Animation, die Poher Rasmussen vor allem für die Kindheits- und Jugenderinnerungen auch mit Real-Archivaufnahmen kombiniert, funktioniert ganz großartig in zweierlei Richtung. Denn sie hält einerseits den Horror, der Nawabis Erfahrungen innewohnt, auf eine erträgliche Distanz, gleichzeitig aber eben auch der Kitsch, mit dem Migrationsgeschichten im Film gerne mal erzählt werden.

Davon, dass "Flee", dem bei den Oscars im vergangenen Jahr das Kunststück gelang, als Animations-, Dokumentar- und Internationaler Film nominiert zu sein (wenn auch letztlich leider erfolglos), nicht emotional packend sei, kann dennoch keine Rede sein. Im Gegenteil: Gerade dass zwischen dem Regisseur und seinem Protagonisten durch ihre langjährige Freundschaft eine spürbare Nähe besteht, sorgt für eine Intimität und respektvolle Annäherung, die enorm berühren. Und der Kniff, dass sich Nawabi dank der Verfremdung wohl und sicher genug fühlt, seine eigene Geschichte zu erzählen (in der dänischen Originalversion ist er auch der Sprecher), ermöglicht einen Zugang zu dieser Biografie, der so persönlich, menschlich und authentisch anders nicht möglich gewesen wäre.

Geradezu unmittelbar dabei sein zu dürfen, wie er sich nach Jahren der Verkapselung öffnet und den eigenen, mitunter kaum vorstellbaren Erinnerungen zu stellen beginnt, ist ein bemerkenswertes, außergewöhnliches Filmerlebnis, das auch bei uns unbedingt einen Kinostart verdient gehabt hätte. Am Montag, den 30. Mai 2022 um 20.15 Uhr wird der Film in deutscher TV-Erstausstrahlung auf arte gezeigt. Bereits jetzt ist er in der arte-Mediathek verfügbar.

Direktlink | Originaltrailer mit deutschen Untertiteln. Auf arte wird der Film in einer deutschen Fassung gezeigt
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Infos zum Film

Flee. Animierter Dokumentarfilm. Dänemark, Frankreich 2020. Regie: Jonas Poher Rasmussen. Laufzeit: 85 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. Deutsche TV-Erstausstrahlung am Montag, den 30. Mai 2022 um 20.15 Uhr auf arte. Bereits jetzt in der arte-Mediathek verfügbar.