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Antikes Griechenland

Die Armee der 150 schwulen Liebespaare

Eine 300 Mann starke Elitetruppe aus ausschließlich homosexuellen Soldaten, genannt die "Heilige Schar", begründete im vierten Jahrhundert vor Christus die Vorherrschaft der Stadt Theben über ihre Region.


Anführer Pelopidas (unten) und sein Freund Epaminondas im Gefecht (Bild: PD-Art photographs / wikipedia)

"Eine Armee, die nur aus Liebenden bestehen würde, könnte die gesamte Menschheit erobern", sagte einst Platon in seinem "Symposion". Diese Idee entstammt nicht nur den Überlegungen des griechischen Philosophen. Solch eine Armee hat es tatsächlich gegeben: Die "Heilige Schar" von Theben im vierten Jahrhundert vor Christus. Diese 300 Mann starke Einheit begründete die Vorherrschaft der Stadt Theben über ihre Region und ging am Ende in einer dramatischen Schlacht unter.

Alles begann im Jahr 379 v. Chr. Schon lange waren die Spartaner die stärkste Macht auf der Peleponnes und hielten auch die Stadt Theben besetzt. Die thebanischen Soldaten, allesamt keine Berufssoldaten, sondern eher Feierabendkämpfer, schafften es in einem Aufstand mit viel Mühe, die Spartaner zu verjagen. Doch schon bald, so befürchteten es die Thebaner, würden jene zurückkehren und versuchen, Theben erneut einzunehmen.


Antikes Griechenland vor der Gründung der "Heiligen Schar", als Sparta die Stadt Theben noch besetzt hielt(Bild: Aeonx / wikipedia)

Die militärischen Anführer der Stadt brauchten dringend eine Idee, um das abzuwenden. General Gorgidas hatte eine Idee: Er wählte ganz bewusst männliche Liebespaare als Kämpfer aus. Gorgidas nahm an, dass diese Soldaten dann umso verbissener kämpfen würden, denn sie würden nicht nur ihr eigenes Leben, sondern ebenso das ihres Lovers verteidigen.

Kämpfer im Alter zwischen 21 und 30 Jahren

Die Kämpfer der thebanischen "Heiligen Schar" waren im Alter zwischen 21 und 30 Jahren. Die Aufnahme erfolgte aus allen sozialen Schichten nach Fähigkeiten und bisherigen Verdiensten. Sie bekamen nicht nur eine Ausbildung in Angriff und Verteidigung, sondern wurden auch geschult in Philosophie, Poesie und im Tanz. Sie sollten Gegenpole zu den Qualitäten ihrer Hauptfeinde darstellen: den Intellekt der Athener und die Brutalität der Spartaner. Sie legten ihren Eid ab auf Iolaos, einen Geliebten von Herakles, dem Sohn des Göttervaters Zeus. Dass sie sich vor jeder Schlacht im Heiligtum des Iolaos gegenseitig als Liebhaber "heilig" die Treue schworen, begründete den Namen der "Heiligen Schar".

375 v. Chr. erfolgte die erste große Schlacht. Ihr Anführer Pelopidas traf auf die Spartaner, in welcher die 300 Thebaner ihre 600 Gegner schlagen konnten. Politisch hatte dieser Sieg keine großen Folgen, legte aber die Grundlage für den späteren Nimbus der Elitekampftruppe.

Vier Jahre später, im Jahr 371, kam es dann bei dem kleinen Ort Leuktra, südlich von Theben, zur entscheidenden Schlacht gegen die Kämpfer Spartas. Dabei nutzte der Anführer aus Theben, Epaminondas, die Strategie der "schiefen Schlachtordnung". Er positionierte die "Heilige Schar" auf dem linken Flügel der thebanischen Armee. Damit stand sie dem rechten Flügel der Spartaner gegenüber, der als besonders schlagkräftig galt. Infolge dieses Sieges, bei dem selbst der König von Sparta fiel, herrschte Theben mehr als 30 Jahre über die Region. Die "Heilige Schar" war Ausgangspunkt und Garant dieser Machtstellung.

"Soll sterben, wer sie unrechten Verhaltens bezichtigt!"


Der Löwe von Chaironeia erinnert an die letzte Schlacht der "Heiligen Schar" (Bild: Philipp Pilhofer / wikipedia)

Doch das Kampfesglück währte auch für die Armee der 150 Paare nicht ewig. König Philipp von Makedonien, Vater Alexanders des Großen, traf 338 v. Chr. auf die Thebaner. Trotz allem Kampfeswillen, einem Bündnis mit den Athenern und aller Liebesverzweiflung konnten die 300 Kämpfer der makedonischen Armee nichts entgegensetzen. Jene war technisch beweglicher und führte neuartigere Waffen mit sich.

Die Schlacht bei Chaironeia war das Ende der thebanischen Elitetruppe und bedeutete auch den Untergang der thebanischen politischen Hegemonie. Angeblich überlebten nur 46 Soldaten der "Heiligen Schar" diese Schlacht. König Philipp II. von Makedonien zeigte sich aber dennoch beeindruckt, als er vor den getöteten Kämpfern stand: "Soll sterben, wer sie unrechten Verhaltens bezichtigt!", erklärte der Bezwinger der "Heiligen Schar". Sein Ausspruch wurde in nachfolgenden Zeiten auch so verstanden, als hätte er gegen die Art der Verbindung der Kämpfer zueinander nichts einzuwenden gehabt.

Während der griechische Schriftsteller Plutarch, der selbst in Chaironeia geboren wurde, im ersten Jahrhundert nach Christus von der "Heiligen Schar" berichtete und somit deren Existenz für die Nachwelt sicherte, stieß der Brite George Leadwell Taylor im 19. Jahrhundert am Ort der letzten Schlacht bei Ausgrabungen auf eine Löwenstatue. Er fand den "Chaironeiaischen Löwen", der ursprünglich über dem Grab der Kämpfer thronte. Er steht noch heute als eines der wenigen erhaltenen Monumente aus dieser Zeit an diesem Ort. Spätere Grabungen förderten an dieser Stelle 154 Skelette zutage. Manche der Kämpfer fand man dort in sich umarmender Position.

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#1 ElfolfProfil
  • 28.05.2022, 08:34hHamburg
  • Dieser Text ist es allemal Wert, auch in den Hochschulen der Bundeswehr behandelt zu werden. Zeigt er doch eindeutig, das Homosexuelle ebenso stark sind, wie Heten. Erster die bessere Bewaffnung der Gegner brachte das Ende, nicht die vermeintliche Weichheit.
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#2 JohannbAnonym
  • 28.05.2022, 08:43h
  • Traurige Geschichte.....
    Trotzdem wertvoll für die Gegenwart:
    Krieg ist keine Lösung.
    Krieg bringt nut Tod.
    Interressant wäre noch, ob die Verluste der Angreifer auch so hoch waren (was ich mal vermute)
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#3 AtreusProfil
  • 28.05.2022, 10:09hSÜW
  • Bekannt, aber dennoch schön, dass diese Geschichte Einzug in queer.de hält und möglichst viele Leser*innen erreicht. Die WELT hatte über die Heilige Schar eine Dokumentation gedreht, die (ich glaube) in den 2010er Jahren lief und vll. noch im Interwebs gefunden werden kann. So stieß ich jedenfalls auf das Thema.

    Wer vll. noch etwas einsinken möchte, in das antike Griechenland, mit schwulem Kontext, dem seien zwei Bücher empfohlen:

    > Madeline Miller - Das Lied des Achill (DER Roman über Achilleus und Patroklos)
    > Phil Adamson - Geliebter Söldner (Der einzige mir bekannte Roman über die Heilige Schar, leider mit erheblichen, literarischen Abstrichen, da selbstveröffentlichte sog. Gay-Romance.)
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#4 StaffelbergblickAnonym
  • 28.05.2022, 12:07h
  • Ich habe bei all den Berichten, Aufzeichnungen und Dokumentationen gewisse "Bauchschmerzen". Es werden Aufzeichnungen herangezogen, die nicht "just in time" geschaffen wurden, sondern lange Zeit später ... hier scheinbar ca 400 Jahre später. Auf welche Grundlagen verlassen wir uns heute, uralte Papyri als die Grundlage dessen zu sehen, was uns aus lange davorliegenden Zeiten berichtet wird.
    Durch den Beitrag "DNA-Spuren der Geschichte" wurde ich wieder einmal hellhörig, dass diese Geschichtsschreibungen auch in Verbindung zu bringen sind mit Herrschaftsstrukturen ... der "niedere Mensch" konnte nicht lesen und schreiben und damit auch nichts aus seiner eigenen Sichtweise "hinterlassen".
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#5 QwettzuiopüAnonym
  • 29.05.2022, 12:24h
  • Antwort auf #4 von Staffelbergblick
  • Exakt. Antike Geschichtsschreibung war eher das, was wir uns heute unter historischen Romanen vorstellen, es ging in erster Linie um Unterhaltung der Leserschaft und oft um die Zufriedenheit des Gönners.

    Was ich mir ansonsten denke: so eine Armee kann nicht besonders nachhaltig sein, für jeden Gefallenen gibt es einen Trauernden, der ab jetzt alleine ist. Ob die weiterkämpften oder ausstiegen?
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#6 daVinci6667
  • 29.05.2022, 14:02h
  • Antwort auf #5 von Qwettzuiopü
  • (so eine Armee kann nicht besonders nachhaltig sein, für jeden Gefallenen gibt es einen Trauernden, der ab jetzt alleine ist. Ob die weiterkämpften oder ausstiegen?)

    Ja, das ist die Gefahr. Auf der anderen Seite wird jeder alles dafür tun, dass es keinen und gerade nicht den Geliebten erwischt. Eine Art Motivationsbooster.

    Zugleich agieren alle Soldaten als schwules Team. Da werden sexuelle Aktivitäten zweifellos mit dem ganzen Team geteilt und sind nicht nur aufs jeweilige Paar beschränkt. Das stärkt den Zusammenhalt gleich nochmals.
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#7 DidymosAnonym
  • 29.05.2022, 19:19h
  • Antwort auf #3 von Atreus
  • Romane haben leider oft nichts mit der Realität zu tun. Geschichten werden erfunden, ausgeschmückt und verkitscht. Der Leser hält das dann für Tatsachen. Schön fürs Gemüt, schlecht für die Bildung. Ich schlage dann doch vor, Geschichtsbücher oder geschichtliche Abhandlungen zu lesen.
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#8 PeaceAnonym
  • 29.05.2022, 20:50h
  • Krieg, Gewalt und Patriotismus können auch mit schwulen Soldaten nicht schön geredet werden. Es bleibt einfach rückständig und leidvoll.
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#9 AtreusProfil
  • 29.05.2022, 22:43hSÜW
  • Antwort auf #7 von Didymos
  • Ich glaube, niemand nimmt selbstverlegte Gay-Romance und einen Roman über den Trojanischen Krieg, indem der mythische Odysseus vorkommt, für bare Münze. Vielleicht solltest du der Leserschaft nicht kollektive Dummheit zuschreiben?
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#10 KenshiroProfil
  • 30.05.2022, 20:38hBerlin
  • Die (Militär)Geschichte ist voll von queeren Menschen und sozialen Strukturen dieses Thema ließen. Die Heilige Schar ist eines der berühmtesten Beispiele. Übrigens auch die Spartaner hatten homosexuelle Beziehungen, um den Zusammenhalt in der Truppe zu fördern. Alexander der Große und Hephaestion sind ebenfalls berühmt mehr als nur Freunde gewesen. Selbst Julius Caesar wurde eine Affäre mit König Nicomedes von Bithynien nachgesagt.

    Unter den japanischen Samurai gibt ebenso genügend Beispiel wo die Liebe, körperliche und geistig zu Mitkriegern und oder Vasallen in Gedichten und Malereien Ausdruck verleihen wurde.

    Die mittelalterlichen Königreiche von Korea war das ebenso nicht fremd. Do manche König hielt sich eine Leibgarde von begabten jungen schönen Männer, die stets überall mitkommen und zutritt zum Schlafgemach des Monarchen hatten.

    Christliche Missionare sprachen von den Orgien der Winker, unter den Männern, ebenso der Frauen untereinander.

    Und was Geschlechterrollen angeht, gab es auch schon immer Menschen die nicht in den hetro Rahmen passten. Naotra Ii war eine furchtlos und hoch geachtet weibliche Samurai deren Schönheit männlich beschrieben wurde mit dem Verstand einer klugen und sanften Frau. Als Clanoberhaupt ändert sie ihren Namen und adoptierte ihre Neffen und Nichten und änderte ihren Namen in einen männlichen Vornamen. Sie hat nie geheiratet und komischerweise war das weder für ihre Familie, Vasallen und Feudalherren ein Problem. Warum wohl?^^
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