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Stadtführung

Einmal "kreuz und queer" durch Heidelberg

Queeres Leben sichtbar zu machen und zeigen, dass es dieses schon seit Jahrhunderten gibt, das hat sich der Heidelberger Steffen Schmid zur Aufgabe gemacht und führt mit großem Erfolg durch die Neckarstadt.


Steffen Schmid bei einer QueerTour durch Heidelberg (Bild: Stefan Hölscher)

Mit seiner weltberühmten Schlossruine, der unzerstörten mittelalterlich-barock-gemischten Altstadt, dem beschaulichen Neckar, dem Philosophenweg und seiner lieblichen Hügellandschaft hat Heidelberg nicht nur Dichter und Denker schon früherer Jahrhunderte in Scharen angezogen, sondern bis heute und morgen gewiss auch Tausende von Tourist*innen aus aller Welt. Viele davon sieht man in den warmen Monaten ganz besonders in geführten Touren durch die Stadt schlendern.

Eine Stadtführung da, wo man selbst lebt, mitzumachen, ist demgegenüber sicher weniger gängig. Gleichzeitig kann man wahrscheinlich auch am Ort des eigenen Lebensmittelpunkts noch jede Menge interessanter Neu-Entdeckungen für sich machen. Das jedenfalls durfte der Verfasser dieser Zeilen erfahren, als er eben in Heidelberg, wo er eigentlich schon mehrere Jahrzehnte seinen Lebensmittelpunkt hat, nun zum allerersten Mal eine Stadtführung mitgemacht hat, nämlich die QueerTour Heidelberg, die es eigentlich schon eine Weile gibt. Aber auch dieser Umstand war bislang an mir irgendwie vorbeigegangen.

In mehrjähriger Arbeit entwickelt wurde und durchgeführt wird die Tour von Steffen Schmid, Mitarbeiter im Stadtmarketing von Heidelberg. Unverkennbar und wohl auch wenig erstaunlich hat Steffen Schmid viel Herzblut im Themenfokus der Tour, deren Ticketeinnahmen Schmid einer queer-wohltätigen Organisation zuführt.

Große Geschichte und regionalspezifische Phänomene

Die queere Geschichte Heidelbergs mit all ihren Tiefen (von denen es mehr gab) und Höhen ist natürlich eng mit der großen Geschichte verwoben. So stand Heidelberg natürlich nicht außen vor, als Homosexualität bis ins 13. Jahrhundert weitgehend geduldet und danach mit härtesten Strafen, zu denen auch die Todesstrafe zählte, verfolgt wurde; als homosexuelle Menschen während der Naziherrschaft verhaftet und nicht selten in Konzentrationslagern ermordet wurden, und als diejenigen von ihnen, die aus den Konzentrationslagern schließlich befreit wurden in der frühen Bundesrepublik direkt wieder in Gefängnisse gesperrt und ihrer bürgerlichen Existenz beraubt wurden.

Neben diesen großen Linien gibt es auch viele regionalspezifische Phänomene, die historisch und oft auch psychologisch interessant sind. So war Ludwig XIV. wohl auch deshalb sehr für die Heirat seines Bruders Philipp von Orléans mit der Thronerbin der kurpfälzischen Länder, Liselotte von der Pfalz, weil er wusste, dass es aus dieser Verbindung mit seinem schwulen Bruder keine Thronnachfolger geben würde.

Spannend auch, um gleich mal ein paar Jahrhunderte zu weiterzuspringen, dass es an dem Haus, in dem Magnus von Hirschfeld, der ja nicht nur als Wegbereiter homo- und transsexueller Emanzipation, sondern auch als Sexualwissenschaftler Weltgeltung verdient, ein paar Jahre gelebt hat, bis heute keine Gedenktafel gibt. Und das, obwohl Heidelberg, was nun wiederum zu den Höhen der queeren Stadtgeschichte zählt, seit 2020 zum illustren Kreis der Rainbow Cities gehört, also zum Netzwerk derjenigen Städte, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Rechte und die Sichtbarkeit von queeren Menschen besonders zu stärken.

Queere Studierendenküsse


Das lokale Nougat-Schokoladenkonfekt gibt es auch in queerer Verpackung (Bild: Stefan Hölscher)

Neben solch historischen Phänomenen stößt einen die Tour auch auf viele kleine, hübsche Blüten. Dazu gehört etwa der "Heidelberger Studentenkuss", ein wohlschmeckendes Nougat-Schokoladenkonfekt. Der Kuss hat, wie zuzugeben ist, einen eindeutigen Hetero-Ursprung: In der Zeit, als echte Küsse zwischen männlichen und weiblichen Studierenden in Cafés und anderen öffentlichen Orten absolut nicht angesagt waren, kam man in der ältesten Heidelberger Schokoladenmanufaktur Knösel auf die Idee, einen symbolischen Kuss eben aus Schokolade zu entwickeln, der gefahr-, aber nicht flirtlos überreicht werden konnte. Später haben sich diesem amourösen Produkt dann auch die queeren Studierendenküsse hinzugesellt.

Nur bedingt komisch ist demgegenüber eine Episode aus der Geschichte der "Rosa Kehlchen", dem 1992 in Heidelberg gegründeten Chor schwuler Männer. Als dieser Chor im Jahr 2000 (es war tatsächlich nicht das Jahr 1200) in den Badischen Sängerbund aufgenommen werden wollte, wurde die Aufnahme mit der Begründung, ein solcher Chor sei ein "ethischer Störfaktor", vehement abgelehnt. Erstritten werden musste die Aufnahme schließlich per Gerichtsurteil, in dem der urteilende Richter feststellte, dass der Teilnahme am "bundesdeutschen Choralverkehr" nun nichts mehr im Wege stehe.

Bis heute im Weg steht queerer Entfaltung aber Gewalt gegen queere Menschen, die auch in Heidelberg wie bundesweit überhaupt leider deutlich zugenommen hat, auch wenn – oder vielleicht gerade weil – die Sichtbarkeit queerer Menschen besonders im kulturellen, bildungsbezogenen, politischen, aber auch im ganz normalen Alltags-Leben ziemlich normal geworden ist.

Geschichte ist immer auch queere Geschichte – auch in Heidelberg. Wer Heidelberg besucht, aber auch diejenigen, die dort leben, können sich so manches von dieser Geschichte auf einer QueerTour durch die Stadt leibhaftig vor Augen führen und dabei in jedem Fall interessante Entdeckungen machen.



#1 StephanieAnonym
  • 30.05.2022, 13:39h
  • Sehr spannend zu lesen, wenn man - wie ich - einige Jahre in Heidelberg gelebt hat. Besonders schön finde ich die queren Schokoladentäfelchen
    Vielen Dank Stefan Hölscher für die interessanten Einblicke!
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