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"Wie die glutvolle Leidenschaft eines Liebhabers"

150 Jahre lesbische Vampirinnen

Vor 150 Jahren – Mitte 1872 – erschien die Novelle "Carmilla". Später wurde sie rund 30 Mal verfilmt, und die Protagonistin wurde zum Prototyp einer lesbischen Vampirin.


Carmilla in Aktion: Illustration von D. H. Friston in der Zeitschrift "The Dark Blue" (1872)

Die Novelle "Carmilla" von Joseph Sheridan Le Fanu erschien zuerst in drei Teilen zwischen Januar und März 1872 in der Zeitschrift "The Dark Blue" und im Mai 1872 in dem von Le Fanu herausgegebenen Novellenband "In a Glass Darkly" (1972, S. 46-270).

Die Novelle legte den Grundstein für das spätere Subgenre der lesbischen Vampirfilme. Auf diese Weise wurde die Titelfigur Carmilla zum Prototyp für viele – auch lesbische – Vampirinnen, deren Sexualität in der Regel deutlicher behandelt wird als bei Le Fanu. Es gibt mittlerweile rund 30 Verfilmungen dieser Novelle, wobei sich diese meistens nur lose an der Literaturvorlage orientieren.

In rund der Hälfte dieser Filme wurde das lesbische Element der Novelle unterschiedlich deutlich eingebunden. Diese Filme werde ich kurz vorstellen und dabei auch auf Axel Schocks und Manuela Kays Buch "Out im Kino. Das lesbisch-schwule Filmlexikon" (2003) verweisen, weil es recht ausführlich (neben vier schwulen) zehn lesbische Vampirfilme behandelt, von denen vier auf "Carmilla" beruhen.

Die Novelle "Carmilla"


Joseph Sheridan Le Fanu im Jahre 1873

Für die folgende Zusammenfassung habe ich die deutsche Übersetzung von Elisabeth Schnack und Helmut Degner in dem Band "Carmilla und vier andere unheimliche Geschichten" (Diogenes Verlag, 1968) herangezogen. Mit sechs Jahren träumt Laura von der Begegnung mit einer wunderschönen Frau: "Sie streichelte mich mit ihren Händen, legte sich neben mich aufs Bett und zog mich lächelnd an sich" (S. 10). Mit 18 Jahren lernt sie diese Carmilla aus dem Traum kennen und beschreibt sie zunächst noch recht zurückhaltend als hübsch und nett (S. 18, 30). Schnell wird es deutlicher: "Ihr Anblick rührte mich; ich stieg ins Bett und legte meinen Arm um sie, und wir schliefen wohl beide ein" (S. 31). Mit dem Bett wird der Sex angedeutet und mit dem Schlaf gleichzeitig ausgeklammert. Was danach folgt, sind regelmäßige Hinweise auf Liebe und Zärtlichkeiten: Laura fühlt sich "zu ihr [Carmilla] hingezogen" (S. 32) und Carmilla "pflegte ihre schönen Arme um meinen Hals zu legen, mich an sich zu ziehen, ihre Wange an die meine zu schmiegen" (S. 36). Ihre "Lippen hauchten zarte Küsse auf meine Wange" (S. 37).

Deutlich sind Vergleiche mit heterosexueller Liebe ("Es war wie die glutvolle Leidenschaft eines Liebhabers", S. 37), auch wenn damit eine eigene Form der Liebe negiert wird. Es sind "plötzliche Ausbrüche unterdrückter Gefühle" (S. 38). Die beiden Frauen küssen sich und Carmillas "zarte Wange glühte an der meinen" (S. 52-53). "Zuweilen war es mir, als streiche eine Hand sanft über meine Wange und meinen Nacken, zuweilen, als küßten warme Lippen mich, und immer zärtlicher und länger, wenn sie meinen Hals erreichten, und schließlich schienen sie sich daran festzusaugen" (S. 66).

Es ist unmissverständlich, wie sehr der Biss der Vampirin auch erotisch ist. Wegen des großen Einflusses seines Romans ist es spannend, wie sich der Autor wohl "seine" Vampirin vorgestellt hat, wobei ich im Folgenden davon ausgehe, dass die Aussagen der Ich-Erzählerin mit der Ansicht des Autors gleichgesetzt werden können und damit seine Vorstellung von der Figur wiedergeben. Im Text heißt es, nicht nur die beiden Punkte am Hals seien typisch für einen Vampir; auch "die Herkunft des kleinen blauen Males [Knutschfleck] gestattete keinen Zweifel – es stamme von Dämonenlippen" (S. 106). "Vampire neigen leicht dazu, in echte Liebe" zu verfallen und eine "verzehrende Leidenschaft" zu einem Menschen zu entwickeln. Sie täten dies, indem sie sich dem "Liebesobjekt" "langsam nähern und es auf schlaue Art umwerben" (S. 118). Der Autor überträgt damit die typische heterosexuelle Rollenverteilung auf auch Lesben, womit die aktive Carmilla zur "Verführerin" und die "unschuldige" Laura zur "Verführten" wird.

Bedeutung, Rezeption und Wirkung der Novelle

Die Carmilla-Novelle, die mehr als nur homoerotischen Subtext bietet, hatte einen großen Einfluss auf spätere Bücher und Filme über Vampirinnen. Dabei ist vor allem der nicht zu unterschätzende nachweisliche Einfluss auf Bram Stokers Roman "Dracula" zu nennen, zu dem es alleine rund 400 Verfilmungen gibt. Im ersten Entwurf für Graf Dracula kam dieser – wie Carmilla – aus der Steiermark. Erst später verlegte Stoker die Handlung seines Romans nach Transsylvanien. Carmilla ist die erste Vampirin in der Literaturgeschichte. Dabei sollte man nicht unterschlagen, worauf auch zwei aufmerksame queer.de-Leser*innen vor einigen Monaten aufmerksam gemacht haben, dass es viele ältere Geschichten von Vampiren gibt, die sich seit 1748 nachweisen lassen.

Eine lesbische Rezeption setzte bei dieser Novelle erst spät ein; die frühe Homosexuellenbewegung (1898-1933) thematisierte diese Novelle nicht. Dagegen spürt man schnell, dass die Autor*innen, die sich heute mit dieser Novelle beschäftigen, um das lesbische Thema kaum noch herumkommen – wie in zwei dünnen Heftchen aus dem Grin-Verlag. Christopher Bauch versucht in seiner Schrift "Zu: Joseph Sheridan Le Fanu – Carmilla. Der weibliche Vampir im erotischen Gewand" (2007, S. 3-5) auch die Frage zu beantworten, "ob die erotisch konnotierte Beziehung der Protagonistinnen nicht dezidiert eine psychologisch abgestufte Verführung einer gleichgeschlechtlichen Liebe darstellt"; Ilona Gaul behandelt in ihrer Schrift "Women's Sexual Liberation from Victorian Patriarchy in Sheridan Le Fanu's Carmilla" (2004, S. 2-3) sogar in einem eigenen Kapitel den Vampirismus als Ausdruck lesbischer Sexualität.

Auch auf Claudia Liebrands Aufsatz "Vampir/inn/e/n. Anne Rice' 'Interview with the Vampire', Sheridan LeFanus 'Carmilla' und Bram Stokers 'Dracula'" (1998) möchte ich verweisen ("Freiburger FrauenStudien" 1/98, S. 91-113). Darin behauptet die Autorin, dass Vampirinnen generell "durch ihre sexuelle Devianz" die gesellschaftliche Ordnung beunruhigten, "que(e)r zur heterosexuellen Matrix stehen" und – hier als Parallele gemeint – zweifelhafte Sexualpraktiken ausübten (S. 113). In dem Buch "The Vampire in Folklore, History, Literature, Film and Television. A Comprehensive Bibliography" (2015, S. 72-75) laden 66 Literaturhinweise nur über "Carmilla" zum Weiterlesen ein.

Sieben "Carmilla"-Verfilmungen aus dem 20. Jahrhundert

Es waren wohl vor allem Filme, die den Novellenstoff bekannt machten. Die erste Verfilmung der Novelle ist wohl "Draculas Tochter" (1936). Die darin enthaltene lesbische – heute wohl eher unfreiwillig komische – Szene ist auch in der Dokumentation "The Celluloid Closet" (1995, 16:05-17:20 Min.) zu sehen und gut eingebunden. Jahrzehnte später erschien "Und vor Lust zu sterben" (1960, aka "Blood and Roses"). Der darin gezeigte Kuss von Carmilla und Georgia ist auch in einer Kompilation aus lesbischen Vampirfilmen (03:56-5:50) enthalten und vermittelt dort einen Eindruck dieses Films. Er ist eine "der besten und poetischsten" "Carmilla"-Verfilmungen, wobei die Blutsaugeszenen "durchaus gekonnt wie Sexszenen inszeniert" sind ("Out im Kino", S. 351).

Anfang der 1970er Jahre – die sexuelle Revolution hatte begonnen und die Filme wurden freizügiger – verarbeitete die britische Filmproduktionsgesellschaft Hammer-Studios, die auch die Dracula-Filme mit Christopher Lee inszenierte, die Novelle dreimal als sogenannte Karnstein-Trilogie. Die adelige "Mircalla von Karnstein" trägt als Vampir den ähnlichen Namen "Carmilla". Zum ersten Teil "Gruft der Vampire" (1970, aka "The Vampire Lovers", 19:55-20:25, 31:30-33:15 Min.) ist zusätzlich auf Youtube ein zweiminütiger Beitrag über die lesbischen Untertöne zu sehen. Zum zweiten Teil "Nur Vampire küssen blutig" (1971, aka "Lust for a Vampire", 21:25-21:50 Min.) betont das "Lexikon des Horrorfilms" (hier nach Wikipedia), dass es bei der zum Leben erweckten Carmilla von Karnstein verstanden worden sei, "das Lesbiertum clever in den Plot zu integrieren".


Lesbische Leidenschaft in "Nur Vampire küssen blutig" (1971)

Im dritten Teil "Draculas Hexenjagd" (1971, aka "Twins of Evil", 42:35 Min.) ist gut erkennbar, wie der lesbische Vampirkuss als heterosexuelle Wunschvorstellung des Grafen Karnstein (und der heterosexuellen Zuschauer) gestaltet wurde. Während der erste Teil noch mit "relativ offenherzigen lesbischen Verführungsszenen" aufwartete ("Out im Kino", S. 152), ist der dritte auch der schwächste Teil der Trilogie und ein fast "unlesbischer" Film ("Out im Kino", S. 98).


Lesbische Vampire als heterosexuelle Wunschvorstellung in "Draculas Hexenjagd" (1971)

Nach der englischen Wikipedia erlangte der Film "The Blood Spattered Bride" (1972, 32:35-33:45 Min.) auch durch seine "progressiven Ideen zu Gender und Sexualität" Kultfilmstatus. In dem Film werden die unterdrückten Wünsche der Protagonistin Susan in der intensiven lesbischen Liebesaffäre mit einer Frau geweckt. 17 Jahre später wurde Le Fanus Novelle in der Serie "Nightmare Classics" zur Folge "Carmilla" (1989, Staffel 1, Folge 2, S. 33:05 Min.) verarbeitet. Der tödliche lesbische Vampirkuss erfolgt hier aus einer fliegenden Position heraus. Dies soll an eine Fledermaus erinnern, weckt heute aber wohl auch Assoziationen an Batman.

Sieben "Carmilla"-Verfilmungen aus dem 21. Jahrhundert

Weil "Out im Kino" 2003 erschien, können die späteren Verfilmungen darin nicht enthalten sein. Weil einige von ihnen online verfügbar sind, habe ich – nur als Beispiele für lesbische Szenen – auch Timecodes angegeben. Zwei Filme weisen schon im Filmtitel auf die Bedeutung der lesbischen Orientierung der Vampirin hin: "Vampires vs. Zombies", aka "Carmilla, the lesbian Vampire" (2004, 38:40-40:15 und 55:55-56:20 Min.) geht in Richtung Trash. Er ist recht deutlich in seiner sexualisierten Darstellung und zeigt die Bissspuren nicht am Hals, sondern am Oberschenkel. In "Lesbian Vampire Killers" (2009, hier 7-Min.-Trailer) ist der Hinweis auf die Vampirkönigin "Carmilla" eine überdeutliche Referenz auf die Novelle.

Es gibt mindestens vier Verfilmungen, bei denen die Handlung in die heutige Zeit übertragen wurde und der alte Mythos auf diese Weise seine Wandlungsfähigkeit beweist. Dazu gehört "The Curse of Styria (2014) mit wenigen dezenten Szenen und "The Unwanted" (2014, u.a. ab 54:20, 58:35 und 1:10:55 Min.) mit mehreren recht deutlichen Szenen. In "The Carmilla Movie" (2017, u.a. ab 3:05 und 13:10 Min.) gibt es viele lesbische Szenen, die sich mit einem Albtraum über ein früheres Leben als Vampirin vermischen.

In der Web-Serie "Carmilla" (2014-2016, 60 Folgen zu je 3-10 Min.) ist das neue Setting auch an den von der IMDB vergebenen Schlagwörtern "queer" und "nonbinär" erkennbar. Zu dieser Serie sind auf einem Youtube-Kanal 36 Folgen online gestellt, wobei ich hier Staffel 3, Folge 32 mit einem leidenschaftlichen Kuss zwischen der stets in Schwarz gekleideten Carmilla und ihrer Freundin Laura verlinkt habe.


Beispiel für ein neues Frauenbild: Die Web-Serie "Carmilla" (2014-2016)

Die neueste Verfilmung spielt wieder vor historischer Kulisse: "Carmilla. Führe uns nicht in Versuchung" (2019/2020, hier Trailer). Einer Rezension von Timo Wolters ("Blue-Ray Rezensionen", 2021) muss man sich inhaltlich nicht anschließen: Er betont, dass es schon in der ursprünglichen Novelle Indizien dafür gebe, dass Carmilla "eine lesbische Sexualität lebt. Und das passt natürlich hervorragend in die aktuelle Zeit, in der homo- und transsexuelle Themen aktueller sind denn je." Der Film sei erotisch, aber kein "vordergründiges Plädoyer für die Gleichbehandlung von homoerotischen Beziehungen" und "nie bloßes Vehikel einer übertriebenen Genderdebatte". Wesentlich lesenswerter ist die Rezension auf queer.de anlässlich der Blu-ray von 2021, wo der Film als sinnlicher viktorianischer Gothic Horror bezeichnet wird.

Vergleiche mit schwulen Vampirfilmen

Schwule Vampirfilme – es wird mittlerweile wohl rund 20 von ihnen geben – haben weitaus weniger Bedeutung als lesbische Vampirfilme. "Out im Kino" (2003) geht auf vier schwule Vampirfilme ein, von denen ich zwei wegen ihrer Bedeutung kurz erwähnen möchte.

Da ist zum einen der Klassiker "Tanz der Vampire" (1966, hier die 4-Min.-Szene online), der als Horror-Persiflage inszeniert ist. Alfred (D: Roman Polański, der auch Regie führte) wehrt sich hier erfolgreich gegen die Annäherungsversuche des schwulen Vampirs Herbert. Für "Out im Kino" ist der Film eine "der unterhaltsamsten Gruselkomödien der Filmgeschichte" (S. 330). In Form eines Musicals bzw. "Grusicals" wird der Stoff bis heute zur Aufführung gebracht. Der zweite Film ist "Interview mit einem Vampir" (1994), worin es um das Verhältnis von Lestat (D: Tom Cruise) zu Louis (D: Brad Pitt) geht. "Anne Rice, die Autorin der Romanvorlage, protestierte zunächst gegen die Besetzung mit Tom Cruise, da sie ihm die für die Rolle notwendige Homoerotik nicht zutraute" ("Out im Kino", S. 179).


Immer noch einer der besten schwulen Vampirfilme: "Tanz der Vampire" (1966) von und mit Roman Polański (r.)

Wegen der Verbindung mit Erotik ist es nicht verwunderlich, dass auch schwule Pornos wie "Gayracula" (1983) den Vampir-Mythos aufgreifen. Es gibt einen Aspekt, der nur bei schwulen Vampirfilmen relevant ist – nämlich Aids. Ein recht deutliches Beispiel dafür ist der Film "Scab" (2005): Hier besteht ein Mann bei einem One-Night-Stand auf einem Kondom, woraufhin er ohne Kondom vergewaltigt wird. Das Opfer wird danach zu einem Vampir, trinkt Ratten-Blut und vergewaltigt nun ebenfalls andere Männer. Jens Radulovic ("Die Inszenierung des Absinths im Film", 2010, S. 64) betont zu Recht, dass der Mythos von Dracula als Metapher für die Angst und die Lust gegenüber den Gefahren von "unsafe sex" gelesen werden kann. Nach Brigitte Weingart ("Ansteckende Wörter. Repräsentationen von Aids", 2002, S. 228-230) handeln Vampirgeschichten "traditionellerweise von Unsafe Sex" und die Analogie zu Aids ist für sie "naheliegend".

Sind lesbische Vampirinnen nur sexistische Männerphantasien?


Beispiel für einen pseudo-lesbischen Pornos: "Sexcula" (1974)

Nach "Out im Kino" (2003) ist das Subgenre der lesbischen Vampirfilme "geradezu prädestiniert für die versteckte Darstellung von Lesben. Die Vampirin ist ein sexueller, widernatürlicher Outlaw mit oftmals romantisch-lockenden Kräften, der durch seine Alterslosigkeit zudem besondere erotische Ausstrahlung besitzt. […] Die lesbische Vampirin entspricht meist einer wüsten Männerphantasie und enthält alles, was Männern bei Frauen in der Regel Angst macht. Zudem ist die lesbische Vampirin […] eine Mörderin und kann noch leichter und skrupelloser als andere […] mit dem Tod bestraft werden." Das Lexikon bezeichnet die lesbische Vampirin – neben der lesbischen Gefängniswärterin – als das "meistbemühte Klischee" über Lesben auf der Leinwand (S. 13). All das hört sich an, als wäre eine lesbische Vampirin per se eine vorurteilsbeladene und illegitime Filmfigur.

In einigen Punkten gebe ich dieser kritischen Betrachtung recht. Es ist richtig, dass vor allem ältere Filme verraten, wo die Gesellschaft Schwule und Lesben gerne sehen würde, z. B. im Knast (wo sie niemandem "gefährlich" werden können) oder im Internat (wo die sexuelle Identität als noch nicht gefestigt gilt). Es ist richtig, dass eine Vampirin außerhalb der gesellschaftlichen Norm steht und eine als bedrohlich empfundene Sexualität auslebt, deren Bestrafung im Film als legitim erscheint. Es ist ebenfalls richtig, dass vor allem die älteren Filme Ausdruck heterosexueller Männerphantasien sind. Einige von ihnen sind sexistisch; einige von ihnen sind Pornos (wie "Sexcula", 1974). Lesben waren als Zielgruppe dieser Filme zumindest nie geplant. Einer pauschalen Kritik an lesbischen Vampirfilmen kann ich mich trotzdem nicht anschließen.

Können lesbische Vampirinnen emanzipatorisch sein?

Vor zwei Jahren habe ich hier auf queer.de einen Artikel über die Krimi-Serie "Criminal Minds" veröffentlicht, der den Titel trug: "Können queere Serienmörder*innen emanzipatorisch sein?". Wenn 95 % aller in dieser Serie porträtierten Serienmörder*innen heterosexuell sind, warum sollte ich Angst davor haben, dass einige der mordenden Personen auch LGBTI sind? Ich fände es sogar merkwürdig, wenn LGBTI in solchen Zusammenhängen nicht auftauchen würden, auch wenn dabei der entscheidende Punkt die individuelle Darstellung bleibt.

Es gibt viele Vorurteile gegen LGBTI, gegen die es sich zu kämpfen lohnt, aber es gibt meines Erachtens nicht das Vorurteil, dass sie in einem höheren Maße morden. Dabei ist mir ist bewusst, dass die Boulevard-Presse bei ihrer reißerischen Berichterstattung über den Ihns-Andersen-Prozess (1974) zumindest das Klischee der "mörderischen Lesbe" aufbauen bzw. bedienen wollte. Zumindest heute gibt es dieses Klischee nicht (mehr) und auch bei der sonstigen Darstellung haben sich die Verantwortlichen wohl eher an männlichen Vampiren und weniger an lesbischen Klischees orientiert. Ich kann kein negatives Image erkennen, das Lesben aufgrund dieser Filme anlasten würde.

Die emanzipatorische Aneignung des Subgenres

Wie geht eigentlich die Szene mit lesbischen Vampirfilmen um? Vor vielen Jahren habe ich auf den "Lesbisch-Schwulen Filmtagen" (heute: "International Queer Filmfestival") in Hamburg einen älteren lesbischen Vampirfilm gesehen und fand es spannend, wie positiv er von Lesben aufgenommen wurde, die ihn unterhaltsam fanden. Vor drei Jahren wurde auf diesem Filmfestival auch "The Carmilla Movie" gezeigt (s. Programmheft von 2019, S. 48). Es gibt offenbar eine spätere emanzipatorische Aneignung durch Lesben.

Das ist eine Rezeptionsgeschichte, die von der ursprünglichen Intention und dem historischen Kontext der Novelle zu trennen sind. Zum ursprünglichen Kontext gehörte vermutlich, dass der Autor den männlichen Lesern nur etwas neues und dezent "Pikantes" bieten wollte, während das Begehren zwischen Frauen unheilvoll, dämonisch und potentiell tödlich war. Eine spätere lesbische und emanzipatorische Rezeption bzw. Aneignung des Stoffes war aber nicht nur möglich, sondern ist sogar im Text begründet, denn die Vampirin wird schließlich als schön und faszinierend geschildert und die Verwirklichung sexueller Wünsche durch die aktive und selbstbewusste Carmilla ist positiv besetzt. Eine genaue Unterscheidung zwischen dem, was der Text ursprünglich wollte und dem, wie er später ebenfalls "funktionierte", bleibt wichtig.


Beispiel für eine positive Aneignung: "The Carmilla Movie" wird in Hamburg 2019 aufgeführt

Fester Bestandteil der lesbischen Filmgeschichte

Was bleibt, ist das spannende und erotische Subgenre des lesbischen Vampirfilms als fester Bestandteil der lesbischen Filmgeschichte. Ihr Anteil ist dabei gar nicht besonders groß: Wenn man sich dafür – zugegeben etwas oberflächlich – an den Schlagwörtern in der Internet Movie Database orientiert, kommt man auf mehr als 3.000 Vampirfilme und rund 60 lesbische Vampirfilme, was einem Anteil von zwei Prozent am Genre entspricht. Die Filme selbst sind zu unterschiedlich, um zu einer allgemeinen Bewertung dieses Subgenres zu kommen. Ob man sie gut oder schlecht findet, hat wohl eher mit dem jeweiligen Film und dem persönlichen Faible für dieses Subgenre zu tun.

Die lesbischen Vampirfilme haben sich seit 1936 verändert und sind mit der Zeit gegangen. Heute zeigen die "Carmilla"-Verfilmungen selbstbewusstes lesbisches Begehren. Es ist spannend, den Grundstein dieser Filme zu kennen: eine unscheinbar anmutende Novelle, die vor genau 150 Jahren publiziert wurde.

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#1 StaffelbergblickAnonym
  • 29.05.2022, 11:30h
  • "zweifelhafte Sexualpraktiken ausübten" ... Bisse in den Hals, zur Eröffnung der Halsschlagader (ob links oder rechts ist dabei egal) darf durchaus als sehr zweifelhafte Sexualpraktik angesehen werden. Ich meine Menschen müssen nicht unbedingt auch noch "Gottesanbeterin" spielen.
    Und dieses ganze Blut auf dem Teppichboden oder gar im Bett ... nö das möchte ich nicht haben.
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#2 LothiAnonym
  • 30.05.2022, 10:35h
  • Antwort auf #1 von Staffelbergblick
  • Ich liebe weiterhin die alten Hammerstudio Produktionen mit Christopher Lee.
    Tanz der Vampire war schlichtweg der absolute Kracher in Münster als dieser rauskam. Ausverkauftes Kino und ein Publikum das sich vor Lachen nicht halten konnte. Wie oft habe ich schon diesen Film gesehen.
    Aber wer wahre Horror Fantasie mag, sollte sich die Buchreihe von Brian Lumley: Necroscope vornehmen. Besser gehts nicht.
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#3 friendlyUnicornAnonym
  • 31.05.2022, 07:21h
  • Antwort auf #2 von Lothi
  • "Aber wer wahre Horror Fantasie mag, sollte sich die Buchreihe von Brian Lumley: Necroscope vornehmen. Besser gehts nicht."
    Oooooh ja, die Reihe habe ich auch gefeiert <3

    Übrigens beide, Carmilla, sowie Necroscope auch als wunderbare Höradaptionen.

    Carmilla von Titania Medien, die innerhalb ihrer Reihe Gruselkabinett ja schon einige queere Geschichten aus dem Genre der Schauerromantik / Grusel umgesetzt haben (Karl Heinrich Ulrichs Manor, den Wilde-Klassiker Das Bildnis des Dorian Gray oder die für mich bislang beste Umsetzung der Krabat-Sage(n) - *nicht* die Preußler-Version).
    Alle Folgen sind auch heute noch erhältlich, größtenteils noch als CDs (wobei die langsam auslaufen), komplett aber natürlich als digitale Downloads und Streams.

    Und von Necroscope erschienen die ersten acht Bände als Hörbücher. Bin mir gerade nicht sicher, ob die noch im Handel sind - aber lohnen sich auf jeden Fall (allein schon Joachim Kerzel, der u.a. auch Anthony Hopkins, Jack Nicholson und Jean Reno synchronisiert, als Erzähler des ersten Hörbuchs - ein Traum).
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#4 LothiAnonym
  • 31.05.2022, 08:12h
  • Antwort auf #3 von friendlyUnicorn
  • Endlich, endlich mal jemand hier der auch die Necroscope Reihe kennt. Danke darüber freue ich mich. Ich muß gestehen nur sämtliche Bücher darüber gelesen zu haben. In den 90er Jahre kamen die Bände mit jeder Folge noch als kleine Taschenbücher heraus. Danach versuchte es der Festa Verlag mit gebundene Bücher, was wohl schief ging. Angeblich verlangte der Autor Brian Lumley mehr Geld dafür.
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