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TV-Tipp
Die ARD fragt: Wie geht es queeren Menschen in Deutschland?
Am Montag nach den "Tagesthemen" läuft im Ersten die gelungene Doku "Jeder Tag ein Kampf? Queere Menschen in Deutschland" von Klaas-Wilhelm Brandenburg und Alex Grantl.

Key Visual der Doku
- Von Michael Freckmann
29. Mai 2022, 14:12h 4 Min.
Die ARD zeigt am Montag, den 30. Mai 2022 um 22.50 Uhr nach den "Tagesthemen" eine Doku von Klaas-Wilhelm Brandenburg und Alex Grantl über den Alltag queerer Menschen in Deutschland in unterschiedlichem Alter und verschiedensten Lebensstationen. Jenseits von politischen Reformen wie der Ehe für alle, der Kategorie "divers" im Personenstandsregister oder Symbolpolitik rund um beleuchtete Stadien in Regenbogenfarben zeigt der Film: Entscheidend ist die gelebte Alltagspraxis, die sich durch politische Reformvorhaben und symbolische Handlungen nicht so einfach ändern lässt. Der Film "Jeder Tag ein Kampf? Queere Menschen in Deutschland" macht deutlich, wie weit der Weg noch ist.
Der Filmemacher Klaas-Wilhelm Brandenburg begegnet nichtbinären, lesbischen sowie trans Personen. Sie alle erzählen von ihren Diskriminierungserfahrungen und von ihrem Umgang damit. Der Film kontrastiert diese Berichte immer wieder mit Statistiken, etwa solchen, die das Ausmaß queerer Gewalt abbilden. Doch erst die persönlichen Berichte machen in ihrer Lebendigkeit das deutlich, was eine Statistik nicht erzählen kann: was das Erlebte bei einem Menschen hinterlässt. Ohnmacht, Einsamkeit, Sprachlosigkeit und welche emotionalen Verwüstungen dies alles nach sich ziehen kann.
Ein Filmemacher wird selbst zum Akteur
Einer der beiden Filmemacher wird in dem Film selbst zum Akteur. Er kehrt am Beginn des Films an den Ort seiner Jugend zurück und schildert seine Erfahrungen als schwuler Mann. Klaas-Wilhelm Brandenburg, selbst erst Anfang 30, macht so deutlich, dass auch heute an deutschen Schulen Diskriminierung, in seinem Fall von Schwulen, kein vergangenes Phänomen der 1970er Jahre ist. Erzähltechnisch interessant gemacht ist dieser Rückbezug auf die eigene Kindheit, weil er die Zuschauenden mitnimmt. So beginnt die Doku auf dem Land, wo ohnehin ein Großteil der etwas konservativeren Bevölkerung in Deutschland wohnt.

Die Autoren der Doku: Klaas-Wilhelm Brandenburg und Alex Grantl.
Der Film schafft es, die Biografien der gezeigten Personen nicht als Leidensgeschichten zu zeigen, sondern letztlich als Befreiungserzählungen. Unter anderem die Geschichte von Paulino, der über seine Erfahrungen als trans Mann berichtet, macht klar, was es bedeutet, wenn queere Menschen Überlebende der eigenen Gesellschaft sind. Hilfreich für die Überzeugungskraft des Films ist, dass er ohne jegliche Expert*innen-Interviews auskommt. Die generalisierende Über-Perspektive wird nahezu komplett vermieden, wodurch die individuellen Erfahrungen ganz im Mittelpunkt stehen können.
Immer wieder kreist der Film um die Diskriminierungsdynamiken an Schulen. An Orten, an denen wahrscheinlich nicht selten nur Schüler*innen durch ihr Verhalten queeren Menschen das Leben schwermachen. Hinzu kommt noch, dass offenbar auch vielen Lehrenden Instrumentarium und Feingefühl fehlen und sie so in Konflikten nicht vermitteln können. Bei all dem hätte jedoch dem Film ergänzend zu den dargestellten Geschichten an Schulen auch ein Hinweis auf existierende Bildungs- und Antidiskriminierungsinitiativen gutgetan.
Anspannung im Alltag als Dauerbelastung
Die Doku zeigt auch eine Ebene, die den körperlichen Gewalterfahrungen vorgelagert ist, die für queere Menschen jedoch nicht weniger belastend ist. Jasmin etwa beschreibt, wie wichtig es sei, in Berlin am S-Bahnhof immer "ein Auge als Radar" für die Umgebung offen zu haben, um mögliche Feindseligkeiten frühzeitig erkennen zu können und so dann in den "Beste-Freunde-Modus" zu wechseln.

Szene aus der Doku
Bei solchen Beleidigungen wird den beleidigten Personen erst durch den Angreifer ein Platz in der Welt zugewiesen, wie es der französische Soziologe Didier Eribon in seinen "Betrachtungen zur Schwulenfrage" beschreibt. Diese Beleidigungen schreiben sich tief in den Geist und Körper ein und formen Handeln und Bewusstsein der Betroffenen. So wird diese Anspannung im Alltag eine Art Dauerbelastung für viele queere Menschen. Eine Form der Gewalt, die für Außenstehende unsichtbar und daher umso leichter einzusetzen ist und daher unbedingt in den Film hineingehört.
Die Doku hat einen Verdienst, den viele andere Veröffentlichungen zu diesem Thema leider nicht für sich beanspruchen können. Sie zeigt die Perspektive einer lesbischen Seniorin. Also von einer Frau aus einer Generation, die in einer Zeit aufgewachsen ist, in der die Gesellschaft noch viel restriktiver war als heute. Die Leiterin ihres Seniorenheims weist darauf hin, dass es statistisch unmöglich sei, dass in ihrem Heim nahezu keine queeren Senioren zu finden seien. Das Thema queerer Senior*innen hätte der Film auch noch etwas tiefgehender behandeln können.
Aufklärung fürs öffentlich-rechtliche Mainstream-Publikum
In all den gezeigten Geschichten stellen die Filmemacher die Betroffenen queerfeindlicher Gewalt ganz ins Zentrum. Aus deren geschilderten Erfahrungen wird deutlich, dass sich auf der Seite der Täter*innen oft Boshaftigkeit und Gehässigkeit vermischen mit schlichter Unkenntnis über die Lebensrealitäten von queeren Personen und der Ahnungslosigkeit über die Verheerungen, die das eigene Handeln bei anderen nach sich ziehen kann. An diesen Stellen wird besonders deutlich, wie wenig Gesetzesänderungen allein tiefsitzende Prägungen von Menschen, die andere diskriminieren, verändern können.
Der Film will für queere Menschen in schwierigen Lagen Identifikationspunkte bieten. Doch die mindestens genauso wichtige Adressatin dieser Dokumentation dürfte eine andere Gruppe sein: das öffentlich-rechtliche Mainstream-Publikum, das mit dieser Doku für diese Thematik überhaupt viel stärker sensibilisiert werden soll. Ein erster Schritt dahin ist, dass die ARD den Film immerhin in ihrem Hauptprogramm sendet. Nach der Ausstrahlung am Montag nach den "Tagesthemen" kann die Doku auch in der ARD-Mediathek gestreamt werden.
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Wir dürfen ja jetzt sogar heiraten, und wir sollen doch jetzt bitte mal nicht so empfindlich sein.
Und überhaupt, wer privilegiert ist, braucht auch keinerlei Empathie für oder Solidarität mit Menschen zu haben, denen es schlechter oder richtig schlecht geht.
Das ist doch jetzt das neueste Narrativ, oder?