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Albumkritik

Angel Olsen: Neue Heiterkeit und Gelassenheit nach Coming-out

Die lesbische US-Songwriterin Angel Olsen veröffentlicht am Freitag mit "Big Time" ein großes Album für eine große Zeit. Erneut hat sich die 35-Jährige, die sich erst 2021 geoutet hat, neu erfunden.


Angel Olsen ist eine der herausragenden Songwriterinnen unserer Zeit (Bild: Angela Ricciardi)

Es kann schon fast Schwindelzustände hervorrufen angesichts der Rasanz, mit der Angel Olsen in den vergangenen Jahren verschiedenste Genres bedient und wieder den Rücken gekehrt hat. War ihr 2016er-Hitalbum "My Woman" noch Rhythmus-orientierter Folk Rock in bester Westcoast-Manier, debütierte sie drei Jahre später auf "All Mirrors" in gänzlich neuem Gewand als weibliche Reinkarnation Frank Sinatras mit opulent orchestriertem Bombast-Pop.

Die gleichen Songs veröffentlichte sie 2020 auf "Whole New Mess" noch einmal als Candle-Light-Version. Musikalisch einzig begleitet von ihrer Silvertone-Gitarre und damit so reduziert wie das soziale Leben jener Zeit, schuf sie darauf eine überaus intime und eindringliche Atmosphäre und untermauerte damit einmal mehr ihren Ruf als absolute Ausnahmekünstlerin der Gegenwart.

Von New York nach Nashville


Das Album "Big Time" von Angel Olsen erscheint am 3. Juni 2022 bei Jagjaguwar/Cargo

Nun steht mit "Big Time" (Amazon-Affiliate-Link ) das insgesamt achte Album Olsens in den Startlöchern. Und erneut stellt es eine Abkehr vom zuvor eingeschlagenen Weg dar: Die Band ist zurück, allerdings deutlich reduzierter als auf "All Mirrors". Die Streicher sind fast vollständig verschwunden, stattdessen suchte Gitarrist Jake Blanton sein Bottleneck hervor, um damit eine erneute Zeitreise anzutreten. Dieses Mal jedoch nicht in Sinatras New York der 1940er Jahre, sondern ins Nashville der 1950er.

Geradezu countryesk geht es dementsprechend in vielen Songs zu. In der Albuminfo zu "Big Time" werden nicht umsonst Parallelen zu J. J. Cale gezogen. Auf heiteren, Dur-lastigen Songs wie dem Titelstück erinnert Olsen mit ihrer gleichermaßen variablen wie zerbrechlichen Stimme aber auch an Skeeter Davis. Geht es mal ein wenig trübsinniger und wehmütiger zu wie auf "Ghost On" oder "Through The Fires", werden Assoziationen an eine Band wie Mazzy Star in den mittleren 1990ern wach.

Direktlink | Lyric Video zu "Through The Fires"
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Coming-out und Schicksalsschläge

Aber nicht nur musikalisch hat sich für Angel Olsen seit dem letzten Album einiges verändert: Im April 2021 outete sie sich in sozialen Medien als lesbisch, was sie folgendermaßen kommentierte: "Finally at the ripe age of 34, I was free to be me" (queer.de berichtete). Nicht zuletzt dieser für sie so einschneidende Schritt ist wohl ein wesentlicher Grund für die neue Heiterkeit und Gelassenheit, die sich musikalisch auf "Big Time" widerspiegelt.

Dabei verlief die Zeit für Olsen seitdem keineswegs sorglos: Neben dutzenden Pandemie-bedingt abgesagten Konzerten und der daraus resultierenden permanenten Unsicherheit als Künstlerin starben 2020 zudem innerhalb weniger Monate ihre beiden Eltern, die sie im Alter von drei Jahren adoptiert hatten. Ein schwerer Verlust, den sie auch auf dem neuen Album thematisiert.

Direktlink | Offizielles Musikvideo zu "Big Time"
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Trouble comes, trouble goes

Olsen ist auf "Big Time" künstlerisch noch einmal wesentlich gereift. Nur noch wenig erinnert an den naiven und unbekümmerten Folk Pop, den sie als Anfang 20-Jährige vor zehn Jahren auf "Half Way Home" aufgenommen hat. Vielmehr spricht aus ihr eine neue Weisheit. Die Heiterkeit ihrer frühen Schaffensperiode hat sie sich dennoch erhalten können. Doch gründet diese im Jahr 2022 nicht mehr auf postpubertärer Naivität und Unbekümmertheit, sondern auf Zuversicht und der Gewissheit, dass auch die dunkelsten Wolken schließlich vorüberziehen werden.

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