https://queer.de/?42197
Hausinterne Prüfung
Transfeindlicher BBC-Artikel verstieß gegen Standards
Ein BBC-Artikel suggerierte, dass die Mehrheit der Lesben schon mal zu Geschlechtsverkehr mit trans Frauen gedrängt worden sei. Nun wurde entschieden: Die eigenen journalistischen Standards wurden nicht beachtet.

Zumindest teilweise scheint die journalistische Selbstkontrolle zu funktionieren: die britische BBC (Bild: Alexander Svensson / flickr)
- Von
2. Juni 2022, 07:41h - 5 Min.
Die britische BBC hat einen auf der Webseite erschienenen, transfeindlichen Artikel für unvereinbar mit den eigenen journalistischen Standards befunden. Darüber berichtete der britische "Guardian".
Der Text "We're being pressured into sex by some trans women" ("Wir werden von einigen transgeschlechtlichen Frauen zum Sex gedrängt") aus dem Oktober vergangenen Jahres hatte zu einer öffentlichen Kontroverse geführt. Im Netz war es unter dem Hashtag #CisWithTheT zu einer Welle der Solidarisierung mit den Angegriffenen gekommen (queer.de berichtete). Und in einem offenen Brief wurde der BBC vorgeworfen, mit dem Text gegen die eigenen Richtlinien für Artikel verstoßen zu haben.
Dreifach gegen Standards verstoßen
Das bestätigt nun offenbar auch ein BBC-internes Gremium. Gleich in dreifacher Weise habe der Text gegen die eigenen Standards für journalistische Qualität verstoßen. Gleichzeitig bleibe der Text, der ein wichtiges Thema beleuchtet habe, aber journalistisch legitim.
Im Artikel wird suggeriert, dass Lesben als transphob gebrandmarkt würden, wenn sie nicht mit transgeschlechtlichen Frauen schlafen wollten. Teil des Textes sind die Ergebnisse einer Umfrage, die die transfeindliche Hassgruppe "Get The L Out" unter ihrer eigenen Anhänger*innenschaft durchgeführt hatte. Demnach hätten, wie es im Artikel hieß, 56 Prozent der Lesben bereits Erfahrungen mit trans Frauen gemacht, die sie zum Geschlechtsverkehr gedrängt hätten. Hinzu kamen kaum überprüfbare Stimmen von cisgeschlechtlichen Lesben, die solche Angriffe, das Bedrängen zum Geschlechtsverkehr und Vergewaltigungen erlebt haben wollen.
Die Umfrage hätte jedoch so nicht für den Text genutzt werden dürfen, heißt es nun. Sie habe den Eindruck vermittelt, dass Druck zum Geschlechtsverkehr mit transgeschlechtlichen Frauen ein weitverbreitetes oder sogar ein Problem sei, das von einer Mehrheit der Lesben erlebt würde. Doch um diese Aussage zu treffen, dazu sei die Umfrage gar nicht geeignet.
Dass es sich bei den Ersteller*innen der Umfrage, der Kampagne "Get the L Out", um eine Gruppe handelt, die sich in der fraglichen Angelegenheit deutlich positioniert, hätte im Artikel zudem erwähnt werden müssen. Genannt wird hierzu etwa der Slogan "transactivism erases lesbians" ("Transaktivismus löscht Lesben aus"), der von der Gruppe stammt.
Außerdem suggeriere die Titelzeile einen Inhalt, den der Text dann gar nicht liefere. Sie impliziere nämlich, dass es um die aktive Ausübung von Druck durch transgeschlechtliche Frauen gehe, aufgrund dessen cisgeschlechtliche Lesben dann Geschlechtsverkehr mit ihnen hätten. Vielmehr behandle der Text dann jedoch einen "internalisierten Druck", den einige Lesben angeblich empfänden, offen dafür zu sein, eine Beziehung zu transgeschlechtlichen Frauen einzugehen – und zwar als Resultat eines empfundenen Meinungsklimas innerhalb der LGBTI-Community.
Vergewaltigerin zu Wort gekommen
Drittens wurde noch ein mal die Verwendung von Äußerungen der ehemaligen Porno-Darstellerin Lily Cade angekreidet. Diesen Teil hatte die BBC jedoch bereits vor Monaten aus dem Text entfernt. Der Grund ist, dass Cade sich nach Veröffentlichung des Artikels hasserfüllt gegenüber transgeschlechtlichen Frauen geäußert habe. Auch hätte der Artikel Cades Geständnis "unangemessenen Verhaltens" in der Vergangenheit erwähnen müssen.
Tatsächlich hatte Cade nicht einfach Hass gegen trans Frauen gesät, sondern ein umfassendes, wirres und geschlossen verschwörungsideologisches Manifest veröffentlicht, das sich um Phantasien von durch transgeschlechtliche Frauen an anderen Frauen und Kindern begangene, angebliche Vergewaltigungen dreht (queer.de berichtete). Und mit "unangemessenem Verhalten" waren von Cade öffentlich eingestandene Vorwürfe zu Beginn der #metoo-Bewegung gemeint, wonach diese selber unzählige cisgeschlechtliche Frauen vergewaltigt hatte (queer.de berichtete).
Auch zukünftig "von beiden Seiten" beleuchten
Das BBC-interne Gremium verwahrte sich jedoch dagegen, den Artikel als Verstoß gegen das Verbot von Homophobie und Rassismus einzustufen. Zu diesen Formen der Menschenfeindlichkeit bewahrt sich die BBC ansonsten das Recht, auf das journalistische Mittel der Beleuchtung "von beiden Seiten" eines Streits zu verzichten, wie es heißt. Es gäbe allerdings nach wie vor eine Kontroverse darum, was Transphobie überhaupt ausmache, weswegen der Standard zu Homophobie und Rassismus nicht auf den aktuellen Fall übertragen werden könne.
Entsprechend wies es das Gremium auch zurück, die Verwendung von Ausdrücken wie "biologisch männlich" oder die Bezeichnung der Genitalien transgeschlechtlicher Frauen als "männlich" anzukreiden.
Man erarbeite nun eine Richtlinie für das BBC, um die Berichterstattung über Trans-Themen anzuleiten. Diese werde aber anerkennen, dass es unter den Journalist*innen des Hauses eine tiefe Spaltung hinsichtlich des Themas gebe. Dementsprechend werde die Richtlinie "die Breite der Perspektiven" berücksichtigen.
Der BBC-Artikel ist inzwischen in angepasster Form auf der BBC-Website einsehbar. Der Titel wurde in "The lesbians who feel pressured to have sex and relationships with trans women" ("Die Lesben, die sich unter Druck fühlen, Sex und Beziehungen mit trans Frauen zu haben") umbenannt.
Zur Umfrage heißt es in dem Text nun, dass diese zwar statistisch nicht valide sei, weil sich die Teilnehmer*innen selber dazu entschlossen haben, an einer Umfrage zu diesem Thema teilzunehmen und weil "Get The L Out" eine aktive Kampagnen-Gruppe zu lesbischen Themen sei. Doch während das Teilnehmer*innenfeld möglicherweise nicht repräsentativ für die weitere lesbische Community sei, glaube eine namentlich genannte Mitbegründerin der Gruppe, dass es wichtig gewesen sei, deren "Sichtweisen und Geschichten" einzufangen.
Der Artikel ist zudem um einige weitere Stimmen ergänzt worden, die die ursprüngliche Behauptung untermauern sollen. Dass die Journalistin in einer früheren Version eine cisgeschlechtliche Frau als Kronzeugin für das Phänomen befragt hatte, die in der Vergangenheit selber zugegeben hat, nicht zu wissen, wie viele Frauen sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen hat, wird indes nicht erwähnt.














