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Sachbuch

"Queergestreift": Dieses Buch gehört in jede Schulbibliothek!

Die Philosophie des neuen Aufklärungsbuches von Kathrin Köller und Irmela Schautz ist ebenso einfach wie überzeugend: "Eigentlich muss man nur kapieren, dass Menschen am besten selbst wissen, wer sie sind."


Eine Doppelseite in "Queergestreift": "Es ist wichtig, sich selbst kennenzulernen"

Wie viel Lust zum Lesen eines Buches entsteht, entscheidet sich auch schon beim ersten Anblick. Schreckt es uns ab, macht es uns neugierig, zieht es uns an?

"Queergestreift" (Amazon-Affiliate-Link ), ein Buch, dessen Untertitel "Alles über LGBTIQA+" in Aussicht stellt, hat jedenfalls das Zeug dazu, seine Betrachter*innen sofort zu gewinnen: So bewegt regenbogenfarbig queergestreift, wie es nicht nur auf seinem Cover, sondern auch oben, unten, links und rechts, an allen sichtbaren Seiten, also dem ersten Blick, entgegentritt, macht es sofort Lust, in die Hand genommen und näher angeschaut zu werden.

Und diese Lust wird beim Reinstöbern und Lesen gar nicht weniger, sondern eigentlich immer noch mehr; denn zwar kommt "Alles über LGBTIQA+" auf etwa 300 gar nicht kleinen Seiten daher; diese Seiten zeigen sich aber so bunt, bewegt, kunstvoll bebildert und in ihrer jeweiligen Mischung aus (gar nicht so viel) Text und Illustration bestens auskomponiert, dass man im Strom dieses Regenbogenbuches ganz natürlich mitschwimmt.

Lesenswert nicht nur für Jugendliche


"Queergestreift" ist im Mai 2022 im Hanser Verlag erschienen

So leicht, wie das Buch daherkommt und sich auch liest, so viel Arbeit in Form von Recherche, Auseinandersetzung, Konzeptions- und Schreibarbeit, Feinabstimmung zwischen Text und Design etc. dürfte darin stecken. Das Ergebnis ist so, dass es sich sicher nicht nur für Jugendliche, an die sich dieses Buch primär wendet, sondern auch für deren Eltern, Freund*­innen, Lehrer*­innen und eigentlich auch für alle anderen, die sich für einen oder alle der Buchstaben LGBTIQA+ näher interessieren, lohnt.

Ziel des Buches ist es, junge Menschen über LGBTIQA+ zu informieren und, wie es auf der Umschlagrückseite heißt, bei ihrer "Suche nach sich selbst" zu empowern. Auf dem Cover wird ein kleines Segelboot von den wogenden Regenbogenwellen getragen. Unter dem Boot sieht man zwei in Schattenumrissen gezeichnete, sich einander neugierig-interessiert-liebevoll zuneigende Gestalten, die sich auf eine Reise hin zum Bewusstsein und zur selbstbestimmten Entfaltung ihres wohl von dem heteronormativen Groß-Kreuz-Dampffahrtschiff abweichenden, persönlichen Soseins begeben. Und das ist, was das Buch mit den Leser*­innen tut: Es begibt sich mit ihnen auf eine Reise zu sich selbst und unterstützt sie dabei.

Anschaulich und auf den Punkt gebracht

Geschrieben ist das Ganze ebenso einfach wie anschaulich und auf den Punkt gebracht. Zu jedem der Buchstaben LGBTIQA+ gibt es ein ausführliches Kapitel mit Informationen, die nicht nur die jeweilige Phänomenlandschaft beschreiben, sondern es gibt immer auch Bezugspunkte zu gesellschaftlichen, historischen, gesundheitlichen und rechtlichen Fragen. In jedem Kapitel kommen auch Repräsentant*­innen des jeweiligen Buchstabens zu Wort, einerseits in Form von Zitaten, andererseits in Form eines ausführlichen Interviews. Außerdem gibt es jede Menge Hinweise zu weiterführenden Informationen, Netzwerken, Selbsthilfegruppen etc. in der am Ende jedes Kapitels stehenden Kontaktbox.

Die Philosophie dieses – früher hätte man gesagt – Aufklärungsbuches ist ebenso einfach wie überzeugend: "Eigentlich muss man nur kapieren, dass Menschen am besten selbst wissen, wer sie sind."

Ein solches Buch hätte ich mir als Schüler gewünscht

Auf der Grundlage dieses im Kern humanistischen Spirits gelingt es Kathrin Köller (Text), Irmela Schautz (Illustration) und Micha Binder (Buchgestaltung) Phänomene respektvoll zu zeigen, zu wertschätzen und besser verstehbar zu machen. Einen erhobenen Zeigefinger, welcher Art auch immer, gibt es in diesem Buch nicht. Und ebenso wenig gibt es ein Ungleichgewicht in der Darstellung: Die Kapitel zu L-G-B-T-I-Q-A sind gleichermaßen ernsthaft, kundig und substanziell.


Irmela Schautz hat das Buch kunstvoll bebildert

Man kann daraus jede Menge erfahren und lernen, selbst wenn man, wie der Autor dieser Zeilen, doch schon einiges dazu gelesen hat: Wann und aus welchem Grund an diesem Termin der jeweilige Communitytag ist; welche Entwicklungen der Regenbogenfahne es gab und gibt; dass eine sehr große Anzahl von trans Menschen sich offenbar als nichtbinär wahrnimmt; was Begriffe wie "Passing", "Geschlechtsdystrophie", "Stealth" bedeuten und sehr vieles mehr kann man bei der Lektüre erfahren, ohne sich in irgendeiner Weise von Wissensinhalten erschlagen zu fühlen. Man lernt ganz nebenbei. Vor allem natürlich über die so erstaunlich bunte und vielfältige Welt der Sexualitäten und Geschlechter.

Ehrlich gesagt: Genau ein solches Buch hätte ich mir gewünscht, als ich in der Schule vor vielen Jahrzehnten begann, mir über meine nicht der Norm entsprechende Sexualität Gedanken zu machen. Vernünftige Aufklärung habe ich damals wenig bekommen – bei meinen Eltern nicht und noch weniger in der Schule, einem bischöflichen Jungengymnasium, auf dem von 1.000 Schülern keiner (offiziell) nicht hetero war. Ebenso wenig wie die Lehrer*innen, die uns von Jahr zu Jahr vertrösteten, was den Aufklärungsunterricht zu menschlicher Sexualität anging. Tatsächlich gab es ihn bis zum Abi nicht. Und dabei wäre, wie wir in "Queergestreift" erfahren dürfen, auch ein Hetero-Outing so wichtig gewesen:

GEDANKENSPIEL: EIN HETERO-OUTING

Oder: Was man als Hetero zu hören bekommt, wenn man
endlich die Kraft gefunden hat, sich vor seinen Freunden
in einer mehrheitlich homosexuellen Gesellschaft zu
outen:
"Du bist hetero. Echt jetzt? Bist du dann jetzt in mich
verliebt?"
"Nein. Bloß weil ich hetero bin, stehe ich nicht auf
jede. Außerdem bin ich vergeben."
"Och du, mir ist das egal."
"Also egal ist es nun auch nicht. Wie war's, wenn
du dich für mich freust? Und fühle dich gerne geehrt,
dass ich dir so was Wichtiges von mir erzählt
habe."
"Oh wie cool, dann habe ich jetzt schon zwei beste
Hetero-Freunde."
"Ich bin nicht dein Hetero-Freund! Hetero ist ein
Aspekt von mir. Ich bin dein Freund. Punkt."
"Du wurdest doch auch 'nen Typen abbekommen.
Das hast du doch gar nicht nötig."
"That's so not the point. Ich bin hetero.
Das sucht man sich nicht aus."
"Also, ich will ja nicht neugierig sein,
aber wie habt ihr eigentlich Sex?"
"Also, weil du's bist, der Sex ist ziemlich
okay. Aber bloß weil ich hetero
bin, muss ich dir nicht erzählen,
was ich im Bett mache."

Wer nicht hetero oder nicht cis ist, hat einen längeren Weg, um zu sich selbst zu finden – auch heute noch. Glücklicherweise haben sich aber die Zeiten geändert: Wir wissen mehr, wir tun mehr, wir reden darüber und wir verstecken uns nicht. Und dafür haben wir viele hilfreiche Ressourcen. Eine davon ist "Queergestreift", ein Buch, das auch in jeder Schulbibliothek zu finden sein sollte.

Infos zum Buch

Kathrin Köller, Irmela Schautz: Queergestreift. Alles über LGBTIQA+. Empfohlen ab 11 Jahren. 288 Seiten. Hanser Verlag. München 2022. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-446-27258-3)

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