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Fotografie
Schwule Leichtigkeit in den 1930er Jahren
Mit mehr als 220 Originalaufnahmen feiert der Bildband "Das magische Auge" den Hamburger Fotografen Herbert List, der zudem in der gleichnamigen Ausstellung des Bucerius Kunst Forums gewürdigt wird.

Das vielseitige Werk des Fotografen Herbert List (1903-1975) wird neu entdeckt: Ringende Jungen, Ostsee, 1933 (Bild: Herbert List Estate / Magnum Photos / Agentur Focus)
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6. Juni 2022, 14:41h - 5 Min.
Offen schwul und unbeschwert die 1920er Jahre erleben – dieses Glück war nicht vielen vergönnt. Einer von ihnen ist der 1903 in Hamburg geborene Herbert List. Der Sohn eines Kaffeehändlers wird bereits in jungen Jahren im Auftrag der väterlichen Firma nach Brasilien, Mexiko und Mittelamerika geschickt, wo seine künstlerischen Ambitionen als Fotograf ihren Ausgang nehmen.
Zurück in Hamburg, feiert der Dandy legendäre Partys, bei der Gustav Gründgens oder auch Erika und Klaus Mann zu Gast sind. Die Freundschaft zum Künstler und Bauhaus-Absolventen Andreas Feininger erweist sich als besonders anregend. Gemeinsam vertiefen sie sich in das Medium Fotografie. Man Ray, Max Ernst und Georgio de Chirico werden zu Lists künstlerischen Vorbildern. Zu seinem engeren Freundeskreis gehört auch der aus Oxford stammende Dichter Stephen Spender, der sich von Herbert List zu seinem Roman "The Temple" inspirieren lässt.
Später wird sich Spender erinnern: "Herbert war zu jener Zeit der Mittelpunkt einer Gruppe von Freunden, die mir als all das erschienen, was am neuen Deutschland frei aufgeschlossen und bewusst dem Neuen zugewandt war. Sie waren 'Kinder der Sonne'. Weit wichtiger als Politik, Geschäft und persönliches Vorwärtskommen war ihnen das 'Leben'. 'Leben' hieß Freundschaft, freie Liebe, Körperkultur, Natur und Sonne."
Flucht vor den Nazis nach Italien

Der Bildband "Das magische Auge" ist im Hirmer Verlag erschienen
Als das darauf folgende Jahrzehnt anbricht, wird List allmählich bewusst, dass die Nationalsozialisten diesem Leben unwiderruflich ein Ende setzen werden. Da zudem die Lage für ihn als schwulen Mann mit jüdischen Großeltern immer bedrohlicher wird, flieht er aus seiner Heimatstadt. Mit seinem Geliebten Heinz Rittmeister gelangt er über die Schweiz nach Italien.
Von nun an muss List sein Geld mit der Fotografie verdienen. Dabei erhält er Unterstützung von einem Netzwerk schwuler Künstler: Jean Cocteau, Christian Dior, Christopher Isherwood und Cecil Beaton verschaffen ihm erste Aufträge. Nach ersten Versuchen in der Modefotografie findet er seinen künstlerischen Schwerpunkt in atmosphärischen Stadtfotos und Motiven von mythischen Skulpturen im Straßenraum. Damit macht sich List allmählich einen Namen, auch mit Aufnahmen von Prominenten. Zu seinen ersten fotografischen Ikonen zählt das Porträt von Jean Cocteau aus dem Jahr 1936, in dem sich Verletzlichkeit und Intimität widerspiegeln. Es ist fortan eines von Herbert Lists Markenzeichen, die Seele der Porträtierten einzufangen.
In Paris findet 1937 seine erste Ausstellung statt, es folgten Veröffentlichungen in Illustrierten wie "Vogue" und "Harper's Bazaar" sowie in Reisemagazinen. Größere Bekanntheit verschafften ihm Bilder von einer langjährigen Reise nach Athen, Delos und Olympia von 1937 bis 1941, wo er eigentlich noch länger geblieben wäre – wenn die deutsche Armee nicht in Griechenland eingefallen wäre. List ist dazu gezwungen, nach Deutschland zurückzukehren. In den letzten beiden Kriegsjahren dient er als Soldat in Norwegen, kehrt anschließend nach München zurück und fotografiert die Trümmerlandschaft der bayrischen Landeshauptstadt.
Bildband mit mehr als 220 Originalaufnahmen
Auch nach dem Krieg macht List fast ausschließlich Schwarzweiß-Fotografien. Sein Bild vom Schäferjungen im Höllenschlund des Renaissance-Parks im "Heiligen Wald" von Bomarzo aus dem Jahr 1952 zählt zu seinen berühmtesten Aufnahmen.
Das Fehlen der Farbe in seinem Gesamtwerk lässt Nuancen, Konturen und Strukturen stärker hervortreten. Heute gilt der Fotograf als ein Klassiker der Moderne. Es ist erfreulich, dass das vielseitige Werk Herbert List nun neu ausgegraben wurde. Der Münchner Hirmer Verlag hat mehr als 220 Originalaufnahmen aus der Zeit von 1930 bis 1965 in dem umfangreichen Bildband "Das magische Auge" (Amazon-Affiliate-Link ) veröffentlicht. Das Buch dient zugleich als Begleitkatalog zur gleichnamigen Ausstellung im Hamburger Bucerius Kunst Forum, die im Rahmen der Triennale der Photographie Hamburg 2022 noch bis 11. September zu sehen ist.
Das Erotische wirkt beinahe beiläufig

Athen, 1937 (Bild: Herbert List Estate / Magnum Photos / Agentur Focus)
Angereichert ist der Bildband mit acht äußerst informativen Begleittexten aus der Kunstgeschichte. Zu den interessantesten zählt Esther Ruelfs Essay über "die geschlechterpolitische Aktivierung männlicher Körper", in dem sie Lists homoerotische Aktbilder nuanciert abgrenzt: einerseits zur passiven Knaben-Ästhetik Wilhelm von Gloedens, der in der Nachkriegszeit vielfach imitiert wird; andererseits zu den plumpen Bemühungen der NS-Ästhetik um eine Annäherung an die Antike mit seelenlosen, kraftstrotenden, "kampfesbereiten Körpern". Lists Modelle sind lediglich "schön im Sinne des ästhetischen Ideals der nackten Athletenfiguren der antiken Plastik oder deren Adaption in der Renaissance", so Ruelf.
Jedenfalls werden die Modelle in Lists Aktfotos nie auf das Objekthafte reduziert. Der Blick bleibt stets respektvoll, das Erotische wirkt beinahe beiläufig. Genau das macht die Bilder nur umso faszinierender.
Vorliebe für surrealistische Alptraumszenarien
Verstörend aktuell muten aus heutiger Perspektive nicht nur Lists Fotografien der Münchner Trümmerlandschaften an, sondern auch jene vom zerstörten Kiew, die auf unheimliche Art und Weise an heutige Aufnahmen vom Krieg in der Ukraine erinnern.
Wer sich intensiv mit List beschäftigt, wird allerdings bemerken, dass diese gar nicht aus dem Rahmen seines Gesamtkunstwerks fallen. List hatte seit seiner Flucht aus Hamburg eine Vorliebe für surrealistische Alptraumszenarien. In Italien fotografierte er Skelette, die in Kirchen aufgehängt waren, Friedhofszenen, eine Leichenkutsche vor dem Golf von Neapel.
Für List war das Leben immer auch voller Schattenseiten. Die Erinnerung daran, dass alles endlich ist, gehörte für ihn zu einem erfüllten Leben dazu.
Herbert List: Das magische Auge. Herausgegeben von Kathrin Baumstark und Ulrich Pohlmann. Mit Beiträgen von Kathrin Baumstark, L. Derenthal, K. Dyballa, H.-M. Koetzle, Bernhard Maaz, Ulrich Pohlmann, E. Ruelfs, P.-O. Richter und N. Henrich. Erschienen in der Reihe "Bucerius Kunst Forum". 288 Seiten, 318 Abbildungen in Farbe. Hirmer Verlag. München 2022. Gebundene Ausgabe: 45 € (ISBN 978-3-7774-3907-5)
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