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Oktoberfest

Erneute Empörung über Wiesn-Portal: "Gays" sollten sich "zurückhalten"

Die inoffizielle Webseite rät auch fünf Jahre nach einer ersten Kritik-Runde Schwulen und Lesben dazu, nicht "für Gesprächsstoff" zu sorgen.


Nach zwei Jahren Corona-Pause soll es in diesem Jahr wieder das Oktoberfest geben (Bild: manjose / pexels)

Erst bei einigen Influencern, dann generell in sozialen Netzwerken bis hin zu Sven Lehmann, dem Queer-Beauftragten der Bundesregierung, und inzwischen auch in vielen Medien regt sich seit einigen Tagen Unverständnis und Empörung über eine Webseite zum Oktoberfest, die schwulen und lesbischen Besucher*innen rät, sich zurückzuhalten. Mit zu der Kritik trägt bei, dass "oktoberfestportal.de" wie eine offizielle Seite wirkt, der Text sich teilweise wie eine Täter-Opfer-Umkehr liest und generell so wirkt, als habe man mehr Verständnis für queerfeindliche Besucher*innen als dass man eine Minderheit gegen Vorurteile, Hass und Gewalt unterstützen wolle, theoretisch wie praktisch.

Konkret heißt es auf der Unterseite "Tipps für schwulen (sic!) Wiesn-Gänger" etwa auf die Frage, ob man dort flirten dürfe: "Generell gilt eine gewisse Zurückhaltung auf der Wiesn. Nicht jeder Besucher des Oktoberfest ist so tolerant, dass er sich über schwule Männerpaare freuen kann." Zu der Frage "Ist Flirten für Gays auf der Wiesn verboten?" wird geantwortet: "Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Jedoch gilt es als schwules oder lesbisches Paar auf dem Oktoberfest ein bisschen zurückhaltend zu sein. Nicht alle Wiesngänger haben Verständnis für eine offene schwule oder lesbische Lebensweise. Also einfach Augen und Ohren offen halten, ob Ihr für Gesprächsstoff sorgt. Das Bierzelt ist jedenfalls nicht der richtige Ort, um den Menschen Begriffe wie 'Toleranz' und 'Gleichberechtigung' zu erklären." Die Seite enthält weitere "Tipps" und Links vor allem für Schwule, trans Personen finden keine Erwähnung.


Aktueller Screenshot mit den Tipps der Webseite

Dass dieser Text dort so steht, irritiert auch deshalb, weil bereits vor fünf Jahren viel Kritik an ihm laut wurde. "Um die Heterosexuellen nicht zu provozieren, bittet ein Oktoberfest-Portal Schwule darum, sich besonders keusch zu verhalten", kritisierte etwa queer.de im September 2017. Die Kolleg*innen von "Mannschaft" bemängelten ein Jahr später, dass die "vermeintlich guten Tipps für Queers beim Oktoberfest" in ganzen zwölf Monaten immer noch nicht geändert wurden.

Wie queer.de bereits vor fünf Jahren schrieb, betreibt das für die Webseite verantwortliche "Wiesnteam" ("Die Freunde des Münchner Oktoberfest") auch die Webseite rosawiesn.de. Nach der neuesten Kritik hörte die Münchner "tz" von den Betreibern, dass man die Kritik nur bedingt verstehe, zumal der Text von dem schwulen Journalisten und Aktivisten Bernd Müller stamme. Dieser antwortete der Zeitung, dass er die Tipps mittlerweile zwar vorsichtiger formulieren würde, aber dabei bleiben würde: "Man kann sich auf der Wiesn nicht auf die Toleranz der Besucher verlassen!" Vor allem wenn Alkohol im Spiel sei, sinke die Hemmschwelle für Übergriffe.

Unklar bleibt, warum die Tipps nicht schon längst überarbeitet wurden. Bereits nach der ersten Kritik 2017 wurde der Text hingegen um einen umrahmten und bemerkenswert langen Disclaimer ergänzt, man habe "rege" Diskussionen um den Inhalt "zu Ohren bekommen" und freue sich über solche als "Grundlage einer bunten Gesellschaft". Leider fehle "mitten im Wiesngeschäft" die Zeit, darauf oder auf Medienanfragen zu reagieren. Alles sei "weder dringend noch tagesaktuell" und man könne ja auch die auf der Seite genutzten Links und Google nutzen.


Die Betreiber fanden in fünf Jahren keine Zeit für eine Überarbeitung der Tipps, aber für diesen Disclaimer

Teils mit und teils ohne Wissen der Vor- und Rahmengeschichte sorgen die Zurückhaltungs-Tipps an sich weiter für Kritik. "Nicht Männer, die sich küssen, sind das Problem. Sondern die, die sich daran stören!", schrieb etwa der Queer-Beauftragte Lehmann. "Leider hat diese Haltung Tradition beim Oktoberfest und wird seit Jahren kritisiert", betonte der LSVD Bayern. "Geändert hat sich im Jahr 2022 offenbar garnichts. Ein Armutszeugnis."

Die örtliche Grünen-Stadträtin Anja Berger sagte der "tz": "Ich halte die Tipps für völlig daneben und feindlich gegenüber der LGBTQ-Community". Sie selbst habe zudem die Wiesn "immer als sehr tolerant erlebt" und sehe das Fest verunglimpft: Niemand müsse dort seine Sexualität verbergen. Sie wolle prüfen lassen, ob die Stadt als Betreiber der Wiesn gegen die Seite vorgehen könne, die den Eindruck erwecke, ein offizielles Portal zu sein. Zudem überlege man Kampagnen, um die Sicherheit queerer Besucher*innen zu verstärken. Auch der offen schwule SPD-Stadtrat Christian Vorländer sagte der Zeitung, man solle besser auf Prävention setzen, als gefährdete Gruppen zur Zurückhaltung aufzurufen: "Ich will mich auf der Wiesn wegen meiner Sexualität doch nicht verstecken." (nb)



#1 TimnAnonym
#2 gastAnonym
  • 09.06.2022, 14:40h
  • Antidiskriminierungsgesetze ... nützen wenig in Bierzelten und auf großem Areal wo exzessiv Alkohol u. andere Dinge konsumiert werden.
    Diese Anzeige könnte man auch als Bitte um Selbstschutz verstehen. Bei einer etwaigen Auseinandersetzungen und Angriffen kann die Wiesnpolizei nicht überall sein. Es geschehen dort Übergriffe und Überfälle genug.
    Ich weiß nicht ob "politische Aufklärung" ein zertrümmertes Gesichtv wert ist, entstellt durch ein Wiesnbierglas o. andere Schlaggegenstände. Das muss jede und jeder für sich selbst entscheiden. Man kann auch von der Natur lernen. Lebewesen die wissen um ihre Vulnerabilität, verhalten, tarnen und schützen sich entsprechend gegen ihre Feinde.
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#3 nichtbinärePersonAnonym
#4 qwertzuiopüAnonym
  • 09.06.2022, 18:18h
  • Antwort auf #2 von gast
  • die Hinweise lesen sich definitiv nicht wie Tipps für den Selbstschutz, sondern als Anweisung um die anderen nicht zu stören.

    aber prinzipiell prima, dass Teile Deutschlands kulturell doch so offen sind, wenn sie sich mit den Scheichs von Katar auf ein gemeinsames Wording zum Thema Homosexualität in der Öffentlichkeit einigen können.
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#5 GreenAnonym
  • 09.06.2022, 18:44h
  • Antwort auf #2 von gast
  • Ja. Homosexuellen die in den Irak reisen sagt man auch: "Seid vorsichtig." Das ist keine "Täter Opfer Umkehr" sondern es rettet Leuten das Leben. Aber Manche möchten halt einfach lieber belogen werden um sich besser zu fühlen... Ich lebe lieber in der Realität. Denn die hohlt einen im Grunde immer ein.
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#6 KopfschüttelAnonym
#7 cujoAnonym
  • 09.06.2022, 22:02h
  • "Das Bierzelt ist jedenfalls nicht der richtige Ort, um den Menschen Begriffe wie 'Toleranz' und 'Gleichberechtigung' zu erklären." "

    Was für eine erbärmliche Selbstoffenbarung!
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#8 Uwe_RAnonym
  • 09.06.2022, 22:14h
  • Ist denn wirklich der Text das Problem?

    Man mag den Oberlehrerschreibstil des Textes mögen oder nicht. Wenn es auf dem Oktoberfest zu homophoben Ausfällen kommt, weil sich andere Gäste nicht benehmen können, sollte man das nicht unerwähnt lassen. Andererseits ist so ein Verhalten etwas, was mich leider nicht besonders überrascht.

    Es ist doch nicht der Text das Problem. Die vorgeschlagenen "Lösungen" mögen naiv sein und vielleicht moralisch falsch. Aber sie sind der Weg des geringsten Widerstandes um nicht anzuecken, was vielen schon genügt.

    Das eigentliche Problem besteht doch aber darin, dass es offensichtlich im Jahre 2022 noch immer ein gesellschaftsfähiges Kavalliersdelikt ist, Schwule abfällig zu behandeln.
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#9 nichtbinärePersonAnonym
  • 09.06.2022, 22:40h
  • Antwort auf #8 von Uwe_R
  • Aber selbstverständlich ist der Text ein Problem. Auf die Frage "Darf ich auf der Wiesn flirten?", die Heten niemals stellen würden, wird Schwulen klargemacht, dass ganz "generell eine gewisse Zurückhaltung gilt". Und was passiert, wenn man sich nicht zurückhält? Dann ist doch die Botschaft "Selbst schuld, wenn ihr angepöbelt oder angegriffen werdet".

    Also die ganz klassische Täter-Opfer-Umkehr, wie wir sie z.B. auch bei dem Vorwurf an Frauen kennen, sie hätten sich eben zu aufreizend angezogen, dann bräuchten sie sich ja nicht zu wundern, wenn sie sexuell belästigt oder vergewaltigt werden.

    Übrigens hat es in diesem Zusammenhang völlig egal zu sein, ob andere "Besucher" "sich über schwule Männerpaare freuen können". Selbst wenn sie sich nicht "freuen können" sollten, gibt ihnen das noch lange nicht die Berechtigung, die Schwulen anzugreifen. Ich greife ja auch nicht jeden körperlich an, über den ich mich "nicht freue".

    Auch höchst interessant ist ja die Aussage, männliches Personal dürfe nicht angeflirtet werden. Ja was machen denn bitte die Hetero-Männer mit all dem weiblichen Personal? Die Frauen gelten als vogelfrei und verfügbar für jegliche sexuelle Belästigungen?

    Ich kann @cujo hier nur zustimmen: das Ganze ist ein höchst erbärmlicher Offenbarungseid einer hetero-chauvinistischen Gesellschaft, die nicht mal bereit ist, den Versuch zu unternehmen, Diskriminierung und Gewalt zu unterbinden, sondern statt dessen den Schwulen (und teils im Text ja auch den Lesben) "empfiehlt", sich doch einfach mal mit dem Ausleben ihres Soseins zurückzuhalten, während den Heteros, vor allem den Hetero-Männern, selbstverständlich jede Übertretung erlaubt ist.

    Dass man das hier überhaupt noch erklären muss, gehört allerdings durchaus auch zu den "eigentlichen Problemen".
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#10 mesonightAnonym
  • 10.06.2022, 07:32h
  • Was wohl medial passieren würde, wenn man Juden darauf hinweist, bitte keine Kippa auf dem Oktoberfest zu tragen, natürlich nur zu ihrem eigenen Schutz? Ich habe es so satt, mir diese rotzfrechen Diskriminierungen anhören zu müssen und der ganze Mainstream toleriert sie noch, es findet kein Aufschrei statt, warum eigentlich?
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