https://queer.de/?42262
TV- und Streamingtipps
Seriennachschub mit queeren Figuren
Von "Irma Vep" über "The Rising" und "The Staircase" bis zu "How I Met Your Father" – wir empfehlen vier neue Serien, in denen ganz selbstverständlich und gelungen LGBTI-Charaktere mit dabei sind.

Szene aus "Irma Vep": Mira (Alicia Vikander, r.) unterhält sich mit ihrer Ex Lori (Adria Arjona) (Bild: Carole Bethuel / HBO)
- Von
10. Juni 2022, 05:15h - 5 Min.
Dass in Sachen Repräsentation und Gleichberechtigung noch immer viel Luft nach oben ist, kann niemand ernstlich bestreiten. Und doch zeigt der Blick auf die Serien- und Streaminglandschaft dieser Tage immer wieder: Es tut sich was. Queere Figuren gehören immer selbstverständlicher zum Serienpersonal von immer mehr Produktionen – und das nicht nur, wenn ihre Queerness auch im Mittelpunkt der Handlung steht. Wir stellen vier solcher neuen Serien vor.
Irma Vep
(8 Episoden, zu sehen bei Sky)
Als der französische Regisseur Olivier Assayas in den 1990er Jahren im gleichnamigen Kinofilm zum ersten Mal von Irma Vep erzählte, wurde queeres Begehren nur sehr unterschwellig verhandelt. Damals ging es um eine Schauspielerin (Maggie Cheung spielte sich quasi selbst), die nach Paris kommt, um mit einem französischen Regisseur (und einer lesbischen Kostümbildnerin) an einem Remake des Stummfilms "Die Vampire" zu arbeiten und darin die Hauptrolle Irma Vep zu übernehmen. Nun in der (ebenfalls von Assayas verantworteten) Fortführung als Serie geht es um einen von Alicia Vikander verkörperten bisexuellen Hollywoodstar namens Mira, der wiederum für einen französischen Regisseur in einem weiteren Remake die Irma-Vep-Rolle übernehmen soll.
Wer den Kultfilm von 1996 kennt, kommt hier in Sachen Meta-Bezüge voll auf seine Kosten. Aber auch sonst sind die zahllosen Anspielungen an andere von Assayas' Arbeiten oder überhaupt die internationale Filmbranche so originell wie kurzweilig. Und auch wenn Miras sexuelle Identität nicht im Fokus des Plots steht, spielt doch zumindest ihre nicht unkomplizierte Beziehung zur inzwischen mit einem Mann verheirateten Ex-Assistentin (Adria Arjona), die lange auch ihre Geliebte war, eine nicht unerhebliche Rolle. Zum Ensemble gehört übrigens – neben Lars Eidinger, Jeanne Balibar oder Vincent Lacoste – auch die queere Sleater-Kinney- und "Portlandia"-Ikone Carrie Brownstein!
The Rising
(8 Episoden, zu sehen bei Sky)

Neve (Clara Rugaard) verliebt sich in der Nacht ihres Todes in Alex (Nenda Neururer) i
Eine junge Frau wird in der britischen Provinz leblos aus dem Wasser gezogen, und es gilt die Person zu finden, die für ihren Tod verantwortlich ist. Auf den ersten Blick ist "The Rising" eine Krimiserie wie viele andere, doch ein paar Überraschungen hält dieses Quasi-Remake der belgischen Serie "Zimmer 108" durchaus bereit. Denn die 19-jährige Neve Kelly (Clara Rugaard) ist zwar gestorben, aber doch noch ihrer irdischen Existenz verhaftet. Sie bewegt sich – als Geist, wenn man so will – durch ihr bisheriges Leben und will, geplagt von Erinnerungslücken, unbedingt herausfinden, wer sie ermordet hat. Und weil einige Hinterbliebene, darunter ihr Vater sowie die coole Alex (die aus Österreich stammende Nenda Neururer), in die sich Neve just in der Nacht ihres Todes verknallt hat, die Verstorbene sehen und mit ihr kommunizieren können, sollen sie ihr dabei helfen.
Spannung, Atmosphäre, tolle schauspielerische Leistungen – es gibt viele gute Gründe, bei "The Rising" einzuschalten. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier gleich mehrere Figuren als nicht-heterosexuell gezeigt werden, ist definitiv einer davon. Und die trans Schauspielerin Rebecca Root ("Das Damengambit") als Polizeiermittlerin zu sehen, ist eine besondere Freude.
The Staircase
(8 Episoden, zu sehen bei Sky)

Michael Peterson (Colin Firth), dessen Ehefrau tot aufgefunden wird, hatte regelmäßig Sex mit Männern (Bild: Sky)
Das True-Crime-Genre boomt, nichts ist in Serienform gerade so beliebt wie reale Kriminalfälle. "The Staircase" handelt nun, basierend auf der Doku-Reihe "The Staircase – Tod auf der Treppe" (verfügbar bei Netflix), vom Fall des Schriftstellers Michael Peterson (Colin Firth), dessen zweite Ehefrau Kathleen (Toni Collette) eines Dezemberabends 2001 tot und blutüberströmt am Fuß der Treppe ihres Hauses in North Carolina liegt. Bei Polizei und Staatsanwaltschaft ist man schnell hellhörig, denn nach einem Unfall sieht die Sache irgendwie nicht aus, und die Pathologin hält es zumindest für möglich, dass einige Verletzung auch durch Prügel oder Würgen entstanden sein könnten.
Ausführlich werden in der Serie von Regisseur Antonio Campos die familiären Zusammenhänge beleuchtet, die langjährigen Ermittlungen und Prozesse aufgerollt und natürlich alle Unfall- genauso wie Mordtheorien thematisiert. Einer von vielen Knackpunkten dabei ist die Tatsache, dass Peterson auch regelmäßig Sex mit Männern hatte. Ob allerdings mit oder ohne Wissen seiner Frau, versuchen Staatsanwaltschaft und Verteidigung höchst unterschiedlich darzustellen. Dass "The Staircase" darüber nie reißerisch wird und immer Raum für Ambivalenzen lässt, ist bemerkenswert. Doch der größte Trumpf sind hier die Meisterleistungen von Firth und Collette in den Hauptrollen sowie sehenswerte Nebendarsteller*innen wie Parker Posey, Patrick Schwarzenegger oder Juliette Binoche.
How I Met Your Father
(10 Episoden, zu sehen bei Disney+)

Die queere Komikerin Tien Tran spielt die lesbische Ellen (Bild: Patrick Wymore / Hulu)
Neun Staffeln lang war "How I Met Your Mother" eine der erfolgreichsten Sitcoms der Welt – und dabei eine sehr weiße und sehr heterosexuelle Angelegenheit (trotz Neil Patrick Harris in einer der Hauptrollen). Acht Jahre nach ihrem Ende gibt es nun doch noch ein Spin-Off, und zumindest in Sachen Diversität ist man hier mit der Zeit gegangen. Ein Großteil des Casts von "How I Met Your Father", wo es dieses Mal um die New Yorker Fotografin Sophie (Hillary Duff), ihren Freundeskreis und die Männer in ihrem Leben geht, besteht dieses Mal aus People of Color, und mit Ellen (gespielt von der offen queeren Komikerin Tien Tran) ist eine der Protagonistinnen auch queer.
Schade nur, dass die Serie ansonsten im Gestern festzuhängen scheint. Visuell kommt das Ganze eher altbacken herüber, während ein Großteil der Gags lahm und handzahm daherkommt. Dass es dazu auch noch Lacher aus der Konserve eingespielt werden, verstärkt den piefig-altmodischen Eindruck nur noch mehr. Da ist selbst Kim Cattrall machtlos, die als Sophie im Jahr 2050 die Erzählerin der Geschichte – und anders als damals Bob Saget nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen ist.
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
18:30h, 3sat:
Museums-Check mit Markus Brock
Folge 89: Landesmuseum, Mainz – Zu Gast ist diesmal die Journalistin Petra Gerster, eine der Ersten, die im Fernsehen genderte.
Magazin, D 2026- 2 weitere TV-Tipps »















