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"Tatort" über linke FLINTA-Szene

Idee gut, Welt noch nicht bereit

Der "Tatort" nimmt es am Sonntag mit linksradikalen FLINTA-Kreisen Hamburgs auf, ermittelt nach echtem Vorbild verdeckt und tauscht lesbische Zärtlichkeiten aus. Der politischen Brisanz aber wird er nicht gerecht.


Jetzt auch in bisexuell: "Tatort"-Ermittlerin Julia Grosz (Franziska Weisz, li.) mit verflossener Liebe Ela (Elisabeth Hofmann) (Bild: NDR / O-Young Kwon)

Die Polizei ist faschistisch, sexistisch, rassistisch und hat ein riesiges strukturelles Gewaltproblem! Das zumindest meint Nana (Gina Haller) aus dem feministischen Hamburger Hausprojekt "Attacke". Eigentlich eine in linksradikalen Kreisen nicht unbedingt kontroverse Haltung – würde Nana das nicht ausgerechnet sagen, wenn es darum geht, einen Brandanschlag auf das Privathaus eines Polizisten zu rechtfertigen, bei dem dessen Frau ums Leben gekommen ist. Deren Tod nämlich nimmt Nana schulterzuckend hin – für die Sache.

Queere und Schwarze Repräsentation?

Die Sache ist natürlich der Sturz von rassistischem Patriarchat und Kapitalismus, hier verkörpert in den Hüter*innen dieser Institutionen menschlichen Daseins, der Polizei. Mit ihren "Werten" jedoch sei das "nicht vereinbar", stammelt daraufhin Mitbewohnerin Maike (Jana Julia Roth) – und es klingt so hölzern wie so viele Versuche dieses Hamburger "Tatorts", die linksradikale "FLINTA-Szene" gleichzeitig atmosphärisch einzufangen und sie den Zuschauer*innen aus Pinneberg mit der HSV-Fahne im Garten noch zu erklären ("Frauen, Lesben, Inter, Nichtbinäre..."). Denn bei der Unterhaltung für und wider das Ermorden von Polizist*innen-Ehefrauen dabei sind wir nur, weil Julia Grosz (Franziska Weisz) es ist – als verdeckte Ermittlerin der Bundespolizei.

Die darf sich nicht nur von Nana auf eine Weise herumschubsen lassen, wie es in den entsprechenden Kreisen niemals geduldet würde. Sie wird von ihr auch noch unter Druck gesetzt, beim Feiern Speed zu konsumieren, geküsst, ohne gefragt zu werden, und überhaupt in allerlei illegale linksradikale Aktivitäten und Leidenschaften des Herzens hineingezogen, ohne je die Chance zu kriegen, mitzuentscheiden. Zwischendurch grölen Slime ihr legendäres "Legal, illegal, scheißegal" aus dem immer wieder punkigen Soundtrack-Off.


Als verdeckte Ermittlerin darf Julia Grosz (re.) eigentlich keine Straftaten begehen. Doch bei Genossin Nanas (li.) Temperament hat sie "leider" keine Wahl (Bild: NDR / O-Young Kwon)

In die linke Szene geraten ist sie dabei nur deshalb, weil eine alte Liebschaft von ihr, Ela (Elisabeth Hofmann), ihrerseits als verdeckte Ermittlerin, plötzlich, mit einem letzten SOS-Signal, vom Radar verschwunden ist. Und in der sich entfaltenden Story in Abwesenheit mehr und mehr den Eindruck erzeugt, unter den Argumenten der FLINTA-Genoss*innen die Seiten gewechselt zu haben.

Das für die Produktion verantwortliche Team und der NDR loben sich, für die Folge die "Inclusion Rider"-Vertragsklausel angewandt zu haben, derzufolge 15 Prozent von Team und Besetzung aus BIPoCs, weitere 10 Prozent aus anderen marginalisierten Gruppen bestehen müssen. So wechselt ein Schwarzer Polizist in den Vertretungseinsatz und darf auch kurz was dazu sagen, wie schlecht er von den Kolleg*innen behandelt worden ist. Der Grund aber, Rassismus, will ihm nicht über die Lippen. Wir sollen ihn uns dazudenken.

So gibt es noch Denkwürdigkeiten über Widerstandsbeamte, die die Opfer ihrer Prügelattacken auch noch anzeigen, sowie Einblicke in die einander deckenden Korpsstrukturen einer Polizei, in deren Amtsstube trotzdem auch mal ein Aufkleber gegen Homophobie hängen kann. Und, na klar, es gibt lesbische Küsse und bisexuelles Hin und Her zu erleben, das schlussendlich zum weißen, patriarchalen Mann als von Kontroll- und Eifersucht getriebenen Oberschurken führt. Also alles gut bei der queeren und Schwarzen Repräsentation im "Tatort"-Universum?

Was ist mit Iris P. und Maria B.?

Leider nein. Denn den verdeckten lesbischen Einsatz in linken Kreisen hat es in Hamburg im Umfeld der Roten Flora wirklich gegeben. Die Einschleusungen haben sich dabei über Jahre hingezogen. Doch im Krimi wird daraus ein Einsatz unter Zeitdruck, ohne Verschnaufpause und über wenige Tage – zur Lebensrettung einer Kollegin. Die Verletzungen aber, die bei den zum Vorbild genommenen verdeckten Ermittlungen und unter Lügen und Manipulationen zustande gekommenen sexuellen Beziehungen entstanden sind, waren echt. Die Frage danach, was Gefühle und was nur gespielt war, dürfte die betrogenen FLINTAs bis heute heimsuchen.

Da nutzt es wenig, wenn der Sonntagskrimi die Vermittlung zwischen queerfeministischen Aktivist*innen und angelinksten Hamburger Bundespolizei-Cops zulasten der "wirklich" bösen Jungs in Uniform sucht und die Fernseh-Zuschauer*innen sogar mit Sympathiegefühlen für Bilder konfrontiert, in denen die enttarnte Kommissarin von den durch sie Betrogenen und Ausspionierten eine zünftige Abreibung bekommt. Die Idee war, könnte man einen nicht im Film laufenden Song zitierend sagen, gut, doch die Welt noch nicht bereit. Oder so.

Denn während die echten verdeckten Ermittlerinnen in der Hamburger Szene, Iris P. und Maria B., sich für ihre Übergriffigkeiten gegenüber den queeren Opfern ihrer Tätigkeit nie rechtfertigen mussten, federt die Figur der Nana die darin steckende moralische Fallhöhe mit irritierender Leichtigkeit ab. Schon die Eröffnungsszene ist von ihrem sexuell grenzverletzenden Verhalten geprägt, das im Film aber nie als solches explizit benannt oder problematisiert, dafür aber stellenweise sogar romantisiert wird.

Als Karikatur der wütenden Schwarzen Frau und Feministin tänzelt Nana lebenskünstlerisch über die Abgründe eines Lebens im Widerstand und treibt dadurch den Plot voran, ihre Genoss*innen komischerweise jedoch nicht in den Wahnsinn. Bei ihrem leidenschaftlichen Treiben entwertet sie so all das ja wirklich stattfindende Ringen der radikalfeministischen und lesbisch-queeren Community um den Stellenwert von Einvernehmlichkeit und dem berüchtigten "Nein" – eben auch dann, wenn gerade kein weißer cis Mann zugegen ist, der sich für die Rolle des Schuldigen anbietet.

Der aber taucht im Hamburger "Tatort" gerade noch rechtzeitig als Zerrbild des strahlenden, geharnischten Helden zur Rettung der holden Maid auf – dergestalt, dass hier zwar die Frauen am Ende tot, die einfältigen moralischen Koordinaten dafür aber, puh, noch intakt sind. Perfekt, wenn man nach dem "Tatort: Schattenleben" (Sonntag, 20.15, ARD) um 10 ins Bett und Montagfrüh pünktlich zur Arbeit möchte. Allerdings ohne einen echten Einblick in die Lebenswelten und Zwischentöne der durchleuchteten Szene oder lesbisch-feministische Konfliktfelder erhalten zu haben.

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Queere TV-Tipps
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#1 Pride
  • 11.06.2022, 16:10h...
  • Ich glaub' nicht, dass es je einen progressiven "Tatort" gegeben hat, sondern dass es immer darum ging, Vorurteile zu festigen oder neue zusammen zu schustern und Gesellschaftskritik ihre Brisanz zu rauben.
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#2 Ith_Anonym
  • 11.06.2022, 20:24h
  • Wenn ich da an den Fall denke, in dem der Täter ein Schizophrener gewesen ist, bei dem von den unsichtbaren/imaginierten Gesprächspartnern bis zum schlussendlich extrem dramatischen Psychose-Selbstmord einfach JEDES einzelne Klischee abgegrast wurde, scheinen sie sich für ihre Verhältnisse hier sogar Mühe gegeben zu haben.

    Tatort ist Fremdschämen, sobald es um irgendein Thema geht, mit dem man praktisch zu tun hat oder sich auskennt.

    Highlight war für mich persönlich damals der "hochexplosive" Stickstoff in Erlenmeyerkolben ^^
    (Stickstoff ist so wenig reaktiv, dass er in vielen Reaktionen als Inert-Gas verwendet wird). Die Folge ist lange her, aber in meiner Welt hat sie Standards gesetzt. Man fragt sich, ob es Absicht ist.
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#3 Schon
  • 13.06.2022, 06:58hFürth
  • Ich habe den Tatort gestern gesehen. Ok, es war keine Doku, aber den Anspruch hat Tatort nie gehabt. Es ist Unterhaltung und irgend jemand wird am Anfang ermordet (normalerweise).
    Mir hat der Tatort gefallen, weil er mal nicht wie sonst Pflicht, eine Rotlicht/Prostituiertenszene und eine CIS-Bettszene hatte. Der Tatort kam ohne aus.
    Ich kenne mich mit den Szenen wie Rote Flora nicht aus, aber ich hatte auch keinen Gedanken, vom Tatort darüber ansatzweise informiert zu werden.
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