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Kunst
Polynesische Queerness für Gauguin
Um Paul Gauguin ist eine Debatte entbrannt. Die trans Künstlerin Yuki Kihara schlägt eine Neuinterpretation seines Werkes vor – das Beispiel könnte in anderen postkolonialen Auseinandersetzungen Schule machen.

Szene aus Yuki Kiharas Video "First Impressions: Paul Gauguin", 2018 (Bild: Courtesy of Yuki Kihara and Milford Galleries, Aotearoa New Zealand)
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12. Juni 2022, 05:05h 4 Min.
Nur wenige hatten einen so großen Einfluss auf die Kunst des 19. Jahrhunderts wie Paul Gauguin. Als Wegbereiter des Expressionismus fällt ihm in der Kunstgeschichte eine Schlüsselrolle zu. Vor allem jene farbsatten Bilder, in denen er die Südsee zum Sehnsuchtsort verklärte, wurden Teil des globalen Kulturerbes.
Sich selbst inszenierte Gauguin als Vermittler zwischen den Kulturen, sah sich als Seelenverwandter der indigenen Bevölkerung wie auch als Kritiker des Kolonialismus. Die Realität war indes voller Grauschattierungen und Widersprüchlichkeiten.
Ein Leben auf Kosten der Einheimischen
Tatsächlich wurde Gauguin selbst zum Teil der kolonialen Bewegung, die er gleichwohl heftig attackierte. Er ließ sich auf Tahiti nieder, lebte seine Utopie vom Südseeparadies auf Kosten der Einheimischen und eignete sich ihre Kultur an, nicht ohne sie zu verfremden und zu Zwecken der Manipulation einzusetzen. Manche Motive von ihm zählen längst zur weltumspannnenden Popkultur. Sie prägen sie bis heute das Bild von der ozeanischen Inselregion und sind auf zahlreichen Merchandisingprodukten Polynesiens abgebildet.
Als problematisch gilt vor allem Gauguins patriarchales Auftreten. Er pflegte Beziehungen zu indigenen Mädchen, die von ihm geschwängert wurden, als sie knapp die Schwelle zur Geschlechtsreife erreicht hatten. Da war er bereits über vierzig. Lange ließ man ihm das als Freiheit des Künstlers durchgehen.
Nun kommt es allerdings, wie es irgendwann kommen musste: Der Altmeister wird nach allen Regeln der Kunst zerpflückt.
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Gauguin aus der Perspektive indigener Queerness neu interpretiert

Yuki Kihara (Bild: privat)
Am meisten Aufmerksamkeit hat damit die samoanische trans Künstlerin Yuki Kihara erregt, die Gauguin aus der Perspektive indigener Queerness neu interpretiert: kritisch und souverän, frei von Ressentiments, durchaus respektvoll gegenüber der künstlerischen Leistung Gauguins – und vor allem mit viel Humor.
Die 1975 geborene Kihara hat sich durch ihre Beschäftigung mit Gauguin in der Kunstwelt bereits international einen Namen gemacht und ist derzeit gleich zweimal zu sehen. In einer aktuellen Ausstellung der Berliner Alten Nationalgalerie (noch bis 10. Juli 2022) werden ausgewählte Werke Gauguins einer Videoarbeit von ihr und Werken anderer zeitgenössischer Künstlerinnen gegenübergestellt. Und auf der Biennale von Venedig (bis 27. November 2022) wird Kihara im offiziellen Beitrag Neuseelands als alleinige Künstlerin präsentiert.
Kulturelle Wiederaneignung im TV-Format
Kiharas Videoarbeit "First Impressions" ist eine Versuchsanordnung als TV-Show, die tatsächlich im Fernsehen in Samoa ausgestrahlt wurde – und hohe Einschaltquoten erzielte. In der Sendung wird fünf Angehörigen der queeren Community über fünf Episoden hinweg jeweils ein Bild von Gauguin gezeigt. Die Moderatorin Anastasia Vancouver Stanley fordert zu Beginn dazu auf, erste Eindrücke und Assoziationen zu schildern, wie etwa zu Gauguins 1894 entstandenem Werk "Arearea no varua ino" (Die Vergnügungen des Bösen Geistes).

Gauguins Werk "Arearea no varua ino aus dem Jahr 1894
Ihre polynesischen Gäste, allesamt gegenüber Kunst völlig unbedarft, plaudern munter drauf los und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund:
"Die beiden Jungs im Hintergrund sind schwul und mit den beiden Frauen verheiratet, die wiederum eine Affäre miteinander haben."
"Eigentlich denke ich, das die beiden Jungs Heteros sind. Sie treiben es dennoch miteinander, nur um sich zu vergnügen."
Die Einfälle überschlagen sich. Die Unterhaltung gerät zur kulturellen Wiederaneignung, die nicht nur äußerst vergnüglich, sondern mitunter auch hintergründig ist. Gauguin wird dabei entlarvt, aber nicht in seinem gesamten Schaffen gebrandmarkt.
Gauguin selbst wurde für queer gehalten
Aus dieser Perspektive lassen sich bei Gauguin nun erstmals auch Figuren identifizieren, die möglicherweise ein queeres Lebenskonzept aus der präkolonialen Zeit verkörpern: Māhū oder Fa'afafine waren gesellschaftlich integrierte Menschen "nach Art einer Frau aufgewachsen, aber als Mann geboren" – in selteneren Fällen auch umgekehrt. Ihnen wurden spirituelle Gaben von mehreren Geschlechtern zugeschrieben. Erst die christlichen Missionare wollten dem ein Ende setzen und säten in der Bevölkerung Misstrauen, das der queeren Gemeinschaft bis heute Probleme bereitet. Gauguin selbst wurde mit seiner auffälligen Kleidung und seiner Langhaarfrisur fälschlicherweise für einen Māhū gehalten.
Auf Gauguins künstlerische Bedeutung lässt Kihara jedenfalls nichts kommen, auch wenn sie sich in der Debatte darüber, ob man den Künstler noch ausstellen solle, "gespalten" fühle und darauf "keine eindeutige Antwort" geben könne. In einem Interview mit dem Magazin "monopol" betonte sie, sie finde "nichts Falsches daran, seine Werke zu betrachten und sie sogar zu schätzen. Die Farben und Formen seiner Bilder haben auch Kraft. Und wenn wir Gauguin canceln, vergessen wir seine zentrale Bedeutung im Kolonialismus". Zumindest für Kihara war er eine Inspiration, um tiefer in die Kultur und Geschichte ihrer Region einzutauchen.
In der Gegenüberstellung von Gauguins Werken mit zeitgenössischer Kunst ist in diesem Fall eine überzeugende Lösung gefunden worden: Aus der Kunstgeschichte wird nichts ausradiert, es wird nur etwas hinzugefügt. Und dennoch kommt in dieser Ausstellung niemand darum herum, sich kritischen Fragen zu stellen.
Das Beispiel könnte auch in anderen postkolonialen Debatten Schule machen.
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1. Jeder Mensch, der sich auf "kulturelle Werke (Bildende Kunst, Performance Art, Musik or whatever) einlässt, macht sie sich auf ganz persönliche Weise zueigen, auf der Basis seines Ist-Zustandes. Dabei kann die persönliche Interpretation von möglichen Intentionen derjenigen, die diese Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben, abweichen (graduell bis sehr stark).
2. Menschen, die kreativ sind, lassen sich in den allermeisten Fällen inspirieren, wenn ihnen etwas gefällt oder sie sogar eine innerliche Verbundenheit (the same vibe) spüren. Ich kenne keinen kreativen Menschen in meinem Umfeld, der nicht Inspirationen im Prozess seines kreativen Handelns zulässt (egal, woher dieser Mensch stammt).
Über Paul Gauguin möchte ich nichts schreiben, da ich weder mit Werk noch Person vertraut genug bin.