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Katholische Kirche

Ex-Generalvikar spricht Klartext: "Ich muss raus aus dieser Kirche"

Mit Andreas Sturm trat ein ranghoher Geistlicher im Mai aus der katholischen Kirche aus. Was ihn zu diesem Schritt getrieben hat, erklärt er in einem neuen Buch – der Umgang mit Lesben und Schwulen gehört dazu.


Andreas Sturm war über vier Jahre Generalvikar des Bistums Speyer (Bild: Bistum Speyer)
  • Von Wolfgang Jung, dpa
    13. Juni 2022, 02:41h 13 5 Min.

Am Ende fehlte Generalvikar Andreas Sturm schlicht die Hoffnung. Er habe keine Zuversicht mehr in die Reformfähigkeit der römisch-katholischen Kirche, sagte der ranghohe Geistliche in Speyer – und trat in einem drastischen Schritt aus der Kirche aus.

Sturms Entscheidung erschütterte vor wenigen Wochen das Bistum in der pfälzischen Domstadt. Von einem "gewaltigen Schock" spricht Bischof Karl-Heinz Wiesemann. Ob die schleppende Aufarbeitung des Missbrauchsskandals, das lähmende Innenleben der Institution Kirche – oder die Sehnsucht nach einer Familie: Nur Sturm weiß, was ihn am Ende getrieben hat. Über seine Motive gibt ein Buch nun Auskunft.

"Ich muss raus aus dieser Kirche" (Amazon-Affiliate-Link ), heißt das Werk, das in diesen Tagen im Verlag Herder erscheint. Darin beschreibt der 47-Jährige seinen Werdegang vom überzeugten Geistlichen zum Zweifler. "Eigentlich ist es mir erst heute im Rückblick klar, dass es ein langer Weg der Entfremdung war", meint Sturm unter anderem. Das Buch solle auch zeigen, wie sehr er noch an der Kirche hänge und dass er ihr alles Gute wünsche. "Nur ohne mich."

Fahrstühle segnen, aber keine Homosexuellen?

Der Schritt verdeutlicht die Krise der Kirche. Ein Beispiel: Während beim Katholikentag in Münster 2018 noch 50 000 Dauerteilnehmer*innen dabei waren, waren es jüngst in Stuttgart 19 000. Die Missbrauchsskandale erschüttern die Kirche immer noch in ihren Grundfesten, ebenso wie der Reformstau, die massenhafte Abkehr und der Bedeutungsverlust der Institution. Heute gehört nur noch eine Minderheit – weniger als die Hälfte der Bevölkerung – einer der beiden Großkirchen an.

Sturm galt im Bistum als Reformer. Als der Vatikan sich gegen die Segnung homosexueller Partnerschaften aussprach, stellte sich der damalige Generalvikar öffentlich dagegen: "Ich habe Wohnungen, Autos, Fahrstühle, unzählige Rosenkränze und so weiter gesegnet und soll zwei Menschen nicht segnen können, die sich lieben? Das kann nicht Gottes Wille sein." #OutInChurch bedauerte öffentlich den Austritt des "Hoffnungsträgers" (queer.de berichtete). Sturm beklagte auch die Diskriminierung von Frauen.

Doch ob das Verhältnis zu Frauen oder zu Homosexuellen: "Das sind weltkirchlich noch immer keine Themen", kritisiert Andreas Sturm in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Er habe nicht den Eindruck, dass der Vatikan wirklich Verständnis habe für die aktuelle Situation. "Solange Rom glaubt, es müsse alles überall wie eine Art Konzernzentrale steuern, denke ich nicht, dass sich etwas ändert."

Für Kirchenexperte ist Austritt ein "Paukenschlag"


"Ich muss raus aus dieser Kirche" erscheint am 15. Juni 2022 im Verlag Herder

Sturm ist ausgetreten – und gleichzeitig der Altkatholischen Kirche beigetreten, für die er künftig als Priester am Bodensee arbeitet. Die Altkatholische Kirche entstand nach den Entscheidungen des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870, wonach der Papst die oberste rechtliche Gewalt in der katholischen Kirche ausübt und in Fragen des Glaubens unfehlbar ist. Das Bistum der Altkatholiken in Deutschland umfasst rund 60 Gemeinden in nahezu allen Bundesländern.

Der Kirchenexperte und Buchautor Andreas Püttmann ("Wie katholisch ist Deutschland… und was hat es davon?") nennt es einen "Paukenschlag", dass ein ranghoher Geistlicher nicht nur sein Amt aufgibt, sondern auch in eine andere Kirche eintritt und zur Begründung ein Buch schreibt. "Dieser beispiellose Vorgang zeigt, was die Stunde geschlagen hat für die katholische Kirche in der modernen, liberalen Gesellschaft." Für die Altkatholische Kirche sei der prominente Übertritt "ein Coup", meint er. "Viele frustrierte Katholiken haben sie als Alternative gar nicht auf dem Schirm."

Aus Sturms Worten sei erkennbar, dass es sich um einen lange gereiften Entschluss handele, sagt Püttmann. "Er bleibt differenziert und drückt auch Dankbarkeit, ja sogar Liebe zu seiner bisherigen Berufung aus. Man müsste schon ein Herz aus Stein haben, um da einfach die Nase über einen sogenannten Abtrünnigen zu rümpfen."

Immer wieder "mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen"

"Ich muss raus aus dieser Kirche, in der Missbrauchstäter viel zu lange ihre Verbrechen durchführen konnten und gedeckt wurden", schreibt Sturm im Buch. "Ich muss raus aus dieser Kirche, in der Frauen nicht geweiht werden, weil wir ihre Berufung schlicht negieren und eine Weihe als unmöglich ablehnen." Raus aus einer Kirche, in der Priester nicht heiraten dürften. Sturm räumt einen Bruch des Zölibats ein. "Es gab in meinem Leben Beziehungen, und ich weiß leider nur zu gut, wie sehr ich durch Heimlichtuerei Menschen verletzt habe."

Als Priester komme man oft mit vielen Eindrücken nach Hause, und da sei dann niemand, sagt Sturm. "Da ist viel Einsamkeit. Mir ist es nicht gelungen, das immer allein im Gebet aufzufangen." Für die Zukunft wolle er in Richtung Familie nichts ausschließen. "Ich gehe derzeit nicht in die aktive Planung. Aber ich glaube, ich könnte glücklicher werden mit einer Partnerin an meiner Seite."

Der in Frankenthal (Pfalz) geborene Sturm war mehr als vier Jahre lang Generalvikar. Immer wieder sei er bei Reformbemühungen "mit dem Kopf gegen die Wand gelaufen", erzählt er. "Irgendwann ist Ihnen ihr Kopf zu schade." Sein Buch sei keine Abrechnung mit der katholischen Kirche. "Ich verdanke ihr viel. Was ich will: den riesigen Reformstau aufzeigen." Er bereue den Schritt nicht, betone aber auch: "Ich bitte alle um Verzeihung, die ich durch diesen Schritt enttäusche, verletze und verärgere – ich hatte einfach keine Kraft mehr."

Überflüssig sei Kirche nicht, meint Sturm. "Wir haben der Welt viel zu sagen. Die Botschaft ist toll und immer noch notwendig." Die römisch-katholische Kirche müsse sich aber dringend um jene Themen kümmern, "die man eigentlich sehr schnell klären" müsste. "Dann können Kirchen wieder Strahlkraft entwickeln." Das sei ihm am Ende in Speyer nicht mehr möglich gewesen. "Ich dachte, ich spiele eine Schallplatte ab. Aber wenn ich beim Predigen eher eine Rolle spiele, muss ich gehen. Ich will das mit heißem Herzen tun – und keine Show."

Infos zum Buch

Andreas Sturm: Ich muss raus aus dieser Kirche. Weil ich Mensch bleiben will. Ein Generalvikar spricht Klartext. 192 Seiten. Verlag Herder. Freiburg 2022. Gebundene Ausgabe: 18 Euro (ISBN 978-3-451-03398-8). E-Book: 13,99 €

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-w-

#1 FredinbkkkkAnonym
  • 13.06.2022, 08:41h
  • einerseits ein verstaendlicher Schritt...
    aber andererseits glaubt der gute Mann immernoch an einen allmaechtigen,liebenden Gott ueber den Wolken,der sich bei Kriegen,Vulkanausbruechen,Erdbeben Tsunamis und jedlichen Verbrechen besonders an Kindern weltweit raushaelt ohne durch einen fingerschnipp ..dank seiner Allmacht ..beschuetzend einzugreiffen ????....
    und immernoch koennen fuer ihn Schlangen sprechen ,und ein Herr Jesus nach seiner Ermordung nach dem Plan seines goettlichen Vaters....als auferstandenen Zombi durch die Gegend so laufen um dann sichtbar in den Himmel zu fliegen ????

    ich freu mich fuer jeden realistischen denkenden Menschen der solchen Humbug von seiner "eingebrannten" Festplatte fuer immer loeschen kann...
    mit denen welche das nicht schaffen empfinde ich nur Mitleid....
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#2 hugoAnonym
  • 13.06.2022, 09:59h
  • Nun, der Herr Sturm hat ja nur die wunden Punkte in der verkrusteten Hirarchie aufgezeigt.
    Solange das System auf Lüge und Vertuschung aufgebaut ist, wird sich nicht viel ändern!
    Die einzige Chance, die die Kirchen noch haben, ist,, weniger katholisch oder evangelisch, sondern mehr christlich zu sein.
    Beachtet das Gebot der Bergpredigt:
    "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst".
    Wenn die Liebe zum Mitmenschen wieder als Richtschnur für die Regeln der Glaubensgemeinschaft steht und der Mensch, wie es Jesus ja formuliert hat, erübrigen sich all die, zum Teil perversen und unlogischen Dogmen und Rituale!
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#3 Ith_Anonym
  • 13.06.2022, 11:42h
  • Erst vor wenigen Wochen ausgetreten und in den nächsten Tagen kommt dann das Buch heraus, obendrein noch als Verlagstitel?
    (Ich habe es nachgeschlagen, ziemlich genau EIN Monat dazwischen, Austritt 13.05., Buchveröffentlichung 15.06.22)

    Ja, gut. Ich sage nicht, dass es vollkommen unmöglich ist, in wenigen Wochen ein Buch zu schreiben und herauszubringen, wenn der Verlag extrem viel Support leistet und da keinerlei(!) Verzögerungen oder Wartezeiten auftreten. Sagen wir 14 Tage für die 192 Seiten, in denen man nix anderes macht (also außer die Interviews und Stellungnahmen an die Presse zwecks Austritt und den Papierkram), dann eine Woche Einreichen beim Verlag, der sofort rief "oh, ein bekannter Name, das Manuskript lese ich heute noch, angenommen ist es jetzt schon, ich schicke es sofort ans gesamte Team weiter".
    Für Verhandlungen mit mehreren Verlagen übers Manuskript war dementsprechend keine Zeit, es wurde also exakt 1 Verlag angeschrieben, denn die Woche, um Konditionen abzuwgen etc. hatte man ja nicht.
    Korrektorat und Lektorat werden dann zackig übers Wochenende erledigt, innerhalb der Folgewoche werden Coverdesign und Satz abgeschlossen und parallel wird bereits die Werbekampagne geplant, also Zeitungen kontaktiert und sowas alles. Und das alles trotz langem Pfingstwochenende dazwischen.
    Also, wenn sozusagen der Verlag wirklich 100% priorisierend arbeitet und im ganzen Prozess niemand im Urlaub ist oder mal nen Tag länger braucht... immer noch unwahrscheinlich, aber ok, vielleicht. Wenn ich allerdings an nur halbwegs "normale" Abläufe denke: Wenigstens ein halbes Jahr bei VÖ über einen Verlag, und selbst DAS rechnet dann schon eine gehörige Priorisierung dank Status mit ein.
    Lügen dürfte auch bei den Altkatholiken eine Sünde sein, rein theoretisch, in dem Sinne könnte man sich mal überlegen, ob man nicht zugeben möchte, dass der Austritt samt optimaler Vermarktung nicht schon eine Weile ziemlich genau so geplant worden sein dürfte. Nicht direkt nach Weihnachten oder Ostern, aber noch vor der Sommerpause, in der's niemand mitbekommt, weil alle im Urlaub.

    Nix gegen optimiertes Marketing, wenn es gegen die Katholiken geht und damit etwas mehr Publicity bringt - gegönnt sei ihm der Profit in dem Sinne, wenn dadurch Menschen mit dem Content erreicht werden. Aber wer den Austritt in so einer Weise vermarktet, braucht sich über Konzern-Attitüde und finanzielle Interessen über ein gewisses Maß hinaus dann eigentlich auch nicht beschweren.

    Wer Moral und Anstand gehabt hätte, wäre dem Verein gar nicht erst beigetreten und hätte darin nicht so eine Position erreicht. Die angesprochenen Probleme gab es auch vor 20 Jahren alle schon. Und zwar genau. so.
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