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Wegen Stigmatisierung

WHO plant Affenpocken-Umbenennung

Der Name der Affenpocken ist nicht nur wissenschaftlich fragwürdig, er leistet auch Stigmatisierung Vorschub. Wissenschaftler*innen wollen es umbenennen – die Weltgesundheitsorganisation schließt sich an.


Die Weltgesundheitsorganisation sieht Probleme im Kampf gegen das Affenpockenvirus, wenn es weiterhin so heißt (Bild: Guilhem Vellut / flickr)
  • 17. Juni 2022, 13:16h, noch kein Kommentar

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berät gegenwärtig darüber, das Affenpockenvirus und die damit verbundene Erkrankung umzubenennen. Das erklärte der Generaldirektor der Organisation, Tedros Adhanom Ghebreyesus, am Dienstag bei einer Pressekonferenz zu Covid 19 und anderen globalen Gesundheitsproblemen.

Im laufenden Jahr zählt die Weltgesundheitsorganisation 1.600 bestätigte sowie 1.500 Verdachtsfälle von Infektionen mit dem Virus, das zwar zuerst bei Affen dokumentiert worden ist, diese aber nur eher selten befällt. Die eigentlichen Hauptwirte sind Nagetiere, von denen das Virus nur selten auf dem Menschen übergesprungen ist.

Kontroverse um Affenpocken auch in Deutschland

Die WHO arbeite mit Partner*innen und Expert*innen von überall auf der Welt daran, den Namen des Affenpocken-Virus, seiner Unterstämme und der durch sie hervorgerufenen Krankheit zu ändern, so Ghebreyesus, der selber Biologe und Immunologe ist und früher auch verschiedene Ministerämter in Äthiopien inne hatte: "Wir werden über die neuen Namen so bald wie möglich Ankündigungen machen".

Eine Änderung des wissenschaftlichen Namens würde auch bedeuten, dass das Wort "Affenpocken" allmählich aus der Berichterstattung verschwindet, ähnlich wie zunächst nach ihrem ersten Entdeckungsort benannte Mutanten des Coronavirus.

Das Virus ist in einigen Staaten Zentral- und Westafrikas seit Langem in der Tierwelt endemisch – von der demokratischen Republik Kongo bis hin zu Sierra Leone in Westafrika. Doch mit Erkrankungen, die in den vergangenen Wochen bei Menschen und außerhalb dieser Region festgestellt worden sind, hat das Virus international große Aufmerksamkeit auf sich gezogen – 64 Jahre nach seiner Entdeckung im Jahr 1958 bei Laboraffen.

Dabei leistete die Kombination aus der Tatsache, dass die ersten Infektionen der Welle von 2022 bei schwulen und bisexuellen Männern festgestellt worden waren, der Endemie-Status in der Tierwelt der afrikanischen Staaten und die irreführende, alte Benennung problematischen Vorstellungen und Berichterstattungen Vorschub.

Auch in Deutschland war es darum zu Kontroversen darüber gekommen, wie am besten über das Virus geredet wird, welche Gruppen in der öffentlichen Kommunikation besonders angesprochen werden sollen und wie eine angemessene Berichterstattung aussieht (queer.de berichtete).

Offener Brief von Forscher*innen

In einem offenen Brief hatten am 10. Juni, der Ankündigung der WHO vorausgehend, auch 30 Forscher*innen wegen solcher Probleme eine nicht-diskriminierende und nicht-stigmatisierende Nomenklatur für das Virus und die Erkrankung gefordert. Und deren Einschätzung wird offenbar von Verantwortlichen bei der WHO geteilt.

In dem Brief hatten die Wissenschaftler*innen auch darauf hingewiesen, dass der kürzlichen Entdeckung der Infektionswelle vermutlich schon ein längeres Übertragungsgeschehen auch außerhalb derjenigen Gegenden vorangegangen sein muss, in denen die Affenpocken in der Tierwelt als endemisch gelten. Eine Rückverfolgung zu einer menschlichen Erkrankung in jenem Gebiet sei bisher auch nicht bekannt.

Trotzdem waren in der westlichen Berichterstattung häufig Fotografien der entzündeten Pocken an Schwarzen Menschen verwendet worden. Das hatte zu einer Assoziation zwischen der Erkrankung, Schwarzen und Afrikaner*innen geführt.

Hinzu kam dann noch diejenige zwischen Schwulen, schwulem Sex und einer Übertragung von Affen auf Menschen – Vorstellungen, die nach wissenschaftlichem Stand teils gar nichts mit dem gegenwärtigen Infektionsgeschehen zu tun haben. WHO-Experte Andy Seale hatte entsprechend schon im Mai klargestellt: "Das ist keine Krankheit von Schwulen".

Das Virus wird unter anderem durch engen Körperkontakt weitergegeben, wozu eben auch Sex gehört – unabhängig davon, wer miteinander schläft. Schon die Nutzung des selben Handtuchs kann aber auch zu Ansteckungen führen.

Unklarheit über Einsatz der Impfstoffe

Gesundheitsexpert*innen halten Impfstoffe, die seit Langem für die Bekämpfung der mit dem Virus verwandten Pockenviren des Menschen zugelassen sind, für ein geeignetes Mittel zur Eindämmung des aktuellen Ausbruchs. Die Ständige Impfkommission hatte bei ihrer Empfehlung, die Vakzinen in Deutschland zu verwenden, von "Risikogruppen" gesprochen, die für erste Impfungen gezielt angesprochen werden müssten, und dazu aufgrund des bisherigen Infektionsgeschehens Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), benannt (queer.de berichtete). Die in Deutschland im Gesundheitswesen standardmäßig genutzte MSM-Formulierung meint nicht zwangsläufig eine sexuelle Übertragung, sondern umschreibt auch eine spezifische Community. Die Stiko-Empfehlung schränkt die Impfempfehlung ein auf MSM "mit wechselnden Partnern".

Wie vom Gesundheitsminister angekündigt, können seit Mittwoch die ersten 40.000 Dosen in Deutschland gegen das Virus eingesetzt werden. Der Impfstoff mit dem Namen Imvanex soll jedoch, anders, als von der Ständigen Impfkommission empfohlen, möglicherweise nicht präventiv unter bestimmten Gruppen verabreicht werden.

Dazu sehen etwa die Gesundheitsämter in Berlin, wo der Großteil der in Deutschland registrierten Infektionen aufgetreten ist, keinen Anlass. Stattdessen möchte man das Mittel Personen bereit stellen, die beispielsweise engen Kontakt mit Menschen hatten, bei denen die Erkrankung dann diagnostiziert worden ist. Denn anders als beim Coronavirus, wo sich der Impfstoff wegen der kurzen Inkubationszeit zwischen Infektion und Krankheitsausbruch nur präventiv einsetzen lässt, kann man Imvanex auch noch nach einem Risikokontakt oder einer kürzlich erfolgten Infektion verabreichen und so die Erkrankung aufhalten.

Die Schwulenberatung Berlin kritisierte diese Prioritätensetzung (und eine misslungene Kommunikation dazu). Sie forderte, der Stiko-Impfempfehlung zu folgen. Mit dem Checkpoint BLN bereite man sich auf eine Impfkampagne zu der Community vor und habe bereits viele Anfragen von Ratsuchenden, die informierte Entscheidungen "für sich, ihr Umfeld und ihre Sexualpartner:innen treffen" wollten. (jk)