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Sachbuch

Eine Zeitreise in Magnus Hirschfelds legendäres Institut

In dem fesselnden neuen Buch "Der Liebe und dem Leid" erzählt Rainer Herrn die Geschichte des Berliner Instituts für Sexualwissenschaft und folgt dabei den Schicksalen seiner Besucher*innen.


Ein Kostümfest im Institut für Sexualwissenschaft (Bild: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft)

Als der Mediziner Magnus Hirschfeld (1868-1935) im Jahr 1919 in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft gründet, ist diese Disziplin der Medizin noch sehr jung und kaum etabliert. Auf progressiver Forschung der letzten Jahre des 19. Jahrhunderts fußend, entsteht hier schnell ein Sammelpunkt für revolutionäre neue Ideen und eine bis dato und auch in den Folgejahren einzigartige Anlauf- und Beratungsstelle. So wurden Besucher*innen und Patient*innen etwa über Empfängnisverhütung und Geschlechtskrankheiten aufgeklärt. Und das ganz modern auch mit Filmen. Hirschfeld wirkte selbst am Aufklärungsfilm "Anders als die anderen" mit, der heute als der erste schwule Film überhaupt gilt.

Wie so häufig in der Geschichte werden Neuerungen jedoch nicht einfach so hingenommen, sondern treffen auf Widerstand und -rede. Über die Dauer des Bestehens des Instituts hinweg mussten Hirschfeld und seine Mitarbeiter*innen immer wieder gegen die konservative Gesellschaft, Politik und selbst Wissenschaft der Zwischenkriegsjahre ankämpfen. 1933 wurde es von den Nazis zerstört.

Ein Ziel war die Abschaffung des Paragrafen 175


Der fast 700 Seiten starke Band "Der Liebe und dem Leid" ist am 19. Juni 2022 im Suhrkamp Verlag erschienen

Eng verbunden mit der Geschichte des Instituts ist die gesellschaftliche Debatte über die Stigmatisierung und Kriminalisierung von Homosexualität. Wie Rainer Herrn in seinem neuen Buch "Der Liebe und dem Leid" (Amazon-Affiliate-Link ) über Hirschfelds Einrichtung herausstellt, war eines der Hauptanliegen bei der Gründung ein politisches: "das Sexualstrafrecht zu ändern, nämlich die Streichung des § 175 RStGB herbeizuführen". Der sogenannte Homosexuellenparagraf stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe und ist bis zum heutigen Tag Teil der öffentlichen Diskussion und Vergangenheitsausarbeitung – von der Kunst bis zur Politik.

Herrn gelingt es in seinem bei Suhrkamp erschienenen Buch auf packende Weise, die theorie-, ideen-, medizin- wie rechtgeschichtlichen Entwicklungen und Verstrickungen des Instituts darzustellen. Ohne dabei an irgendeiner Stelle sich der Reißerischkeit hinzugeben, die dem Material ohne Frage auch abzuringen wäre. Einige der Fragen, die Hirschfeld und Kollegen beschäftigten – etwa die Anerkennung, dass Homosexualität nicht nur kein Verbrechen, sondern auch keine Krankheit ist – erscheinen heute, und gerade in Westeuropa, geklärt. Doch Herrns Ausführungen erinnern daran, wie lang der Weg zu diesem Ist-Zustand war.

Debatten, die sich noch nicht historisch-fremd anfühlen

Aus heutiger Sicht ist etwa die Strafbarkeit von Homosexualität schon aufgrund von humanistischer Tradition und bloßer Menschlichkeit (zumindest in Deutschland) keine Streitfrage mehr. Doch "Der Liebe und dem Leid" sollte daran erinnern, dass wir eigentlich schon weiter sein könnten. Die aufgezeigten Debatten um Homo- und Intersexualität, die am Institut geführt wurden, fühlen sich noch nicht historisch-fremd an – und das obwohl sie über ein Jahrhundert zurückliegen.


Institutsgründer Magnus Hirschfeld

Der Autor Rainer Herrn forscht heute zur Geschichte der Sexualwissenschaft und arbeitet dabei nicht nur inhaltlich in den Spuren des Institutsgründers: Herrn ist von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin beschäftigt. Hirschfeld wird heute glücklicherweise als Vordenker anerkannt und gewürdigt. Auch die vor über zehn Jahren gegründete Bundesstiftung ist nach ihm benannt.

Sitten- und Gefühlsgemälde der Weimarer Republik

Doch die theoretische und politische Dimension einmal kurz beiseite. Was "Der Liebe und dem Leid" über den Inhalt hinaus lesenswert macht, sind zwei Dinge. Zum einen muss Herrns angenehm lesbare Sprache gelobt werden, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den Lesenden auf Augenhöhe zu begegnen und nicht akademisch verworren schnell die Aufmerksamkeit überspannt. Das ist ja leider keine Selbstverständlichkeit bei Autor*innen, die aus der Wissenschaft kommen.

Zum anderen schafft das Buch es, ganz nebenbei ein Sitten- und Gefühlsgemälde der Weimarer Republik zu zeichnen. Immer wieder in die Leben und Sorgen der Menschen einzutauchen, die im Umfeld des Instituts für Sexualwissenschaft mit ihren alltäglichen und nur allzu menschlichen Sorgen auftreten, erfreut sehr. Ein schöner, kleiner Aspekt queerer Geschichte ist etwa der geradezu nebensächliche Bericht am Anfang des Buches über den "schwulen Weg", eine Art früher Cruising Area. Details wie diese bereiten beim Lesen immer wieder kleine Freuden.

"Der Liebe und dem Leid" kann nur gelobt werden. Rainer Herrn hat mit diesem Buch ein wirklich ausführliches Dokument vorgelegt. Es ist eine wichtige historische Studie über eine wichtige Institution der Wissenschafts- und Sexualgeschichte. Das ganze dargebracht in einer angenehm den Lesenden zugewandten Sprache und Form.

Am Montag, den 20. Juni 2022 findet um 20.30 Uhr eine Buchpremiere im Berliner Buchladen Eisenherz (Motzstr. 23, Schöneberg) statt. Es gibt Grußworte von Tessa Ganserer (MdB), Daniel Baranowski (Bundesstiftung Magnus Hirschfeld) und Thomas Sparr (Suhrkamp Verlag).

Infos zum Buch

Rainer Herrn: Der Liebe und dem Leid. Das Institut für Sexualwissenschaft 1919-1933. 681 Seiten. Suhrkamp. Berlin 2022. Gebundenes Buch: 36 € (ISBN 978-3-518-43054-5). E-Book: 30,99 €

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