Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?42358

Bochum

Vier Stolpersteine für schwule NS-Opfer vor einem Wohnhaus

Das hat es im gesamten Stolpersteinprojekt bislang noch nicht gegeben: Vor einem Bochumer Wohnhaus erinnern jetzt gleich vier Messingplatten an schwule Männer, die von den Nazis verfolgt wurden.


Die vier Stolpersteine vor dem Haus Kronenstraße 41 in Bochum (Bild: Jürgen Wenke)
  • 18. Juni 2022, 10:03h 8 3 Min.

Wir kennen die kleinen Messingplatten im Gehweg. Wo mehr als eine von ihnen liegt, dort handelt es sich oftmals um die Würdigung mehrerer Angehörige jüdischer Familien. Für jede Person ein Stolperstein.

Dagegen sind Stolpersteine für Homosexuelle selten und liegen in der Regel vereinzelt, denn kaum jemand von ihnen wagte wegen des Verfolgungsdrucks in der NS-Zeit, mit einem anderen Mann im selben Haus oder sogar derselben Wohnung zu leben. Vereinzelung und Isolierung waren Auswirkungen der staatlichen Repression. In vielen Städten liegen bisher überhaupt keine oder nur wenige Stolpersteine für schwule Männer.

Unter den mehr als 80.000 Steinen ist nun durch Hinzufügung zweier neuer Stolpersteine erstmals gelungen, vier Steine vor einem Wohnhaus zu verlegen für vier Männer, die von den Nationalsozialisten als Homosexuelle verfolgt bzw. nach Paragraf 175 wegen gleichgeschlechtlicher sexueller Kontakte verurteilt wurden.

Vierer-Gedenken in der Nähe des Cafés Mascha


Nur von Fritz Goltermann ist ein Bild überliefert. Es zeigt ihn 24jährig als Wehrdienstpflichtiger in Marine-Kleidung.

Am 14. Juni 2022 wurden in der Bochumer Kronenstraße in Höhe der Hausnummer 41 in Höhe des Cafés Mascha zwei neue Stolpersteine für Fritz Goltermann und Willi Schlüter hinzugefügt zu den zwei bereits dort verlegten Steinen aus dem Jahr 2021 für Gerhard Krebs und Theodor Brockmann.

Während Fritz Goltermann und Willi Schlüter die NS-Verfolgung überlebten, starb Gerhard Krebs im Gefängnis während der Haftverbüßung, die Akten sprechen von Selbstmord. Das weitere Schicksal nach der Gefängnishaft von Theodor Brockmann ist bisher unbekannt.

Die Patenschaften für die beiden neuen Steine haben die Bochum-Gelsenkirchener-Straßenbahnen AG für Willi Schlüter und der Bundestags­abgeordnete Max Lucks (Grüne) für Fritz Goltermann übernommen. Die Initiative ging vom Bochumer Aktivisten Jürgen Wenke aus.

Haftstrafen wegen gemeinsamer Onanie


Pressebericht über die Verurteilung

Am 1. Februar 1937 wurden nach Wenkes Recherchen der 27-jährige Reichsbahnmitarbeiter und Musiker Fritz Goltermann (27) und der 19-jährige Büroangestellte Willi Schlüter wegen gemeinsamer Onanie vom Bochumer Landgericht nach Paragraf 175 zu 15 Monaten bzw. 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Eine örtliche Zeitung schrieb am Tag nach der Verurteilung: "Es handelt sich um ein auf Irrwege geleitetes Triebleben, dessen Auswüchse der neue Staat aus Gründen des Volkswohls mit Stumpf und Stiel ausrotten will und muß."

Zur "Ausrottung" von Goltermann und Schlüter kam es nicht – der Ältere wurde zwar nach der vollen Haftverbüßung weiter von der Gestapo überwacht, überlebte aber den Krieg und die NS-Verfolgung in Österreich in Zell am Ziller. Die mehr als zehnjährige Odyssee nach der Haftentlassung kam erst 1948 in Pfullingen bei Reutlingen in Baden-Württemberg zu einem Ende, Goltermann wurde hier bis zu seinem Tod ansässig. Er starb 1985. Der Jüngere, Willi Schlüter, verpflichtete sich zum "Reichsarbeitsdienst" und zwölf Jahren bei der Wehrmacht, überlebte als Soldat sechs Jahre Kriegshandlungen.

Wie Goltermann heiratete auch Schlüter in der Nachkriegszeit. Er starb im hohen Alter von 91 Jahren im Jahr 2008 in Münster. Nach Bochum kehrten beide Männer nicht zurück. Große Teile der Innenstadt und die Wohnung in der Kronenstraße, in der beide kurzzeitig 1936 gemeinsam gewohnt hatten, wurden 1944 durch Bomben völlig zerstört.

Die Lebens- und Verfolgungswege von Goltermann und Schlüter sind ausführlich beschrieben auf Jürgen Wenkes Website stolpersteine-homo­sexuelle.de. Dort gibt es auch einen ausführlichen Bericht als PDF zum Download. (cw/pm)

-w-

#1 wichtigAnonym
  • 18.06.2022, 13:46h
  • Die Stolpersteine sind eine gute Sache. Erinnerung, Ermahmung, vielleicht eine der wichtigste Bestandteile, des niemals-vergessen. Man kann sie suchen, oder auch einfach finden. Sie verbinden das Grauen des 3. Teiches mit unserem heutigen Alttag.
    Weiter so!
  • Direktlink »
#2 LorenEhemaliges Profil
  • 18.06.2022, 18:26h
  • Die Stolpersteine finde ich klasse. Die Gründe dafür sind entsetzlich, sollen unvergessen bleiben und werden von mir niemals verziehen. Hier in Greifswald findet man einen vor dem Theater.
  • Direktlink »
#3 Jürgen WenkeAnonym
  • 19.06.2022, 08:48h
  • Antwort auf #2 von Loren
  • Danke, dass Du den Stolperstein für Kurt Brüssow vor dem Theater in Greifswald erwähnst. Das war die aufwändigste Recherche, die ich jemals für einen von den Nazis verfolgten Homosexuellen gemacht habe und der für mich bisher berührendste Lebensweg. Kurt Brüssow wurde nach Auschwitz deportiert und überlebte dank des massiven Einsatzes seines Vaters. Aber: Er wurde vor der Entlassung in Auschwitz kastriert. Die Ergebnisse finden sich unter

    www.stolpersteine-homosexuelle.de/kurt-bruessow
  • Direktlink »