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Kinotipp

Schwuler Künstler gegen polnisches Dorf

Der tiefgläubige Daniel will den Suizid einer queeren Freundin kreativ verarbeiten – und stößt in seinem polnischen Dorf auf Widerstand. Das wichtige queere Drama "Alle unsere Ängste" eröffnet am Mittwoch das polnische Filmfestival Berlin.


Dawid Ogrodnik spielt den schwulen Künstler Daniel Rycharski

Polnische Provinz, erzkatholische Überzeugung, offen gelebte Homosexualität: Ein Dreiklang, der auf den ersten und sicher auch zweiten Blick widersprüchlich scheint. Der Künstler Daniel Rycharski, Mitte 30, lebt ihn dennoch. In seinem kleinen Dorf setzt er sich für Bäuer*innen ein und besucht jede Messe.

Doch der Selbstmord der erst 17-jährigen queeren Freundin Jagoda verändert alles. Er fühlt sich schuldig, ihr Leiden nicht früher erkannt zu haben. Ihre Familie macht ihn verantwortlich, mit seiner Regenbogen-Ideologie habe er ihren Tod zu verantworten. Die Dorfgemeinschaft meidet ihn zunehmend, lehnt Daniel mal subtil, mal ganz offen ab.

Daniel verbindet das alte und das neue Polen

Als der Pfarrer der Toten wegen ihres Suizids den Kreuzweg verweigert, muss Daniel handeln. Er will die Andacht selbst organisieren, lädt Freund*innen und Verwandte ein. Jagoda habe gelitten wie Jesus, das Kreuz werde sie und alle im Dorf retten, ist er überzeugt. Das Umfeld aber ist wenig begeistert von der Idee, lehnt die Aktion ab. Doch der Künstler ist entschlossen, er lässt sich nicht von seiner Trauer abhalten – allen Warnungen zum Trotz.

"Alle unsere Ängste" der Regisseure Łukasz Gutt und Łukasz Ronduda ist keine fiktive Geschichte. Das Drama basiert auf dem echten Leben des Künstlers. Sein Werk "Strachy", auf Deutsch "Vogelscheuchen" und "Befürchtungen" zugleich, steht wirklich auf einem Feld bei seiner Heimat Kurówko. An bunten Holzkreuzen sind Kleidungsstücke befestigt, die queeren Menschen gehörten.

So versucht der Künstler mit seinem Werk genau wie als Person selbst Brücken zu schlagen in einem gespaltenen Land. Das offene, europäische Polen auf der einen Seite, das die Vergangenheit überwunden hat, und der Teil, der mit diesen Entwicklungen nicht mitkommt, nostalgisch auf die Zeiten der Volksrepublik blickt und auf die Antworten der Kirche baut.

Seine Motivation: Aktivismus und Glaube zugleich

Vor allem dieses Polen ist in "Alle unsere Ängste" deutlich zu spüren. Den gesamten Film umgibt eine sakrale Stimmung, Orgelklänge durchziehen das Drama. Daniel ist ein tiefgläubiger Mensch, doch hadert er auch mit der Institution Kirche. Was ihm der Glaube bedeutet, welche Kraft er daraus zieht, hätte der Film jedoch deutlicher zeigen müssen. Denn seine Motivation gründet sich aus queerem Aktivismus und dem Glauben zugleich.

Direktlink | Polnischer Originaltrailer zum Film
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Daniel, obwohl von Dawid Ogrodnik in seinen vielen Facetten eindrücklich gespielt, bleibt eine schwierige Figur. In seinem Handeln oft nicht nachvollziehbar und wenig sympathisch, in seiner Konsequenz und Entschlossenheit aber bewundernswert und in seiner stillen Kreativität doch überraschend. Seine Oma, mit der er zusammenlebt, ist vielleicht der heimliche Star des Films, weil sie so entschlossen und schön grantig ist. Die anderen Figuren bleiben zu blass und austauschbar, um den Dorfkosmos wirklich erlebbar werden zu lassen.

Dennoch: "Alle unsere Ängste" ist ein wichtiger Film in einer Zeit, in der das Land weiter auseinanderzudriften droht und zivilgesellschaftliches Engagement unter Druck steht. Dass das Drama den Goldenen Löwen beim polnischen Filmfestival Gdynia gewann, ist daher ein besonderes Zeichen.

Am 22. Juni 2022 eröffnet "Alle unsere Ängste" die 17. Ausgabe des polnischen Filmfestivals filmPOLSKA, das vom 22. bis 29. Juni in verschiedenen Berliner und Potsdamer Programmkinos stattfindet.