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documenta 15
Eine Regenbogen-Kaaba für den Kasseler Friedrichsplatz
Der Künstler Oliver Bienkowski wirft der documenta neben Antisemitismus auch Homophobie vor. Jetzt will er in einer spektakulären Aktion einen Safe Space für queere Muslim*innen errichten.

So soll die Kasseler Regenbogen-Kaaba aussehen
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24. Juni 2022, 23:01h 4 Min.
Die documenta 15 in Kassel – eines der bedeutendsten Kunstevents der Welt – war noch gar nicht eröffnet, da gab es bereits die erste Attacke.
Der Licht- und Guerillakünstler Oliver Bienkowski ließ das Hauptgebäude auf dem Friedrichsplatz mit Motiven und Slogans bestrahlen, in denen er dem Kuratorium – bestehend aus der indonesischen Künstlergruppe Ruangrupa – sowie der Geschäftsführung der documenta schwere Vorwürfe machte. "Ruangrupa sind homophob und antisemitisch", lautete eine Parole. Eine andere: "Achtung! Juden nicht erwünscht."
Unmittelbar nach der Aktion schrillten in Kassel die Empörungsglocken auf höchster Stufe. Eine Sprecherin der documenta ließ auf Anfrage der Tageszeitung "Hessische Niedersächsische Allgemeine" verlautbaren: ,Die Projektionen und darin gezogenen Vergleiche und diffamierenden Äußerungen sind absolut geschmacklos und inakzeptabel." Es würden sogar rechtliche Schritte geprüft.
Letzteres ist nun wohl vom Tisch. Spätestens seit Mittwoch dürfte es sich bis in die letzten Hinterstübchen der Kunstwelt herumgesprochen haben, dass in Kassel auf einem riesigen Wimmelbild der Künstlergruppe "Taring Padi" offen antisemitische Darstellungen enthüllt wurden. Zu sehen war ein Mann mit Schläfenlocken und haifischartigen Reißzähnen, die Augen rot unterlaufen. Auf seinem Hut prangen SS-Runen. Ein Uniformierter mit Schweineschnauze wiederum trägt um den Hals den Davidstern und auf seinem Helm die Bezeichnung des israelischen Geheimdienstes Mossad. Es handelt sich hierbei um nichts weniger als um einen Skandal, der die ganze documenta diskreditiert. Da hilft auch nicht mehr, dass das Gemälde inzwischen entfernt wurde und die Mitglieder des Kuratoriums sich notgedrungen entschuldigten. Glaubwürdig ist das nicht. Zudem bleibt ein übler Beigeschmack.
Kaum queere Themen auf der documenta 15
Antisemitismus ist einer der beiden Anklagepunkte von Oliver Bienkowski, der bei der Guerillaaktion im Namen des von ihm gegründeten internationalen Menschenrechtsnetzwerks Pixelhelper operiert. Der andere Vorwurf lautet, das Kuratorium habe ein Homophobie-Problem. Es gebe keine queeren Projekte auf der documenta 15, so Bienkowski in einem Statement auf Twitter, wo Pixelhelper über 38.000 Follower*innen verzeichnet.
/ PixelHELPEREs gibt keine #LGBT Projekte zur #documenta15 Damit wir die Kaaba noch vor dem Ende der #Documenta aufblasen können in #Kassel unterstützt unser Crowdfunding. Wir starten nächste Woche mit dem nähen der Kaaba im Livestream. https://t.co/k5Emtj5pB3
PixelHELPER (@PixelHELPER) June 19, 2022
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Tatsächlich erscheint die Behauptung auf den ersten Blick nicht ganz korrekt – und hat auf den zweiten dann doch ihre Berechtigung. Dies gilt vor allem im Vergleich mit der Biennale von Venedig, auf der in diesem Jahr erneut die Queerness in der Kunst offensiv gefeiert wird – und zwar von individuellen Künstler*innen, während in Kassel diesmal Kollektive den Ton angeben. Auf der documenta, so scheint es, nimmt man queere Themen bestenfalls in Kauf.
Während man jüdische oder israelische Kunstprojekte vergeblich sucht, finden sich in Kassel gerade mal drei, die queere Aspekte enthalten oder diese zumindest nicht aus ihrer Arbeit ausklammern. Das eine wird vom Kollektiv Fehras Publishing Practices vertreten – drei in Berlin beheimatete Syrer, die in einem fiktiven Fotoroman die Geschichte von drei Frauen im Kalten Krieg erzählen und dabei die Binarität des Geschlechtersystems aufs Korn nehmen wollen.
Der trans Künstler Nino Bulling stellt eine umfassende Comic-Anthologie queerer Kunstschaffender vor, wobei sich sein eigener Beitrag nicht nur um Identität, sondern auch um die Klimakrise dreht. Und die auf Siebdrucke spezialisierte Gruppe Serigrafistas queer richtet einen Versammlungsort ein, um ein Archiv über queere und feministische Proteste in Argentinien zu zeigen.
Die drei Projekte klingen ambitioniert, allerdings werden sie nicht im Zentrum des Geschehens zu sehen sein. Sie wurden allesamt in den Osten von Kassel abgeschoben, zwei davon in ein altes Industriegebäude in der Hafenstraße 76. Die documenta selbst weist den Ort auf der Homepage mit dem Hinweis auf "geringe Auslastung" aus – was immer das auch bedeuten mag. Es klingt jedenfalls so, als würde dort kaum Publikumsverkehr erwartet. In der Beschreibung der Projekte werden die queeren Aspekte auf eine Megaebene transzendiert und lösen sich dabei im Nebulösen und Unpolitischen auf. Zudem wurde offenbar peinlichst darauf geachtet, das documenta-Publikum nicht mit handfesten Körperthemen, dem Anblick queerer Sexualität oder gar mit ideologisch-religiösen Konflikten zu konfrontieren. Alles in allem eine große Enttäuschung.
Die Stadt Kassel ließ Bienkowski abblitzen
Oliver Bienkowski will nun mit einer spektakulären Kunstaktion intervenieren. Er ist in der Kunstszene Kassels übrigens kein Unbekannter: Bei der letzten documenta 2017 installierte er sein Lichtkunstwerk "Regenbogenbrücke", das vom Düsseldorfer Medienhafen übernommen wurde. In Kassel soll jetzt eine Regenbogen-Kaaba errichtet werden, ein symbolischer Safe Space und Wallfahrtsort für queere Muslim*innen, die in ihren Heimatländern verfolgt und religiös ausgegrenzt werden.

Auch in Mekka würde Bienkowski am liebsten eine Regenbogen-Kaaba erreichten
Der Entwurf wirkt ästhetisch und beeindruckend. Das temporäre Bauwerk würde der documenta den nötigen Tritt in den Hintern verpassen; es würde die peinlich erzwungene Harmonie des "gemeinsamen Abhängens" entlarven, wie das Motto des kuratierenden Kollektivs lautet. Aber würde Deutschland den Konflikt aushalten, der sich daran entzündete?
Die Stadt Kassel hat Bienkowski mit seiner Idee vorerst abblitzen lassen. Dennoch hofft er, mit seiner Aktivistengruppe Pixelhelper das Geld auf anderen Wegen zusammen zu bekommen, um sie zu realisieren. Noch gibt es Hoffnung für die documenta 15.
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Antisemitismus und LGBTI-Hass gehen oft Hand in Hand. Und selbst wenn nicht, ist jedes der beiden für sich schon Grund genug.